Johannes Fischbach: Schon am Samstag im Training merke ich: Irgendetwas stimmt nicht. Die Strecke müsste mir liegen. Schnell, viel Beschleunigen, technische Kurven – eigentlich genau mein Ding. Ich hatte mich deshalb durchaus als Favoriten gesehen. Doch beim Training rutscht das Rad immer wieder weg. Nicht spektakulär, nicht einmal an Stellen, an denen ich am Limit bin. Es rutscht einfach. Und ich weiß nicht, warum.
Das ist für einen Rennfahrer ein ungutes Gefühl. Schnell sein ist gut. Langsam sein ist schlecht. Am schlimmsten aber ist, nicht zu wissen, ob man schnell oder langsam ist.
Normalerweise suche ich mir im Training einen Fahrer, dessen Tempo ich einschätzen kann. Tomas Slavik zum Beispiel. Dann hänge ich mich hinten dran und sehe: Zieht er weg? Kann ich locker folgen? So bekommt man ein Gefühl dafür, wo man steht. In Stuttgart gelingt mir das nicht. Sobald ich irgendwo stehen bleibe, heißt es: „Fischi! Foto?“ Dann kommt das nächste Foto, das nächste Autogramm, das nächste Interview. Wer einmal anhält, ist zehn Minuten später noch da.
Ich freue mich über jeden, der kommt. Wirklich. Aber dieses Wochenende gerate ich in einen Tunnel aus Training, Kameras und Menschen. Während sich die anderen Fahrer austauschen, bin ich irgendwo zwischen Mikrofon und Selfie verschwunden. Ich bekomme kaum mit, wer schnell ist, wer Probleme hat und wer überhaupt noch fährt.
Auch deshalb überrascht mich das Ergebnis so sehr. Alex Marin, der spätere Sieger, ist einer der talentiertesten Mountainbiker, die ich kenne. Ein begnadeter Techniker. Aber er wiegt vielleicht 65 Kilo, fährt ein Downhill-Bike und hat die weichsten Reifen montiert, die er finden konnte. Für diese Strecke ergibt das nach meinem physikalischen Verständnis ungefähr gar keinen Sinn.
Ich dachte: Hier brauchst du Gewicht. Du brauchst Power, um aus den Kurven heraus zu beschleunigen. Und wenn deine Masse erst einmal rollt, rollt sie eben. Alex dagegen ist leicht, hat nicht den größten Power-Output und sitzt auf einem Rad, das für diesen Kurs eigentlich zu viel ist.
Dann gewinnt er.
Manchmal ist Physik offenbar auch nur eine Meinung.
Der Kurs in Stuttgart hat mit Valparaíso oder anderen südamerikanischen Cerro Abajos wenig gemeinsam. Dort geht es oft schon darum, heil unten anzukommen. Du brauchst Mut, musst absurde Treppen-Gaps springen, improvisieren und gelegentlich so tun, als sei Selbsterhaltung nur eine unverbindliche Empfehlung der Rennleitung.
Stuttgart ist anders. Wenn man die Hindernisse in Ruhe anschaut, können viele gute Fahrer diese Strecke bewältigen. Die Schwierigkeit entsteht erst im Renntempo. Es gibt keine geheime Superlinie, kein Gap für Männer mit besonders großen Körperteilen. Alle fahren weitgehend dieselbe Spur. Entscheidend ist die Perfektion: jede Kurve, jeder Tritt, jeder Übergang. Ein kleiner Fehler zieht den nächsten nach sich.
Im Training finde ich diesen Rhythmus nicht. Und in der Qualifikation schon gar nicht.
Erst später, als ich mir die Aufnahme meiner Helmkamera ansehe, muss ich laut lachen. Meine Bremspunkte sind grotesk. Meine Oma hätte drei Meter später gebremst. Der Lauf sieht aus, als wäre ich unterwegs eingeschlafen und nur gelegentlich aufgewacht, um sicherheitshalber noch einmal den Bremshebel zu ziehen.
Das Schlimmste: Während der Fahrt halte ich den Lauf für gut.
Auf dem Weg ins Ziel denke ich: Das reicht locker fürs Finale. Also spare ich Kraft. Rund 50 Meter vor dem letzten Sprung höre ich auf zu treten. Ich lande, kurble nicht mehr und rolle aus. Im Kopf bin ich längst qualifiziert.
Im Ziel bin ich Dreizehnter.
Für einen Moment glaube ich, ausgeschieden zu sein. Ich habe nicht auf dem Schirm, dass nach mir nur noch zwei Fahrer kommen. Wenige Sekunden später begreife ich: Ich bin als Drittletzter gestartet. Ich kann gar nicht mehr aus den Finalplätzen rutschen.
Das war knapp. Und es wäre eine peinliche Nummer geworden: als Favorit antreten und dann ausscheiden, weil man sich die letzten Meter für ein Finale schont, an dem man beinahe nicht teilnimmt.
Gleichzeitig ist diese miserable Qualifikation genau der Realitätscheck, den ich brauche. Bis dahin wusste ich nicht, ob mir nur das Gefühl fehlt oder tatsächlich das Tempo. Jetzt ist die Antwort klar: Fischbach, dir fehlt komplett der Speed.
Ich fahre sofort wieder nach oben, suche mir eine ruhige Ecke und gehe den Lauf im Kopf durch. Hier später bremsen, dort stärker treten, da aggressiver einlenken. Doch egal, wie ich rechne: Drei Sekunden Rückstand finde ich nicht. Ich überlege sogar, noch einmal die Reifen zu wechseln. Aber irgendwann bleibt nur eine Strategie übrig: aufhören zu rechnen. Stattdessen: alles geben!
Schon die Reifenwahl hatte mich beschäftigt. Der größte Teil der Strecke ist trocken und schnell. Also hatte ich zwischenzeitlich nahezu profillose Reifen montiert – aalglatte Slicks wie im Moto-GP, gemessen an dem, was man sonst beim Urban Downhill fährt. In Genua waren die Slicks meine Geheimwaffe.
Unten funktionieren sie auch in Stuttgart hervorragend. Dann wird plötzlich der obere Streckenabschnitt geöffnet. Dort warten zwei flache Kurven mit losem Schotter und ein kleiner Brunnen, über den man springen muss. Nicht gut!
Ich stehe oben und denke: Großartig. Jetzt bin ich gleich der Depp, der mit seinen Slicks wegrutscht und im Brunnen landet vor laufenden Kameras
Also konzentriere ich mich so sehr darauf, vor der Rampe nicht wegzurutschen, dass ich das Naheliegende vergesse: genügend Geschwindigkeit. Schon in der Luft merke ich, dass mir ein halber Meter fehlt. Ich schlage am Rand ein, der Reifen bekommt einen kompletten Durchschlag. Später legen die Veranstalter einen Teppich über die Kante, weil der Brunnen noch mehreren Reifen den Garaus macht.
Eigentlich wäre der Sprung kein Problem gewesen. Aber ich wollte auf keinen Fall wegen meiner Reifen im Wasser landen. Deshalb bin ich fast wegen meiner Reifen im Wasser gelandet. Auch das gehört zur besonderen Logik eines Renntages. Kurzum: Die Slicks müssen wieder runter!
Im Finale fahre ich endlich so, wie man ein Rennen fährt: aggressiv, mit Intensität, ohne Oma-Bremspunkte. Fehlerfrei ist der Lauf trotzdem nicht.
Oben am Teehaus rutscht mir das Rad weg. Auf einem Holzelement muss ich bremsen, weil ich beinahe runter falle. Später komme ich zum Drop an der Brücke. Danach gibt es eine Innen- und eine Außenlinie. Dazwischen steht ein Ampelmast.
Ich nehme die Außenlinie, lehne mich in die Kurve – und plötzlich steht dieser Mast mitten in meiner Fahrbahn.
Nicht, weil ihn jemand dort plötzlich hingestellt hätte. Er stand das ganze Wochenende da. Ich hatte ihn nur vergessen. Komplett. In meinem Kopf existierte an dieser Stelle kein Ampelmastmehr.
Ich muss die Kurve wieder öffnen und komme gerade noch vorbei. Als ich später das Video sehe, erkenne ich meinen Blackout erst richtig. Einen Fahrfehler kann man erklären. Einen Ampelmast zu vergessen, ist schwieriger. Zumal Ampelmasten zu den Dingen gehören, deren Existenz man besser anerkennt, bevor man mit hoher Geschwindigkeit auf sie zufährt.
Trotzdem ist es ein guter Lauf. An diesem Tag hole ich alles heraus, was möglich ist. Natürlich entdecke ich später Stellen, an denen ich noch später hätte bremsen oder noch aggressiver fahren können. Rennfahrer finden immer Zeit, sobald das Rennen vorbei ist. Aber selbst fehlerfrei hätte es nicht für den Sieg gereicht. Vielleicht wären zwei oder drei Plätze mehr drin gewesen. Die Pace für ganz vorn war an diesem Tag nicht da.
Das kann ich akzeptieren. Schwerer wäre es, das Gefühl zu haben, nicht alles versucht zu haben.
Nicht nur ich rätsle über diesen Kurs. Tomas Slavik verpasst die Qualifikation. Pedro Ferreira, einer der Spezialisten aus Valparaíso, scheidet aus. Pedro Burns, dessen Schwerpunkt ebenfalls auf Urban Downhills liegt: raus. Fahrer, die auf solchen Strecken normalerweise zum Inventar der Spitze gehören, stehen plötzlich neben der Strecke und verstehen die Welt nicht mehr.
Slaviks Kopf raucht an diesem Abend. Meiner auch.
Denn gleichzeitig landen mehrere Fahrer mit Downhill-Bikes in den Top Sechs. Auf einer flachen Strecke, auf der ein schweres Rad nach meiner Überzeugung kaum Sinn ergibt. Alex Marin gewinnt sogar auf einem solchen Gerät. Er fährt den Kurs nicht mit Gewalt, sondern mit einer Perfektion, gegen die unsere Theorien ziemlich alt aussehen.
Genau das macht diesen Tourstopp interessant. Ein Cerro Abajo muss nicht überall gleich sein. Stuttgart ist kein Valparaíso in Schwaben. Die Strecke verlangt weniger Überlebenswillen, dafür mehr Präzision.
Und sie macht Spaß. Besonders die vier schnellen Switchbacks, so nenne ich die blauen Anliegerkurven. Eine katapultiert dich in die nächste. Dazu kommen die großen Sprünge im unteren Teil. Man kann diesen Kurs herunterrollen und richtig Spaß haben. Doch will man ihn gewinnen, wird aus dem Vergnügen Millimeterarbeit.
Sogar die südamerikanischen Fahrer, von denen manche anfangs wohl eine flache Tretstrecke befürchtet hatten, sind begeistert. Stuttgart serviert ihnen keinen müden Abklatsch ihrer Rennen. Die Stadt liefert etwas Eigenes.
Zwischendurch liefert sie auch Slapstick. Als Bernard Kerr ins Ziel kommt, sackt der aufgeblasene Red-Bull-Zielbogen zusammen. Adrien Loron und ich sprinten hin und halten den erschlafften Bogen hoch, damit Bernard darunter durchkommt. Dabei stehen wir mitten in der Lichtschranke und lösen die Zeitnahme aus. Zum Glück trägt jedes Rad einen Transponder. Sonst hätte man unsere Hilfsbereitschaft womöglich als neuen Streckenrekord gewertet.
„Fischi! Fischi! Fischi!“
Was mir von Stuttgart am stärksten bleibt, sind die Menschen.
Die Region ist mountainbikeverrückt. Dazu kommt, dass Cerro Abajo-Videos seit Jahren zu den meistgesehenen Clips unseres Sports gehören. Fast jeder kennt diese Bilder: schmale Gassen, Treppen, Sprünge, Mauern, Menschen direkt an der Strecke. Wenn so ein Rennen erstmals vor der eigenen Haustür stattfindet, fahren eben alle hin.
Überall höre ich meinen Namen. „Fischi! Fischi! Fischi!“ Das ist großartig und gleichzeitig schwierig. Während des Trainings kann ich nicht jedem gerecht werden. Sobald ich merke, dass ich mit der Strecke kämpfe, muss ich mich abschotten, direkt wieder nach oben fahren und mich auf meine Leistung konzentrieren. Dabei habe ich ein schlechtes Gewissen.
Nach dem Rennen bleibe ich deshalb stehen. Erst Interviews, dann Autogramme. Stunde um Stunde, bis es beinahe dunkel ist und fast der Letzte gegangen ist. Mein Kontakt zu den anderen Fahrern beschränkt sich an diesem Wochenende dagegen auf wenige Momente. Normalerweise sitzt man zusammen, redet über Linien und wundert sich gemeinsam. Diesmal komme ich immer zwei Stunden später zurück, weil irgendwo noch ein Mikrofon wartet.
Das Gesamtpodium verpasse ich. Vor dem Rennen bin ich Dritter, durch Alex’ Monsterlauf rutsche ich auf Rang vier. Natürlich wäre es schön gewesen, später im Pokalzimmer bei meinen Eltern eine Kette für den dritten Gesamtrang hängen zu haben. Aber meine Welt bricht deshalb nicht zusammen. Wäre ich als Führender angereist und noch zurückgefallen, würde es vielleicht anders wehtun. Dritter, Vierter – mei.
Wichtiger ist, was dieses Rennen zeigt. Urban Downhill bringt den Sport direkt zu den Menschen. Niemand muss auf einen Berg steigen oder tief in den Wald wandern. Die Fahrer fliegen mitten durch die Stadt, manchmal nur eine Armlänge von den Zuschauern entfernt. Wer das zum ersten Mal live sieht, kann kaum glauben, was mit einem Fahrrad möglich ist. Genau deshalb brüllen die Leute so.
Ich glaube, dass künftig auch mehr Worldcup-Fahrer und Teams diese Rennen ernst nehmen werden. Lange hieß es: zu gefährlich, passt nicht in den Kalender, lassen wir unsere Fahrer nicht machen. Aber die Reichweite und die Wirkung lassen sich schwer ignorieren. Näher kann eine Actionsportart ihrem Publikum kaum kommen.
Und was ist mit uns älteren Herren? Slavik ist nicht mehr der Jüngste, ich auch nicht. Nun kommen Fahrer Anfang 20, schnell, hungrig und offenbar ohne Respekt vor unseren Lebensläufen.
Sollen sie kommen.
Stuttgart war ein kurzer Schockzustand. Jetzt analysieren wir, lernen daraus und trainierenweiter. Beim nächsten Rennen gehören wir wieder zu den Favoriten.
Ganz sicher.

Redakteur
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