Tom van Steenbergen wurde in den Niederlanden geboren und begann mit elf Jahren gemeinsam mit seinem Bruder Bas BMX-Rennen zu fahren. 2010 zog die Familie nach Kanada, nach Kelowna in British Columbia. Dort tauschte Tom die BMX-Bahn gegen Berge, Sprünge und jene Sorte Gelände, die auf Wanderkarten meist nur braun schraffiert ist. Sein Bruder wurde ebenfalls Profi. Andere Familien spielen sonntags Badminton, nicht die Van Steenbergens.
Tom Van Steenbergen – in der Szene kurz TvS genannt – wechselte vom Slopestyle zum Big-Mountain-Freeride, ohne das eine für das andere aufzugeben. Er kann technisch, er kann groß, vor allem kann er beides gleichzeitig. Bei ihm sieht selbst ein Frontflip über eine Schlucht so aus, als sei er das Ergebnis ewigen Trainings, sorgfältiger Berechnung und mentaler Vorbereitung. Von wegen: oft sind seine Superstunts schnelle Spontanentscheidungen.
Seit seinem Auftritt bei der Red Bull Rampage 2014 gehört er zur ersten Reihe der Freerider. Damals versuchte er einen Frontflip über rund 21 Meter – ein Manöver, das bis heute als einer der krassesten Tricks der Sportgeschichte gilt. 2017 brachte er den Caveman Drop in die Rampage: Der Fahrer springt ohne Bodenkontakt auf sein fallendes Rad und hofft, dass beide rechtzeitig in die richtige Position kommen, um die Landung zu verdauen.
Die Rampage ist kein Mountainbike-Wettkampf im üblichen Sinn. Es gibt keine vorgegebene Strecke. Die Fahrer bauen sich Linien in die steilen Sandsteinflanken von Utah, setzen Absprünge an Abgründe und lassen Juroren anschließend bewerten, wie stilvoll sie der Schwerkraft widersprochen haben. Mehr noch: Die Red Bull Rampage ist das prestigeträchtigste Medien-Spektakel im Freeriding und für viele Athleten die einzige Chance sich zu profilieren. Mit der Folge, dass viele mehr riskieren als sie sollten. Einer davon: TvS.
2021 beginnt van Steenbergen seinen Lauf mit einem Frontflip von einem gewaltigen Felsdrop. So was hatte die Welt bis dahin noch nicht gesehen. Höchstes Risiko. Höchste Schwierigkeit. Im Grunde: absolut verrückt. Ein Kamikaze-Move, der den Athleten schnell in den Rollstuhl befördern kann. Doch Tom landet den Trick. Wenige Sekunden danach misslingt ein “normaler” Backflip.
Ironie des Schicksals – vielleicht sah sich TvS schon als Rampage-Sieger nach dem gestandenen Frontflip.
Van Steenbergen schlägt ein. Beide Hüftpfannen brechen mehrfach, dazu der obere Teil eines Oberschenkelknochens und mehrere untere Wirbel. In der bereits angeschlagenen Schulter reißt ein Band. Drei Monate kann er nicht laufen. Die Ärzte halten es zeitweise für möglich, dass er nie wieder normal gehen wird.
Der schlimmste Teil, sagt er später, sei nicht allein die Verletzung gewesen. Unmittelbar vor dem Sturz hatte er den größten Erfolg seiner Karriere erlebt: jenen Frontflip, für den er jahrelang gearbeitet hatte. Dann lag beides nebeneinander – Triumph und Trage.
Van Steenbergen nennt sich rückblickend ein Wrack, körperlich wie mental. Die Rehabilitation braucht deshalb ein Ziel. Und weil Freerider bei der Wahl ihrer Ziele selten mit einem Spaziergang beginnen, entscheidet er sich für die nächste Rampage.
2022 kann er erst zwei Monate wieder richtig biken, als er nach Utah zurückkehrt. Sein Lauf reicht nicht fürs Podium. Trotzdem verleihen ihm die anderen Fahrer den McGazza Spirit Award. Schon unten anzukommen ist diesmal eine sportliche Aussage. Dennoch ist TvS unzufrieden. Er sagt: „Das bin nicht ich. Mein Fans erwarten keinen Sicherheits-Run von mir.”
Bemerkenswerter als der Start ist eine Entscheidung, die er oben am Berg trifft: Van Steenbergen verzichtet auf einen geplanten Backflip. Das Rad fühlt sich nicht richtig an, das Verhältnis von Risiko und Ertrag stimmt nicht. Für jemanden, dessen bisherige Methode oft aus „Zähne beissen und trotzdem machen“ bestand, ist der Rückzug fast ein neuer Trick. Später sagt er, diese Absage habe ihm mehr abverlangt, als einfach durchzuziehen.
Das ist die eigentliche Veränderung nach dem Sturz. Van Steenbergen fährt nicht plötzlich vorsichtig. Aber er unterscheidet genauer zwischen einem Risiko, das etwas bringt, und einem, das nur krass aussieht.
2023 beendet er die Rampage auf Platz zwei. Sein Lauf beginnt mit dem Caveman Drop und setzt jene Mischung fort, für die er bekannt ist: Big-Mountain-Linien, verbunden mit Tricks aus dem Slopestyle. Zwei Jahre nach dem Unfall steht er damit wieder auf dem Podium desselben Wettbewerbs, bei dem unklar geworden war, ob er je wieder normal laufen könnte.
2024 gewinnt er zusammen mit Filmer Calvin Huth Gold bei X Games Real MTB. Für den 90-Sekunden-Film fährt er drei verschiedene Räder an mehreren Orten und verbindet Street, Slopestyle und Big Mountain. Im Gegensatz zum Vorjahr ist die Szene einig: TvS hat Gold verdient für sein Edit.
Im selben Jahr springt er bei der Rampage erneut einen Frontflip von seinem größten Drop und gewinnt wieder den Best-Trick-Award. Doch er wird mit dem krassesten Stunt, der je im Freeriding gemacht wurde, nur Vierter. Viele Fans verstehen die Welt nicht mehr. Auch Tom ist überrascht – was ist los mit den Wettkampfrichtern.
2025 folgt Rang drei bei der Rampage. Van Steenbergen erzielt 94 Punkte und fehlt damit nicht einmal ein halber Punkt auf Platz zwei. Der Mann, der einmal lernen musste, wieder zu gehen, gehört nun zuverlässig zu den krassesten Rampage-Rittern. Aber: ein Sieg steht aus.
Van Steenbergen redet unaufgeregt über Dinge, bei denen anderen schon beim Zuschauen die Hände feucht werden. Vielleicht braucht es diese Nüchternheit. Wer vor dem Absprung lange über Abgründe spricht, bleibt irgendwann oben.
Seine Karriere erzählt deshalb weniger von Furchtlosigkeit als von einem ziemlich geschulten Umgang mit Angst. Mut heißt bei ihm nicht, keinen Zweifel zu haben. Mut heißt, den Zweifel mitfahren zu lassen – und gelegentlich auf ihn zu hören.
Tom van Steenbergen ist zurückgekehrt, ohne so zu tun, als sei nichts geschehen. Die Knochen sind verheilt, die Erinnerung fährt mit. Sie hält ihn nicht am Boden. Aber sie entscheidet inzwischen mit, wann er ihn verlässt.
Super sehenswert: Seine Edits, in denen er über Zweifel, Ängste, Hoffnungen spricht, dass seine blauen Augen leuchten.

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