​Staub, Steine, StressDer Worldcup-Start in Korea wird härter als gedacht

Dimitri Lehner

 · 30.04.2026

Jetzt gemeinsam im Team – und Favoriten für Korea: Aaron Gwin & Asa Vermette.
Foto: Brett Hemmings / Red Bull
BIKE: Marcus, alle sind gespannt auf die neue Saison. Die Junioren wie die Alran-Brüder oder Hardline-Sieger Asa Vermette rücken auf, das Fahrerfeld mischt sich neu. Was erwartest du von der neuen Strecke? Man hört Stimmen, sie sei langweilig.

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Neue Strecke, neue Saison, alte Frage: Wer kann das? In Korea wartet kein Show-Track, sondern ein Staubkessel mit Überraschungen. Ex-Profi Marcus Klausmann erklärt, warum das Rennen brutaler wird als viele glauben – und welche Fahrer jetzt im Fokus stehen.

Die Strecke: Trocken, schnell – und tückisch

„Langweilig?“ Wer das sagt, hat keine Ahnung. Die Strecke in Korea wirkt auf den ersten Blick unspektakulär. In Wahrheit ist sie ein Verschleißtest.

Der Boden: knochentrocken.

Staub frisst Kontur. Steine liegen unsichtbar im Kurs. Bremswellen wachsen mit jeder Abfahrt.

Klausmanns klare Worte: „Das wird brutaler, als viele glauben.“

Und vor allem: Es wird ein Materialkiller. Reifen, Felgen, Fahrwerke – alles am Limit.
Klausmanns Prognose ist klar: Viele Defekte. Viele Fehler. Viele Fragezeichen.

Wer hier schnell sein will, braucht mehr als Mut.
Er braucht ein Auge für Linien – Zentimeterarbeit statt Draufhalten, neue Linien sehen, statt da fahren, wo alle fahren.

Schlüssel zum Sieg: Sehen, bevor es knallt

In Korea gewinnt nicht der Mutigste.
Sondern der Klügste.

Staubschlacht und Materialschlacht: Marcus Klausmann über den World-Cup-Auftakt

Klausmann: Das Gegenteil ist der Fall. Ich glaube, das wird eine der heftigsten Strecken überhaupt. Sie ist brutal trocken. Wenn der Boden schon bei einem einzelnen Fahrer „explodiert“, kann man sich vorstellen, was passiert, wenn 160 Profis darüberjagen. Die Piste wird auseinanderfallen. Es bilden sich knietiefe Bremswellen und überall lauern lose Steine im Staub.

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BIKE: Das klingt nach einem Albtraum für die Reifen.

Klausmann: Absolut. Wir werden viele Defekte sehen, weil man die Steine im tiefen Staub gar nicht sieht. Das Fahrwerk wird maximal beansprucht. Es wird für die Fahrer viel brutaler und spannender, als viele jetzt noch glauben.

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Die Favoriten: Wer kommt mit dem Staub klar?

BIKE: Wer sind deine Favoriten für diese Bedingungen?

Klausmann: Schwierig. Super schwierig. Da sind die Bekannten: Henri Kiefer, Loïc Bruni und Jackson Goldstone. Aber die wichtigste Frage lautet: Was machen die aufgerückten Alrans, Max und Till? Was macht Hardline-Sieger Asa Vermette, wenn er „on fire“ ist? Bei Trockenheit ist er super.

BIKE: Und die „alte Garde“ wie Danny Hart, Troy Brosnan oder Bernard Kerr?

Klausmann: Troy Brosnan ist aus der alten Garde der Einzige, den ich als konkurrenzfähig einstufe – gemeinsam mit Aaron Gwin. Troy hat bei der Hardline gezeigt, dass er in Topform ist. Und Gwin hatte jetzt im Vorfeld schon einige Rennen, wo er echt überrascht hat. Der Wechsel zu Frameworks hat ihm gut getan. Er und sein Teamkollege Asa Vermette profitieren extrem voneinander. Die beiden sind Experten für trockene, staubige Strecken – ein Riesenvorteil für Korea. Du sprichst Danny Hart an – Danny hatte letztes Jahr schon Probleme – bei ihm sehe ich keine Tendenz mehr nach vorn. Bernard Kerr hatte die schwere Verletzung an beiden Händen. Man weiß nie, was da mental hängen bleibt. Er braucht Zeit, um wieder in den Rhythmus und das Vertrauen in den Körper zu finden. Er wird auch nicht jünger.

BIKE: Was ist entscheidend für den Sieg?

Klausmann: Ein gutes Auge. Man darf nicht stumpf durch die Bremswellen holzen. Man muss mal fünf Zentimeter links oder rechts fahren, um Schläge zu umgehen. Goldstone und die Alran-Brüder können das perfekt. Sie sind clever auf dem Rad und entscheiden blitzschnell. Bruni ist natürlich auch ein ausgefuchster Hund – der kann überall gewinnen, egal ob Matsch oder Staub.

​​BIKE: Welcher der Alrans ist schneller?

Klausmann: Max ist der Schnellere. Aber noch zur Frage der Top-Favoriten: Die Leistungsdichte im Worldcupfeld ist extrem hoch. Da könntest du noch zehn Namen nennen, die gewinnen können wie Henri Kiefer oder Luke Meyer-Smith. Amaury Pierron darf man nicht vergessen. Oder Loris Vergier.

BIKE: Auf welchen Fahrer freust du dich speziell?

Klausmann: Max Alran.

Technik-Check: Keine Schnellschüsse bei den Laufrädern

BIKE: Auf Pinkbike sah man ein Rad von Reese Wilson mit einem Vorbau, der nach hinten zeigt. Und es gibt Gerüchte um 32-Zoll-Vorderräder. Was hältst du davon?

Klausmann: Viele Wege führen nach Rom. Am Ende zeigt nur die Stoppuhr, was passt. Das Thema 32 Zoll ist komplexer, als viele glauben. Wir hatten das schon beim Wechsel von 26 auf 29 Zoll: Erst kam die Panik, dann abenteuerliche Konstruktionen, und schließlich der Rückwärtsgang, um alles solide neu aufzubauen. Und was das Bike von Reece Wilson betrifft: Hinter der Achse zu lenken ist im Motocross ganz normal. Da geht es drum, auszuprobieren und zu checken, ob es dich schneller macht. Da gibt es nicht richtig und falsch. Es muss zu dir passen.

BIKE: Also keine Goldgräberstimmung wie beim letzten Mal?

Klausmann: Die großen Teams wie Santa Cruz Syndicate oder Specialized sind vorsichtiger geworden. Ein 32er Vorderrad raubt Beinfreiheit – viele Fahrer haben ja jetzt schon schwarze Streifen vom Hinterrad an der Hose. Mit einem 32/29er-Mullet zerfetzt es dann die Hose. Kurzum: In einer Zeit, in der Fahrwerke perfekt eingestellt sind, macht niemand mehr gravierenden Änderungen im Trial&Error-Style. Die Worldcups sind zu wichtig, um etwas zu probieren, das dann nicht wirklich funktioniert.

BIKE: Rechnest du damit, dass wir das erste 32/29er-Mullet sehen?

Klausmann: Jetzt noch nicht. Gerade wird im Verborgenen getestet und entwickelt. Doch die Race-Teams bringen nichts, bevor sie nicht wissen, dass es auch besser, sprich schneller ist.

Die neue Generation der Frauen

BIKE: Gracey Hemstreet hat letztes Jahr dominiert. Wie siehst du sie und die Konkurrenz?

Klausmann: Sie ist beeindruckend, ohne Frage. Aber bei den Frauen fällt mir eine Vorhersage sehr schwer. Wenn es Gracey Hemstreet gelingt, konstanter zu werden, haben es die anderen Frauen schwer. Fahrerisch sehe ich sie am stärksten, auch wenn sie im Kopf vielleicht noch nicht so stabil ist wie eine Valentina Höll.

BIKE: Was sagst du zu Louise Ferguson? Sie ist bei der Red Bull Hardline in Wales über 15-Meter-Gaps gesprungen.

Klausmann: Das ist eine andere Liga. Es kommt gerade eine junge Generation bei den Damen nach, die fahrtechnisch den „Alten“ überlegen ist. Denen fehlt nur noch die Erfahrung und Kondition, weil sie noch zu jung sind. Dennoch: Die etablierten Fahrerinnen werden in den nächsten zwei Jahren massive Probleme bekommen.

Dimitri Lehner ist diplomierter Sportwissenschaftler. Er studierte an der Deutschen Sporthochschule Köln. Ihn fasziniert fast jede Disziplin des Funsports – neben Biken ganz vorne: Windsurfen, Skifahren und Fallschirmspringen. Seine neueste Leidenschaft: das Gravelbike. Damit fuhr er kürzlich von München an die Ostsee – und fand es herrlich. Und anstrengend. Herrlich anstrengend!

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