​Der FreilaufSportauspuff für Radler mit Geltungsdrang

Dimitri Lehner

 · 17.10.2026

​Der Freilauf: Sportauspuff für Radler mit GeltungsdrangFoto: KI generiert
Geiles Getöse im Hinterrad: porno oder schlichtweg peinlich?
Erst fand ich es geil, wenn mein Hinterrad klang wie ein startender Kampfjet. Heute schäme ich mich dafür. Eine späte Einsicht in die akustische Rücksichtslosigkeit auf zwei Rädern.

Die Welt ist eine einzige Boombox. Im Café dröhnt der Bass, im Zug telefoniert jemand auf Lautsprecher, im Park plärrt die Bluetooth-Box. Kaum ein Ort, an dem die Ohren nicht leiden. Ich nenne das akustische Umweltverschmutzung. Lärm ist der Feinstaub der Seele.
Und ich will nicht länger Teil des Problems sein.

Vor allem nicht im Wald. Zwischen Buchen und Farnen möchte ich lautlos unterwegs sein, wie ein Bussard im Gleitflug. Doch dann surrt mein Hinterrad. Genauer: Es kreischt. Wie eine Kreissäge. Ausgerechnet dort, wo ich am liebsten nur echte Bienen hören würde.

Dabei war ich selbst einmal Freilauf-Fan. Ich fand es geil, wenn mein Hinterrad aufheulte, sobald ich aufhörte zu treten. Passanten sprangen zur Seite, langsamere Radler wichen auf den Grünstreifen aus. Ich hielt das für Respekt. Heute vermute ich: Sie wollten einfach ihre Ruhe.

Ein Schlüsselerlebnis hatte ich in München-Forstenried. Kurz nach sechs Uhr morgens raste ich durch den Tunnel der A95. Mein Freilauf kreischte, als würde gleich ein Rettungshubschrauber landen. Ein Mann, der im Schlafsack unter der Brücke lag, richtete sich auf und brüllte mir hinterher: „Mensch, spinnst du?“

Eine berechtigte Frage. Ich hatte sie mir bis dahin nicht gestellt.

Dabei ist die Technik faszinierend. Industry Nine Hydra mit ein paar Hundert Metallhaken, Chris King mit dem „Angry Bee“-Surren, NonPlus oder DT Swiss mit 54-Zahn-Ratchet: Ingenieurskunst, die sich hören lassen will. Wer noch mehr Krawall braucht, reduziert das Fett, nimmt dünneres Öl oder setzt auf hohe Carbonfelgen als Resonanzkörper. Aus dem Freilauf wird ein Metal-Konzert. Aus dem Radler eine mobile Warnanlage.

Die Botschaft ist eindeutig: Hört her, hier komme ich! Und wenn das nicht reicht, wird eben noch ein Gang lauter geschaltet – akustisch, versteht sich.

Der SPIEGEL brachte die Sache einmal auf die Formel: Ist der Freilauf der Sportauspuff der Rennradmänner? Ein Treffer. Wobei ich die Geschlechterfrage gern ausklammere. Auch Frauen lassen es mitunter aus dem Hinterrad kreischen. Der Geltungsdrang kennt keine Geschlechtergrenzen.

Natürlich kann man das alles als Sicherheitsgewinn verkaufen. Wer laut ist, wird gehört.
Nur: Muss man dafür klingen wie eine Großbaustelle?

Ich habe jedenfalls genug. In der Stadt nervt mich mein eigenes Gekreische, auf der Landstraße auch. Im Wald ist es schlicht peinlich. Kürzlich rauschte ich vom Feldberg im Schwarzwald auf einem Waldweg talwärts. Mein Hinterrad veranstaltete ein akustisches Massaker. Wanderer kamen mir entgegen. Ich schaute weg. Ich fühlte mich so fehl am Platz mit diesem Geklackere in hoher Frequenz als würde ich einen wummernden Ghettoblaster durch die Klosterkirche tragen.
Einfach nur peinlich.

Also Schluss mit der Drohgebärde am Hinterrad. Ich brauche keine akustische Machtdemonstration. Ich muss nicht schon drei Kurven vorher ankündigen, dass ich existiere.

Aber vielleicht atmen jetzt die Anwohner an Radwegen auf. Der Herbst kommt, das Schmuddelwetter zieht ein. Schönwetter-Graveller und Rennradler verschwinden auf Hometrainern und in Spinningkursen. Die Wege leeren sich. Die Geräuschkulisse sinkt.

Es beginnt die Zeit der Stille.

Es beginnt meine Zeit.

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Dimitri Lehner ist diplomierter Sportwissenschaftler. Er studierte an der Deutschen Sporthochschule Köln. Ihn fasziniert fast jede Disziplin des Funsports – neben Biken ganz vorne: Windsurfen, Skifahren und Fallschirmspringen. Seine neueste Leidenschaft: das Gravelbike. Damit fuhr er kürzlich von München an die Ostsee – und fand es herrlich. Und anstrengend. Herrlich anstrengend!

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