UCI Snowbike WM 2024Kritische Stimmen zur Premiere der Snowbike-Weltmeisterschaft

Laurin Lehner

 · 17.02.2024

UCI Snowbike WM 2024: Kritische Stimmen zur Premiere der Snowbike-WeltmeisterschaftFoto: SWpix.com
Ist das schon Wintersport oder ist es noch Biken?
Die Premiere der ersten Snowbike-Weltmeisterschaft ist über die Bühne, Medaillen und Regenbogen-Trikots wurden verteilt. In der Szene sorgte die Veranstaltung für Verärgerung. Das denken andere Racer darüber, die Email-Antwort der UCI und ein Klartext-Interview mit Race-Urgestein Marcus Klausmann.

Themen in diesem Artikel

Am 10. und 11. Februar fanden die ersten UCI Snowbike-Weltmeisterschaften statt. Die Sieger der beiden Kategorien Super-G und Dual Slalom durften sich das begehrte Regenbogentrikot überstreifen. Die Veranstaltung im französischen Châtel kam für viele überraschend. Erst Ende 2023 hatte die UCI die Weltmeisterschaften angekündigt. „Die Kommunikation ist mal wieder typisch für die UCI“, sagt Racer Johannes Fischbach, der sich eine Teilnahme durchaus hätte vorstellen können. Schließlich war es noch nie so einfach, eines der begehrten Regenbogentrikots zu ergattern. Das beweist auch das Starterfeld: Unter den 43 Startern und 7 Starterinnen waren bis auf wenige Ausnahmen keine Weltklassefahrer zu finden.

Die Kategorie Super-G machte den Anfang. Das Prinzip ist das gleiche wie beim olympischen Ski- oder Snowboardfahren. Gestartet wird einzeln. Die Starter müssen ihr Bike an gesteckten Toren vorbei manövrieren. Bei den Frauen gewann Morgane Such. „Ich bin zwar schon auf Schnee gefahren, hatte mich aber nicht speziell vorbereitet“, sagte Such im BIKE-Interview. Bei den Männern siegte Pierre Thévenard, der sich auf solche Rennen spezialisiert hat. Prominentester Starter war Danny Hart. Er landete auf Platz 5. Der Super-G war gleichzeitig die Qualifikation für den Dual Slalom am nächsten Tag. Hier starteten jeweils zwei Fahrer im K.-O.-System. Bei den Herren siegte erneut Pierre Thévenard, bei den Damen gewann die Schweizerin Lisa Baumann.

Meistgelesene Artikel

1

2

3

Zwei Starter, ein Gewinner. Beim Dual Slalom gilt das K.-o.-System.Foto: SWpix.comZwei Starter, ein Gewinner. Beim Dual Slalom gilt das K.-o.-System.

In der Downhill-Szene wird der Schnee-Worldcup heftig diskutiert. Viele ärgern sich, dass es in populären und etablierten Kategorien wie Enduro nach wie vor keine UCI-Weltmeisterschaften gibt. Besonders hart fällt das Urteil von Szene-Insider Marcus Klausmann aus: „Die Schamgrenze ist erreicht“, sagt Klausmann. Biken und Schnee passen für ihn nicht zusammen. Ex-Racer Guido Tschugg sieht das ähnlich. „Das Problem sind zudem die unfairen Bedingungen. Beim Super-G haben die Letzten immer das Nachsehen, weil die Piste dann tief und langsam ist“, sagt Tschugg. Die UCI lässt sich jedoch nicht beirren. Auf BIKE-Anfrage schreibt sie: „Für die Zukunft strebt die UCI an, die Snowbike-Weltmeisterschaften jährlich durchzuführen“. Gerüchten zufolge soll der Verband sogar daran interessiert sein, die Snow-Kategorie olympisch zu machen.

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?

Die UCI antwortete auf FREERIDE-Anfrage schwammig bis gar nicht. Folgende Fragen stellten wir per Email-Anfrage:

1. Warum hat sich die UCI entschlossen, eine Snowbike-Weltmeisterschaft zu veranstalten?

2. Was erhofft sich die UCI davon, ist eine Serie (Worldcup) denkbar?

3. Warum waren so wenig Promi-Racer auf der Starterliste?

4. Welche Lehren wurden aus der Premier-Veranstaltung gezogen?

Leider beantwortete die UCI uns keine der Fragen konkret, sondern speiste uns mit folgendem Statement ab.

Die Union Cycliste Internationale (UCI) feiert die historische Premiere der UCI Snow Bike Weltmeisterschaften in Châtel, ein Meilenstein, der spannende Wettkämpfe zwischen Spitzenfahrern wie Morgane Such, Pierre Thévenard, Danny Hart, Vincent Tupin, Morgane Charre, Veronika Widmann, Lisa Baumann und dem ikonischen Botschafter Cedric Gracia zeigte und ein neues Kapitel in der Radsportgeschichte aufschlug. Die UCI bedankt sich bei den Organisatoren und dem Austragungsort für ihre entscheidende Rolle bei diesem beispiellosen Erfolg.
Dieses bahnbrechende Ereignis unterstreicht unser unermüdliches Engagement für die Entwicklung von Snow Bike als aufregende neue Disziplin. Wir freuen uns besonders, den allerersten UCI-Weltmeistern im Snow Bike zu gratulieren, die stolz ihre Snow Bike-Regenbogentrikots tragen, die ihre außergewöhnlichen Leistungen und den Geist der Exzellenz in diesem bahnbrechenden internationalen Wettbewerb symbolisieren. Mit Blick auf die Zukunft strebt die UCI an, die Snowbike-Weltmeisterschaften jährlich auszurichten, und begrüßt Bewerbungen potenzieller Austragungsstädte, die Teil dieser aufregenden Reise sein wollen, sehr herzlich.
Die UCI freut sich auf das zukünftige Wachstum von Snow Bike und die dynamischen Wettbewerbe, die es verspricht, während wir weiterhin dieses historische Fundament feiern und ausbauen. – (Email-Antwort UCI Press Office)

Das sagt Marcus: “Irgendwann ist die Schamgrenze erreicht”

Marcus Klausmann ist selbst schon Snow-Downhill-Rennen gefahren.Foto: Laurin LehnerMarcus Klausmann ist selbst schon Snow-Downhill-Rennen gefahren.

Interview mit Marcus Klausmann

Marcus Klausmann ist 15-facher Deutscher Downhill Meister und Racing-Fan. Er kennt die Szene und ist bekannt für seine Klartext-Urteile. Wir haben mit ihm über den UCI Snow Bike Worldcup gesprochen.

FREERIDE: Marcus, hast du die Snowbike Weltmeisterschaften verfolgt?

Markus Klausmann: Ja und ich habe mich etwas gefremdschämt. Biken im Schnee sieht dämlich aus. So war es damals und so ist es heute.

Du bist auch schon bei Snow-Downhill-Rennen gestartet.

Ja, das stimmt. Die Idee der Snow-Downhill-Rennen ist alt und hat nie funktioniert. Ich erinnere mich an ein Rennen vor vielen Jahren. Damals sponserte Siemens das Rennen, 6000 Euro Preisgeld lockten namhafte Downhiller, darunter auch Cedric Gracia. Wir starteten zu sechst und kämpften uns den Berg hinunter. Das sah lahm aus, weil Kurvenfahren im Schnee immer lahm aussieht. Trotzdem war es wegen der Spikes an den Reifen saugefährlich.

Die Nachricht über die Weltmeisterschaft kam überraschend. Ein Schnellschuss der UCI. Was war ihre Motivation?

Ich habe keine Ahnung. Radsport und Schnee passen nicht zusammen. Welcher Hobby-Biker käme auf die Idee, Spikes auf die Reifen zu montieren und damit Schneehänge hinunterzufahren? Die Skigebiete würden das auch nicht erlauben. Ich kann mir vorstellen, dass die UCI hier eine Lücke im Kalender sieht und diese schließen will. Es heißt auch, dass sie diese Kategorie olympisch machen wollen. Organisatorisch wäre das sicher ohne großen Aufwand machbar. Die Biker könnten dann auf dem gleichen Hang starten wie die Skifahrer und Snowboarder.

Aber du scheinst keine Zukunft für dieses Format zu sehen.

Nein, es sieht unspektakulär aus und niemand kann sich mit dieser Art von Biken identifizieren. Dazu kommt die fehlende Chancengleichheit im Training. Das ist eine UCI-Aktion mit der Brechstange erzwungen. Man muss sich nur die Starterliste anschauen. Noch nie war es so einfach, ein Regenbogentrikot zu gewinnen, und trotzdem ist niemand hingegangen. Danny Hart war der einzige Weltklasse-Downhiller, der dort gestartet ist.

Glaubst du, dass die anderen Downhiller die Schnee-WM boykottiert haben?

Ja, irgendwann ist die Schamgrenze erreicht. Einige prominente Fahrer haben in den sozialen Medien ihren Unmut kundgetan. Ich glaube, da wollte sich keiner lächerlich machen. Ich glaube, den meisten war es einfach peinlich.

Das sagen andere Szene-Insider

Der Schnee wird gefühlt von Saison zu Saison weniger, Skirennen werden deswegen abgesagt und nun meint die UCI eine Schneeweltmeisterschaft veranstalten zu müssen. Das erscheint mir nicht schlüssig. Ich bin früher Schneerennen gefahren. Da gab es Massenstarts, die durchaus spektakulär waren, weil sich alle mit dem Messer zwischen den Zähnen den Berg hinunter gekämpft haben. Die Bilder, die ich von der WM gesehen habe, wirkten dagegen unspektakulär. Auch weil im Super-G einzeln gestartet wird. Beim Dual Slalom kam schon mehr Spannung auf, aber an die Action eines Fourcross-Rennens kommt das Format nicht heran. Und die Disziplin hat die UCI ja bekanntlich vor vielen Jahren aus dem Programm genommen. – Guido Tschugg, Ex Dualslalom- und Fourcross-Racer
Ich liebe solche verrückten Rennen, aber leider habe ich erst einen Monat vorher zufällig davon erfahren. So ein Rennen braucht eine gewisse Vorbereitungszeit. Am Ende kam es so, wie ich es befürchtet hatte: Kaum ein bekannter Fahrer war am Start. Warum dieser Kaltstart? Kein Test-Event, kein Qualifikations-Rennen, gleich eine Weltmeisterschaft? Ich verstehe es nicht. In meinen Augen hat das Rennformat aber Potenzial. Wenn sich die UCI entscheidet, die Schneerennen jährlich auszutragen, werden auch bekannte Fahrer am Start sein und den Event aufwerten. – Johannes Fischbach, Worldcup-Racer (EDR-E), City-Downhiller
Mit dem Downhillbike zum Spaß auf die Piste zu gehen, war damals in Scuol schon sehr cool. Die Geschwindigkeiten sind der Wahnsinn. Ich bin in den 90er und 00er Jahren selber einige Schneedownhills gefahren. Es war immer lustig, aber selten - wenn überhaupt - ernst zu nehmen. Eher eine Lotterie. Für ein faires Rennen braucht man eine Pistenpräparierung wie im Ski-Weltcup. Also Eis. Die Reifen brauchen dann lange Spikes, - und richtige Schutzbleche, damit man sich nicht mit den eigenen Reifen aufschlitzt.
Es gab mal eine Serie, die auf Skiweltcupstrecken gefahren wurde. Ich war in Garmisch dabei. Von der Piste her der Hammer, aber im Massenstartrennen das absolute Chaos. Die meisten hatten von den Spikes zerschnittene Hosen, manche auch zerschnittene Beine. Auch hier: Ein Heidenspaß, aber alles andere als ein ernstzunehmender Sport. Da finde ich es schon etwas fragwürdig, 20 Jahre später eine Schnee-WM aus dem Boden zu stampfen, von der kaum jemand etwas wusste, geschweige denn sich vorbereiten konnte und für die es auch keine Qualifikation gab. Da stecken natürlich andere Interessen dahinter. Ob ich da selbst mitmachen wollte? Nö. Eine offizielle Weltmeisterschaft sollte doch für die besten Fahrer der Welt sein. Zu denen gehöre ich nicht mehr.
Hat diese Sportart Zukunft? Naja, ich bin der Meinung, dass es für den Schnee geeignetere Sportgeräte gibt, die dort auch mehr Spaß machen. Aber wenn man sich überlegt, was man aus Schnee, bzw. Eis für coole Obstacles bauen könnte, dann wird es schon interessanter. Man stelle sich vor, welche Sprünge bei diesen Geschwindigkeiten möglich wären... Fabio Wibmer lässt grüssen... Zufälligerweise kenne ich eine Firma, die so etwas bauen könnte. – Claudio Caluori, Ex-Racer und ehemaliger Worldcup-Kommentator
In der Schweiz gab es um 1997 eine Winter Downhill Serie, bei der ich einige Siege einfahren konnte. Es war unberechenbar für die Organisatoren den Aufwand zu betreiben und dann waren die Bedingungen oft für ein Rennen nicht haltbar.
Um faire Rennen zu veranstalten, ist es wichtig, die Piste optimal auf Ski-Worldcup-Niveau zu präparieren, harte, eisige Piste und viele Sicherheitsnetze. Das ist extrem teuer. Zudem sind die erlaubten 6mm Metallspikes für die FahrerInnen sehr gefährlich, da müssten Schutzbleche wie im Motorrad Speedway vorgeschrieben werden.
Warum sich die UCI auf so etwas einlässt, ist mir ein Rätsel. Vielleicht hat sie noch nie etwas von Klimawandel und Skipistenregeln gehört.
Von den Teilnehmern des Worldcups habe ich gehört, dass die Schneeverhältnisse gut waren, aber die Organisation etwas chaotisch. Die einzigen, die auf der Strecke trainieren konnten, waren die Franzosen, die eine Woche vorher die französischen Snowbike-Meisterschaften austrugen. – René Wildhaber, Mr. Megavalanche

Weitere verrückte Rennen im Überblick

1. Mountain of Hell

Der Name ist Programm. Das Rennen (ca. 3400 Tm) startet auf einem Gletscher und führt über Schnee, Matsch, Felsen und Singletrails. Unbedingt Webvideos vom Massenstart angucken. Krass!

2. Speed & Style

Es ist ein Mix aus Tricks und Zeitfahren. Eine Art Dual-Slalom-Parcours ist gespickt mit Sprüngen. Die Uhr tickt, doch Tricks bei Sprüngen werden mit Zeit belohnt. So kommt es auf die Kombination und auf die Taktik an.

Tomas Lemoine und Sam Blenkinsop während des Speed and Style beim Crankworx in Rotorua (NZL)Foto: Red Bull Content PoolTomas Lemoine und Sam Blenkinsop während des Speed and Style beim Crankworx in Rotorua (NZL)

3. City Downhill

Enge Gassen, Treppen, Kopfsteinpflaster: Bei City-Downhills führt der Kurs direkt durch die Stadt – meist in Südamerika. Fehlende Sturzzonen und Bordsteinkanten machen die Rennen sehr gefährlich.

Tomas Slavik beim Red Bull Valparaiso City DownhillFoto: Red Bull Content PoolTomas Slavik beim Red Bull Valparaiso City Downhill

Laurin Lehner

Laurin Lehner

Redakteur

Der gebürtige Südbadener Laurin Lehner ist laut eigenen Angaben ein lausiger Racer. Vielleicht fasziniert ihn deshalb kreatives, verspieltes Biken. Für ihn zählt nicht, wie schnell man von A nach B kommt, sondern was dazwischen passiert. Lehner schreibt Reportagen, interviewt Szene-Größen und testet Produkte und Bikes - am liebsten welche mit viel Federweg.

Meistgelesen in der Rubrik Events