Ich leide an einer unter Radfahrern wenig erforschten Krankheit: Lichtgeiz. Bei jeder Gelegenheit knipse ich mein Rücklicht aus. Feldweg? Aus. Wald? Aus. Vollmond? Erst recht aus. Ich spare Licht, als müsste ich es selbst herstellen.
Dazu kommt eine schwere Akku-Paranoia. Ich rechne jederzeit damit, dass mich irgendeine Batterie im Stich lässt. Und Batterien lauern heute überall: in Schaltung, Sattelstütze, Frontstrahler, Rücklicht, Kopfhörer, Tacho und Telefon. Das moderne Fahrrad ist ein rollender Elektromarkt. Fehlt nur noch, dass der Flaschenhalter ein Update verlangt.
Die Ursache liegt vermutlich in meiner Kindheit. In den Siebzigern gab es in meinem Elternhaus Taschenlampen, die aussahen wie eine Kreuzung aus Trompete und Donnerbüchse. Im Griff steckten Batterien von der Größe einer Bierdose. Vorn glomm ein Birnchen, das currygelbes Licht in die Welt hustete. Nur müdes Gelb deshalb, weil ich oder irgendeiner meiner vier Geschwister das Teil hat mal wieder vergessen auszuschalten.
Man sah der Licht-Donnerbüchse nichts. Man ahnte nur, dass irgendwo ein Keller sein musste. Nach wenigen Minuten erlosch die Lampe völlig. Die Batterien waren leer, das Vertrauen in Technik auch.
Heute sind LEDs heller als frühere Autoscheinwerfer. Doch tief in mir sitzt noch immer dieses gelbe Glimmen. Es flüstert: Spar dir das Licht auf. Man weiß nie, was noch kommt.
Deshalb nehme ich auf jede Herbstrunde genug Beleuchtung mit, um einen kleineren Rettungseinsatz auszurüsten. Zusätzlich zur Radlampe stecken im Rucksack eine Petzl-Stirnlampe, eine leuchtende LED-Schlinge für Hundehalter und ein Notrücklicht zum Anklemmen.
Das beruhigt mich allerdings nicht. Im Gegenteil: Je mehr Akkus ich dabeihabe, desto mehr Akkus können leer sein. Vor der Ausfahrt beginnt daher das große Kontrollritual. Grün geblinkt? Kabel drin? Wirklich geladen? Oder nur so getan?
Andere prüfen den Reifendruck. Ich verhöre Ladeanzeigen. Oder schalte besser mal ganz aus.
Am Lenker sitzt bei mir eine Sigma Buster 2000. Ein “Flakscheinwerfer” mit 2000 Lumen. Er kann die Nacht zum Tag machen. Theoretisch.
Praktisch dimme ich.
Nicht auf 1000 Lumen. Nicht auf 600. Sondern auf die kleinste Stufe, auf 300. So steigt die angegebene Brenndauer von gut zwei Stunden auf bis zu 20 Stunden. Ein unwiderstehliches Angebot. Ich könnte den Wald hell erleuchten, fahre aber lieber durchs Zwielicht – mit einem Akku, der noch bis übermorgen hielte.
Scheint der Mond, schalte ich ganz aus. Dann rolle ich durch die Finsternis und freue mich über meine Stromreserve. Das ist ungefähr so vernünftig, wie im Winter die Heizung abzustellen, damit sie im Sommer nicht leer wird.
Natürlich hat das Folgen. Ich bin gegen Äste gefahren und in Schlaglöcher gekracht, die mir beinahe den Lenker aus den Händen rissen. Noch heikler ist das Rücklicht. Vor dem Wald knipse ich es aus. Nach dem Wald vergesse ich, es wieder einzuschalten.
Daran erinnern mich meist Autofahrer. Sie hupen. Ich erschrecke, greife nach hinten, beginne zu schlingern und versuche während der Fahrt, einen winzigen Schalter zu finden. So wird aus dem Wunsch nach maximaler Sicherheit eine erstaunlich effiziente Gefahrenquelle.
Mein Bruder fasst das knapp zusammen: „Du spinnst.“
Er hat recht. Aber Vernunft ist gegen Paranoia ein schwaches Leuchtmittel.
Nun beginnt wieder der Herbst. Die Tage werden kürzer, die Nächte länger, und überall in meiner Wohnung liegen Ladekabel herum wie technisches Unkraut. Mein Leiden blüht auf.
Ich könnte sämtliche Akkus laden, das Licht einschalten und einfach fahren. Dafür wurde es schließlich gebaut. Doch kaum leuchtet die Lampe, sehe ich vor meinem inneren Auge schon den sinkenden Balken.
Also dimme ich. Noch eine Stufe. Und noch eine.
Bis ich vom Rad aus kaum mehr etwas erkenne – aber wenigstens ganz genau weiß, wie lange noch.

Redakteur
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