Mountainbiken in Afghanistan„Wir haben nur ein Leben“

Dimitri Lehner

 · 17.10.2026

Cedrics Bike wiegt 32 Kilo beladen: „Man gewöhnt sich erstaunlich schnell daran“, sagt Cedric. Hier auf einem einsamen Pass im Herzen Afghanistans.
Foto: Cedric Tassan
32 Kilo Fahrrad, Taliban-Checkpoints, Landminen – Cedric Tassan sucht nicht das Risiko. Er sucht Orte, die noch nach Entdeckung aussehen. Warum er dafür allein durch Afghanistan fährt, was Nomaden mit Gangstern zu tun haben und warum sein nächstes Ziel Irak heißt. Teil 2 des Interviews mit dem französischen Abenteurer.

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Allein ist alles anders

BIKE: Cedric, du trägst auf den Fotos einen ziemlich stattlichen Bart. Ist der für Afghanistan gewachsen?

Cedric: Nein, den trage ich seit drei, vier Jahren. Allerdings kurz geschnitten. Aber für Afghanistan habe ich ihn bewusst wachsen lassen. Ein Bart ist dort einfach normal.

Warum Afghanistan?

Cedric: Ich wollte dorthin, weil Afghanistan eines der letzten Länder ist, in denen echte Entdeckung noch möglich ist. Du kommst in Dörfer, die kaum jemand von außen kennt. Du siehst, wie Menschen tatsächlich leben. Und die Landschaft ist großartig.

BIKE: Aber Freiheit, wie wir sie aus abgelegenen Bergregionen kennen, gibt es dort nicht.

Cedric: Das stimmt. Man fühlt sich immer beobachtet. Selbst wenn man niemanden sieht.

BIKE: Warum?

Cedric: Weil du irgendwann in Gebiete kommst, über die niemand Informationen hat. Keine verlässlichen Wege, keine Karten, keine Ahnung, wer dort lebt. Und für die Menschen ist ein Ausländer auf einem Fahrrad völlig ungewöhnlich. Nach 40 Jahren Krieg kann ein Fremder mit GPS auch für einen Spion gehalten werden. Dazu kommen bewaffnete Gruppen und Landminen.

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BIKE: Du hast von weißen, grauen und schwarzen Zonen gesprochen.

Cedric: Die weißen Gebiete sind bekannt und vergleichsweise sicher. In den grauen wird es unübersichtlich. In den schwarzen weißt du praktisch nichts. Und genau dort kann es gefährlich werden. Du kannst nicht einfach sagen: Ich fahre jetzt noch diesen Berg hoch. Vielleicht lässt dich der nächste Taliban-Checkpoint nicht weiter. Und wenn du verschwindest, kann dich dort niemand suchen.

BIKE: Trotzdem hast du von Afghanistan geträumt.

Cedric: Gerade deshalb. Es fühlt sich ein bisschen an wie früher, als man noch wirklich etwas entdecken konnte.

BIKE: Hast du dich irgendwann bedroht gefühlt?

Cedric: Bei den Taliban war es manchmal seltsam. Sie können freundlich sein, manchmal versuchen sie aber auch, dir Angst zu machen. Dann musst du ruhig bleiben und zeigen, dass du keine Angst hast.

BIKE: Und die Einheimischen?

Cedric: In den Dörfern wurde ich meistens sehr herzlich aufgenommen. In abgelegenen Dörfern ist ein Gast etwas Besonderes. Ein Fremder kommt von weit her – also kümmert man sich um ihn.

32 Kilo Abenteuer

BIKE: Was fährst du für ein Rad?

Cedric: Ein französisches Sun Shaman DC, ein Down-Country-Bike. Etwa zwölf Kilo schwer, robust und trotzdem leicht genug für lange Anstiege. Bergauf funktioniert es gut, bergab ebenfalls. Ein guter Kompromiss.

BIKE: Mit Gepäck wiegt das System aber rund 32 Kilo. Macht das noch Spaß?

Cedric: Ja. Am ersten Tag ist es schwer und ungewohnt. Du merkst jedes Kilo. Nach einem Tag stellt sich dein Kopf darauf ein – und plötzlich fährst du wieder wie mit einem normalen Bike. Natürlich wird es technisch schwieriger. Aber genau deshalb fahre ich ja in die Berge. Hauptstraßen sind für mich langweilig, dreckig und voller Abgase.

BIKE: Und niemand klaut dir so ein Fahrrad?

Cedric: In den abgelegenen Dörfern nicht. Ich glaube, das hat auch mit der Religion zu tun. Ein Besucher und Fremder genießt dort einen besonderen Schutz.

BIKE: Du warst sogar einige Tage mit Einheimischen unterwegs.

Cedric: Sechs Tage. Das war eine enorme Hilfe. Sie kannten die Kultur, konnten übersetzen – und einmal haben sie mir vermutlich das Leben gerettet. Allein wäre ich aus dieser Situation vielleicht nicht mehr herausgekommen.

Der Reisepass und die nächste Grenze

BIKE: Dann hast du in Bamiyan auch noch deinen Reisepass verloren.

Cedric: Ja. Ich hatte ihn ständig beim Aussteigen aus dem Taxi in der Hand. Einmal ließ ich ihn zwischen den Sitzen liegen. Abends bemerkte ich, dass er weg war. Das war ein Albtraum: keine Botschaft, keine einfache Möglichkeit, das Land zu verlassen.

BIKE: Und?

Cedric: Am nächsten Morgen suchte ich den Taxifahrer. Ich hatte ein Foto von ihm. Andere Fahrer halfen mir, ihn anzurufen. Er sagte zunächst, er habe keinen Pass. Also sagte ich: Komm her, ich schaue selbst nach. 45 Minuten später öffnete er die Tür – und da lag er. Zwischen den Sitzen.

BIKE: Was für eine Erleichterung.

Cedric: Riesig. Mein Freund in Frankreich verfolgte während der Reise meine Position. In der Nacht hatten wir schon überlegt, wie wir mich ohne Pass aus Afghanistan bekommen. Ich sagte zu ihm: Lass uns erst einmal suchen. Wenn er in vier, fünf Tagen noch weg ist, überlegen wir weiter.

BIKE: 50.000 Fotos hast du von der Reise gemacht?

Cedric: Mindestens. Ich arbeite mit Kameras und möchte aus meinen Reisen auch Filme und Geschichten machen.

BIKE: Und was kommt als Nächstes?

Cedric: Vielleicht Irak. Dieses Jahr hat es wegen des Krieges zwischen den USA und Iran nicht funktioniert. Ich wollte nicht mitten in die Schusslinie geraten. Nächstes Jahr möchte ich zum Nouruz-Fest, dem persischen Neujahr, dorthin. Musik, Tanz, Menschen in den Bergen. Ein völlig anderes Bild von einem Land, das wir meist nur aus den Nachrichten kennen.

BIKE: Du machst diese Abenteuer professionell. Kannst du davon leben?

Cedric: Es geht weniger ums Geld als ums Erleben. Denn: Wir haben nur ein Leben.

BIKE: Das ist ein gutes Schlusswort.

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Dimitri Lehner ist diplomierter Sportwissenschaftler. Er studierte an der Deutschen Sporthochschule Köln. Ihn fasziniert fast jede Disziplin des Funsports – neben Biken ganz vorne: Windsurfen, Skifahren und Fallschirmspringen. Seine neueste Leidenschaft: das Gravelbike. Damit fuhr er kürzlich von München an die Ostsee – und fand es herrlich. Und anstrengend. Herrlich anstrengend!

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