Extrembiker Cedric Tassan„Das Abenteuer beginnt dort, wo die Schilder enden“

Dimitri Lehner

 · 19.10.2026

Extrembiker Cedric Tassan: „Das Abenteuer beginnt dort, wo die Schilder enden“Foto: Cedric Tassan
Cedric Tassan irgendwo in den Bergen Afghanistans.
Cédric Tassan sucht auf dem Mountainbike keine perfekt gebauten Trails, sondern offene Horizonte, fremde Menschen und Wege mit Fragezeichen. Ein Gespräch über löchrige Glückssocken, Hans Reys beste Lektionen, verschmähte Taliban-Mahlzeiten – und den Preis, den seine Familie für seine Freiheit zahlt.

Themen in diesem Artikel

Die Socken müssen mit

BIKE: Welcher Gegenstand darf auf keiner Reise fehlen?

Cédric Tassan: Ein Paar Merinosocken, das ich 2015 für meine erste große Expedition gekauft habe: die Durchquerung Islands mit Hans Rey und Steve Peat. Fast zwölf Jahre später begleitet es mich noch immer. Die Socken sind warm, voller gestopfter Löcher und vermutlich keine Schönheit mehr. Sobald etwas reißt, bitte ich meine Frau, es zu flicken. Inzwischen sind sie ein Stück meiner Reisegeschichte. Andere sammeln Souvenirs, ich trage meine an den Füßen.

Was hast du von Hans Rey gelernt?

Erstaunlicherweise weniger Fahrtechnik als alles, was ein Abenteuer erst zur Geschichte macht: mit dem Bike zu reisen, schnell zu filmen, Bilder zu komponieren, das richtige Licht zu erkennen. Hans brachte mir bei, keine Gelegenheit für eine gute Aufnahme zu verschenken. Ein großer Teil meiner heutigen Arbeit geht auf ihn zurück.

Welcher andere Bike-Abenteurer beeindruckt dich besonders?

Wieder Hans. Er verband schon vor Jahrzehnten Mountainbiken, Reisen, Fotografie und Erzählen – lange bevor man daraus „Content“ machte. Seine Expeditionen wirken bis heute modern. Hans hat nicht nur Abenteuer erlebt. Er hat mitdefiniert, wie wir sie erzählen.

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Leichte Räder, schwere Wege

Welches Bike fährst du am liebsten?

Auf Expeditionen mein Sunn Shamann DC. Es wiegt trotz Enduro-Reifen kaum zwölf Kilo, klettert hervorragend und steckt bergab viel weg. Für abgelegene Regionen ist es ideal. Zu Hause fahre ich gern mein individuell aufgebautes Sunn Kern. Das Basismodell kostet rund 3500 Euro. Ich mag die Botschaft: Für großartige Tage auf dem Trail braucht man kein 10.000-Euro-Bike. Das Erlebnis kennt kein Preisschild.

Wann hast du auf dem Rad am meisten Spaß?

In hohen Bergen, offenen Landschaften und auf langen Abfahrten – am liebsten spät am Tag, wenn das Licht schwindet. Wälder sind schön, beim Fahren aber oft zu eng für meinen Geschmack. Ich mag natürliche, technische Trails, die ich nicht kenne. Perfekt modellierte Bikepark-Strecken langweilen mich eher. Ich will überrascht werden. Spaß beginnt dort, wo ich nicht weiß, was hinter der nächsten Kurve liegt.

Wenn du nur noch einen Trail fahren dürftest?

Dann würde ich im Wallis suchen: gewaltige Berge, weite Landschaften, lange technische Abfahrten und große Ausblicke. Einen bestimmten Trail nenne ich lieber nicht. Einen zu wählen hieße, alle anderen aufzugeben.

Kanada muss warten

Welches Land reizt dich überraschend wenig?

Kanada. Für viele Mountainbiker ist es das gelobte Land, mich hat es bisher kaum angezogen. Wo alles markiert und fürs Biken gebaut ist, bleiben weniger Raum für Fantasie, Entdeckung und Ungewissheit. Außerdem führen viele Trails durch Wald – und ich brauche Weite. Wahrscheinlich fahre ich eines Tages hin, und Kanada beweist mir, dass ich Unsinn geredet habe.

Welche Länder stehen dagegen ganz oben auf deiner Liste?

Russland und Iran. Russland wirkt mit seiner Größe und Vielfalt fast wie ein Kontinent – vom Kaukasus bis Kamtschatka. Am Iran faszinieren mich die alte Kultur, die Landschaften und die viel gerühmte Gastfreundschaft. Ein gutes Abenteuer besteht nicht nur aus spektakulären Trails. Es lebt von Begegnungen und dem Versuch, ein Land von innen zu verstehen.

Die politische Lage zwingt beide Reisen vorerst auf die Warteliste. Die Welt scheint sich gerade eher zu schließen. Orte, an denen man einfach aufbrechen und frei erkunden kann, werden rarer.

Was war das Bizarrste, das man dir unterwegs serviert hat?

In Afghanistan bot man mir ein Stück Fleisch an, von dem zuvor eine Gruppe Taliban gegessen hatte. Nachdem sie gegangen waren, sollte ich den Rest übernehmen. Ich habe auf Reisen einiges Merkwürdiges probiert. Da habe ich höflich verzichtet.

Sind die Dolomiten für dich noch immer die schönsten Berge der Welt?

Ja. Sie verbinden Schönheit, Vielfalt und Geschichte: versteckte Täler, gewaltige Felswände, dramatische Grate. Dazu kommen überall die Spuren des Ersten Weltkriegs. Man fährt dort nicht nur durch eine Landschaft, sondern durch Vergangenheit. Andere Berge sind höher, wilder oder einsamer. Diese Mischung bietet für mich nur eine Region: die Dolomiten.

Abenteuer haben ihren Preis

Mit wem würdest du gern für einen Tag das Leben tauschen?

Mit jemandem aus meiner Familie. Ich möchte spüren, wie es ist, wenn ich zu einer Expedition aufbreche – besonders allein in schwierige, abgelegene Regionen. Ich kenne die Freude des Losfahrens, aber nicht die Sorge des Zurückbleibens. Vielleicht würde ich besser verstehen, ob meine Abenteuer für meine Familie wirklich in Ordnung sind. Und was sie dafür bezahlt, dass ich frei sein kann.

Was macht dich glücklich?

Das Leben. Hier zu sein, es bewusst wahrzunehmen und mich lebendig zu fühlen. Wir vergessen zu leicht, wie außergewöhnlich das ist.

Welchen Traum hast du aufgegeben?

Auf Händen laufen zu lernen. Einen großen Traum habe ich zum Glück nicht begraben. Ich führe das Leben, das ich führen wollte – und weiß, welches Privileg das ist.

Filme, Flausen und ein kleines Geheimnis

Welcher Film bringt dich zum Lachen?

Sehr französische Komödien mit absurden Situationen, verrückten Figuren und guten Dialogen. La Vérité si je mens! funktioniert bei mir immer. Der Humor lässt sich vermutlich schlecht übersetzen. Genau das macht ihn so französisch.

Welcher Bike-Film hat dich zuletzt beeindruckt?

Kein neuer: Danny MacAskills Imaginate. Der Film wirkt auch nach mehr als zehn Jahren noch visionär. Natürlich ist das Fahrkönnen unglaublich. Ebenso stark sind Idee, Inszenierung und Fantasie. Danny und sein Team schaffen es seit Jahren, Menschen zu überraschen, ohne sich selbst zu kopieren. Das ist vielleicht schwieriger als jeder Trick.

Und für welchen Promi schwärmst du heimlich?

Wenn es nur um Äußerlichkeiten geht, behalte ich das lieber für mich. Ein Abenteurer braucht schließlich noch ein paar unentdeckte Orte.

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Dimitri Lehner ist diplomierter Sportwissenschaftler. Er studierte an der Deutschen Sporthochschule Köln. Ihn fasziniert fast jede Disziplin des Funsports – neben Biken ganz vorne: Windsurfen, Skifahren und Fallschirmspringen. Seine neueste Leidenschaft: das Gravelbike. Damit fuhr er kürzlich von München an die Ostsee – und fand es herrlich. Und anstrengend. Herrlich anstrengend!

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