Rotationsschutz-Systeme setzen an einer wichtigen Schwachstelle klassischer Helmtests an: der Belastung durch schräge Aufpralle. Die Gefahr von Gehirnerschütterungen und Nervenschädigungen ist längst wissenschaftlich erwiesen, doch die offiziellen Prüfnormen haben die Einbindung dieser Erkenntnisse bis heute verschlafen. MIPS, WaveCel, KinetiCore und Koroyd, 360° Turbine oder RLS verfolgen unterschiedliche technische Wege, zeigen in Studien aber durchaus deutliche Wirkung. Eine einheitlich übertragbare Rangfolge, welcher Helm generall am besten schützt, lässt sich jedoch nicht bilden.
Für den Kauf zählt deshalb der konkrete Helm, nicht allein das Schutz-Logo. Eine gute Passform, ausreichende Abdeckung und unabhängige Testergebnisse bleiben die wichtigsten Entscheidungskriterien. Ein perfekt passender Helm ohne ist besser als ein schlecht sitzender Helm mit Rotationssystem. Nur wenn Ersteres zutrifft, können MIPS und Co. einen echten Mehrwert bei Helmen bieten. Stefan Frey, BIKE-Redakteur
Ein klassischer Fahrradhelm aus EPS-Schaum ist vor allem darauf ausgelegt, die Energie eines geraden Aufpralls zu absorbieren. Der Schaumkern wird dabei verformt und reduziert die lineare Beschleunigung des Kopfes. Das schützt unter anderem vor Schädelbrüchen und schweren Verletzungen durch direkte Stoßkräfte.
In der Praxis treffen Radfahrer jedoch nur selten exakt senkrecht auf den Untergrund. Häufig rutscht der Kopf schräg über einen Stein, eine Wurzel oder den Boden. Der Helm wird dabei abrupt abgebremst, während der Kopf im Inneren seine Bewegung fortsetzen möchte. Dadurch beginnt sich der Kopf zu drehen.
Diese Drehbewegung erzeugt eine Winkelbeschleunigung und eine Rotationsgeschwindigkeit. Das Gehirn liegt nicht starr im Schädel, sondern ist von Flüssigkeit umgeben und über Nervenstrukturen mit dem übrigen Kopf verbunden. Bei einer schnellen Drehbewegung können sich verschiedene Bereiche des Gehirns unterschiedlich stark bewegen. Dabei entstehen Scherbewegungen im Gewebe.
Besonders empfindlich sind lange Nervenfasern, die die verschiedenen Gehirnregionen miteinander verbinden. Sie können durch die Bewegung gedehnt oder belastet werden. Auch die Übergänge zwischen Gehirn, Hirnhäuten und Schädel reagieren empfindlich auf solche Kräfte. Rotationsbewegungen werden deshalb mit Gehirnerschütterungen und bestimmten Formen diffuser Hirnverletzungen in Verbindung gebracht.
Das bedeutet nicht, dass jede Rotationsbewegung automatisch zu einer Verletzung führt. Entscheidend sind unter anderem die Stärke und Dauer der Beschleunigung, die Richtung des Aufpralls, die Kontaktfläche und die individuelle Situation. Die Forschung zeigt jedoch, dass herkömmliche Helmnormen Rotationsbewegungen bislang weniger umfassend erfassen als lineare Beschleunigungen. Genau hier setzen moderne Schutzsysteme an.
Rotationsschutz-Systeme verfolgen grundsätzlich drei unterschiedliche Ansätze:
Das Ziel ist nicht, jede Bewegung des Kopfes vollständig zu verhindern. Eine gewisse Relativbewegung zwischen Helm und Kopf kann sogar erwünscht sein, weil dadurch ein Teil der Rotationsenergie nicht unmittelbar auf den Kopf übertragen wird.
Wichtig ist allerdings: Die Systeme reduzieren bestimmte Messwerte unter bestimmten Testbedingungen. Kein Helm kann eine Gehirnerschütterung sicher verhindern. Außerdem hängt die Schutzwirkung stark von der gesamten Helmkonstruktion, der Passform, der Abdeckung und dem konkreten Aufprall ab.
MIPS steht für Multi-Directional Impact Protection System. Das bekannteste Prinzip ist eine dünne, reibungsarme Innenschicht, die zwischen Kopf und Helmschale liegt. Bei einem schrägen Aufprall kann sich diese Schicht begrenzt bewegen. Dadurch soll sich der Helm nicht vollständig mit dem Kopf mitdrehen.
Die Idee ähnelt dem natürlichen Schutzprinzip des Gehirns. Auch dort ermöglichen Flüssigkeit und Gewebeschichten eine gewisse Relativbewegung. MIPS überträgt dieses Prinzip auf die Schnittstelle zwischen Helm und Kopf.
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Helme mit Gleitflächen Rotationsbeschleunigungen unter bestimmten Bedingungen reduzieren können. In der Entwicklung des STAR-Testverfahrens der Virginia Tech University erzielten Helme mit Gleitflächen im Durchschnitt niedrigere Belastungswerte als Helme ohne solche Systeme. Niedrigere STAR-Werte stehen dabei für eine bessere Reduzierung bestimmter Aufprallbelastungen.
Eine weitere Untersuchung aus dem Jahr 2024 verglich zahlreiche Fahrradhelme anhand linearer und rotatorischer Messgrößen. In dieser Studie gehörten mehrere der leistungsstärksten Modelle zur Gruppe der MIPS-Helme. Gleichzeitig zeigte sich, dass nicht jeder Helm mit MIPS automatisch zu den besten Modellen gehörte. Die Forscher betonten deshalb, dass die Gesamtleistung des Helms entscheidend bleibt.
MIPS kann ein sinnvoller zusätzlicher Schutzbaustein sein. Das System arbeitet besonders dort, wo ein schräger Aufprall eine Drehbewegung erzeugt. Es verbessert jedoch nicht automatisch die Passform, die Belüftung oder die Abdeckung eines Helms.
Auch innerhalb der MIPS-Familie gibt es unterschiedliche Konstruktionen. Bei MIPS Spherical liegt die Gleitfläche zwischen zwei EPS-Schichten, die sich gegeneinander bewegen können. Andere Varianten sind stärker in die Polsterung oder die Helmschale integriert. Deshalb lässt sich die Stärke der Schutzwirkung nicht allein vom MIPS-Schriftzug ableiten.
WaveCel wurde für die Trek-Zubehörmarke Bontrager entwickelt und verwendet eine wellenförmige, zellartige Struktur im Inneren des Helms. Diese Struktur soll sich bei einem Aufprall zunächst verformen und anschließend teilweise zusammenbrechen. Gleichzeitig kann sie eine begrenzte Gleitbewegung ermöglichen.
In einer 2019 veröffentlichten Untersuchung wurden klassische EPS-Helme, Helme mit MIPS-Gleitfläche und Helme mit WaveCel-Struktur in schrägen Aufpralltests verglichen. Bei einem besonders schnellen Testaufprall mit 6,2 Metern pro Sekunde reduzierte die MIPS-Gruppe die gemessene Rotationsbeschleunigung gegenüber dem Kontrollhelm um bis zu 44 Prozent. Die WaveCel-Gruppe erreichte in diesem konkreten Testszenario eine Reduktion von bis zu 73 Prozent. Das geschätzte Risiko einer bestimmten Gehirnverletzung sank im selben Versuch im Vergleich zum Kontrollhelm zwischen 32 und 91 Prozent bei MIPS sowie 81 und 98 Prozent bei WaveCel.
Diese Zahlen sind interessant, aber nicht als allgemeines Ranking zu verstehen. Die Untersuchung verwendete eine begrenzte Zahl von Helmtypen, Aufprallwinkeln und Geschwindigkeiten. Die Autoren selbst weisen darauf hin, dass weitere Tests unter unterschiedlichen realistischen Bedingungen notwendig sind. Ein einzelner Laborversuch beweist daher nicht, dass WaveCel in jedem Unfall besser schützt als MIPS.
KinetiCore ist ein von Lazer entwickeltes System, das direkt in den EPS-Schaum integriert wird. Der Helm besitzt gezielt angelegte Verformungszonen. Diese sogenannten Controlled Crumple Zones sollen sich bei einem Aufprall kontrolliert verformen und dadurch Energie aufnehmen.
Das Prinzip unterscheidet sich von einer zusätzlichen Gleitfolie. KinetiCore setzt stärker auf die gezielte Verformung des Helmkerns. Dadurch soll der Helm sowohl bei direkten als auch bei schrägen Aufprallen Energie reduzieren. Der Hersteller beschreibt die Konstruktion als integriertes System, das ohne eine zusätzliche Innenschicht auskommt.
Unabhängige Laborbewertungen zeigen, dass die Leistung einzelner Helme mit integrierten Verformungszonen stark variieren kann. Deshalb sollte man KinetiCore nicht pauschal mit MIPS gleichsetzen. Beide Systeme verfolgen ein ähnliches Ziel, nutzen aber unterschiedliche technische Wege.
Koroyd besteht aus zahlreichen miteinander verbundenen Kunststoffröhrchen. Bei einem Aufprall sollen diese Röhrchen kontrolliert zusammenfallen und dabei Energie aufnehmen. Die Struktur ist sehr leicht und lässt Luft durch, weil ein großer Teil des Volumens aus Hohlräumen besteht.
Koroyd ist in erster Linie ein Energieabsorber. Das System soll die direkte Aufprallenergie reduzieren und dadurch auch die Rotationsbewegung begrenzen. Der Hersteller verweist auf einen Zusammenhang zwischen reduzierter direkter Beschleunigung und geringerer Rotation bei schrägen Aufprallen.
Die unabhängige Forschung fällt hier allerdings zurückhaltender aus. Eine Auswertung verschiedener Helmstudien stellte fest, dass Koroyd-Helme in den untersuchten Datensätzen keine statistisch signifikanten Vorteile gegenüber herkömmlichen Helmen zeigten. Das heißt nicht, dass Koroyd wirkungslos ist. Es zeigt aber, dass Herstellerangaben und unabhängige Vergleichsdaten nicht automatisch dasselbe Ergebnis liefern.
Leatt setzt bei seiner 360° Turbine Technology auf mehrere scheibenförmige Elemente, die ringförmig im Inneren des Helms angeordnet sind. Die sogenannten Turbinen bestehen aus einem viskoelastischen Polymer. Sie liegen zwischen dem Kopf und dem EPS-Kern.
Bei einem Aufprall sollen sich die Elemente verformen und dadurch Energie aufnehmen. Gleichzeitig erlauben sie eine begrenzte Bewegung des Kopfes innerhalb des Helms. Dadurch soll die Übertragung von Rotationsbeschleunigung reduziert werden. Anders als eine reine Gleitfolie ist die Turbine Technology nicht ausschließlich auf schräge Aufpralle ausgerichtet. Sie soll auch bei niedrigeren linearen Aufprallgeschwindigkeiten Energie aufnehmen.
Die vom Hersteller veröffentlichten Testdaten zeigen je nach Aufprallrichtung unterschiedliche Ergebnisse. In einem Test mit 4,3 Metern pro Sekunde wurde die Rotationsbeschleunigung laut Leatt beim frontalen Aufprall um 12 Prozent, beim seitlichen Aufprall um 25 Prozent und beim hinteren Aufprall um 28 Prozent reduziert. Bei einem schnelleren hinteren Aufprall mit 6,1 Metern pro Sekunde wurde eine Reduktion der mittleren maximalen Rotationsbeschleunigung um 38 Prozent angegeben. Diese Ergebnisse stammen aus herstellereigenen Versuchen und sollten deshalb nicht mit einem unabhängigen, standardisierten Vergleich aller Helmtechnologien gleichgesetzt werden.
Für die Einordnung ist außerdem ein Blick auf frühere Tests sinnvoll. BIKE untersuchte die beworbenen Werte der 360° Turbine Technology bereits in einem eigenen Vergleich und kam zu dem Ergebnis, dass die Herstellerangaben zu verringerten Rotations- und linearen Beschleunigungen nicht vollständig bestätigt werden konnten. Das macht die Grundidee des Systems nicht automatisch unbrauchbar, zeigt aber, wie wichtig der konkrete Helm und der jeweilige Testaufbau sind.
Das Release Layer System, kurz RLS, verfolgt einen ungewöhnlichen Ansatz. Die Technologie sitzt nicht zwischen Kopf und EPS-Kern, sondern in einer zusätzlichen Außenschicht des Helms.
RLS besteht aus mehreren äußeren Schalenpanelen, einer flexiblen Trägermembran und kleinen Polycarbonat-Kugeln. Diese Kugeln wirken wie eine Art Lager. Bei einem schrägen Aufprall sollen sich zunächst die Verbindungen des betroffenen Panels lösen. Anschließend kann sich das Panel auf den Kugeln bewegen und rollen. Dadurch soll ein Teil der tangentialen Aufprallenergie in die Bewegung der Außenschale umgeleitet werden, anstatt direkt eine Drehbewegung des Kopfes zu erzeugen.
Das System arbeitet damit nach dem Prinzip „Reagieren, Rollen, Lösen“:
Der technische Ansatz unterscheidet sich deutlich von MIPS. Dort bewegt sich eine Innenschicht relativ zum Kopf. Bei RLS wird dagegen die Bewegung weiter außen am Helm erzeugt. Das kann mehr Bewegungsfreiheit ermöglichen, bedeutet aber auch, dass das System nach einem relevanten Aufprall sichtbar beschädigt oder ausgelöst sein kann. Ein Helm mit ausgelöstem RLS muss daher ersetzt werden.
Eine 2026 veröffentlichte Studie im Journal of Biomechanical Engineering untersuchte RLS in Urban-, Rennrad- und Mountainbike-Helmen. Die Forscher testeten verschiedene Aufprallorte und verwendeten mehrere Kopfformen. Laut den veröffentlichten Ergebnissen wurde RLS speziell als äußeres Rotationsschutz-System entwickelt, das die Relativbewegung zwischen Außenschale und Helmkern über eine rollende Lagerstruktur ermöglicht.
Zusätzliche Tests des ICube-Forschungszentrums an der Universität Straßburg ergaben nach Angaben von Canyon Reduktionen der maximalen Rotationsgeschwindigkeit von durchschnittlich 56 bis 66 Prozent gegenüber baugleichen Helmen ohne RLS. Diese Werte wurden an mehreren Aufprallorten ermittelt. Da das System noch vergleichsweise neu ist und die veröffentlichte Datenlage kleiner ausfällt als bei MIPS, sollten die Ergebnisse als vielversprechend, aber nicht als endgültiger Beweis für eine generelle Überlegenheit verstanden werden.
RLS ist vor allem für Fahrer interessant, die einen Helm mit einer äußerlich arbeitenden Rotationsschutz-Technologie suchen. Die Außenschale soll bereits beim ersten Kontakt mit dem Untergrund Bewegung aufnehmen und dadurch die Weiterleitung der Drehbewegung verringern.
Der entscheidende Nachteil liegt in der begrenzten Verbreitung. Zum aktuellen Stand ist die Technologie vor allem mit neuen Canyon-Helmen verbunden. Außerdem muss der Helm nach einem ausgelösten System ersetzt werden. Wie bei allen Rotationsschutz-Technologien gilt: Ein sehr guter RLS-Helm mit schlechter Passform ist keine bessere Wahl als ein gut sitzender Helm mit einer anderen Schutzlösung.
Rotationsschutz-Systeme setzen an einer wichtigen Schwachstelle klassischer Helmtests an: der Belastung durch schräge Aufpralle. Die Gefahr von Gehirnerschütterungen und Nervenschädigungen ist längst wissenschaftlich erwiesen, doch die offiziellen Prüfnormen haben die Einbindung dieser Erkenntnisse bis heute verschlafen. MIPS, WaveCel, KinetiCore und Koroyd, 360° Turbine oder RLS verfolgen unterschiedliche technische Wege, zeigen in Studien aber durchaus deutliche Wirkung. Eine einheitlich übertragbare Rangfolge, welcher Helm generall am besten schützt, lässt sich jedoch nicht bilden.
Für den Kauf zählt deshalb der konkrete Helm, nicht allein das Schutz-Logo. Eine gute Passform, ausreichende Abdeckung und unabhängige Testergebnisse bleiben die wichtigsten Entscheidungskriterien. Ein perfekt passender Helm ohne ist besser als ein schlecht sitzender Helm mit Rotationssystem. Nur wenn ersteres zutrifft, können MIPS und Co. einen echten Mehrwert bei Helmen bieten.

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