Mit einer neuen Kölner Fahrradmesse sagen ZIV und Koelnmesse der kriselnden Eurobike den Kampf an. Doch wer denkt dabei eigentlich noch an den Kunden? Ein Kommentar.
Der Kölner Messe-Aufstand entspricht primär verletztem Verbandsego und dem Kampf um Pfründe. Besser wird am Rhein gar nichts, solange Veranstalter und Industrie die Fahrradkultur zur reinen B2B-Kaufware degradieren. Wer in sterilen Messehallen Machtspielchen treibt, aber die Wünsche der Kunden draußen auf der Straße ignoriert, beschleunigt nur den eigenen Niedergang. Die Fahrradbranche braucht kein neues Messe-Chaos, sondern endlich wieder Bodenhaftung und echte Leidenschaft.
Die heimische Zweiradbranche steckt tief in der Krise, doch anstatt gemeinsam den Ausweg aus vollgestopften Lagern, drohenden Pleiten und eingebrochenen Absätzen zu suchen, inszenieren die Taktgeber einen erbitterten Machtkampf. Ende Juni – gezielt zwei Tage vor dem Start der Eurobike – ließen der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) und die Koelnmesse die Bombe platzen: Ab September 2027 wird unter der blumigen Headline „towards tomorrow – European Bike Show“ eine neue Fahrradmesse in Köln an den Start gehen. Es ist eine unmissverständliche Fehdeansage an die Eurobike in Frankfurt. Doch der angebliche Befreiungsschlag entpuppt sich bei genauem Hinsehen vor allem als ein Lehrstück über gescheiterte Messekonzepte, politisches Ränkespiel und die verheerende Entfremdung von jenen Menschen, um die es am Ende eigentlich gehen sollte: die Kunden.
Dass die Eurobike in den letzten Jahren massiv ins Schlingern geriet, kam keineswegs überraschend. Der Umzug aus dem beschaulichen Friedrichshafen in die Bankenmetropole Frankfurt sollte einst den Aufbruch in ein neues Zeitalter der urbanen Mobilität markieren. Stattdessen lieferten die Veranstalter eine Blaupause für gepflegtes Zielgruppen-Chaos. Die Frankfurter Messehallen waren am Ende eine seltsame Mischform, die weder das Fachpublikum noch die Fahrrad-Community glücklich machte. Händler versuchten vergeblich, in ruhiger Atmosphäre Einkaufsgespräche zu führen, während Scharen von Souvenirjägern durch die Gänge drängten. Gleichzeitig trieben Standgebühren, Logistik und Hotelpreise die Kosten der Hersteller in die Höhe. Als Reaktion wandten sich weitere große Hersteller ab oder stutzten ihre Auftritte drastisch zusammen. Wenn dann auf den verbliebenen Standflächen statt glanzvoller Modellpremieren vor allem Massenware aus Fernost dominierte, stellte sich für viele zwangsläufig die Sinnfrage.
Warum aber soll ausgerechnet in Köln plötzlich alles besser werden? Die Kölner Lobbyisten versprechen nicht weniger als die Rückbesinnung auf das Wesentliche. Ihr Ansatz setzt radikal auf die reine Lehre des B2B-Geschäfts: Drei Tage im Spätsommer, klarer Fokus auf den Handel, keinerlei Publikumstage, ungestörte Order - eine Netzwerkmessse von der Branche für die Branche. Koelnmesse-Geschäftsführer Oliver Frese schwärmt bereits vom Zuspruch aus der Industrie und betont, dass Schwergewichte wie Shimano, Bosch, Schwalbe, Abus oder KTM den Kölner Vorstoß unterstützen. ZIV-Geschäftsführer Burkhard Stork formuliert den Anspruch noch selbstbewusster und betont, dass man mit dem Kölner Format genau das Netzwerk und den verloren gegangenen Zusammenhalt der Fahrradwirtschaft zurückbringe.
Das mag aus Sicht der mächtigen Verbände und Einkaufs-Gemeinschaften zutreffen, doch eine Wahrheit ist auch: Die Kölner Ankündigung ist der Höhepunkt jahrelanger Zerwürfnisse. Bereits im Oktober 2025 kündigte der ZIV als politisches Sprachrohr der deutschen Fahrradindustrie die Partnerschaft mit den Eurobike-Betreibern der Fairnamic – einer Zweckehe der Messen Friedrichshafen und Frankfurt – auf. Man fühlte sich zusehends an den Rand gedrängt. Die fetten Erträge aus dem Messegeschäft flossen an andere, während die Wünsche des Industrieverbandes oft im Sande verliefen. Mit dem Wechsel nach Köln holt sich die ZIV-Führung die Hoheit über das wichtige Event-Geschäft zurück.
Rückendeckung erhält dieser Coup von den mächtigen Einkaufsverbänden wie ZEG, BICO oder VSF. Sie alle nutzen das Kölner Parkett, um der Frankfurter Messegesellschaft den Stuhl vor die Tür zu setzen. Es geht um politische Deutungshoheit, Vermarktungsrechte und Lizenzgebühren. Das Problem dabei: Während sich die Verbandsspitzen in ihrer eigenen Funktionärsblase verbarrikadieren und viele Hersteller ohnehin ihr eigenes Süppchen kochen, hat man einen wichtigen Player völlig aus den Augen verloren: den Endkunden.
In den vergangenen Jahren wurden Fahrräder und E-Bikes immer komplexer und vor allem teurer. Die Industrie baute Hochpreis-Träume am Geldbeutel und den echten Bedürfnissen breiter Käuferschichten vorbei. Wer glaubt, eine sterile B2B-Ordermesse könne die drängenden Absatzeinbrüche lösen, ignoriert den Kern des Problems.
Ein Messeformat, das den Endverbraucher gezielt aussperrt und Fahrräder nur noch als bürokratische Warengruppen in Hallen verhandelt, raubt dem Produkt seine Seele. Wenn der Kunde draußen im Laden die überteuerten Räder stehen lässt, nützt dem Händler auch die effizienteste Orderstunde rein gar nichts. Die Veranstalter in Frankfurt haben den Kunden mit chaotischem Publikums-Rummel genervt, die Kölner Macher sperren ihn aus.
Wie sehr die Giganten in Frankfurt und Köln an den Wünschen der Szene vorbeirudern, entlarvt ein Blick wenige Kilometer rheinaufwärts. Auf dem stylischen Areal Böhler in Düsseldorf hat sich mit der Cyclingworld Europe längst ein ganz anderes Event etabliert. Während sich Köln und Frankfurt in taktischen Schlachten aufreiben, feiert Düsseldorf das Thema Fahrrad so, wie es ihm gebührt: als Kultur, Lifestyle und Faszination.
Die Düsseldorfer Macher beweisen, dass man Fachpublikum und Endverbraucher sehr wohl unter einem Dach begeistern kann, wenn Atmosphäre, Emotion und Zugänglichkeit stimmen. Dort treffen Rahmenbauer auf Gravel-Enthusiasten und Hersteller und Medien auf echte Fans – ganz ohne sterile Industrie-Tristesse. Köln versucht mit alter Industrie-Logik das Gestern zu reparieren, Düsseldorf lebt längst das Heute.

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