Mountainbike-GeschichteEin Mann, ein Museum: Jeroen van Roekel im Interview

Holger Meyer

 · 20.08.2026

Rahmen mit Geschichte sind in Jeroens Museum jederzeit willkommen.
Foto: Jeroen van Roekel
Der Holländer Jeroen van Roekel liebt alte Mountainbikes – so sehr, dass er in einer ehemaligen Schule ein Mountainbike-Museum geschaffen hat. Jeroen über Passion, zwei feste Regeln und Hartnäckigkeit.

Die alten Schultüren schwingen beidseitig auf wie in einem Westernsaloon, als ich das Mountainbike-Museum in Arnheim betrete. Dahinter steht Jeroen van Roekel, ein ruhiger, freundlicher Mann, der Deutsch mit charmantem niederländischem Akzent spricht. Entspannt lehnt er hinter einer selbstgebauten Holzbar. Davor stehen flauschige Barhocker mit Fellbezug, die wirken, als hätten sie schon unzählige Bike-Geschichten gehört. Wir setzen uns für das Interview.

Jeroen im Interview: “Ich hab zwei feste Regeln...”

Jeroen: “ Ein einzelnes Lieblingsbike kann man da nicht nennen – das ist wie bei einem Vater mit drei Kindern. Da fragt man auch nicht, welches das Lieblingskind ist.”Foto: Holger MeyerJeroen: “ Ein einzelnes Lieblingsbike kann man da nicht nennen – das ist wie bei einem Vater mit drei Kindern. Da fragt man auch nicht, welches das Lieblingskind ist.”

​Jeroen, wann hast du angefangen, Fahrräder zu sammeln?

In der zweiten Hälfte der 90er-Jahre bekam ich von einem Fahrradhändler das Angebot, seine alten Verleih-Mountainbikes zu übernehmen. Andernfalls wären sie auf dem Müll gelandet. So hatte ich plötzlich zehn alte Bikes, die ich wieder fit gemacht und anschließend verkauft habe. Dabei wurde mir klar, wie schade es ist, dass so viele alte Fahrräder einfach weggeworfen werden. Aus diesem Gedanken heraus entstand die Idee, diese Geschichte zu bewahren – und damit auch die Idee für ein Mountainbike-Museum.

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Mit zehn Bikes kam dir die Idee, ein Mountainbike-Museum zu gründen?

Haha, nicht ganz. Es war ein Prozess. Mountainbiken bedeutet für mich Freiheit: du, dein Bike und die Natur. Das fasziniert mich seit 1989. Damals habe ich alle Magazine verschlungen und ständig Bikes sowie Komponenten gesehen, die man sich oft nicht leisten konnte. Und plötzlich wurden genau diese Räder und Teile weggeworfen. Also begann ich, sie zu sammeln, zu suchen und zu retten. Irgendwann wurde der Keller zu klein, dann die Garage – und schließlich entstand daraus das Museum.

Wir stehen hier in deinem Museum – wie viele Bikes sind hier in der alten Schule?

In diesem Gebäude stehen aktuell etwa 300 Fahrräder. Insgesamt bewegen wir uns aber in Richtung 1000 Bikes – viele davon sind noch Projekte, die aufgebaut oder restauriert werden.

Gibt es ein besonderes Highlight in deiner Sammlung?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Es gibt nicht das eine Highlight-Bike. Für mich zählt immer die Geschichte hinter dem Fahrrad – nicht, ob es das teuerste, schönste oder schnellste ist. Mir fallen sofort mindestens zehn Bikes ein. Zum Beispiel das Groovey Cycleworks, das speziell für mich gebaut wurde. Rudi von Groovey sagte damals: „Jeroen ist sehbehindert – wenn er weiter Fahrrad fahren will, braucht er ein besonderes Bike.“ Also baute er mir eines der ersten 29-Plus-Bikes, damit ich einfach über alles drüberrollen kann, was ich nicht sehe. Diese Geschichte bedeutet mir unglaublich viel. Oder ein altes Trek, das mir ein Mann gespendet hat, der anderthalb Jahre lang Zeitungen ausgetragen und zusätzlich einen zweiten Job hatte, um sich 1989 sein erstes Trek leisten zu können. Als er es nicht mehr brauchte, schenkte er es dem Museum.

Es gibt so viele besondere Räder. Ein einzelnes Lieblingsbike kann man da nicht nennen – das ist wie bei einem Vater mit drei Kindern. Da fragt man auch nicht, welches das Lieblingskind ist.

Gibt es noch Modelle, nach denen du Ausschau hältst?

Wir veranstalten jedes Jahr im Dezember einen Weihnachtsmarkt hier im Museum – und der ist ein riesiger Erfolg. Dort kommen Aussteller aus ganz Europa zusammen, und ich bekomme jedes Mal neue Inspiration. Zum Beispiel war einmal ein Deutscher da mit einem originalen Yeti Plexus, einem Trimble, einem Monolith und einem Rocky Mountain Debold – geniale Räder. Grundsätzlich faszinieren mich Bikes aus den 80er-Jahren am meisten, weil damals unglaublich viel experimentiert wurde. Jan Schauff war auch einmal hier und entdeckte einen originalverpackten Rahmen mit 24-Zoll-Hinterrad und 26-Zoll-Vorderrad. Quasi einer der ersten Mullet-Rahmen aus den späten Achtzigern. Genau solche Funde machen mir riesigen Spaß.

Hast du eine Vision, wie dein Museum in zehn Jahren aussehen könnte?

Ich möchte erst einmal die großen Bauprojekte abschließen. Ich bin gelernter Schreiner und Zimmermann und will die Küche, den Lagerraum und die Werkstatt für die Vermietung fertigstellen. Danach können wir wieder anfangen, neue Rahmen und Räder aufzubauen. Nächstes Jahr im Juli feiern wir unser zehnjähriges Jubiläum. Dafür möchte ich eine komplette Turnhalle ausschließlich mit Titan-Bikes ausstatten. Wir haben mindestens 40 Titanräder in der Sammlung – dazu unzählige Titan-Anbauteile. Das wird ein riesiges Fest, darauf freuen wir uns alle schon sehr. Besonders wichtig ist mir, dass genug junge Leute da sind, die das Museum weiterführen wollen, wenn ich irgendwann in Rente gehe. Ich habe zwei feste Regeln: Ich verkaufe nichts. Und es kostet keinen Eintritt. Das funktioniert nur mit der dritten Regel: Alles muss mit guter Laune passieren. Mein größter Wunsch ist, dass das Museum auch dann noch existiert, wenn ich nicht mehr da bin. Vielleicht hängt dann irgendwo in einer Ecke ein Bild von mir – und die Leute sagen: „Schau mal, das ist der Typ, der das alles angefangen hat.“

Wie kann man euch unterstützen, um die Mountainbike-Geschichte lebendig zu halten?

Neben dem Museum betreiben wir auch ein Trailcenter, eine Fahrradkneipe und einen Bikeverleih. Wir wollen vor allem Kindern das Mountainbiken näherbringen. Viele Eltern kommen zum Fahren hierher. Für fünf Euro – oder manchmal auch kostenlos – können Kinder bei uns ein Bike ausleihen und direkt die Trails hinter dem Haus fahren. Vor 13 Jahren habe ich den Dialog mit der Stadt begonnen, um das Trailcenter aufzubauen. Das war nicht einfach, aber mit viel Leidenschaft und Hartnäckigkeit haben wir es geschafft. Heute können hier alle – von jung bis alt – gemeinsam im Wald biken.

Der Gemeinschaftsgedanke scheint dir echt wichtig zu sein.

Klar, Mountainbiken bedeutet Freiheit und Genuss. Es geht nicht um Strava, nicht darum, wer der Schnellste ist oder die meisten Follower hat. Es ist egal, welches Fahrrad du fährst, welche Marke es ist oder welche Hautfarbe du hast. Wir versuchen, den ursprünglichen Gedanken des Mountainbikens für kommende Generationen zu bewahren. Die Industrie und die Hersteller wissen inzwischen, wo wir zu finden sind – und das ist gut so. Denn sie sind durch diese Geschichte groß geworden, und es ist wichtig zu wissen, woher man kommt. Ich habe hier großartige freiwillige Helfer, die neue Bikes und Projekte mit aufbauen – und hoffentlich das Museum und die Geschichte auch über meine Zeit hinaus am Leben halten. Das alles funktioniert nur mit Liebe, Leidenschaft, guten Freunden und Familie. Am Anfang haben nicht viele daran geglaubt – aber man muss manchmal einfach hartnäckig sein. Oder eben Holländer.

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