War früher alles besser? Natürlich nicht. Nostalgie ist schließlich auch nur die Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die man sich im Rückblick hübscher färbt. Beim Mountainbike-Video allerdings hat die gute alte Zeit einen Punkt.
Damals gab es New World Disorder. Eine große Produktion, ein großer Termin, große Vorfreude. Dazu ein paar kleine Independent-Filme, manche gut, manche eher für den gelben Sack. Aber die Szene wartete auf den Herbst. Keine Spoiler, keine Vorschau im Sekundentakt. Dann kam die Premiere – und anschließend wurde monatelang diskutiert, welcher Fahrer welchen Drop eigentlich am geilsten gerockt hat.
Heute? Ein Wisch, ein Stunt, nächster Wisch. Noch ein Stunt. Noch größer, noch schneller, noch spektakulärer. Und ehe das Gehirn überhaupt „Wow“ sagen kann, liegt schon der nächste Clip auf dem Tisch.
Als YouTube (2005), Instagram (2010), TikTok (2018) kamen, änderte sich alles. Plötzlich konnte jeder filmen, schneiden, veröffentlichen und sich selbst zum Star erklären. Die Demokratisierung des Contents, nennt man das. Klingt schön.
Früher saßen Produzenten wie Derek „Big D“ Westerlund (New World Disorder) am Schalthebel.
Wer im Film vorkam, konnte Karriere machen. Fast garantiert.
Wer nicht vorkam, konnte sich den nächsten Sponsorvertrag abschminken. Fast garantiert.
Talent allein genügte nicht immer. Ein bisschen Arschkriecherei (”Ass kissing”), wie die Amerikaner sagen, konnte nicht schaden.
Heute braucht man keine Filmcrew und keinen Big D mehr. Ein Smartphone genügt. Das ist zweifellos großartig. Nur hat die Demokratisierung einen Kollateralschaden: Sie produziert mehr, als wir noch anschauen können.
Neurowissenschaftler wissen: „Viel von etwas Gutem macht es nicht besser, sondern wirkungslos!“. Irgendwann stumpft der Reiz ab. Genau dort stehen wir.
Der Content steht uns bis zum Hals. Alles ist spektakulär, alles ist hochwertig, alles ist „insane“ und „so sick!“ Und genau deshalb ist irgendwann nichts mehr spektakulär.
Dazu kommt das Misstrauen. Schon vor der KI-Zeit wurden wir ordentlich an der Nase herumgeführt. Ich erinnere mich an einen Clip eines französischen Wingsuit-Piloten, der angeblich als Erster ohne Fallschirm am Gardasee auf dem Wasser gelandet war. Er schoss so flach über die Oberfläche, dass es aussah, als würde er wie ein Wasserflugzeug landen.
Zehn Millionen Viewer. Viele glaubten es. Ich übrigens auch – obwohl ich selbst Fallschirm springe und Gleitschirm fliege. Der Clip war damals noch vergleichsweise plump gefakt. Heute sind die Grenzen zwischen spektakulär, inszeniert und schlicht erfunden endgültig weich geworden.
Wir leben in Fake-Times.
Das Bittere daran: Selbst als Hardcore-Fan stylischer Bike-Action winke ich inzwischen bei vielen Edits ab. Nicht weil sie schlecht wären. Im Gegenteil. Sie sind zu gut. Zu viele. Meine Aufmerksamkeitsspanne hat kapituliert.
Mein Bruder Laurin sieht es ähnlich: „Ich schaue eigentlich gar nichts mehr. Wenn, dann vielleicht 20 Sekunden. Außer es ist wirklich authentisch – wie die Edits von Johannes Fischbach.“
Das ist interessant. Denn Fischbachs Videos sind nicht unbedingt Hochglanzproduktionen. Aber sie wirken echt, spontan, manchmal herrlich bescheuert. Und genau deshalb bleiben wir hängen.
Vielleicht liegt darin die Ironie des Content-Zeitalters: Wir haben uns so sehr an Perfektion gewöhnt, dass uns plötzlich das Unperfekte wieder packt.
Wir brauchen keine besseren Stunts. Wir brauchen weniger davon.
Wie seht ihr das? Liege ich voll daneben? Ist die Video-Flut mehr Segen als Fluch?
Lasst es mich wissen – ich freu mich über euere Kommentare!
Und noch mehr über einen Knaller-Typ, was ich mir unbedingt angucken soll.
Hier sind drei Clips, die es durch meine persönliche Firewall geschafft haben. Geil oder geil?

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