Interview Max Hartenstern​„Wenn alles passt, ist alles möglich"

Laurin Lehner

 · 16.09.2026

Interview Max Hartenstern: ​„Wenn alles passt, ist alles möglich"Foto: Mona Gasbichler
Worldcup-Racer Max Hartenstern: “Mein Anspruch war, jeden Worldcup im Finale zu fahren.“
Gebrochene Kniescheibe, die falsche Rahmengröße und das Vertrauen in sich selbst, die Krise zu überstehen. Der sechsfache deutsche Downhill-Meister Max Hartenstern im Saison-Update.

Der DH-Worldcup zählt zusammen mit dem XCO-Pendant zur Formel 1 im Mountainbiking. Max Hartenstern (27) zählt zusammen mit Henri Kiefer zu den besten Deutschen. Im Gegensatz zu Henri Kiefer sind die großen internationalen Erfolge bei Max aber ausgeblieben – bis jetzt zumindest. Diese Saison läuft es für den sechsfachen deutschen Downhill-Meister so gar nicht. Zeit, mit Max zu quatschen – über Speed, Frustration und den Willen, es doch noch aufs Worldcup-Podium zu schaffen.

Interview Max Hartenstern: “Im Finale ist alles möglich”

Du bist bei der WM in Val di Sole gestürzt. Deine Verletzung klingt nach echtem Horror.

Nach außen klingt es krasser, als es ist. Die Kniescheibe ist einfach glatt durchgebrochen – nichts verschoben, nichts verrutscht. Es gibt schlimmere Verletzungen, vor allem was Schmerzen angeht. Ich habe gerade null Schmerzen. Gar nichts.

Die Saison neigt sich dem Ende. Du wirst mit deiner Saison nicht zufrieden sein.

Nein, meine Saison war ziemlich überschaubar, was gute Momente angeht. Viel Struggle. Ich hab ein neues Bike und ich habe ein Gefühl gesucht, das ich einfach nie richtig gefunden habe – egal, was wir probiert haben. Deswegen war mein bester Moment wahrscheinlich in der Sommerpause, als wir nochmal von Null angefangen haben. Da kam das Gefühl langsam zurück. Ich habe wieder angefangen, das Bike zu fahren – und nicht das Bike mich.

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Was genau heißt das?

Es war zu groß. Wir entschieden uns ein großes Bike zu fahren. 490 mm Reach – und das hat einfach nicht zu meinem Fahrstil gepasst. Bis zu einer gewissen Geschwindigkeit war es okay, aber dann hat mich das Bike irgendwann einfach nur noch mitgenommen. Passagier statt Pilot. Ich habe jetzt 10 mm weniger Reach, fahre 480 mm – und sofort kam der Speed zurück.

Das alleine war das Problem?

Ja, im Winter hat es sich gut angefühlt. Man merkt manche Sachen halt erst, wenn man wirklich Rennen fährt. Da kann man niemandem die Schuld geben. Bei einem neuen Bike kann man sich schnell mal in die falsche Richtung leiten lassen. Entscheidend ist, dass wir es am Ende rausgefunden haben. Jetzt bin ich happy. Danach lief es noch immer nicht rund, doch dann lag es nicht mehr am Bike.

Was hast du dir vorgenommen?

Mein Anspruch war, jeden Worldcup im Finale zu fahren und im besten Fall durch Q1 zu kommen. Letztes Jahr hat das solide gepasst, dieses Jahr nicht. Aber manchmal steckt man nicht drin. Manchmal kommen Sachen, die man nicht kontrollieren kann.

Lass uns über Speed reden. Der Worldcup ist brutal eng – wenn du in den Top 30 bist, bist du einer der Besten der Welt. Was braucht es, um wirklich schnell zu sein?

Ein gutes Bikegefühl. Du musst mit deinem Bike eins sein, volles Vertrauen ins Material haben. Wenn das gepasst hat, kam der Speed von ganz allein. Und dann kamen auch die guten Ergebnisse.

Wieviel Prozent macht das Bike aus?

Schwer in Zahlen zu fassen – aber viel. Du fährst so nah am Limit, dass du mit deinem Bike absolut matchen musst. Sonst geht es einfach nicht.

Und das Mindset?

Genauso entscheidend. Du musst locker sein, gelassen. Da spielen so viele Faktoren rein – das Bike, der Kopf, der Schlaf, die Recovery, das Selbstvertrauen. Wenn alles zusammenpasst, rollst du. Wenn nicht, kämpfst du gegen dich selbst.

Du bist 27. Das Wort „Nachwuchstalent" zieht nicht mehr. Wie gehst du mental damit um, dass du weißt, du willst an die Spitze – aber da oben geben die Franzosen den Ton an?

Gewinnen will jeder. Ich würde lügen, wenn ich sage, ich nicht. Aber du kannst dir im Finale kein konkretes Ziel setzen. Du musst einfach am Limit rollen, die Bedingungen lesen und alles abrufen. In den Qualirunden musst du richtig setzen – da muss alles zusammenpassen. Und wenn das gelingt, ist im Finale alles möglich. Das haben wir ja immer wieder gesehen.

Du versuchst seit fast einem Jahrzehnt aufs Podium zu fahren, bisher ist es nicht gelungen. Fällt es dir manchmal schwer, selber noch daran zu glauben?

Nein. Wenn alles an einem Tag zusammenpasst – dann ist das möglich. Es ist keine Illusion. Es haben immer wieder Leute gezeigt, dass das geht (Anmerk. der Red. z.B. Oisin O'Callaghan). Und wenn das Puzzle komplett ist, dann ist das alles möglich. Guck dir die Zeiten an, das ist alles so eng.

Es gibt Leute, die wundern sich über Racer, die noch mit weit über 30 Jahren Worldcups fahren, obwohl sie die vergangenen zehn Jahre nur in den Top 40 gelandet sind oder sich gar nicht mehr fürs Finale qualifizieren. Kannst du den Gedanken nachvollziehen?

Nein, denn als Racer gibt man nie auf. Vermutlich können das Außenstehende nicht verstehen. Wenn du Racer bist und an dich glaubst, dann hast du auch das Gefühl, dass es noch klappen kann für ganz oben. Kurzum: Solange man den Glauben an sich selber nicht verliert, und man weiß, was man kann, motiviert ist und Spaß hat – warum soll man aufhören?

Wie schwer oder einfach ist es für dich, mit solchen Situationen wie aktuell umzugehen?

Das gehört zu dem Sport dazu und man lernt damit umzugehen. Frustrierend ist es schon. Es hat mich noch nie so getestet wie dieses Jahr. Aber den Spaß habe ich nie komplett verloren. Dafür fahre ich einfach zu gerne Rad. Zu gerne schnell. Zu gerne Rennen.

Worldcup-Racer Max Hartenstern: “Manche meinen, das ist nur ein Kumpel-Typ, mit dem man plaudert.“Foto: Mona GasbichlerWorldcup-Racer Max Hartenstern: “Manche meinen, das ist nur ein Kumpel-Typ, mit dem man plaudert.“

Hast du einen Mentalcoach?

Ja. Sonst hätte ich dieses Jahr vielleicht schon aufgegeben.

Spannend, wie hilft er dir konkret?

(lacht) Das fragen viele. Manche meinen, das ist nur ein Kumpel-Typ, mit dem man plaudert. Aber es ist anders. Er hilft dir, Blockaden zu finden. Wie man Spaß nicht verliert, wenn Sachen nicht funktionieren. Wie man locker bleibt, wenn das Material nicht passt. Wie man nicht in ein Loch fällt. Es ist immer situationsabhängig – was gerade das Problem ist, da setzt er an.

Gib mir mal eine konkrete Situation und wie er dir geholfen hat?

Puh, das ist schwierig. Überhaupt ist es schwer zu erklären, warum mich Gespräche mit ihm weiterbringen.

Versuchs mal?

(Denkt nach) Kann ich gerade nicht. Vielleicht zeichne ich es mal für euch auf (lacht).

Wie oft telefonierst du mit ihm?

In einer Racewoche oft mehrmals. Wenn ich zu Hause bin, vielleicht einmal im Monat. Es läuft auch viel über Chat, je nachdem, was gerade brennt.

Spürst du Druck von außen? Auch von deinem Sponsor Cube. Denen würden Worldcup-Erfolge mit dem neuen Downhiller bestimmt gefallen.

Klar, aber nein. Ich bin lange genug mit den Leuten zusammen, die mich unterstützen. Die verstehen, dass man mal ein schlechtes Jahr haben kann. Da spüre ich keinen Druck.

Stuttgart Cerro Abajo – fast 100.000 Zuschauer. Du warst eingeladen, konntest wegen des Team-Fokus auf den Worldcup nicht starten. Bereust du das?

Im Nachhinein? Ja, ich wäre super gerne gefahren. Ich bin ein riesiger Fan von City Downhill, schon seit den alten Lissabon-Zeiten. Das Format ist simpel, die Zuschauer kommen, die Coverage ist brutal. Red Bull pusht das, die Millionen-Aufrufe sind da, das Preisgeld stimmt. Das pusht den Sport enorm.

Würdest du sagen, ein Stuttgart-Start ist medial mehr wert als ein Worldcup-Start?

Möglicherweise, ja. Das ist ein Riesengesprächsthema – auch bei uns im Worldcup-Fahrerlager. Die Reichweite ist einfach eine andere.

Aber der Worldcup bleibt das Herzstück des Sports, oder?

Definitiv. Mountainbiken ist im Gelände. Das wird nie wegfallen. Aber wenn City Downhill weiter wächst und die Leistungsdichte steigt, musst du dich entscheiden – das kannst du nicht mal eben nebenher machen. Ich glaube, das wird alles noch viel größer.

Wie siehst du den DH Worldcup unter Warner Bros. Discovery – alles richtig gemacht?

Im Großen und Ganzen ja. Vielleicht könnte man das Fahrerfeld noch etwas vergrößern, gerade wenn so viele starke Junioren nachrücken. Aber das Format ist top. Es ist knallhart, wie Formel 1 im Mountainbike. Da passt es.

Whistler ist neu, Korea war neu – aber viele beklagen, dass es immer die gleichen Stops gibt. Das verstehe ich. Aber es ist anscheinend brutal teuer, einen Worldcup auszurichten. Neue Stops kommen, das ist cool. Es könnten definitiv mehr sein.

Letzte Frage: Wenn du in ein paar Wochen wieder auf dem Bike sitzt – was ist der Plan?

Weniger am Bike rumbauen. Weniger verändern. Mehr Fokus auf Linienwahl, mehr Spaß haben. Und wenn das alles zusammenpasst – dann ist alles möglich.

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Laurin Lehner

Laurin Lehner

Redakteur

Der gebürtige Südbadener Laurin Lehner ist laut eigenen Angaben ein lausiger Racer. Vielleicht fasziniert ihn deshalb kreatives, verspieltes Biken. Für ihn zählt nicht, wie schnell man von A nach B kommt, sondern was dazwischen passiert. Lehner schreibt Reportagen, interviewt Szene-Größen und testet Produkte und Bikes - am liebsten welche mit viel Federweg.

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