​Kollateral-Schäden beim MountainbikenTotschlag auf dem Trail

Dimitri Lehner

 · 23.05.2026

​Kollateral-Schäden beim Mountainbiken: Totschlag auf dem TrailFoto: KI generiert
Ungewollt, doch dennoch bitter: die Opfer unserer Stollenreifen.

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Ich rette Regenwürmer von der Straße und walze wahrscheinlich gleichzeitig Blindschleichen platt. Mountainbiken ist ein wunderbarer Sport – leider mit Kollateralschäden. Und irgendwann liegt da plötzlich ein toter Lurchi auf dem Trail.

Der gute Mensch vom Fahrradweg

Ich glaube an Karma.
Wer Gutes tut, bekommt Gutes zurück. Wer Arschloch ist, landet irgendwann mit Schlüsselbeinbruch im Straßengraben bei Platzregen. So ungefähr stelle ich mir das Universum vor.

Deshalb halte ich beim Gravelbiken manchmal an, um Regenwürmer von der Straße zu retten. Ja, wirklich. Da liegt dann so ein armer Wurm auf dem heißen Asphalt und windet sich in Zeitlupe Richtung Verdunstungstod.

Ich steige ab, hebe ihn vorsichtig auf und setze ihn ins feuchte Gras. „Na komm, Buddy“, sage ich innerlich. Vielleicht wird er zehn Jahre alt. Regenwürmer können das angeblich schaffen.

Für einen kurzen Moment fühle ich mich wie Gandhi auf Stollenreifen.

Die Guillotine aus Gummi

Das Problem beginnt im Wald.

Auf Asphalt sieht man Tiere. Auf Trails nicht.
Mit 40 km/h verschwimmt der Boden zur braungrünen Soße. Da kann sitzen, kriechen oder dösen, was will: Erdkröte, Molch, Spitzmaus, Blindschleiche – ich rausche drüber und merke vermutlich nichts.

Ein Mountainbike-Reifen ist schließlich kein sanftes Naturerlebnis. Er ist eine rotierende Guillotine aus Gummi. Besonders gefürchtet bei Blindschleichen. Die lieben warme Trails. Leider reagieren sie ungefähr so schnell wie ein Windows-Update.

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Das Ergebnis kennt jeder Biker: diese flachen, traurigen Schatten auf dem Boden.

Spaß oder Salamander?

Natürlich könnte man langsamer fahren.

Aber Hand aufs Herz: Niemand ballert einen Trail hinunter und denkt dabei: „Heute besonders achtsam gegenüber Amphibien.“ Dafür ist Mountainbiken zu sehr Instinkt, Flow, Euphorie.

Der Sport lebt vom Tempo.
Und genau da beginnt der Gewissenskonflikt.

Spaß oder Rücksicht?
Flow oder Feuersalamander?

Meistens gewinnt der Spaß. Man redet sich ein, die Tiere seien schon schnell genug. Sind sie nicht.

Der tote Lurchi

Kürzlich lag einer auf dem Trail.
Ein Feuersalamander. Zerquetscht. Neben ihm deutlich sichtbar: Reifenspuren im feuchten Boden.

Nicht meine, immerhin. Aber das macht die Sache kaum besser.

Feuersalamander sind für mich keine normalen Tiere. Sie sind Kindheit. Heimat. Waldgeruch. Lurchi-Comics. Diese seltsame westdeutsche Geborgenheit der Siebziger, als Salamander mutig und aufrecht mit Lederschuhen Abenteuer in kleinen Heften bestanden.

Und jetzt lag da dieser Lurchi. Plattgefahren wie ein Kaugummi.

Karma fährt mit

Mord war das nicht. Kein Vorsatz.
Aber Totschlag? Schwierig zu leugnen.

Seitdem denke ich öfter darüber nach, wenn ich durch den Wald fahre. Nicht lange natürlich. Spätestens in der nächsten Anliegerkurve übernimmt wieder das actionverliebte Ego.

Das Karma-Protokoll führt vermutlich trotzdem Buch.
Regenwurm gerettet: plus eins.
Blindschleiche gekillt: minus zwanzig.

Ich ahne bereits, wie das endet:
Irgendwann erwischt mich im Bikepark ein E-Biker mit JBL-Box im Rucksack und räumt mich ab.

Dimitri Lehner ist diplomierter Sportwissenschaftler. Er studierte an der Deutschen Sporthochschule Köln. Ihn fasziniert fast jede Disziplin des Funsports – neben Biken ganz vorne: Windsurfen, Skifahren und Fallschirmspringen. Seine neueste Leidenschaft: das Gravelbike. Damit fuhr er kürzlich von München an die Ostsee – und fand es herrlich. Und anstrengend. Herrlich anstrengend!

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