Zwei gelungene Debüts zeigen: Der Avinox-Motor aus China wird auch bei Tourenrädern nicht mehr wegzudenken sein. Sanft aber kräftig im Ansprechverhalten setzt der DJI-Motor vor allem bei smarten Funktionen wie GPS-Tracking und Touch Display Bestmarken. Die Modellvielfalt bei Trekking- und Alltagsrädern muss zwar noch etwas wachsen. Aber davon gehen wir fest aus. - Adrian Kaether, Redakteur Test & Technik
Braucht man so viel Leistung am E-Bike? Auch für uns in der Testabteilung ist es unfassbar, wie schnell sich in China gerade die Innovationsspirale weiter dreht. Erst 2024 hat DJI auf der Eurobike den Debüt-Motor Avinox M1 gezeigt. Den bewährten Bosch CX übertrumpften die Chinesen damit um fast das Doppelte an Leistung und Experten waren sich einig: Das kann doch nur ein leeres Versprechen sein.
Doch DJI hat geliefert und lehrt nun die E-Bike-Welt das Fürchten. Der Motor wird auch an langen Anstiegen nicht zu heiß, Modulation und Fahrgefühl sind aus dem Stand weg auf Augenhöhe mit den besten Konkurrenten. Anfang diesen Jahres hat DJI schon den Nachfolger des ersten Motors M1 präsentiert. Der M2S hat sogar 150 statt 120 Newtonmeter, 1500 statt 1000 Watt Spitzenleistung und fährt sich nochmal runder und geschmeidiger.
Trotzdem bleibt natürlich die Frage: Was soll man mit der hohen Leistung überhaupt an einem Fahrrad? Am Mountainbike ist die Frage etwas klarer zu beantworten. Steilste Schotterrampen oder sehr anspruchsvolle Anstiege gelingen leichter mit mehr Schwung. Zumal sich die Leistung der Avinox-Motoren auch sehr gut dosieren lässt.
Am Tourenrad rollt man jedoch ruck zuck in die 25 km/h Grenze. Lange Anstiege, die so steil sind, dass man sich von einem Top-Motor à la Bosch CX (hier im Test) noch mehr Leistung wünschen würde, sind die absolute Ausnahme. Dennoch gibt es gute Argumente auch an Rädern für Alltag und Radreisen auf den Avinox-Motor zu setzen. Wie kein anderer Motorenhersteller haben die Chinesen gezeigt, wie schnell sie Kundenwünsche ernst nehmen und umsetzen können. Eine gute App gab es von Anfang an. Ein Schnellladegerät mit satten 12 Ampere lädt dreimal (!) so schnell wie der übliche E-Bike-Charger.
Wer will, lädt den komplett leeren Akku also in einer ausgedehnten Mittagspause locker wieder auf 80 Prozent auf. Das kann den Aktionsradius unterwegs erheblich erweitern. Mit einer Einschränkung: Oft ist das Schnellladegerät ein optionales Extra. Das gilt auch für unsere zwei Testkandiaten. Aber auch andere Wünsche, wie eine anpassbare Reihenfolge der Unterstützungsmodi oder zusätzliche Funktionen in der App wie eine Navigation über das Display hat Avinox in nur wenigen Monaten Realität werden lassen. USB-C Charging und eine GPS-Tracking Funktion als Diebstahlschutz sind ebenfalls mit an Bord.
Sogar eine maximale Herzfrequenz für den Fahrer lässt sich hinterlegen, wenn der Motor mit einem Pulsmesser gekoppelt wird. Nähert sich die Herzfrequenz der eingestellten Schwelle, spielt der Motor seine überlegene Leistung aus, um den Puls wieder unter das Limit zu drücken. Für Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen eine bestimmte Belastung nicht überschreiten dürfen, kann das ein gewichtiges Argument sein. Die Funktion wurde gerade auf der Eurobike mit einem Award prämiert.
Praktisch für Pendeln und Alltag ist das optionale GPS-Tracking. Dazu schiebt man eine SIM-Karte nach Wahl in das Display und hängt damit das Motorsystem ins Mobilfunknetz ein. Auf Wunsch schickt das Rad dann Positionsdaten ans Smartphone und lässt sich bei Diebstahl punktgenau orten. Solche Funktionen gibt es auch bei anderen Rädern. Oft aber herstellergebuden und nur in Kombination mit einem festen Abo oder etwas eingeschränkt via Apples „Wo ist“-Funktion. Kleine Einschränkung: Um das Tracking nutzen zu können braucht man das hochwertige DPC 100 Display. Das verbauen aber nahezu alle Hersteller, die bislang Bikes mit Avinox gezeigt haben.
Der M2S ist der neue Top-Motor der DJI-Tochter Avinox. Die sagenhafte Spitzenleistung wird durch ein geringes Gewicht und viele intelligente Funktionen in einem jetzt schon gelungenen Ökosystem flankiert. Neben dem M2S gibt es noch den etwas günstigeren M2 und den älteren M1 mit ebenfalls 120 Nm und über 1000 Watt Spitzenleistung und vergleichbarem Funktionsumfang.
Bei aller angebrachten Skepsis gegenüber dem nächsten Wettrüsten in Sachen Leistung: Es sind genau solche Funktionen, wie Tracking ohne festes Abo, Schnellladen und die Motorsteuerung via Herzfrequenz, die die Innovationskraft der chinesischen Motorenschmiede zeigen. Für eine spezielle Zielgruppe können sie einen entscheidenden Unterschied machen.
In anderen Belangen bleibt der Avinox ein typischer Mittelmotor und kann auch manche Schwäche dieses Konzepts nicht umgehen. Die Motoren von Avinox sind leise aber im Fahrbetrieb nicht unhörbar, der Tretwiderstand ohne Unterstützung war zumindest beim ersten Avinox M1 etwas höher als bei Boschs CX und die Auswahl an Displays ist noch etwas eingeschränkt.
Wer die hohe Leistung des Systems voll ausspielt, muss außerdem mit erhöhtem Verschleiß an Antriebskomponenten rechnen. Gerade klassische Kettenschaltungen verschleißen schon an normalen E-Bikes mit weniger Leistung im Zeitraffer. Das größte Problem an Tourenrädern mit Avinox ist aber die Modellauswahl.
Neben Steppenwolf und Velo de Ville mit fest verbautem Akku hat vor allem die tschechische Marke Crussis ab Modelljahr 2027 noch alltagstaugliche Räder mit Avinox-Motor im Programm, dann auch mit Wechselbatterie. Und mit der Eigenmarke Amflow ist Avinox auch selbst in den Radmarkt eingestiegen. Bislang gab es nur Mountainbikes, seit Sommer 2026 aber auch ein vollgefedertes SUV-Bike mit Carbonrahmen, Gepäckträger und Schutzblechen. Der Fabelpreis von nur 3499 Euro für das High-End-Bike mit Fox-Fahrwerk und Elektro-Schaltung dürfte der Konkurrenz jetzt schon die Schweißperlen auf die Stirn treiben.
Unsere zwei Testbikes von Velo de Ville und Steppenwolf sind im Vergleich noch deutlich teurer unterwegs. Sie zeigen aber eindrucksvoll, welches Potential die Avinox-Motoren auch im Trekking-Segment haben. Schlank, stark und verhältnismäßig leicht sprechen sie vor allem eine sportive Zielgruppe an. Steppenwolf stellt sich vielseitiger, Velo de Ville sportiver auf. Beides sind attraktive Räder, die jedoch mit ihrer Auslegung auch zum Fahrer und zum Einsatzbereich passen müssen. Gerade die fest verbaute Batterie dürfte manchen potentiellen Käufer abschrecken, ganz gleich wie feinfühlig, intelligent und leistungsstark so ein Avinox-Motor auch sein mag.
Das Steppenwolf Transterra Sport überzeugt auf ganzer Linie. Ein vielseitiger und komfortabler Tourer, der auch noch mit wartungsarmem Riemen-Antrieb punkten kann. Bei Kleinigkeiten kann Steppenwolf zwar noch nachbessern, aber das Debut der wieder auferstandenen Marke ist gelungen. Der fest verbaute Akku und nur zwei Rahmengrößen müssen aber zur Zielgruppe passen. - Adrian Kaether, Redakteur Test & Technik
Das Velo de Ville ist ein spritziges und sportliches E-Bike für kurze Alltagsfahrten. Das starke Avinox-System, das geringe Gewicht und die Individualisierbarkeit via Baukasten-Prinzip sind klare Pluspunkte. Das spitz ausgelegte Konzept mit schmalen Reifen und wenig Komfort schränkt den Einsatzbereich aber etwas ein. - Barbara Merz-Weigandt, Chefredakteurin MYBIKE

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