BIKE: Hans, wann wurde Mountainbiken akrobatisch?
Hans Rey: Mit dem Wort tue ich mich schwer. Akrobatisch klingt nach Zirkus. Ich würde eher sagen: technisch.
Okay, was verstehst du unter technisch?
Dinge , die über normales Fahren hinausgingen. Da waren die Trialfahrer in meinen Augen die Ersten mit dem Mountainbike. Ja, ich weiß, BMXer konnten zwar längst Tricks, doch sie interessierten sich anfangs aber kaum fürs Mountainbike. Das waren zwei verschiedene Welten.
Dabei waren die BMXer schon weit voraus. Sie sprangen, machten Tabletops, konnten Style.
Ja. Aber sie hielten Mountainbiken für uncool. Anfang der Neunziger bestand die Szene aus Lycra, rasierten Beinen und Stoppuhren. Es ging um Rennen, Training und noch mehr Rennen. Spaß war im Marketing nicht vorgesehen.
Und Trialfahrer waren lustiger?
Nicht unbedingt. Aber wir fuhren über Hindernisse, über Autos, Geländer und Felsen. Das sah spektakulär aus. Anfangs trat ich in den USA auf einem 20-Zoll-Trialrad an. Die Zuschauer waren begeistert, dachten aber: Mit diesem komischen kleinen Rad ist das bestimmt ziemlich einfach.
Wie hast du sie überzeugt?
Ich setzte mich auf ein normales Mountainbike und fuhr seitlich ein Auto hoch. Jeder wusste, wie schwer schon ein Bunnyhop auf den Bordstein war. Plötzlich wurde ernst genommen, was ich machte.
War das schon Akrobatik?
Das war Fahrtechnik mit Showeffekt. Die klassische Akrobatik kam aus mehreren Richtungen: aus dem Trial, dem BMX – und tatsächlich auch von außen.
Was meinst du mit „von außen“?
Da denke ich an Walter Arthofer. Du meintest er sei den ersten Backflip mit dem Mountainbike 1990 gesprungen, aber ich bin der Meinung, dass Arthofer die ersten Backflips schon 1988 oder 1989 gemacht hat.
Wer war Arthofer?
Ein österreichischer Kaminkehrer und professioneller Snowboarder. Den Backflip konnte er vom Snowboard. Auf dem Fahrrad war er ansonsten kein besonders guter Fahrer.
Ein Mann, ein Trick?
Exakt. Er lernte später ein paar Trialtricks, damit seine Show nicht nur aus einem Salto bestand. Aber er konnte seinen Backflip hervorragend vermarkten. Er trat in deutschen Fernsehsendungen auf, verkaufte Werbung auf seinen Rampen und soll für einen Salto bis zu 40.000 Mark kassiert haben.
Nicht schlecht für drei Sekunden Arbeit.
Er machte aus einem kleinen Backflip eine große Show. Mit Anlauf, Speedcheck und allem Drum und Dran. Das muss man erst einmal schaffen.
Wann erreichte der Salto das große Publikum?
Spätestens 1990 durch Willy Bogners Film Feuer, Eis & Dynamit. Arthofer war darin mit seinem Backflip zu sehen.
Und BMX?
War ebenfalls vertreten. Didi Schneider und Rainer Schatowski sprangen große Tables und No-Handers. Dazu startete jemand mit einem Gleitschirm auf dem Gletscher und hob mit Mühe ab. Vieles in diesem Film war seiner Zeit weit voraus.
Warum brauchte es dann ausgerechnet einen Kaminkehrer für den Backflip? BMXer konnten das doch längst.
Einzelne Zirkus- und BMX-Fahrer hatten schon früh Bckflips gezeigt. Aber BMX-Freestyler und Mountainbiker lebten damals in getrennten Welten. Die einen fanden Mountainbikes uncool, die anderen wussten kaum, was im BMX passierte und möglich war.
Der Wissenstransfer hakte?
Gewaltig. Und der Informationsfluss. Kein Internet. Man wusste nicht, was die anderen machten. Das waren Subkulturen. Als Timo Pritzel und John Cowan Mitte der Neunziger den Backflip fürs Mountainbike entdeckten, wussten viele gar nicht, dass Arthofer das Jahre vorher gemacht hatte. Der Trick wurde praktisch ein zweites Mal erfunden.
Du galtst damals als Mann für die unmöglichen Dinge. Dein Namenszusatz lautete: „No Way“, weil du das Unmögliche möglich machtest wie heute Danny MacAskill. Warum hast du nie einen Backflip gemacht?
Weil Trialfahrer nicht springen konnten.
Das klingt jetzt erstaunlich.
War aber so. Wir hatten unser Gewicht ständig weit hinten. Das hilft beim Trial, ist beim Springen aber die falsche Technik. Selbst einen vernünftigen Tabletop konnten die meisten von uns nicht. Geh heute mit einem klassischen Trialfahrer in den Bikepark: Häufig sieht sein Sprungstil noch immer fürchterlich aus.
Du konntest Autos hochfahren, aber keinen sauberen Tabletop?
Genau. Springen interessierte uns auch nicht besonders. Wir wollten technische Passagen bewältigen, nicht möglichst elegant durch die Luft segeln.
Nie einen Backflip probiert?
Doch, Ende der Neunziger. Ich trainierte mit John Cowan im Foam-Pit. Dort sprang ich einige Backflips, aber nie mit fester Landung, nie auf Dirt.
Zu gefährlich?
Auch. Und irgendwann dachte ich: Jetzt ist der Trick nicht mehr so besonders, dass ich dafür alles riskieren müsste. Ich war einfach kein geborener Jumper.
Arthofer schon?
Nein. Er konnte im Grunde nur diesen einen Sprung. Aber den konnte er. Manchmal reicht das für eine Karriere. Den Bewegungsablauf hatte er vom Snowboarden automatisiert.
Wann fanden BMX und Mountainbike schließlich zusammen?
Langsam, ab Anfang bis Mitte der Neunziger. Tarek Rasouli war einer der ersten BMXer, die das Potenzial erkannten, das im Mountainbike steckte. Im BMX ließ sich kaum Geld verdienen. Die Mountainbike-Magazine dagegen zahlten hohe Tageshonorare, vermittelten Sponsoren und öffneten Türen.
Andere wollten davon nichts wissen?
Viele BMXer hielten die Szene weiterhin für spießig. Mountainbiken war professionell, aber nicht besonders cool.
Gab es frühe Grenzgänger?
Ja. BMX-Racer wie Eddie King, Stu Thomsen oder Harry Leary wechselten zum Dual Slalom und teilweise zum Downhill. Die Freestyler brauchten länger.
Bis Mat Hoffman auftauchte?
Mat schnappte sich Anfang der Neunziger einmal ein GT Zaskar, fuhr in die Halfpipe und machte nach wenigen Anläufen einen Backflip to Fakie. Auf einem Mountainbike. Für ihn war das offenbar keine große Sache. Für uns schon.
Und Dave Voelker?
Mit Dave drehte ich Mitte der Neunziger ein Street-Segment für mein Video Big Five. Er setzte sich auf mein GT Zaskar mit kleinem Rahmen und machte Dinge, die ich auf einem Mountainbike noch nie gesehen hatte.
Zum Beispiel?
Es sprang ein Treppen-Gap. Oder rollte rückwärts auf dem Vorderrad einen Abhang hinunter. Heute gehören solche Moves zum Repertoire von Fahrern wie Danny MacAskill oder Fabio Wibmer. Damals kamen sie frisch aus dem BMX.
Hast du sofort begriffen, was da passiert?
Ja. Zwei Welten verbanden sich. Trial brachte Präzision und Balance, BMX brachte Stil und Tricks. Das Mountainbike bekam plötzlich ein viel größeres Vokabular.
Parallel entstand das Freeriden. Was änderte sich dadurch?
Zunächst lautete das Motto: höher, höher, höher. Fahrer wie Josh Bender machten sich mit gewaltigen Drops einen Namen. Wade Simmons sprang riesige Sachen und verband das mit seinem technischen Fahrstil.
Und der North Shore?
Der spielte eine große Rolle. Diese Holzleitern, schmalen Stege und Drops lagen technisch starken Fahrern wie Wade Simmons. Für klassische Racer war das eine fremde Welt.
Wann fand die Akrobatik Einzug im Freeriding?
Als selbst die größten Draufgänger merkten, dass Höhe allein in eine Sackgasse führt. Einen gigantischen Drop springt man vielleicht ein- oder zweimal für einen Film. Aber das Publikum wollte solche Dinge plötzlich jedes Wochenende sehen. Das war weder realistisch noch gesund.
Auch bei der Rampage ging es anfangs vor allem um Fallhöhe.
Ja. Die ersten Ausgaben folgten noch stark diesem Prinzip. Irgendwann sagten die Fahrer: Wir springen lieber halb so hoch und machen dafür einen 360, einen Suicide No-Hander oder andere Tricks.
Der Sport tauschte Fallhöhe gegen Style.
Genau. Plötzlich gewann nicht automatisch derjenige mit der größten Klippe. Stil, Kontrolle und Kreativität wurden wichtiger. Dadurch kamen Fahrer mit BMX- und Dirtjump-Hintergrund nach vorn.
Wer verkörperte diesen Wandel am stärksten?
Darren Berrecloth, genannt „Bearclaw“. Ich sah ihn in Whistler einen 360 von einem hohen North-Shore-Drop springen. So etwas hatte es vorher nicht gegeben.
Was war daran neu?
Er verband Freeride und Freestyle in einem einzigen Sprung. Eine Zeitenwende. Der Drop musste danach nicht mehr vierzig Fuß hoch sein. Zwanzig Fuß genügten – wenn man dabei etwas Außergewöhnliches machte. Und das machte Bearclaw vorbildlich.
War das der Moment, in dem Mountainbiken wirklich akrobatisch wurde?
Für mich ja. Trial hatte gezeigt, was technisch möglich ist. BMX lieferte die Tricks. Freeride brachte Gelände und Größe. Bearclaw führte alles zusammen. Der Auftakt passierte bei der Red Bull Rampage 2002 als der BMXer Bearclaw dort auftauchte, einen Last-Minute-Startplatz ergatterte und mit seinen Runs den Sport veränderte. Er landete dadurch gleich auf dem Podium.
Und du selbst? Welche Rolle hattest du in dieser Geschichte?
Meine Mission war, Mountainbiken aus der Stoppuhr-Ecke zu holen. Mit meinen Extreme Biking-Videos wollte ich zeigen: Dieses Fahrrad ist nicht nur ein Sportgerät. Es ist ein Spielzeug.
BIKE half dabei kräftig mit.
Absolut. Uli Stanciu holte mich ins Magazin. Erst für ein Interview, dann für eine mehrteilige Fahrtechnikserie. Monat für Monat erschienen sechs oder acht Seiten, später entstand daraus ein Buch. In Europa kannte mich vorher kaum jemand. Danach war „No Way Rey“ eine Marke.
Eine Zeitschriftenserie als Karrierebeschleuniger?
Und als Argument bei Sponsoren. Ich konnte sagen: Im nächsten Jahr bekomme ich allein in BIKE rund 50 Seiten redaktionelle Präsenz. Eine Anzeigenseite kostete damals ein Vermögen. So etwas verschaffte mir Verhandlungsmacht.
Später kam dein Reisetagebuch hinzu.
Ja. Jeden Monat schrieb ich, wo ich gewesen war: Bikeshow in Tennessee, Weltmeisterschaft in Frankreich, Fotoshooting auf Hawaii. Das erzählte nicht nur vom Fahren, sondern von einem Lebensstil.
Was also machte Mountainbiken am Ende akrobatisch: der Backflip, das Freeriden oder das Marketing?
Alles zusammen. Ein Kaminkehrer zeigte den Salto. BMXer brachten die Tricks. Freerider lieferten die großen Linien. Filme und Magazine machten daraus Bilder, die jeder sehen wollte.
Und heute?
Heute machen Kinder beim Aufwärmen Tricks, für die man früher ins Fernsehen kam. Der Fortschritt ist manchmal ziemlich gnadenlos.

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