“Nur vermeintlich simpel”Canyon Spectral:On Entwickler im Interview

Adrian Kaether

 · 20.06.2026

Die neue Alu-Batterie im Canyon Spectral:On soll Maßstäbe in Sachen Sicherheit setzen.
Foto: Max Fuchs
Das Canyon Spectral:On heimste mehrere Testsiege ein - und riss dann wegen defekter Akkus ein Millionen-Loch in die Finanz-Planung von Canyon. Nach über zwei Jahren ist das Bike zurück am Markt mit einem besonders attraktiven Preis. Mit einem Entwickler blicken wir auf die Hintergründe des Comebacks.

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Ausgerechnet der Erfolg eines der wichtigsten E-MTBs überhaupt wurde zur Stolperfalle für Canyon. Das Spectral:On war seit seiner Neuvorstellung 2022 ein echter Knaller mit Super-Reichweite dank 900 Wattstunden im Akku. Entsprechend gut hat sich das Rad verkauft. Doch Risse im Gehäuse der Batterie veranlassten Canyon, das komplette Modell wegen Sicherheitsbedenken still zu legen. Canyon hat mehrere Entschädigungen an die Betroffenen gezahlt und konnte das Modell dieses Jahr mit neuem Akku zurück an den Start bringen. Wir konnten mit Lennart Gänz von Canyon sprechen, der für die Entwicklung der neuen Batterien zuständig war.

Canyon Entwickler Lennart Gänz im Interview

BIKE: Bis zum Rückruf 2024 war das Canyon Spectral:On eines der begehrtesten Bikes am Markt. Was genau war passiert?

Lennart Gänz / Canyon: Wir mussten feststellen, dass im Gehäuse vereinzelter Batterien Risse aufgetreten sind. Es ist zwar unwahrscheinlich, aber mit viel Pech könnte in der Folge ein Kurzschluss auftreten. Das Risiko mussten wir ernst nehmen und haben uns entschieden, alle Batterien still zu legen. Schlussendlich hat sich herausgestellt, dass ein bestimmter Prozess innerhalb der Produktion zu Spannungsrissen im Gehäuse führen konnte.

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BIKE: Als die Defekte entdeckt wurden, war das Spectral:On schon ein paar Jahre alt. Warum habt ihr euch trotzdem für eine Neuentwicklung der Batterie entschieden?

Lennart Gänz / Canyon: Das Projekt hatte bei Canyon die allerhöchste Priorität, weil auch sehr viele Bestandskunden betroffen waren. Wir sind selber Biker und wir wissen, wie frustrierend das ist, nicht fahren zu können. Also brauchten wir schnellstmöglich eine Lösung.

“Nur vermeintlich simpel” - Die Batterie-Entwicklung

Von außen wirkt eine Batterie erstmal simpel. Die letzten Käufer haben aber erst Ende 2025 ihre Austausch-Akkus erhalten. Warum nicht schon früher?

Leider ist eine Batterie nur vermeintlich simpel. Allein die Zertifizierung eines neuen Akkus dauert drei bis vier Monate. Es war uns jedoch wichtig diese Zeit so effektiv wie möglich zu nutzen, um die Ursache des Problems genau zu identifizieren und abzustellen. Der Hintergrund: Durch die dynamischen Belastungen beim Mountainbiken, sind Batterien vielen überlagerten Lasten ausgesetzt.

Und damit vier Kilo und mehr im Unterrohr ordentlich sitzen und nicht ungünstig mit dem Rahmen wechselwirken, braucht es viel Detailarbeit. Deswegen ist die Entwicklung eines E-MTB Akkus deutlich aufwändiger, als es nach außen hin den Anschein hat.

Was hat Canyon getan, um im letzten Jahr die Zufriedenheit der betroffenen Spectral- und Torque:On Kunden sicherzustellen?

Schon direkt Ende 2024 haben wir uns entschieden, die betroffenen Kunden freiwillig mit einer Einmalzahlung zu entschädigen. Außerdem haben wir im Anschluss individuell jedem Kunden für jeden Tag, an dem das Bike nicht genutzt werden konnte einen festen Betrag gezahlt. Jeweils bemessen am Kaufpreis des Bikes.

900 oder 800 Wattstunden: Warum zwei Versionen?

Neben den Austausch-Akkus für die Bestandskunden mit Kunststoffhülle und 720 oder 900 Wattstunden gibt es auch noch eine neue Batterie mit Alu-Casing. Warum diese zweite Version?

Die 800er Batterie mit Alu-Gehäuse hat mehrere Zwecke. Zum einen vereinfacht sie in Zukunft unser Portfolio. Denn anders als der 900er Akku, passt der 800er Akku auch in die Rahmengröße S. Zum anderen setzt der neue 800er Akku neue Standards beim Thema Batteriesicherheit.

Das ist einer der ersten E-Bike Akkus mit vollständig umlaufender Aluminium-Gehäuse, inklusive der Endkappen. Die Batterie hält einem Wasserdruck von einem Meter 30 Minuten lang stand und ist daher IPX57 zertifiziert. Sollte sich trotzdem einmal Feuchtigkeit durch Kondensation im Inneren Sammeln, kann diese durch doppelt gedichte Membranen in der Endkappe des Akkus entweichen. Die Summe dieser Features kennen wir sonst von keiner anderen E-Bike-Batterie.

4,6 Kilo - keine Rekordreichweite: Das steckt dahinter

Der 800er Akku für die neuen Spectral:On und Torque:On Modelle ist mit 4,6 Kilogramm auch spürbar schwerer als die moderne Konkurrenz, mit oft unter 4 Kilo. Geht damit nicht das Alleinstellungsmerkmal des Spectral:On mit Rekordreichweite bei gleichzeitig gutem Gewicht verloren?

Die 100 zusätzlichen Wattstunden fehlen dem Akku in erster Linie auf dem Papier. In der Praxis liefert die Batterie eine exzellente Reichweite. Der Akku ist nicht so lang wie der 900er, das begünstigt einen tiefen Schwerpunkt. Und auch im Inneren hat sich Einiges getan. Der neue Akku bietet neue Kommunikationsschnittstellen und setzt auf leistungsfähigere Zellen. Dadurch lädt er beispielsweise deutlich schneller als sogar die bisherige 720er Batterie. In Kombination mit dem exzellenten Preis-Leistungsverhältnis setzen wir damit große Hoffnungen in den Neustart von Spectral:On und Torque:On.

Insgesamt klingt das, als sei das Potential der neuen Batterie hinsichtlich zusätzlicher Funktionen noch keineswegs ausgeschöpft…

Hier tut sich aktuell viel in der E-Bike Welt und wir schauen natürlich, dass wir hier immer auf dem neusten Stand der Technik sind und das Feedback der Kunden mit einbeziehen.

Könnt ihr euch vorstellen, die Batterie auch in weiteren neuen Canyon-Bikes einzusetzen?

Wir haben eine Vielzahl von verschiedenen Konzepten in unserem Portfolio und werden auch bei zukünftigen Entwicklungen schauen, dass wir das beste Produkt für das jeweilige Rad finden.

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Adrian Kaether fährt am liebsten Mountainbikes auf rumpeligen Enduro-Strecken. Der Tech-Experte und Bike-Tester kennt sich aus mit Newtonmeter und Wattstunde, High- und Lowspeed-Dämpfung. Als Testleiter bei MYBIKE schaut Adrian auch gerne über den Tellerrand und testet Cargo-Bike und Tiefeinsteiger ebenso, wie die neuesten (E-)MTBs.  

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