Der Überflieger im InterviewSlopestyler Emil Johansson hautnah

Dimitri Lehner

 · 03.12.2022

Der Überflieger im Interview: Slopestyler Emil Johansson hautnahFoto: Boris Beyer
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Emil Johansson (23) ist der beste Slopestyler der Welt. Er reiht Sieg an Sieg, zuletzt gewann er den Red Bull District Ride 2022 - mit einem ungeplanten Trick. Seine Konkurrenten scheinen sich damit abgefunden zu haben, die Plätze hinter ihm zu belegen. Wie tickt dieser Ausnahme-Athlet? Gar nicht leicht, das herauszufinden! Wir haben lange mit ihm gesprochen.

Emil Johansson (23), Team Trek

2016 startete der junge Schwede mit seiner Bike-Karriere gleich durch. Im Folgejahr gewann er den Whistler Joyride Slopestyle und konnte bis heute acht Crankworx-Slopestyles gewinnen. Kürzlich siegte Emil beim Image-trächtigen Red Bull District Ride in Nürnberg und wird vermutlich auch FMB-Worldchampion, schon zum dritten Mal (2017, 2021 und 2022).

FREERIDE: Acht Siege in Folge bei Weltklassewettkämpfen und jetzt auch der Sieg beim legendären District Ride in Nürnberg – da baut sich ganz schön Druck auf. Wie gehst Du mit diesem Druck um?

Emil Johansson: Ich habe keinen Mental-Coach, wenn Du das meinst, ich mache auch kein Yoga und meditiere nicht. Ich bin einfach ich selbst. Das funktioniert eigentlich sehr gut.

Beim District Ride hast Du als Einziger ein Slopestyle-Fully verwendet. Warum?

Weil ich’s kann (lacht). Und weil ich von Trek ein solches Bike bekomme. Es gibt keinen Grund, warum ich auf einem Hardtail fahren sollte.

Welcher District in Nürnberg hat Dir am meisten Spaß gemacht?

Der Halfpipe-District war am besten gebaut. In Nürnberg gibt es viele Bauauflagen für die Sprünge. Das macht es den Kurs-Designer nicht leicht, sie müssen oft einen Kompromiss eingehen.


Red Bull District Ride 2022: Emil Johansson nach seinem Sieg beim Best-Trick-Award Foto: Bartosz Wolinski
Red Bull District Ride 2022: Emil Johansson nach seinem Sieg beim Best-Trick-Award
Ich mag ganz cool wirken, doch ich bin nervös wie jeder andere auch.

„Das ist ein 360 Tailwhip to Barspin to opposite downside Tailwhip. So einen Trick kann ich gar nicht üben, denn nirgends gibt es so fette Jumps. Ich habe Teile davon trainiert und in Nürnberg zum ersten Mal zu einem Jump zusammengesetzt. Ich hatte die Trick-Kombo auch nicht geplant und wusste schon zwei Mal nicht, ob sie klappen würde. Es passierte einfach – kurz vor dem Sprung schaltete mein Puls auf Turbo. Doch das ist gut, denn dann stellt sich der Körper auf das ein, was kommt!“

Nicht geplant, einfach gemacht: Slope­style-Superstar Emil Johansson gewinnt den Best-Trick-Award mit dieser Trick-Kombo. Foto: Lars Scharl
Nicht geplant, einfach gemacht: Slope­style-Superstar Emil Johansson gewinnt den Best-Trick-Award mit dieser Trick-Kombo.

Max Fredriksson nennt Dich den besten Biker der Welt. Bist Du das?

Nun, das kommt drauf an, wie Du „der beste Biker“ definierst. Es gibt in den verschiedenen Disziplinen so viele extrem gute Biker.

Wer fällt Dir da ein?

Niemand, von dem ich sagen würde, er sei der beste Biker der Welt. Vermutlich gibt es den besten Biker der Welt gar nicht.

Also kein konkreter Fahrer, der Dir in den Sinn kommt?

Brandon Semenuk zum Beispiel? Es gibt viele, die mich inspirieren. Andere Fahrer, aber auch Athleten aus ganz anderen Sportarten. Skater, Snowboarder, Surfer zum Beispiel.

Du stehst jetzt schon an der Spitze Deines Sports. Mit 23 Jahren. Gar nicht so leicht, sich da weiterhin zu motivieren, oder?

Es gibt immer Vor- und Nachteile, wenn man in jungen Jahren viel erreicht. Ich bin mit 17 schon um die ganze Welt getourt, musste schnell erwachsen werden und lernen, mich um mich selbst zu kümmern. Schon mit 16 bin ich von zu Hause ausgezogen, weil die Trainingsmöglichkeiten daheim schlecht waren. Ich fuhr mit dem öffentlichen Bus durchs ganze Land, organisierte mein Training und meine Reisen. Doch Motivationsprobleme habe ich keine, denn es gibt so viel mehr.

Was genau?

Das Leben generell hat so viel zu bieten. Ich habe das Gefühl, dass da noch so viel mehr ist, was ich erreichen kann. Gelangweilt bin ich noch lange nicht. Und wenn, dann ändere ich was. Ich versuche, neugierig zu bleiben, neue Erfahrungen zu machen. Wo soll da also ein Nachteil liegen, schon viel in jungen Jahren erreicht zu haben?

Emil Johansson beim Crankworx Innsbruck 2022 Foto: Boris Beyer
Emil Johansson beim Crankworx Innsbruck 2022

Reden wir jetzt nur übers Biken?

Nun, ich kann ja nur ein paar Stunden am Tag biken. Da bleibt folglich viel Zeit für andere Dinge.

Zum Beispiel?

Das ist privat, das teile ich nur, wenn mir danach ist.

Willst Du mit uns teilen?

Ich lese zum Beispiel Bücher. Mich interessiert viel. Da werden andere konkret, ich nenne es: interessiert sein am Leben.

Warum hast Du Angst, konkret zu werden?

(Lacht) Ich habe keine Angst, konkret zu werden. Ich will zum Beispiel besser werden im Surfen oder Skifahren.

Fallen Dir die Sportarten leichter wegen Deiner motorischen Begabung beim Biken?

Ich glaube schon. Doch das kann ich nur schwer einschätzen. Dazu müsste ich in die Haut eines anderen schlüpfen. Ich bin davon überzeugt: Wenn man mit der nötigen Begeisterung rangeht, fällt es automatisch leichter. Momentan gilt meine ganze Leidenschaft aber dem Biken.

Du scheinst übernatürlich im Biken. Warum gelingt Dir das so gut?

Sind Deine Konkurrenten weniger begabt? Oder weniger diszipliniert? Woran liegt Deine Überlegenheit? Ja, manche nennen mich übernatürlich. Doch das unterstellt, dass mir das alles zufliegt. Tut es nicht. Ich stecke eine Menge Arbeit in den Sport. Woran es liegt, dass es den anderen Fahrern nicht in dem Maß gelingt, musst Du sie fragen.

Wenn man als Athlet ans Limit geht, spürt man immer was. Das ist Teil des Sports. Auch ich muss mich mit kleinen und großen Niederlagen rumschlagen.

All die Crashs, die harten Landungen – das hinterlässt Spuren?

Hast Du Schmerzen beim Aufstehen am Morgen? Wenn man als Athlet ans Limit geht, spürt man immer was. Das ist Teil des Sports. Auch ich muss mich mit kleinen und großen Niederlagen rumschlagen, mit Rückschlägen. Auch ich verstauche meinen Knöchel, breche meine Hand, zerre meinen Nacken. Dagegen kannst du nix tun, außer genug schlafen, dich gesund ernähren und deinen Körper schonen nach Verletzungen.

  Superman macht Superman: Emil beim Victory-Run in Innsbruck. Schon nach dem ersten Lauf stand der Sieg fest.  Foto: Boris Beyer
Superman macht Superman: Emil beim Victory-Run in Innsbruck. Schon nach dem ersten Lauf stand der Sieg fest.

Du hattest einen guten Mentor: Slopestyle-Ass Martin Söderström. Was war der beste Rat, den Martin Dir für Deine Karriere geben konnte?

Ich höre das immer wieder. Das stimmt so gar nicht. Ich lebte ganz woanders in Schweden. Martin habe ich nur wenige Male im Jahr getroffen. Ich hatte keinen wirklichen Mentor, nur viele Menschen, die mich unterstützten.

Slopestyler Thomas Genon überraschte die Szene, als er bei der Rampage startete. Heißt das: einmal gut auf dem Bike, immer gut auf dem Bike, egal auf welchem?

Nein, so läuft das nicht. Es hilft, doch du musst viel Zeit auf dem Bigbike verbringen, um gut zu werden.

Reizt Dich das Bigbike?

Oh ja. Die Red Bull Rampage steht auf meiner Liste.

Du hast 2019 bei der Rampage mitgemacht, wurdest 12ter.

Das war nur ein Versuch, ich wollte es mal ausprobieren, alles vor Ort erleben, um festzustellen, ob ich es mag. Eine Art Big-Mountain-Praktikum, wenn du so willst.

Und?

Ja, ich mag es. Ein 12. Platz war nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass ich zuvor noch nie in Utah war, in der Wüste und nur eine Woche zuvor Bescheid bekommen hatte, überhaupt starten zu dürfen.

Emil posiert beim Crankworx in Rotorua, Neuseeland Foto: Graeme Murray / Red Bull Content Pool
Emil posiert beim Crankworx in Rotorua, Neuseeland

Deine Karriere erinnert mich an die von Brandon Semenuk. Erst Slopestyle, dann Big Mountain.

Es ist beeindruckend, was Semenuk geschafft hat. Und jetzt fährt er erfolgreich Rallye-Autos. Doch Bike-Disziplinen zu mischen, ist nicht neu. Das ist die natürliche Weiterentwicklung eines Bikers.

Brandon Semenuk und Du seid im gleichen Team bei Trek. Wie ist es, mit Semenuk zu biken?

Es ist spannend, ihn in real zu erleben. Semenuk inspiriert viele Biker, auch mich. Aber wir sind bisher noch wirklich oft dazu gekommen, gemeinsam biken zu gehen.

Gerade hat der Wettkampf Proving Grounds stattgefunden. Das wirkt wie Slopestyle „on steroids“. Jetzt soll es demnächst sogar eine ganze Wettkampf-Serie geben. Willst Du die auch gewinnen?

Als ich beim Proving Grounds war, fühlte ich mich in der Zeit zurückversetzt. Es war wie Slopestyle in den Anfangstagen, eine Mischung aus Slopestyle und Freeride. Wie der Adidas Slopestyle Anfang der 2000er-Jahre. Ich war zum zweiten Mal beim Proving Grounds, doch ich hatte mir diesen Sommer die Hand gebrochen und daher nicht genug Zeit, um auf dem Bigbike zu trainieren. Daher bin ich eher hingefahren, um wieder reinzukommen, als dass ich auf Sieg hätte fahren können. Das war auch gar nicht mein Ziel.

Hättest Du gewinnen können?

Von außen betrachtet, scheint es, als könne man auf ein anderes Bike springen und genauso fahren. Doch das ist nicht so. Das Bigbike verhält sich ganz anders in der Luft, und die Tricks funktionieren anders. Auch der Wettkampf-Parcours war ein anderer. Dafür benötigst du Zeit und Training. Doch Proving Grounds war eine gute Vorbereitung für mich.

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Stimmen zu Emil Johansson:

Statement von Erik Fedko, bester deutscher Slopestyler:

Emil wirkt verschlossen, doch ist ein mega netter Typ, super hilfsbereit und irre gut organisiert. Für sein Alter ist er sehr erwachsen – das beeindruckt. Ich vermute, das liegt dran, dass er schon mit 16 Jahren von zu Hause ausgezogen ist und alleine lebt. Er wohnt jetzt im Norden Schwedens, wo die Bike-Community viel besser ist. Da kann er gezielt trainieren und sich auf die Wettkämpfe vorbereiten.
Erik Fedko, Deutschlands Slopestyler Nummer 1 Foto: Red Bull Content Pool
Erik Fedko, Deutschlands Slopestyler Nummer 1

Statement von Tarek Rasouli, Manager von Emil Johansson:

Slopestyle-Moderator Cam McCaul sagt zu Emil: der Chirurg. Denn Emil geht so präzise an seine Tricks ran und absolviert selbst die kompliziertesten Sprung-Kombos mit einer solchen Perfektion, dass selbst Experten nicht mehr wissen, was Emil da jetzt genau gemacht hat. So ist Emil in allen Lebensbereichen: ein Perfektionist. Z. B. bei der Produktentwicklung von Bikeparts. Da packt Emil dann sein Wissen aus, dass es den Ingenieuren ganz schwindelig wird. Denn Emil ist ausgebildet in CNC-Metallfrästechnik.
Tarek Rasouli, 
Emils Athleten-Manager
 Foto: Dimitri Lehner
Tarek Rasouli, Emils Athleten-Manager

Statement von Amir Kabbani, Ex-Slopestyle-Profi:

Es gab Momente in meiner Karriere, da fühlte ich mich eins mit dem Bike. Doch kein Vergleich zu Emil. Der Typ verschmilzt förmlich mit seinem Rad. Unvorstellbar, welch lange Abfolge von Impulsen er da raushaut bei all den Tricks und das in Perfektion. Das ist eine andere Welt. Ich sehe Parallelen zwischen ihm und Semenuk. Beide sind so tief im Thema, und beide wirken dabei fast ein bisschen autistisch.
Amir Kabbani, Ex-Slopestyle-Profi Foto: Marek Vogel
Amir Kabbani, Ex-Slopestyle-Profi

Statement von Kathi Kuypers, Slopestylerin:

Emil ist das Alien unter uns, der Außerirdische, denn wir haben alle keine Ahnung, wie er das hinkriegt. Nicht von dieser Welt! Er ist sehr in sich gekehrt und konzentriert sich auf das Wesentliche im Leben: Biken!
Kathi Kuypers freut sich über die Auszeichnung “1st ever female” beim Red Bull District Ride 2022 Foto: Christoph Laue
Kathi Kuypers freut sich über die Auszeichnung “1st ever female” beim Red Bull District Ride 2022

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