Laurin Lehner
· 25.10.2026
90 Startplätze, rund 1600 Euro Startgeld, blind unterwegs, dazu Tragepassagen bis ins Naturschutzgebiet. Profi Bikerin Steffi Marth hat in den Pyrenäen ein Enduro-Event erlebt, das mit einem normalen Rennwochenende wenig zu tun hat. Die Tage waren lang, das Wetter schlecht, die Strecken geheim. Warum sie trotzdem sagt, es sei eine der intensivsten Erfahrungen ihrer Karriere gewesen, erzählt sie im Interview.
Steffi, wie bist du auf das Rennen gekommen?
Ich wollte da unbedingt mitmachen und habe sofort zugesagt, weil es einfach total geil aussah. Ich war noch nie richtig in den Pyrenäen, nur beim World Cup in Andorra. Die Region war für mich also komplett neu. Und nach all den Berichten der letzten Jahre dachte ich: Das muss ich sehen.
Die Plätze sind begrenzt, und billig ist es auch nicht.
Es sind nur 90 Teilnehmer, und es soll auch nicht größer werden. Gefahren und gewohnt wird immer im selben Hotel, das ist überschaubar. Ausgebucht ist es sowieso. Und ja, es kostet. Aber im Nachhinein weiß ich: Solche Enduro-Spezialevents sind eben nicht billig. Hier macht sich keiner die Taschen voll, die Orga ist nun mal aufwendig.
Lohnt sich das Geld? Muss man das einmal gemacht haben?
Für mich ist es eine „Once in a Lifetime“-Sache, weil es so fordernd ist. Außerdem gibt es nicht viele mehrtägige Enduro-Rennen dieser Größe. Ich war es gewohnt, für ein Rennen 70, 80 Euro zu zahlen. Aber rechne mal nach: Mit An- und Abreise bist du fast eine Woche unterwegs. Was zahlst du für eine Woche Pauschalurlaub? Und dafür bekommst du eine unfassbar Experience.
Fast die Hälfte der Fahrer war auf dem E-Bike. Ist das die bessere Wahl?
Vielleicht ist es ein bisschen angenehmer. Aber es gibt sehr viele Tragepassagen. Du fährst Trails an Orten, wo man sonst nicht fährt und teilweise nicht fahren darf. Eine Stage führte durch eine Mondlandschaft in einem Naturschutzgebiet. Wir hatten eine Ausnahmegenehmigung und durften keinen Meter von der Linie abweichen. Manchmal mussten wir laufen, und da kommst du mit dem Rad nicht hoch. Du musst tragen oder schieben. Mit einem schweren E-Bike ist das noch anstrengender. Das war schon krass.
Die Zeit wird nur bergab genommen.
Stimmt. Es geht extrem viel um die Höhenmeter, die nicht gestoppt werden. Klar, sobald Chip und Startnummer dran sind, fährst du schnell. Aber vielen geht es ums Erlebnis. Sie wollen heil durchkommen. Und das Ganze ist blind, du weißt also nicht, was kommt.
Du magst das Blindfahren?
Das schafft mehr Chancengleichheit. Ich bin sowieso immer blind gefahren, weil ich nie Zeit zum Trainieren hatte. Ich kann mir auch nie alles im Detail merken, selbst wenn ich eine Strecke vorher fahren würde. Am Start sagen sie dir ungefähr, welchen Charakter sie hat. Ob eine enge Kurve kommt, weißt du trotzdem nicht. Und weil es viel geregnet hat, waren die Trails noch anspruchsvoller.
Muss man ein guter Endurist sein, um da mitzufahren?
Nein. Es waren viele Hobbyfahrer dabei, teilweise ältere, die von weit her angereist sind. Ich habe mit Leuten aus Québec gesprochen, mit Engländern und Fahrern aus Asien. Ein Mexikaner war dabei, der noch nie im Regen gefahren ist. Es war ein richtig buntes Feld und nicht nur Halbprofis, die Vollgas geben. Sondern auch Top-Fahrer fahren da mit. Das ist auch cool, weil du siehst, wo die Benchmark liegt, wenn einer aus der Weltelite fährt.
Wie läuft die Organisation?
Die ist krass. Auf zwei Fahrer kommt ungefähr ein Organisator. Es gibt Physiotherapeuten, Mechaniker und jeden Tag Feed Stations. Die Strecken werden jeden Tag frisch markiert, auf- und wieder abgebaut. Ich habe länger mit dem Hauptorganisator gesprochen. Er ist schon zwei Monate vorher am Scouten. Zu einem abgelegenen Trail ist er 18-mal hochgelaufen, um ihn freizuräumen. Hochgeschoben haben wir dort drei Stunden. Alles wird von Hand vorbereitet, ohne große Maschinen. Es gibt ein paar Hausstrecken, ein bisschen bikeparkmäßig, nur eben ohne Lift.
Was war dein Highlight? Und wann hast du gedacht: „Hätte ich das bloß nicht gemacht“?
Es geschafft zu haben, war das coolste. Es war das Krasseste, was ich je körperlich gemacht habe. Dazu kam der Content: Ich habe jeden Abend noch Videos geschnitten. Die Tage waren teilweise acht Stunden im Sattel ohne Pause. Ich dachte, die Spanier sind entspannt und fahren auch mal zehn Minuten später los. Falsch gedacht, es war richtig stressig. Dazu kamen 7000 Höhenmeter, mit einem Bio-Enduro und superweichen Reifen. Danach musst du bergab noch schnell fahren. Da habe ich mich schon gefragt, ob ein E-Bike nicht klüger gewesen wäre. Und dann noch der Regen. Aber umso cooler ist es, wenn du es geschafft hast. Dass ich vorne mithalten konnte, hat mich zusätzlich motiviert.
Wie war die Community?
Ich fahre selten irgendwohin, wo ich niemanden kenne. Aber ich weiß, dass es sich lohnt, weil du danach wahnsinnig viele neue Kontakte hast. Ich habe viele Deutsche kennengelernt, die ich vorher nicht kannte, weil ich in der Enduro-Szene nicht so verwurzelt bin. Viele sind allein angereist. Die Bike-Szene ist ohnehin entspannt, man macht schnell Freunde.
Hier kam noch etwas dazu: Man hatte nicht das Gefühl, dass sich jemand die Taschen vollmacht. Die Leute leben das Mountainbiken als Leidenschaft. Sie waren schnell und motiviert und wollten die Strecken auch bei Regen nicht kürzen. Die Helfer, ich glaube 20 bis 25, machen alles ehrenamtlich, von den Fähnchen bis zur Vermessung. Teilweise arbeiten sie das ganze Jahr darauf hin. Von der Community her war das eine der intensivsten Erfahrungen der letzten zehn, zwanzig Jahre.

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