Eine neue Gravelbike-Klasse? Race Race Gravel

Dimitri Lehner

 · 04.06.2026

Eine neue Gravelbike-Klasse? Race Race GravelFoto: D. Lehner
Firmen-Chef Markus Storck an seinem Stand beim BIKE-Festival in Willingen mit dem „Race Race Gravelbike“ Fascinario 5.
Storck-Gründer Markus Storck über den Boom der Schotterräder, die Rückkehr zu den Wurzeln des Radsports, warum ihn Marketingversprechen der Konkurrenz herzlich wenig interessieren und sein neues Bike: eine Straßenrennmaschine mit dicken Reifen.

Themen in diesem Artikel


BIKE: Markus, hält der Gravel-Boom weiter an?

Markus Storck: Absolut. Nach allem, was man hört, werden in Deutschland inzwischen etwa doppelt so viele Gravelbikes wie Rennräder verkauft.

BIKE: Überraschend ist das nicht. Auf dem Rennrad wird der Verkehr immer mehr zum Stressfaktor. Gravel bietet das gleiche Tempo, aber draußen in der Natur.

Storck: Genau das ist der Punkt. Du hast Geschwindigkeit, Freiheit und Abenteuer in einem Paket. Mit einem Gravelbike kannst du eine Arschrakete ans Rad hängen, ein paar Klamotten einpacken und einfach losfahren. Zwei Tage, drei Tage, völlig egal. Das Rad kennt kaum Grenzen.

Die Rückkehr zu den Wurzeln

BIKE: Dabei ist Gravel eigentlich gar nichts Neues.

Storck: Überhaupt nicht. Wenn man ehrlich ist, hat Radfahren genau so angefangen. Die ersten Rennräder waren Gravelbikes. Die Straßen waren schlecht, oft nicht asphaltiert. Mein Großvater war Berufsrennfahrer. Damals fuhren die Leute bereits Reifen mit 35 bis 38 Millimetern Breite. Sie hatten Flaschenhalter vorne am Lenker, transportierten Kleidung und Verpflegung am Rad. Begleitfahrzeuge gab es nicht.

BIKE: Sogar Flare-Lenker gab es damals schon.

Meistgelesene Artikel

1

2

3

4

5

Storck: Genau. Viele Dinge, die heute als Innovation verkauft werden, gab es vor hundert Jahren bereits.

Südafrika als Ideengeber

BIKE: Du bist eigentlich Rennradfahrer. Wie bist du selbst zum Graveln gekommen?

Storck: Durch Südafrika. Die Straßen dort sind oft rau und schlecht. Gleichzeitig wird unglaublich viel Gravel gefahren. Teilweise ist jedes zweite Sportfahrrad in Südafrika ein Gravelbike. Dort habe ich gemerkt, wie sinnvoll ein schnelles Gravelbike sein kann.

BIKE: Daraus entstand das Fascenario.5?

Storck: Wir haben uns gefragt: Warum bauen wir kein Gravelbike mit der Geschwindigkeit eines Aero-Rennrads? Wir testen Rennräder permanent im Windkanal. Warum also nicht auch Gravelbikes?

BIKE: Ein Ansatz, den kaum jemand verfolgt.

Storck: Richtig. Die meisten Hersteller haben zunächst nur breitere Reifen montiert. Uns hat interessiert, wie schnell ein Gravelbike tatsächlich sein kann.

Vom Schweizer Taschenmesser zum Aero-Graveler


BIKE: Wie unterscheidet sich euer Portfolio?

Storck: Das Grix.2 ist unser Schweizer Taschenmesser. Viele Befestigungspunkte, viel Reifenfreiheit, viel Komfort. Da passen sogar Reifen bis in den Bereich von 2,1 Zoll hinein. Das spricht Fahrer an, die ihr Hardtail ersetzen wollen.


BIKE: Also Bikepacking, Touren, Abenteuer.


Storck: Genau. Darüber steht das Fascenario X. Es verbindet die Aerodynamik des Fascenario mit einer echten Gravel-Geometrie: längerer Radstand, flacherer Lenkwinkel, mehr Laufruhe. Ein reinrassiges Race-Gravelbike.

BIKE: Und dein neues Bike?

Storck: Das Fascenario.5 verfolgt einen anderen Ansatz. Es ist unser schnellster Allrounder. Mit modernen Laufrädern und unserem Aero 5 Cockpit bewegt sich das Rad aerodynamisch bereits auf dem Niveau vieler Aero-Rennräder. Und doch kann es mit breiten Reifen gefahren werden. Ein Race-Race-Gravelbike, wenn man so will. Oder noch besser: Zwei Bikes in einem: Rennrad und Gravelbike.

Komfort steckt im Carbon


BIKE: Viele Hersteller setzen auf Federgabeln oder Dämpfungssysteme. Du nicht. Warum?

Storck: Weil wir den Komfort direkt in die Struktur integrieren. Carbon kann richtungsabhängig arbeiten. Ein Lenker kann vertikal nachgeben und gleichzeitig beim Sprint extrem steif sein. Was andere über Mechanik lösen, lösen wir über Faserverlauf und Konstruktion.


BIKE: Also Komfort ohne zusätzliche Bauteile.

Storck: Exakt. Weniger Gewicht, weniger Komplexität, weniger Wartung.


BIKE: Beobachtest du die Konkurrenz?


Storck: Natürlich schaut man hin. Aber am Ende interessieren mich keine Marketingkampagnen.


BIKE: Sondern?


Storck: Messwerte. Windkanal. Steifigkeit. Komfort. Fakten. Viele Hersteller behaupten, das schnellste Rad der Welt zu bauen. Das klingt gut. Nur zeigt der Windkanal manchmal etwas anderes. Ich habe nichts gegen gutes Marketing. Aber irgendwann muss das Produkt liefern.

Einfach oder zweifach?


BIKE: Zum Schluss: 1-fach oder 2-fach?


Storck: Kommt auf den Einsatzzweck an. Für ein Grix.2 würde ich jederzeit 1-fach fahren. Einfach, robust, große Bandbreite.

BIKE: Und für ein Fascenario?

Storck: Eher 2-fach. Wer schnell auf Asphalt unterwegs ist oder in der Gruppe fährt, freut sich über die feinere Abstufung und die höheren Endgeschwindigkeiten. Und wenn 1 x 13fach, dann immer mit einem Zehner-Ritzel hinten. Da ist man deutlich im Vorteil mit dem schnellen Gang.

BIKE: Also keine Glaubensfrage?


Storck: Nein. Wie so oft beim Fahrrad gilt: Das beste System ist das, das zum Fahrer passt.

Artikel teilen:

Dimitri Lehner ist diplomierter Sportwissenschaftler. Er studierte an der Deutschen Sporthochschule Köln. Ihn fasziniert fast jede Disziplin des Funsports – neben Biken ganz vorne: Windsurfen, Skifahren und Fallschirmspringen. Seine neueste Leidenschaft: das Gravelbike. Damit fuhr er kürzlich von München an die Ostsee – und fand es herrlich. Und anstrengend. Herrlich anstrengend!

Meistgelesen in der Rubrik Events