Darkfest 2026„Zwischen Weltrekord und Angst“

Dimitri Lehner

 · 30.04.2026

Wahrnehmungs-Verschieber – so nennt sich der Award „Mind Bender“ für den krassesten Trick des Darkfests. Die Gewinner: Ex-Soldatin Robin Goomes aus Neuseeland und Lebemann Elias Ruso aus Österreich.
Foto: Eric Palmer
14 Monate Pause. Neues Bike. Comeback beim Darkfest – und dann gleich ein historischer Double Backflip über den größten Airtime-Sprung der Welt. Wir sprechen mit Bike-Profi Elias Ruso über Angst, Fokus, Rampage-Pläne und darüber, warum ein verschnarchter Traum mehr zählt als jede Trainingsanalyse.

Themen in diesem Artikel

„Ohne Utah wäre ich untergegangen“

BIKE: Wie war dein Comeback beim Darkfest nach der Knieverletzung?

ELIAS RUSO: Intensiv. Es war mein erstes großes Event nach der Verletzung – und dann gleich die zehnte Ausgabe. Entsprechend groß war der Respekt.

BIKE: Wie viel Big-Bike-Zeit hattest du vorher?

Fast keine. Insgesamt vielleicht 20 Minuten. Vor dem Event bin ich praktisch nicht gefahren.

BIKE: Ernsthaft?

Ja. Deshalb war der Trip nach Utah entscheidend. Ohne dieses Training hätte ich mich dort nicht wohlgefühlt.

BIKE: Selbst als ehemaliger „King of Darkness“?

Gerade deshalb. Nach so einer langen Pause fehlt das Vertrauen. Utah hat mir geholfen, wieder ein Gefühl für Geschwindigkeit und Absprünge zu bekommen.

BIKE: Wie lief der Einstieg ins Event?

Überraschend gut. Am ersten offiziellen Trainingstag bin ich gleich mehrere Top-to-Bottom-Runs gefahren. Neues Bike, gutes Setup, gutes Gefühl. Danach konnte ich mich Schritt für Schritt steigern.

BIKE: Wann kam der Gedanke an größere Tricks?

Relativ schnell. Ich habe gemerkt: Die Geschwindigkeit passt. Das Timing passt. Dann wächst automatisch das Vertrauen.

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„Um zwei Uhr früh wusste ich: Ich lande den Doubleflip“

BIKE: Du warst einer der ersten Fahrer auf dem neuen Falcon-Heavy-Sprung. Der Name stammt von der größten je gebauten Rakete, um den Dimensionen des Jumps gerecht zu werden. Es soll der größte Dirtjump der Welt sein, richtig?

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?

Ja. Der Falcon Heavy ist der größte Airtime-Sprung der Welt für Mountainbikes, das kann man sagen. Es ist ein Double mit 20 Meter Gap. Um den Speed zu kriegen, dropst du einen Step-Down runter, ebenfalls mit 20 Meter Gap. Das verpasst dir 70 km/h als Anlauf-Speed – und den brauchst du. Der Absprungwinkel des Falcon Heavy beträgt nur 53 Grad. Relativ flach. Die letzten zwei Meter der Rampe: komplett flach, wie ein Brett. Da musst du den Pop erst rausholen.

Vier Fahrer haben ihn zuerst getestet, das waren Alessio Tonoli, Clemens Kaudela, Tom Isted und ich. Ich bin am selben Abend noch einen Backflip gesprungen.

BIKE: Und danach dachtest du sofort an den Doubleflip?

Nicht sofort. Aber ich habe gemerkt: Da ist extrem viel Airtime. Mehr als bei vielen anderen Sprüngen. Also habe ich angefangen zu visualisieren.

BIKE: Wie intensiv?

Fünfzehn-, zwanzigmal im Kopf durchgespielt. Immer wieder.

Wie bereitet man sich mental auf so einen Trick vor?

Ich bin nach Hause, habe visualisiert. Bin den Double Flip 15 bis 20 Mal im Kopf durchgegangen. Dann bin ich eingeschlafen. Um zwei Uhr nachts wache ich auf, weil mein Zimmernachbar Tomas Lemoine schnarcht. Und ich erinnere mich an meinen Traum – ich lande den Double Flip. Ich träume normalerweise nie, erinnere mich vielleicht einmal in zwei Wochen an einen Traum. Aber das war glasklar. Ich dachte: Das ist ein Zeichen!

BIKE: Das hat gereicht?

Für mich schon. Um 6:30 Uhr stehe ich auf. Visualisiere nochmal. Dann fahre ich direkt zur Strecke. Kein Aufwärmen, kein Top-to-Bottom-Run. Nur der Falcon Heavy. Acht Mal springe ich ihn. Einmal straight, sonst nur Flips. Dann ziehe ich den Double durch.

BIKE: Und gestanden.

Ja. Wahrscheinlich der größte Doubleflip, der je über einen echten Dirt-Sprung gemacht wurde.

„7 Minuten am Start – mit Gedanken an den Rollstuhl“

BIKE: Was passiert im Kopf, bevor man so einen Sprung macht?

Sehr viel. Ich stand sieben Minuten oben am Start. Und natürlich kommen Zweifel.

BIKE: Welche Zweifel?

Ich habe gegen jeden meiner inneren Dämonen gekämpft. In meinem Kopf waren Gedanken an Adolf Silva. Dass ich jetzt etwas ähnlich Gefährliches mache. Dass ich potenziell meine Beine verlieren könnte. Dann rattert dein Hirn. Du musst diese Gedanken ausblenden. Sagen: Ich kenne die Gefahr, aber ich werde den Scheiß landen. Ich dachte sogar: Wenn ich mir das Genick breche, kann ich tot sein.

BIKE: Und springst trotzdem.

Du musst diese Gedanken kontrollieren. Komplett ausblenden kannst du sie nicht. Aber du brauchst Hyperfokus.

BIKE: Was heißt das konkret?

Vertrauen in deine Skills. Vertrauen in die Vorbereitung. Vertrauen in das Material. Ohne das funktioniert es nicht.

BIKE: Würdest du den Sprung noch einmal machen?

Nein. Das Risiko ist einfach zu hoch.

BIKE: Also war das eine einmalige Sache?

Ja. So einen Doubleflip in dieser Dimension mache ich kein zweites Mal.

BIKE: Warum dann überhaupt?

Weil genau diese Situation dich in einen besonderen mentalen Zustand bringt. Du bist komplett im Moment. Alles andere verschwindet.

„Rampage beginnt lange vor dem Startgate“

BIKE: Ist Rampage dein nächstes großes Ziel?

Ja. Aber nicht sofort.

BIKE: Warum so langfristig?

Rampage beginnt lange vor dem eigentlichen Event. Mit Vorbereitung. Mit Projekten. Mit Videoclips.

BIKE: Also strategisch geplant?

Absolut. Ich will dort nicht einfach auftauchen. Ich will vorbereitet sein.

BIKE: Wie sieht deine Strategie aus?

Wenn ich fahre, dann mit einer Line innerhalb meines Skillsets. Ich will zeigen, was ich kann. Aber nicht alles riskieren.

BIKE: Also kein Alles-oder-Nichts-Ansatz?

Nein.

BIKE: Wen siehst du als Vorbild?

Reed Boggs zum Beispiel. Sehr kontrolliert. Sehr smart.

BIKE: Und Fahrer wie Tom Van Steenbergen, Cam Zink oder Adolf Silva?

Extrem beeindruckend. Aber das ist ein anderes Risiko-Level.

BIKE: Trotzdem reizt Rampage dich?

Natürlich. Es ist das größte Event im Freeride.

„Adolf hat mir gezeigt, was mentale Stärke wirklich heißt“

BIKE: Adolf Silva war beim Event dabei. Im Rollstuhl. Wie war das für dich?

Das hat mich sehr bewegt. Das ist genau die Situation, vor der jeder Fahrer Angst hat.

BIKE: Wie hast du ihn erlebt?

Unglaublich positiv. Er reist allein um die Welt. Baut sich neue Sportgeräte. Bleibt aktiv. Bleibt präsent.

BIKE: Beeindruckend.

Sehr. Dafür habe ich riesigen Respekt und verbeuge mich innerlich vor diesem Typen.

BIKE: Hat dich das beeinflusst vor deinem Sprung?

Ja. Ich habe sein Shirt getragen.

BIKE: Als Zeichen?

Ja. Ich wollte diesen Sprung auch für ihn machen.

„Der 110-Footer ist brutaler als Falcon Heavy“

BIKE: Falcon Heavy gilt als größter Airtime-Sprung der Szene. Trotzdem sagen viele Fahrer: Der 110-Footer ist schwieriger.

Sehe ich genauso.

BIKE: Warum?

Falcon Heavy kannst du „lappen“. Der 110-Footer ist brutaler. Mehr Geschwindigkeit. Mehr Kräfte.

BIKE: Hattest du beim 110er Probleme?

Der 110er ist für mich immer noch eine Liga für sich. Ich bin ihn heuer wieder gesprungen und hab mir gedacht: Das Ding ist am absoluten Limit. Ich bin auch einmal so nose-dive dahergeflogen, weil die Luft dichter war als in der Session davor. Ich hab's unterschätzt. Der Speed kombiniert mit diesen Kräften – das ist nicht zu unterschätzen. Ich war kurz davor, dass es mich auf die Fresse haut.

BIKE: Was macht denn 110er so schwierig?

Timing. Geschwindigkeit. Konsequenz.

„Mein Ziel ist klar: Rampage“

BIKE: Was sind deine nächsten Schritte?

Ich will wieder komplett auf Topniveau fahren.

BIKE: Und dann?

Ein starkes Video-Projekt für Rampage vorbereiten.

BIKE: Zeitplan?

2027 oder 2028 wäre realistisch.

BIKE: Klingt nach einem langen Weg.

Ist es auch. Aber genau das motiviert mich.

BIKE: Und bis dahin?

Weiterfahren. Weiterlernen. Fortschritt machen.
Und gesund bleiben

Dimitri Lehner ist diplomierter Sportwissenschaftler. Er studierte an der Deutschen Sporthochschule Köln. Ihn fasziniert fast jede Disziplin des Funsports – neben Biken ganz vorne: Windsurfen, Skifahren und Fallschirmspringen. Seine neueste Leidenschaft: das Gravelbike. Damit fuhr er kürzlich von München an die Ostsee – und fand es herrlich. Und anstrengend. Herrlich anstrengend!

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