Henri Lesewitz
· 26.10.2023
Eine erste, grundlegende Erkenntnis lieferte schon die erste Story zum Fahreindruck. Die Performance des Canyon Neuron Young Hero überzeugte - wieder einmal. Zumindest, solange es bergab ging, oder flacher, technischer Untergrund dem feinfühligen Fahrwerk was zu tun gab. Uphill-Stücke und längere Fahrten auf normalen Schotterwegen führten sofort zu heftigen Motivationstiefs bei unserem Junior-Tester. Das Gewicht von fast 14 Kilo ohne Pedale hatte schon vor der ersten Ausfahrt erahnen lassen, dass das Kids-Fully nur bedingt für den Toureneinsatz geeignet ist. Und so kam das Young Hero dann auch hauptsächlich in Bikeparks oder Regionen mit Lift zum Einsatz. In Nauders. In Bischofsmais. In Leogang. Und am Samerberg bei München.
Auf der Suche nach einem Kinder-MTB? Lesen Sie auch diese Artikel zum Thema:
Das Material würde dabei alles andere als geschont. Das Fahrwerk bekam ununterbrochen große wie kleine Fahrbahnschläge reinmassiert und musste auch zahlreiche Landungen nach Sprüngen verkraften. Die Bremsen waren dabei ebenso gefordert wie die Laufräder. Aber auch die Schaltung wurde auf Trab gehalten, denn aller paar Kurven galt es, die Kette auf das optimale Ritzel zu schieben. Die einzige Spaßmaßnahme am Bike, die bei solchen Einsätzen spürbar wurde, war die fehlende Tele-Stütze. Ansonsten machte das Bike durchweg Spaß. Die eher für Touren konzipierte Bereifung machte soweit alles klaglos mit. Allerdings würde sich hier ein Nachrüsten auf Tubeless empfehlen.
Nach knapp einem Jahr im Dauereinsatz nun der Check: Hat alles gehalten? Was ist verschlissen? Kann Canyon mit dem Neuron Young Hero seinem Anspruch als Premium-Hersteller gerecht werden?
Der erste Blick lässt zwar einige Kratzer erkennen, aber keine echten, technischen Schäden. Nichts klappert. Nichts knarzt. Das ist schon mal positiv. Doch erst der Blick auf die Details wird Auskunft darüber geben, wie strapazierfähig das Neuron Young Hero ist. Zunächst gucken wir mal genauer auf die Lager, die sich hinter den schwarzen Abdeckungen befinden. Voilá! Obwohl die Produktmanager mit dem sprichwörtlichen spitzen Bleistift agieren mussten, um den Kampfpreis von 1599 Euro zu realisieren, wurde beim Fahrwerk nicht gespart. Die hochwertigen Industrielager sind aufwändig gedichtet. Sie drehen sich noch smooth und haben keinerlei Spiel. Das trifft auf die Lager am Umlenkhebel zu und auch auf die am Horst Link. Perfekt.
Auch dem Manitou-Dämpfer selbst sieht man trotz der zahllosen Bikepark-Abfahren nicht an, was für einer Belastung er über all die Monate hinweg ausgesetzt war. Die Beschichtung der Reibfläche ist intakt, die Dichtungen sind in Ordnung, der Dämpfer sitzt klapperfrei im Rahmen. So muss es sein. Allerdings fand das Gros der Rides bei gutem, oder zumindest trockenem Wetter statt. Was aber bei Kinder-Bikes der Normalfall ist. Bei Dauerregen schwingen sich sicher die wenigsten Kids aufs MTB.
Weiter geht es mit dem Steuersatz. Hier wird gerne gespart, denn die meisten Kaufinteressanten schauen eher auf das Schaltwerk oder auf die Federgabel statt auf solche im Inneren des Rahmens verborgenen Bauteile. Dabei sind diese für den Fahrspaß ebenso wichtig. Der von Canyon verbaute Acros-Steuersatz sieht auf den ersten Blick unscheinbar und mit seiner Kunststoffabdeckung nicht gerade glamourös aus, verbirgt in seinem Inneren aber hochwertige, top gedichtete Industrielager. Die drehen sich noch so geschmeidig wie am ersten Tag. Oben wie unten. Super.
Die Bremsen eines Mountainbikes gehören zu den Problemteilen bei hartem Dauereinsatz. Die Kolben können aufgrund von Dreck schwergängig gehen, sich verklemmen oder nervige Schleifgeräusche produzieren. Die Beläge können quietschen, verglasen oder runterschmirgeln, die Bremsscheiben verbiegen. Canyon verbaut leichte Zweikolben-Modelle von Tektro. Die Bremsen der Taiwanesen sind seit Jahren im Worldcup im Einsatz, dennoch aber vielen Bikern unbekannt.
Die Bremsleistung hat im Dauertest überzeugt. Druckpunkt, Dosierbarkeit, Power: alles gibt keinerlei Anlass für Kritik. Auch der Verschleiß der Beläge hält sich in Grenzen. Von Schlamm und Matsch wurden sie aber, wie schon erwähnt, weitgehend verschont.
Was bei den Tektro-Bremsen auch überzeugt: Die Kolben arbeiten exzellent. Die flutschen geschmeidig zurück ins Bremsgehäuse. Ein nerviges Zurückschieben, etwa beim Einsetzen der Beläge, ist nicht nötig. Die Bremssättel machen einen grundsoliden Eindruck. Und auch die Hebel gaben keinen Grund zur Klage. Die Ergonomie passt gut für Kinderhände.
Der Antrieb ist normalerweise das Herzstück eines Mountainbikes. Doch im Gegensatz zum Fahrwerk hat Canyon hier ins untere Regalfach gegriffen. Das billige SX-Schaltwerk, dass es beim Internet-Versender bereits für weniger als 60 Euro gibt, ist ein Kompromiss. Der ist natürlich bedingt durch den knallhart kalkulierten Verkaufspreis des Bikes, aber keiner, der das Fahrverhalten negativ beeinflusst. Rein von der Funktion her tut die SX-Schaltung ihren Dienst. Sie ist zwar deutlich simpler gearbeitet als die teureren Sram-Schaltwerke, gehört aber immerhin zur Eagle-Linie. Heißt: 12 Gänge, große Bandbreite und präzise Gangwechsel.
Die Funktion der Sram SX-Schaltung war auch am Ende es Dauertests gut. Nichts war krumm, nichts abgebrochen, nichts klapperte. Die nur mit billigen Gleitlagern ausgestatteten Rollen drehten sich noch ohne zu hakeln und bedurften keines Austausches. Mehr kann man nicht erwarten.
Auch eher optischer Natur waren die Gebrauchsspuren an der Kassette aus Stahl. Die vielen Schaltvorgänge hatten die Beschichtung abgeschubbert. Einige Zähne waren leicht rund geschliffen. Ansonsten aber war die Eagle-Kassette, wie die Kette auch, noch fit genug für weitere Kilometer.
Der Verschleiß am Canyon Neuron Young Hero hält sich in Grenzen. Das ist erfreulich. Denn der Austausch von Verschleißteilen kann schnell ins Geld gehen. Auch bei Kids-Bikes. Die größten Spuren hat die Saison mit dem Fully an der eigentlich enorm widerstandfähigen Pulverlackierung hinterlassen. Und zwar am Steuerrohr. Ärgerlich: Der Lack wurde von der zu nah am Rahmen verlaufenden vorderen Bremsleitung bis auf das nackte Alu abgeschubbert. Bei einem der ersten Bikepark-Wochenenden. Leider haben wir es zu spät gesehen. Sonst hätte man die Leitung kürzen, oder das Steuerrohr mit Rahmenfolie schützen können.
Der Lackschaden hat keine Auswirkung auf die Funktion, aber er sieht natürlich nicht schön aus. Man kann ihn mit etwas Geschick ausbessern. Mit Sprühlack aus dem Baumarkt und Politur. Zumindest die Front müsste dafür auseinandergebaut werden. Was aber kein Problem ist für versierte Hobby-Schrauber. Ob man sich die Mühe macht, muss jeder selbst entscheiden. Die Ursache des Scheuerns sollte man aber in jedem Fall beseitigen. Sonst bekommt der Rahmen irgendwann echte Macken im Alu.
Dass das Canyon so zuverlässig durchhält, hätten wir nicht erwartet. Zwar machte das Rad von Anfang an einen durchdachten, soliden Eindruck. Angesichts des günstigen Preises hätte es aber dennoch nicht verwundert, wenn sich das eine oder andere Bauteil als zu billig herausgestellt hätte. Die Naben der Laufräder etwa. Die Kassette. Die Hinterbau-Lager. Oder die Kolben der Bremsen. Doch alles hat durchgehalten. Das Canyon Neuron Young Hero ist damit eine absolute Empfehlung für Kids, die gerne im Bikepark oder auf Abfahrts-Trails mit Lift-Anbindung Gas geben. Für anspruchsvolle Touren ist es unserer Meinung nach nicht geeignet.
Das Bike hat richtig Spaß gemacht, vor allem im Bikepark. Die Federung funktioniert super. Man kann richtig Gas geben und merkt fast gar nicht, wenn man nach einem Sprung wieder landet. Das macht so Bock. Normale Touren sind mit dem Bike aber zu anstrengend. Dafür ist es zu schwer und die Federung saugt die ganze Kraft auf.
Auch interessant: