Canyon Roadlite:On V2XEine Stimme für E-Bikes

Adrian Kaether

 · 22.06.2026

Spricht mit anderen Verkehrsteilnehmern: Die Canyon V2X Studie mit aktiver Sicherheitstechnik.
Foto: Canyon
Canyon präsentiert weltweit erstes serienreifes verkehrsvernetztes E-Bike mit Vehicle-to-Everything-Technologie. Ein Meilenstein für Sicherheit und Verkehrsfluss von Fahrrädern?

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Einschätzung der Redaktion

Mit dem Roadlite:On V2X zeigt Canyon ein serienreifes Konzept eines voll vernetzten Fahrrads. Schlank integriert und optisch unauffällig zeigt die Studie: Technisch sind wir längst bereit, um aktive Sicherheitsfeatures auch am E-Bike zu integrieren. Bislang scheitert es aber an zu geringer Verbreitung des V2X Systems bei Autos und Infrastruktur. Das Rad wird deswegen vorerst ein Konzept bleiben und auch welchen Aufpreis V2X faktisch kosten würde, ist noch nicht bekannt. Auch daran wird sich schlussendlich entscheiden, ob sich die Technik durchsetzen kann.


Ein Wendepunkt für die Geschichte des Fahrrads? Das gerade neu vorgestellte Roadlite:On V2X ist das erste serienreife E-Bike, das in das V2X-Ökosystem der Automobilindustrie integriert ist. Das Versprechen: Deutlich mehr Sicherheit im Verkehr für Radfahrende und ein besserer Verkehrsfluss bis hin zur grünen Welle für Fahrräder.

V2X: Das unsichtbare Schutzschild

Vehicle-to-Everything – kurz V2X – ist weit mehr als nur ein weiteres Konnektivitätsfeature. Die Technologie soll einen Paradigmenwechsel in der Verkehrssicherheit einleiten: Weg von passiven Schutzmaßnahmen, hin zu aktiver, vorausschauender Unfallvermeidung durch Kommunikation der Fahrzeuge untereinander.

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Im Kern ermöglicht V2X die direkte, latenzarme Kommunikation zwischen allen Verkehrsteilnehmern und der Infrastruktur in Echtzeit – ohne den Umweg über Mobilfunknetze oder Cloud-Dienste. Anders als kamerabasierte Assistenzsysteme, die auf Sichtkontakt angewiesen sind, funktioniert V2X auch um Ecken, durch Gebäude hindurch und bei schlechten Sichtverhältnissen.

Konkret bedeutet das: Ein V2X-fähiges Fahrzeug sendet kontinuierlich Nachrichten aus, die Position, Geschwindigkeit, Fahrtrichtung und Beschleunigung enthalten. Gleichzeitig empfängt es die Signale anderer Verkehrsteilnehmer. Intelligente Algorithmen analysieren diese Datenströme können so kritische Situationen erkennen, bevor sie für menschliche Sinne erfassbar werden – etwa wenn sich an einer unübersichtlichen Kreuzung ein Fahrzeug mit hoher Geschwindigkeit nähert.

Die technische Umsetzung: Klein, leicht, präzise

Canyon hat für die Implementierung mit nfiniity als Entwickler des V2X-Nano-Boards und Vector für die Testsoftware „CANoe.Car2x" zusammengearbeitet – und dabei auf Automotive-Grade-Komponenten gesetzt, die mit den gleichen Standards arbeiten wie die Systeme im Auto.

Das V2X-Nano-Board ist am Unterrohr montiert und kommuniziert mit der V2X/GPS-Antenne im Steuerrohr. Als Basis dient das Canyon Roadlite:On, ein E-Bike aus Carbon mit kompaktem Singlespeed-Riemenantrieb und Bosch-Nabenmotor (BIKE berichtete). Clever gelöst: Der Bosch E-Bike-Akku versorgt das V2X-System auch dann noch mit Energie, wenn der Ladestand für die Motorunterstützung nicht mehr ausreicht – ein Safety-Feature, das sicherstellt, dass die Sichtbarkeit im Verkehr nicht mit der Motorunterstützung endet.

So funktioniert das V2X in der Praxis

Warnung an Autofahrende: Das Roadlite:ON V2X sendet kontinuierlich seine Position und Bewegungsdaten. V2X-fähige Fahrzeuge können das Fahrrad dadurch bereits erkennen, bevor es im Sichtfeld der Fahrenden oder der Sensoren auftaucht. Im Fahrzeugdisplay wird auf die Anwesenheit des Fahrrads hingewiesen – eine Information, die besonders beim Abbiegen, an Kreuzungen oder beim Überholen kritisch sein kann.

Warnung an Radfahrende: Nähert sich ein V2X-fähiges Fahrzeug, wird der Radfahrende durch haptische Vibration im Lenkergriff sowie visuelle Benachrichtigungen auf verbundenen Smart-Devices (Smartphone, Smartwatch oder Fahrradcomputer) gewarnt. Das System kann unterscheiden, ob ein Fahrzeug lediglich in der Nähe ist oder ob tatsächlich eine kritische Situation bevorsteht.

Infrastruktur-Kommunikation: Das Bike kommuniziert mit kompatibler Infrastruktur – derzeit werden entsprechende Systeme in Deutschland und den Niederlanden erprobt. Denkbare Szenarien: "Grüne Wellen" für den Radverkehr, Warnungen vor Gefahrenstellen, Informationen über Straßenzustände oder adaptive Ampelschaltungen.

Ergänzt wird das V2X-System durch ein Radarsystem, das andere Verkehrsteilnehmer über die Intentionen des Radfahrers informiert und vor zu geringem Abstand warnt, sowie durch ein dynamisches Bremslicht.

Das Henne-Ei-Problem: Kritische Masse als Voraussetzung

So beeindruckend die technische Umsetzung ist, so klar sind auch die Limitierungen: V2X entfaltet sein volles Potenzial erst, wenn eine kritische Masse an ausgestatteten Fahrzeugen und Infrastruktur erreicht ist. Aktuell sind noch sehr wenige Autos mit dem System ausgestattet – von V2X-fähigen Fahrrädern ganz zu schweigen.

Hier liegt auch das strategische Dilemma: Solange nur wenige Fahrräder oder andere Infrastruktur mit V2X ausgestattet sind, gibt es für Autohersteller wenig Anreiz, Anwendungsfälle zu priorisieren, die speziell Radfahrende schützen. Und solange nur wenige Autos V2X nutzen, ist der Mehrwert für Radfahrende begrenzt.

Canyon ist sich dieser Problematik bewusst und positioniert das Roadlite:ON V2X auf der Eurobike 2026 bewusst als fahrfertige Studie und „Einladung an die Branche". „Wir möchten andere Marken dazu inspirieren, V2X zu implementieren", so Dr. Casas Melo. „Je mehr Fahrrad- und Autohersteller die Technologie einbauen, desto sicherer können unsere Straßen werden."

Hintergrund: Immer mehr verkehrstote Radfahrer

Die Dringlichkeit des Themas untermauern die Statistiken: Während in Deutschland die Zahl der bei Verkehrsunfällen getöteten Autoinsassen in den letzten zehn Jahren um 35% zurückging, stieg die Zahl der getöteten Radfahrenden im gleichen Zeitraum um 20%. Diese Schere zwischen immer sicheren Autos und zunehmend gefährdeten Radfahrenden ist das Ergebnis einer asymmetrischen technologischen Entwicklung: Moderne Fahrzeuge sind mit Airbags, Knautschzonen, Stabilitätskontrolle und zunehmend auch mit aktiven Assistenzsystemen ausgestattet. Radfahrende hingegen profitieren von diesen Entwicklungen nur indirekt.

Offene Fragen: Kosten, Standards, Datenschutz

Canyon hat zum Preis des Roadlite:ON V2X noch keine Angaben gemacht – das Konzept-Bike wird auf der Eurobike als "serienreif" präsentiert, ein Markteinführungstermin wurde aber nicht kommuniziert. Auch das Thema Datenschutz sollte nicht vernachlässigt werden: V2X-Systeme senden kontinuierlich Positionsdaten. Zwar werden diese anonymisiert und nur lokal verarbeitet, aber die kontinuierliche Aussendung von Bewegungsprofilen birgt prinzipiell Tracking-Risiken, die geklärt werden müssen.


Das Canyon Roadlite:ON V2X wird auf der Eurobike 2026 vom 24. bis 27. Juni in Frankfurt in Halle 11.0, Stand B50 und im Außenbereich F12, Stand B52 präsentiert.

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Adrian Kaether fährt am liebsten Mountainbikes auf rumpeligen Enduro-Strecken. Der Tech-Experte und Bike-Tester kennt sich aus mit Newtonmeter und Wattstunde, High- und Lowspeed-Dämpfung. Als Testleiter bei MYBIKE schaut Adrian auch gerne über den Tellerrand und testet Cargo-Bike und Tiefeinsteiger ebenso, wie die neuesten (E-)MTBs.  

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