Yeti-Fahrer grüßen sich nicht – sie halten an und geben sich die Hand. So zumindest behauptet es mein Kumpel Paul. Der einzige Yeti-Fahrer, den ich kenne. Überprüfen kann ich das nicht, denn ich besitze kein Yeti. Zwar durfte ich für diesen Test eines für begrenzte Zeit fahren, doch einen anderen Yeti-Jünger traf ich dabei nicht an. Die Geschichte bleibt also unaufgelöst.
Die Kultmarke aus Colorado hat vieles richtig gemacht. Seit 1985 stehen die Mountainbikes für eigenständige Rahmenkonstruktionen und echte Innovationen – und auch marketingtechnisch ging der Plan auf. „For Racing Only" war lange der Slogan. Yeti investierte in Racing-Teams, verpasste ihren Bikes einen zeitlosen Anstrich in Türkisgrün und sorgte so für einen hohen Wiedererkennungswert – während die Mitbewerber sich jährlich den Kopf zerbrachen, welche Farbkombi im nächsten Jahr wohl angesagt sein würde. Viele lagen daneben.
Als Belohnung darf Yeti Preise um die 10.000-Euro-Marke aufrufen – die Fangemeinde zahlt dennoch. Sogar gerne, meint Kumpel Paul: „Mit einem Yeti kauft man die Exklusivität und Passion gleich mit." Ich denke mir: „Das würde ich mir auch so hinreden, hätte ich so viel Geld für ein Bike ausgegeben".
Nach dem Launch des Enduros Yeti LT folgt nun das Yeti MT. Die Kürzel stehen für Long Travel und Mid Travel, die Rahmenplattform teilen sich beide Bikes. Neben kürzeren Federwegen wird das MT ausschließlich als All-29er ausgeliefert – eine Geometrieverstellung gibt es damit nicht. Dritter Unterschied zum großen Bruder: Verstellbare Ausfallenden zur Variation der Kettenstrebenlänge fehlen beim MT ebenfalls. Das MT ersetzt das SB135 und das SB145 und bereinigt so das Produktportfolio der Amerikaner. Die Federwegs-Kombi ist dabei etwas ungewöhnlich, wenn auch nicht für Yeti-Kunden: 160 Millimeter vorne, 140 Millimeter im Heck hatte auch der Vorgänger. Vorne Enduro, hinten Trailbike?
Mit 1,78 Metern liegt man zwischen den Rahmengrößen M und L – wir wählten M und kamen damit sehr gut zurecht. Letztlich ist das jedoch Geschmackssache. Die Unterschiede bei der Geometrie bleiben überschaubar. Der Reach bleibt pro Größe gleich. Die Rahmengröße XXL entfällt jedoch beim neuen MT. Der Lenkwinkel ist nun 0,5° flacher, die Kettenstreben minimal länger – wachsen pro Größe aber mehr mit. Während die Yeti-Mannen an den Mediumrahmen einen eher kurzen 440 Millimeter-Hinterbau geschraubt haben, wurde der XL-Rahmen mit einem 452 Millimeter-Hinterbau ausgestattet. Warum? So sollen große Fahrer ausbalancierter im Bike positioniert werden.
Laut eigenen Angaben tüftelte das Team um Chefentwickler Stretch ganze zehn Jahre an dem Sechsgelenker-Hinterbau, der bereits in E-Bikes zum Einsatz kommt. Die Idee: Die sechs Gelenke sollen auftretende Kräfte optimal verteilen, für mehr Kontrolle sorgen und Anti-Rise sowie Anti-Squat positiv beeinflussen. Der Dämpfer arbeitet nun nicht mehr horizontal, sondern vertikal im Rahmen. An der unteren Dämpferaufnahme gibt es zudem einen Chip, mit dem sich die Progression variieren lässt.
Das MT pedaliert sich angenehm. Der Fahrer sitzt zentral im Rad, und dank des steilen Sitzrohrs bekommt man auch auf steilen Anstiegen genügend Druck aufs Vorderrad. Der Dämpfer arbeitet erfreulich antriebsneutral – die Plattformfunktion wird erst beim Wiegetritt interessant. Mit 14,8 Kilo in der 9.900 Euro teuren XO-Variante hemmen vor allem das Gewicht und die dicken Schwalbe-Reifen den Vortrieb. Unser Tipp: Wer dem Bike mehr Einsatzbereich verschaffen will, fängt bei den Reifen an.
Das MT beschleunigt auf welligen Trails angenehm flott und lässt sich leicht auf Tempo pushen. Die Geometrie mit dem immer noch relativ steilen Lenkwinkel fühlt sich ausgesprochen trailbikig an – und das ist als Kompliment gemeint. Direkt, flink, auf den Punkt.
Führt der Trail steil nach unten, bewahrt das MT die Nerven – und der neue Hinterbau spielt seinen Trumpf aus. Sensibles Ansprechverhalten, massig Kontrolle und Traktion, selbst wenn der Trail anfängt, richtig auszuteilen. Irgendwann spürt man den limitierten Federweg, doch der Sixfinity-Hinterbau bleibt gelassen. Der Spagat zwischen Gegendruck und Durchrauschen gelingt vorbildlich. Wir fuhren die mittlere Progressionsstellung – und hatten keinen Grund, daran etwas zu ändern. Die Fox 36 Factory macht ihren Job an der Front solide – doch der eigentliche Star ist der Hinterbau. So rückt die Federwegs-Differenz gefühlt zusammen und harmoniert.
Bunnyhops, Wurzelteppiche, Senken – das MT ist mit dabei, die Geometrie unterstützt mit viel Spieltrieb. Manual-Einlagen funktionieren auch easy. Schade nur, dass ein Mullet-Aufbau wie beim großen Bruder LT beim MT nicht möglich ist.
Kurzum: Sechs Richtige? Das neue Yeti MT ist gelungen und der Hinterbau ist eine Wucht. Alle, die den Vorgänger besitzen sei jedoch gesagt: Auch das SB140 ist noch absolut up-to-date und funktioniert mit dem Switchfinity-Hinterbau ebenfalls hervorragend. Alles super also? Nee, der Preis macht das Bike unattraktiv. Und klar ist auch: Es gibt ähnlich gute AllMountains für deutlich weniger Geld.
Das Yeti MT ist ein Vorzeige Trailduro. Es kann verspielt, schnell und ist dabei noch ausreichend Vortriebsstark. Der Star ist der neue Sixfinity-Hinterbau – der ist sensibel und potent zugleich. Kurzum: Alles super, nur das Gewicht ist nur okay und der Preis ist doof. Schade: Das Yeti MT ist nicht als Mullet-Variante erhältlich.
Laurin Lehner, BIKE Testredakteur
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