Laurin Lehner
· 21.09.2026
Steffi Marth ist eine der bekanntesten deutschen Mountainbikerinnen. Die 5-fache Deutsche Meisterin im Fourcross tingelte nach ihrer Race-Karriere als Freeriderin um die Welt. Mit ihrer offenen Art hat sie sich in der MTB-Szene einen festen Namen gemacht – nicht nur als Sportlerin, sondern auch als Persönlichkeit, die andere Menschen für den Sport begeistert. Mittlerweile ist Steffi zweifache Mama.
BIKE: Steffi, du bist jahrelang für deinen Sponsor um die Welt getingelt, dann wurdest du Mutter und auf einmal war alles anders. Bezeichnest du dich noch als Profi-Bikerin?
Steffi: Ja, solange ich mein Geld damit verdiene, bin ich wohl noch Profi-Bikerin. Ich habe nie einen anderen Job gemacht. Aber ja, es war zwischenzeitlich echt schwer. Ich musste mich komplett neu ausrichten. Und auch der Kontrast von immer unterwegs sein zu auf einmal zu Hause sitzen war krass.
Was meinst du mit neu ausrichten?
Es gab Partner, nach dem Motto: Ich kriege was, ich gebe was. Und als dann das erste Kind kam, haben noch alle so ein bisschen mitgezogen – oh ja, cool, Familie, schön. Beim zweiten Kind war es dann richtig mau.
Das lag vermutlich daran, dass du die Gegenleistung nicht mehr bringen kannst.
Auf den ersten Blick ist das logisch. Für mich war und ist die das Verhältnis zu meinen professionellen Partnern immer auch zu gewissen Teilen persönlich gewesen. Es entstanden teils langjährige Freundschaften und das Gefühl, gemeinsam etwas im Bikesport zu erreichen.
Man kann seinen Content auch neu ausrichten, neue Leute ansprechen und so weiterhin wertvoll für den Partner sein. Manchmal hätte ich mir ein wenig mehr Flexibilität gewünscht. Einfordern kann ich das natürlich nicht und ich respektiere die wirtschaftliche oder strategische Entscheidung eines Partners, wenn er das nicht möchte.
Leider wurden aber auch Dinge gesagt, die ich bis heute als sehr verstörend empfinde.
Was wurde denn genau gesagt?
„Du hättest ja keine Kinder kriegen müssen, wenn du dich jetzt drüber beschwerst.“ – Genau so wurde es mir gesagt.
War das der Anlass für den Film, an dem du gerade arbeitest?
Nicht direkt. Dem gleichen Team erzählte ich im Vorfeld von dem Projekt und fragte, ob sie Teil davon werden wollen. Doch denen gefiel die Idee der Doku gar nicht. Das wiederum gib mir den Anlass den Film ´jetzt erst recht´ zu machen. Ich bekam immer mehr das Gefühl, hier in ein Wespennest gestoßen zu haben. Perfekt für einen Film also.
Worum geht’s?
Um das Gender Care Gap. Auf Deutsch: der Unterschied zwischen Frauen und Männern bei der Kinderbetreuung, Pflege und Hausarbeit. Die ungleich verteilte Sorgearbeit. Nicht nur die Zeit, die man mit den Kindern verbringt – sondern das ganze Mental Load. Alles, was man plant, organisiert, im Kopf trägt. Das ist zwischen Männern und Frauen im Schnitt schlicht ungleich verteilt. Und das sieht man im Radfahren genauso wie überall sonst.
Spezielles Thema. Wäre nicht Preisgeld und Pay Gap das Thema gewesen, das eher im Zeitgeist liegt?
Vielleicht, doch uns geht’s ums Muttersein als Profi-Bikerin. Hanka Kupfernagel und Ines Thoma sind ebenfalls Teil des Film. Wir alle regeln das auf unterschiedliche Weise. Und es geht darum, was das mit einem macht. Ich brach während der Produktionszeit mehrfach mental aber auch körperlich zusammen. Weil ich sage: Ich kann es nicht mehr machen. Radfahren ist in jeder Pore meines Körpers. Und ich denke ernsthaft daran, es zu lassen, um mich besser um die Kinder kümmern zu können. Eine emotional schwierige Lage.
Gesellschaftlich ist es okay, als männlicher Racer weiter im World Cup zu fahren, als Frau eher selten. Ist es das, was du konkret meinst?
Viele männliche Kollegen leben ihren Biker Job einfach so weiter wie vor den Kindern. Sie fahren Rennen und machen tage- oder sogar wochenlange Bike Trip um den Globus. Ines Thoma war in fünf Jahren nur eine einzige Nacht weg. Krass, oder? Fünf Jahre. Eine Übernachtung.
Ich habe das Gefühl, du bist insgeheim neidisch auf die, die einfach weiterfahren.
(kurze Pause) Ich bin neidisch auf mein altes Leben. Einerseits. Andererseits sind Kinder eine Nummer geiler als alles, was vorher war. Aber der Ausgleich fehlt manchmal. Ich würde zwischendurch einfach gerne mal eine exotische Bike Reise machen. Doch es geht eben nicht. Und das finde ich ungerecht. Man entscheidet sich ja zusammen, ein Kind zu bekommen.
Aber dein Mann ist doch ganz anders.
Ja, absolut. Der ist sensibel für das Thema, der beharrt nicht auf irgendwas und braucht alle seine Urlaubstage auf und nahm viel Elternzeit, damit ich meinen Job einigermaßen weiter machen kann. Aber trotzdem – er arbeitet 100 Prozent. Und so kann ich meine Sachen nicht so gut machen, wie das vor den Kindern war. Er sagt: Wenn du das Geld verdienen kannst, kannst du auch die Arbeit machen. Logisch. Aber ich kann das nicht machen, weil ich dann 250 Tage im Jahr unterwegs sein müsste. Das geht nicht. Mein Job ist einfach zu reiseintensiv.
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Würdest du dich als Feministin bezeichnen?
Nein. Gar nicht. Das habe ich immer abgelehnt. Mit dem Film mag es in manchen Phasen so rüberkommen. Aber ich habe nie dieses Frauen-unter-sich-Solidaritätsgefühl gespürt – und das ist es ja, was Feminismus auch ausmacht.
Hast du dich als Frau im Radsport benachteiligt gefühlt?
Eher das Gegenteil. Ich hatte Vorteile, auch weil es einfach nicht viele gab. Wenn du nicht in einem Teich mit einer Million anderen Fischen schwimmst, hast du bessere Chancen.
Findest du es gerecht, dass Rampage-Siegerinnen dasselbe Preisgeld bekommen wie die Sieger? Bedenke: Männer müssen viel mehr riskieren, um auf Preisgeld-Platzierungen zu gelangen.
Ja, trotzdem, weil sie dieselbe Leistung bringen – auf ihrem Level. Die bringen nicht weniger Einsatz, nicht weniger Mut. Dass es sich komisch anfühlt, weil das Zuschauerinteresse bei Männern größer ist – ja, das ist eine andere Diskussion. Aber die Athletinnen sollen dasselbe kriegen.
Dennoch ist das Interesse an dem Männer-Event viel höher, weil spektakulärer. Und darauf bezieht sich Preisgeld ja – nach Reichweite. Fußballer verdienen Millionen, weil es Massen gucken. Frauen-Fußball gucken nur ein Bruchteil, deswegen gibt’s weniger Geld. Logisch, oder?
Vielleicht. Aber Schauspielerinnen verdienen im Durchschnitt nach wie vor weniger als ihre männlichen Kollegen, haben sie weniger Reichweite? Nein. Und wie ist es mit Alltagsjobs? Auch hier verdienen Frauen weniger, bringen aber nicht weniger Leistung.
Stimmt. Lass uns über weibliche Bikerinnen auf Insta sprechen. Haut zeigen gibt mehr Reichweite als Leistung auf dem Bike – so bekommen sie auch eher Sponsoren. Einverstanden?
Ja, da reagiere ich allergisch drauf. Also dieses bewusste Dekolleté-und-Feminin-Ding, das bringt Klicks auf Social Media – wirkt aber oft nicht authentisch. Doch am Ende kann jede machen, was sie will. Die Mädels wären übrigens nicht so erfolgreich, wenn Männer sie nicht liken und folgen würden.
Du lachst dabei.
Weil es ja eigentlich witzig ist, oder? Mann sieht sexy Bikerin, die Haut zeigt, und das funktioniert dann. Hormongetrieben. Männer klicken, die Frauen bekommen Likes und Follows und machen Reichweite und damit Geld. Verrückt.
Nerven dich Bikerinnen wie Emma Olofsson? Sie ist von OnlyFans gesponsert und postet sexy Bike-Content auf ihrem Insta-Account?
Haha, die hab ich schon gesehen. Die ist voll in your face, Tanga bis zu den Schultern, Hose ganz runter. Das ist ihr Style. Das wirkt ja schon eher wie eine Parodie. Keine Ahnung, ob die pornografischen OnlyFans-Content macht. Doch sie macht das auf Insta nicht so unterschwellig, sondern steht dazu. Why not. Die sitzt übrigens auch richtig gut auf dem Bike.
Aber ich dachte, du reagierst da allergisch.
Wenn’s nicht zusammenpasst. Wenn du die krasseste Mountainbikerin bist, richtig am Limit fährst – und dann zwischendurch postest, wie du im Bikini am Strand liegst. Nur für Likes. Das passt nicht zusammen. Das ist dann halt … durchsichtig. Aber ich will mich da gar nicht eindeutig positionieren, jeder kann machen, was er will.
Du hast selbst bei dem Cyclepassion-Kalender mitgemacht, bei dem Promi-Bikerinnen sexy inszeniert wurden.
(seufzt) War klar, dass du das jetzt erwähnst. Witzigerweise bin ich gestern über den Kalender gestolpert und dachte: Fuck. Das würde ich heute definitiv nicht mehr machen.
Du warst 23 Jahre, das geht als Jugendsünde durch.
Eindeutig. Es war damals interessant, das damals gemacht zu haben – aber heute finde ich das komisch.
Damals lief das noch unter „Ästhetik“. Playboy, Cyclepassion – das war Kunst, nicht Porno.
Ja, der Zeitgeist hat sich komplett gedreht. Was früher irgendwie in Ordnung war, stößt heute sofort auf. Und das finde ich eigentlich auch richtig so. Es war darauf angelegt, dass es Männern gefällt. Der Gedanke gefällt mir irgendwie nicht.
Zurück zu deinem Film. Wie lange dreht ihr schon?
Vor knapp einem Jahr haben wir begonnen. Gedreht haben wir dann diesen Sommer – Mai bis Juli. Insgesamt 14 Drehtage. Jetzt ist er fast fertig.
Wann ist er zu sehen?
Die Premiere findet am Muttertag nächsten Jahres statt. Das Datum passt sehr gut, wie wir finden.

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