Bike-Hasardeur Richard GasperottiMit dem E-Mountainbike in der Todeswand

Josh Welz

 · 06.10.2023

Auf 35 km/h muss es Richard Gasperotti schaffen, damit ihn die Zentrifugalkraft in der Wall of Death hält.
Foto: Milos Stafek / Mondraker
Extrem-Freerider, Abenteurer, Bike-Stuntman: Der Tscheche Richard Gasperotti hat sich mit ebenso spektakulären wie medienwirksamen Aktionen einen Namen gemacht. Er nahm unter anderem vier Mal an der Red Bull Rampage teil, stellte einen Speedrekord auf, schoss mit dem Bike durch die Olympia-Bobbahn von Sarajevo und befuhr drei aktive Vulkane in Guatemala. Nun bezwang er als Erster mit dem E-Mountainbike die „Wall of Death“. Doch ist er wirklich der Erste?

Richard Gasperotti, 46-jähriger tschechischer Extrem-Mountainbike-Freerider. Der Kerl ist ein echter Hasardeur auf zwei Rädern. Viermal nahm der Tscheche an der legendären Red Bull Rampage in Utah teil, dem gefährlichsten, spektakulärsten Freeride-Event weltweit. Im Jahr 2009 schaffte der damals 32-Jährige einen spektakulären Geschwindigkeitsrekord: Auf einem Downhill-Bike, das von einem Motorrad gezogen wurde, schaffte er einen Top-Speed von 211 km/h. 2018 war er mit seinem Bike durch die Bobbahn von Sarajevo geschossen. Und im Winter 2022/2023 hatte Gasperotti von sich Reden gemacht, als er drei aktive Vulkane in Guatemala bestieg und von diesen mit dem Bike abfuhr. Als einer der Vulkane ausbrach, wäre es beinahe zu einer Katastrophe gekommen.

Im Winter 2022/2023 bestieg Richard Gasperotti die drei aktivsten Vulkane in Guatemala und fuhr mit dem Bike ab: den Pacaya (2552 m), den Acatenango (3976 m) und den Fuego (3768 m).
Foto: Milos Stafek / Mondraker

Nun hat sich “Gaspi” , wie ihn seine Freunde nennen, als erster mit einem herkömmlichen E-MTB an der berühmten Todeswand versucht. Die “Wall of Death”, ein Klassiker unter den Jahrmarktsattraktionen, besteht aus einer riesigen Holzkonstruktion in Form eines Fasses. Stuntfahrer werden durch die Zentrifugalkraft an der Wand gehalten, lassen ihre Motorräder zur Belustigung der Zuschauer entlang der senkrechten Innenwand kreisen und zeigen dabei atemberaubende Tricks. Gasperotti setzte bei seiner Rekordfahrt auf ein Mondraker Crafty Carbon R mit einem normalen, nicht getunten Bosch CX Motor.

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Die französische Zirkusgruppe Mur De La Mort tourt seit Jahren mit der Wall of Death durch die Welt. Richard Gasperotti lernte die Gruppe während eines Aufenthalts in Prag, der Hauptstadt der Tschechischen Republik, kennen. "Schon seit meiner Kindheit, als ich Bilder dieser Attraktion gesehen habe, wollte ich die Wall of Death unbedingt ausprobieren", sagt Gaspi. "Ich hätte aber nie gedacht, wie knifflig dieser Stunt sein würde."

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Die Todeswand stellte Gasperotti vor mehrere Herausforderungen. Größte Schwierigkeit war die Umstellung von der horizontalen auf die vertikale Wahrnehmung, nicht minder kritisch waren die extrem rutschigen Holzwände, auf denen die schmalen Reifen durch die – im Vergleich zum schweren Motorrad – geringere Trägheit des E-Mountainbikes wesentlich weniger Haftung boten. Zudem musste sich Gasperotti daran gewöhnen, während des Fahrens in der Todeswand ständig zu treten, um das Gleichgewicht zu halten. Besonders beim Wechsel von der Ebene in die senkrechte Wand sind dabei gutes Timing und Pedalmanagement, gefragt, damit die Kurbeln nicht aufsetzen.

Während erfahrene Zirkusfahrer ihre Motorräder ohne Hände und manchmal sogar mit verbundenen Augen über senkrechte Wände rasen lassen, musste Gaspi erstmal Lehrgeld bezahlen. Bei seinen ersten Versuchen hatte er vier schwere Stürze, bevor er einige erfolgreiche Runden hinlegen konnte. Besonders heftig war ein Sturz aus drei Metern Höhe. "Ich brauchte Minuten, bis ich wieder richtig Luft bekam. Dass am Ende alle Wirbel noch dort waren, wo sie hingehören, hab' ich nur meinem Rückenprotektor zu verdanken." Normalerweise dauert es etwa ein halbes Jahr, um die Wall of Death mit dem Motorrad so sicher zu fahren, dass man sich dann auch an ein paar Tricks wagen kann. "Gaspi hat es an einem Nachmittag geschafft – dafür habe ich großen Respekt vor ihm", sagt Raoul, der langjährige Leader der französischen Zirkusgruppe Mur De La Mort, von denen manche ihre Kunststücke in der Wall of Death bereits seit über 30 Jahren zeigen.

Todeswand-Legende Jagath Perera: Mit dem E-MTB auf dem Oktoberfest

Ein anderer bekannter Fahrer, der sich erfolgreich an der Todeswand versucht hat, ist Jagath Perera, eine Legende auf dem Münchner Oktoberfest und für viele der beste Steilwandakrobat der Welt. Perera stammt ursprünglich aus Sri Lanka und entdeckte seine Leidenschaft für Motorräder im Alter von 13 Jahren.

Jagath jagt Benno: Der Chef von Pitts Todeswand sitzt sonst nie auf einem Radsattel. Als Benno mit dem Spitzing ankam, war Jagath sofort Feuer und Flamme. Er kreiste 109 Kilometer in einer Wiesn-Saison.
Foto: Georg Grieshaber / Mediengruppe Klambt

Jagath bringt, so sagt man, die perfekte Mischung fahrerischem Können und Unterhalterqualitäten für dieses Gewerbe mit. "Eigentlich", sagt er, "bin ich kein Show-Typ, aber wenn du die Leute anschaust, dann geht es automatisch, dann öffnest du dich und hast nur noch Spaß." Das mit dem Kreiseziehen in der Steilwand kam erst mit Mitte Zwanzig. Jagath arbeitete als Techniker im Hafen von Colombo, war aber eigentlich leidenschaftlicher Motocrosser. Eines Tages sprach Jagath ein Mann aus Deutschland an: Er sei auf der Suche nach Steilwandfahrern. "Ich habe erst nicht wirklich geglaubt, was er mir da erzählt hat, aber drei Wochen später ging es schon los mit dem Papierkram. Das war im Dezember 1995. Und am 4. März war ich in Hamburg - und es war sehr kalt." Jagath trainierte und trainierte, fuhr hauptsächlich auf Veranstaltungen im Norden - und landete auch bald im Krankenhaus. "Wenigstens schön mit Blick auf die Elbe und nach St. Pauli." Seine Karriere verlief wortwörtlich steil. 2005 schließlich fuhr er das erste Mal auf der Wiesn und übernahm 2007 Pitts Todeswand. Seitdem zieht der in dem sechs Meter hohen Fass seine Kreise, ohne Helm und oft auch ohne Hände am Lenker.

Pitts Todeswand ist das älteste dieser Gewerke. Seit 1932 drehen die Fahrer in Pitts Todeswand ihre Runden, lassen es krachen und knallen, brettern an den Menschen vorbei, dass die zucken und sich ducken – je dichter am Rand und der Zuschauerrehling, desto spektakulärer, desto besser fürs Geschäft. Und das zumeist auf alten Maschinen, auf roten Indian Scouts, amerikanischen Polizeimotorrädern aus dem Jahr 1928.

Im Jahr 2018 tauschte Jagath Perera seinen Benzinmotor gegen ein E-Mountainbike, allerdings ein extremes: das M1 Spitzing R. Das Spitzing ist mit dem TQ HPR 120 ausgestattet, liefert 850 Watt Maximalleistung und unterstützt den Fahrer in der R-Pedelec-Version bis zu einer maximalen Geschwindigkeit von 75 km/h. Pereras Fahrer-Kollege Benno hatte das Bike von einem Freund geliehen, der Entwickler beim Elektromotorhersteller TQ ist. Trotz der ungewohnten Bedingungen, wie dem Treten während des Fahrens und der schmaleren Reifen, meisterte Perera die Herausforderung und fuhr damit unfallfrei 109 Kilometer in Pitts Todeswand auf der Münchner Wies‘n 2018.

Und was ist nun mit der Frage, ob Richard Gasperotti oder Jagath Perera der erste E-Biker in der Todeswand ist. Gasperotti hat es mit einem herkömmlichen Pedelec, das nur bis 25 km/h unterstützt, geschafft. Das hilft ihm zwar bei der Beschleunigung in die senkrechte Wand. Dort braucht er nach eigenen Aussagen aber einen Top-Speed von etwa 35 km/h, damit ihn die Zentrifugalkraft vor dem Herunterfallen bewahrt. Das wäre sicher auch für Jagath Perera eine größere Herausforderung gewesen. Mit dem superschnellen Power-Pedelec dagegen ging’s bei Jagath damals ganz schnell: "Ausprobiert", sagte er mit einem Achselzucken, hatte er das R-Pedelec vorher nicht. "Die Premiere haben wir auf der Wiesn live gefeiert."

5 Fragen an Richard Gasperotti

Foto: Milos Stafek / MondrakerFoto: Milos Stafek / Mondraker

1 - Wie kamst DU auf die Idee, mit dem E-MTB in der Todeswand zu fahren?

Das war ein Kindheitstraum. Die Todeswand hat mich schon als kleiner Junge fasziniert. Und als ich die Zirkustruppe dann bei einer Vorführung in Prag sah, sprach ich sie an. Die waren sofort begeistert von der Idee.

2 - Eine der Haupt-Schwierigkeiten war es, von der Ebene in die Senkrechte Wand zu wechseln. Wie fühlt sich das an?

Man muss sich darauf einlassen und sich trauen, wirklich gerade zu liegen, sonst klappt es nicht, sonst fällt man herunter oder rutscht ab. Das kostet ein enormes Maß an Überwindung. Es ist ein völlig anderes Raumgefühl, gleichzeitig muss man sich körperlich völlig verausgaben, um der Fliehkraft zu widerstehen.

3 - Welche anderen Schwierigkeiten gab es sonst noch?

Du musst einen Speed von 35 km/h halten. Der Motor hilft dir zwar bei der Beschleunigung von der Ebene in die Senkrechte, dann musst du die 35 km/h aber selber treten. Zudem war das Holz der Wände extrem glitschig und glatt wie Glas. Das größte Problem war aber die visuelle Wahrnehmung. Die räumliche Orientierung ist eine komplett andere. Nach ein paar Fahrten fühlt man sich wie nach zehn Bieren.

4 - Hilft das geringere Gewicht des E-Bikes im Vergleich zum Motorrad?

Nein, im Gegenteil, die schmalen Reifen und die – im Vergleich zum Motorrad – geringere Masse des E-MTB führen dazu, das die Haftung wesentlich schlechter ist. Außerdem ist es mit dem Motorrad natürlich leicht, den Speed zu halten.

5 - Hattest Du Angst?

Ich wusste zumindest, dass der kleinste Fehler wehtun würde. Und so ist es dann auch gekommen. Ich bin auf mittlerer Höhe gefahren und wollte weiter zum Rand hinauf ziehen, dort wo eigentlich die Zuschauer stehen würden. Dabei rutschte mir das Bike weg, und ich fiel aus drei Metern Höhe direkt auf den Rücken. Ich brauchte Minuten, bis ich wieder einigermaßen Luft bekam. Dann habe ich meine Wirbel und Rippen durchgezählt. Dank meines Protektors waren die alle noch dort, wo sie sein sollten.

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