Florentin Vesenbeckh
· 24.07.2026
Das Qio Long CLAx ist ein durchdachtes Longtail-Lastenrad, das seinen Premium-Anspruch in der Praxis einlöst. Die Kombination aus hochwertiger Federung, leisem Riemenantrieb und komfortabler Automatikschaltung hebt es spürbar von günstigeren Mitbewerbern ab. Der Preis von 5.699 Euro für das CLAx-Modell ist gehoben, aber keinesfalls abgehoben. Im Marktvergleich kann das Bike mit gutem Preis-Leistungsverhältnis punkten. Die 1600 Euro Aufpreis für das CLAx-Modell sind eine Menge Geld, heben da das Rad aber auch ganz klar in die Premium-Liga. Achtung: Im Grundpreis ist keinerlei Zubehör enthalten.
Lastenräder haben in den letzten Jahren einen festen Platz im urbanen Alltag vieler Familien erobert. Das Versprechen: das Auto stehen lassen und stattdessen entspannt, zügig und ohne Parkplatzstress durch den Alltag fahren. Mit dem Long CLAx bringt die deutsche Marke Qio ein Longtail-Lastenrad auf den Markt, das dieses Versprechen mit einem klaren Fokus auf Komfort und Alltagstauglichkeit einzulösen versucht.
Unter den Lastenrädern gibt es grundsätzlich unterschiedliche Bauformen (hier geht’s zu unseren Lastenrad-FAQs). Das Longtail-Prinzip verzichtet auf eine klassische Transportbox und setzt stattdessen auf einen verlängerten Gepäckträger hinter einem kompakten Hauptrahmen. Diese Bauform hat ihre Stärken klar im Personentransport: Bis zu zwei Kinder oder ein Erwachsener lassen sich bequem mitnehmen, und mit entsprechendem Zubehör eignet sich das Rad auch gut für Einkäufe und sonstiges Gepäck. Klarer Vorteil des Longtail-Konzepts: Das fahrverhalten ist sehr nahe an einem klassischen E-Bike und braucht wenig Gewöhnung oder Übung. Wer hingegen primär große Lasten oder Bierkästen transportieren möchte und keine Kinder befördert, könnte mit einem Lastenrad mit fester Transportbox besser bedient sein.
Ein zentrales Entwicklungsziel von Qio beim Lastenrad Long war eine möglichst kompakte Bauform. Für ein Cargo-Bike fällt das Rad tatsächlich angenehm kurz aus, was sich nicht nur beim Lagern und Parken positiv bemerkbar macht, sondern auch beim Fahren deutlich spürbar ist. Im Grunde bewegt sich das Long CLAx fast wie ein normales E-Bike: Es lässt sich gut durch Kurven führen, und auch weniger geübte Radfahrerinnen und Radfahrer dürften sich schnell sicher fühlen.
Ermöglicht wird das auch durch kleine 20-Zoll-Laufräder, die den Radstand kurz halten und den Schwerpunkt tief legen. Im Vergleich zu anderen Longtails wirkt das Rad dadurch nochmals leichter und wendiger. Selbst bei voller Beladung lässt es sich auffällig gut handhaben und kippt weniger stark zur Seite.
Der theoretische Nachteil kleiner Laufräder liegt im Überrollverhalten – ein Faktor, der etwa bei Schlaglöchern oder Bordsteinen relevant wird. In der Praxis fährt sich das Long CLAx jedoch keineswegs unkomfortabel oder harsch. Der Grund dafür liegt in einem durchdachten Komfortpaket: An der Front verbaut Qio die hochwertige SR Suntour Mobie Cargo Federgabel, die spürbar sensibler und geschmeidiger anspricht als die günstigen Suntour-Gabeln, die manch anderer Hersteller einsetzt. Ergänzt wird das durch eine gute gefederte Sattelstütze, die gerade bei passivem Fahren mit 25 km/h über unebene Radwege einen deutlich spürbaren Komfort-Unterschied macht.
Bei der Fahrstabilität muss man mit den kleinen Laufrädern aber schon leichte Einbußen hinnehmen. Das spürt man in der Praxis zum Beispiel, wenn man mit nur einer Hand über unebenes Geläuf steuert. Einen wirklichen Nachteil konnten wir im Alltag aber nicht ausmachen. Positiv fällt zudem die Geräuschkulisse des Rades auf. Im Grundaufbau ohne Gepäck läuft das Long CLAx angenehm leise – ein Detail, das zum insgesamt wertigen Fahrgefühl beiträgt.
Angetrieben wird das CLAx vom Bosch Cargo Line Motor, der kräftig und dabei erstaunlich unauffällig unterstützt. Der Akku sitzt hinter dem Sitzrohr und bietet eine Kapazität von 800 Wattstunden – eine ordentliche Grundreichweite, die je nach Beladung und Streckenprofil jedoch erheblich variieren kann. Für anspruchsvolleres Gelände oder längere Touren lässt sich optional ein zweiter Akku mit weiteren 800 Wattstunden nachrüsten, was eine Gesamtkapazität von bis zu 1600 Wattstunden ermöglicht. Das macht das Qio Long zum echten Dauerläufer.
Das CLAx-Modell – die edlere der zwei verfügbaren Ausstattungsvarianten – kommt mit einem Riemenantrieb und einer stufenlosen Enviolo-Nabenschaltung mit Automatikfunktion. Beides ist für ein Lastenrad aus mehreren Gründen besonders sinnvoll.
Der Riemen ist nahezu wartungsfrei, da er weder geschmiert noch aufwendig gepflegt werden muss. An einem Longtail, bei dem Hinterrad samt Kassette, Schaltwerk und Antriebsstrang konstruktionsbedingt schwer zugänglich sind, ist das ein echter Alltagsvorteil. Hinzu kommt: Ohne Kette entfällt auch das lästige Klappern, was die ohnehin ruhige Geräuschkulisse des Rades weiter verbessert.
Die elektronische Nabenschaltung von Enviolo arbeitet vollautomatisch und kommt ohne Schalthebel aus. Im Bosch-Display lässt sich lediglich die bevorzugte Trittfrequenz einstellen – die Schaltung regelt den Rest selbstständig und stufenlos. An einem Lastenrad erweist sich diese Automatik als besonders praktisch: An der Ampel muss nicht manuell zurückgeschalten werden, und beim Anfahren sitzt automatisch der richtige Gang. Das schont den Antrieb und ermöglicht eine vollständige Konzentration auf das Fahren – und auf die mitfahrenden Passagiere. Doch die automatische Schaltung erfordert eine gewisse Umgewöhnung und bleibt sicherlich auch eine Frage des persönlichen Geschmacks. Die günstigere Variante des Long namens P9 kommt mit klassischer 9fach-Kettenschaltung.
Ein Longtail ist ohne passendes Zubehör kein vollwertiges Lastenrad. Das Qio Long wird grundsätzlich ohne Anbauteile ausgeliefert. Vorteil ist die volle Konfigurationsfreiheit. Allerdings sollte man vor dem Kauf beachten, dass der Grundpreis durch das nötige Zubehör schnell um mehrere hundert Euro steigt.
Für den Personentransport stehen Sitzbänke und Kindersitze zur Wahl. Die Sitzbank lässt sich mit einer Rückenlehne und einem vorderen Haltebügel kombinieren und bietet Platz für bis zu zwei Personen. Die Kindersitze sind per Klicksystem schnell zu montieren und zu demontieren; die Sitzbänke hingegen werden fest verschraubt. Ein Klick-System für die Sitzbänke würde noch mehr Flexibilität bei der Beladung bringen.
Für einen raschen Wechsel zwischen Kindertransport und Gepäcktransport lassen sich Taschenhalter montieren, an denen klassische Gepäcktaschen Platz finden. Die Taschenhalter können optional auch parallel zu den Sitzbänken montiert werden, sodass Gepäcktaschen über den MIK-Standard schnell angebracht werden können. Auch ein optionaler Frontgepäckträger ist erhältlich, der bis zu 20 Kilogramm aufnehmen kann.
Die Sitzpolster und die Rückenlehne sind angenehm weich und bequem – ein Detail, das im Alltag vor allem bei längeren Fahrten zum Tragen kommt. Für den Kindertransport empfiehlt sich außerdem eine seitliche Reling, an der sich Kinder gut festhalten können. Qio arbeitet derzeit an einer klappbaren Variante, die das Ein- und Aussteigen erheblich erleichtern soll – ab Herbst soll diese erhältlich sein.
Die Trittbretter sind bewusst tief positioniert, um den Schwerpunkt zu senken und das Rad auch für erwachsene Mitfahrerinnen und Mitfahrer geeigneter zu machen. Das Gesamtsystemgewicht – also Fahrrad, Fahrerin oder Fahrer plus Zuladung zusammen – beträgt maximal 200 Kilogramm. Ein guter Wert. Auf der Qio-Homepage steht ein praktischer Zuladungsrechner bereit, mit dem sich prüfen lässt, ob das Wunschsetup innerhalb dieser Grenze liegt.
Das Long ist für ein breites Größenspektrum ausgelegt. Neben der Sattelhöhe lässt sich das gesamte Cockpit per Schnellspanner stufenlos verstellen, was den Wechsel zwischen unterschiedlich großen Fahrerinnen und Fahrern erleichtert. Im Test erwies sich das Rad für Körpergrößen zwischen knapp 160 und über 190 Zentimetern als gut nutzbar. Nach oben sehen wir sogar noch Luft. Bei kleinen Personen unterhalb von 160 Zentimetern sollte jedoch vorab geprüft werden, ob die gefederte Sattelstütze – die konstruktionsbedingt etwas mehr Bauraum beansprucht – noch eine passende Sitzhöhe ermöglicht.
Auch beim Ständer hat Qio einen eigenen Weg gewählt: Das Rad verfügt über einen zweistufigen Ständer. Die erste, leicht einzulegende Stufe eignet sich für kurze Stopps oder das Rangieren in der Garage. Vorteil: Das Rad muss nicht aufgebockt werden und bleibt etwas beweglich. Für sicheres Abstellen – insbesondere bei voller Beladung oder mit Kindern – ist zwingend die zweite, aufgebockte Stufe erforderlich. Das Entriegeln erfolgt über einen Hebel am Lenker, der das Einklappen schnell und unkompliziert macht. Ein kleiner Kritikpunkt: Im eingeklappten Zustand steht der Ständer vergleichsweise weit vom Rahmen ab, was beim Rangieren gelegentlich stören kann. Im Testbetrieb sind wir hier ab und zu hängengeblieben.

Redakteur CvD
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.