​Mehr Gewicht, mehr SchutzWarum werden MTB-Helme immer schwerer?

Stefan Frey

 · 20.07.2026

Mountainbike-Helme werden immer schwerer. Doch werden sie dadurch auch sicherer? Wir haben uns auf die Suche nach den Gewichtsreibern gemacht und erklären, wo die Pfunde an aktuellen Trail- und Enduro-Helmen herkommen.
Foto: KI-generiert
Mehr Schutz, mehr Technik, höhere Anforderungen: Mountainbike-Helme, die weniger als 300 Gramm wiegen, sind heute Schnee von gestern - leider. Weshalb moderne Trail- und Enduro-Helme heute oft deutlich mehr auf die Waage bringen, und weshalb das nicht unbedingt schlecht sein muss - dieser Artikel klärt auf.

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Früher galt beim Mountainbike-Helm vor allem eine Regel: leichter ist besser. Heute scheint sich der Trend umzukehren. Viele aktuelle Trail-, Enduro- und E-MTB-Helme wiegen spürbar mehr als vergleichbare Modelle vor zehn Jahren. Doch die zusätzlichen Gramm sind kein Rückschritt, sondern Ausdruck einer neuen Sicherheitsphilosophie. Warum moderne MTB-Helme schwerer werden, welche Schutzsysteme dahinterstecken und welche Rolle E-Bikes, Enduro-Rennen und Sicherheitsnormen spielen, wir erklären es euch.

Warum gibt es keine leichten MTB-Helme mehr?!

Kürzlich schrieb uns eine Leserin mit dem etwas verzweifelt klingenden Anliegen:

Suche nach einem Helm, der nicht bleischwer ist. POC Tactic, Kortal etc. wiegen ja fast 500 Gramm. Der Specialized Ambush 3 wird mit 360 angegeben. Auch, dass ein Helm mal nicht bei mehr als 200 Euro beginnt und trotzdem leicht ist, gut passt und die Qualität stimmt, ist echt selten geworden.

Ja, dachte ich mir, dem kann ich nur zustimmen. Schauen wir einfach mal auf den besagten Specialized Ambush, den es seit 2016 nun inzwischen in der dritten Ausbaustufe gibt. Hier lässt sich die Entwicklung besonders gut nachvollziehen.

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2016 urteilten wir über den ersten Ambush:

Der Ambush ist der Archetyp des Enduro-Helms. Dank Aramid-Verstrebung und tief gezogener Schale schützt er hervorragend und ist dennoch sehr leicht. Passform und Verstellsystem sind durchdacht, ebenso das Visier. Die Belüftung ist top. Verarbeitet sind andere besser. Trotzdem: verdienter Testsieg.

Damals wog der Ambush, noch ohne MIPS-System, 279 Gramm – und wurde schnell zu meinem absoluten Lieblingshelm, bis ich ihn sturzbedingt aussortieren musste. Kurze Zeit später war der Ami-Helm auch mit Rotationsschutz erhältlich und schaffte es auch damit noch immer knapp unter die 300 Gramm. Im Vergleich zu dem, was aktuelle All-Mountain-Helme wiegen, war das noch immer eine echte Ansage.

Doch auch der Ambush wurde deutlich schwerer: Version 2 mit seiner geschwungenen, organischen Form, brachte bereits etwa 360 Gramm in Größe M auf die Waage. MIPS gehörte zu dieser Zeit bereits mehr oder weniger zur Standard-Ausstattung hochwertiger MTB-Helme.

Seit kurzem ist der Specialized Ambush 3 auf dem Markt, und was soll ich sagen: Die Gewichtsspirale dreht sich weiter. Satte 442 Gramm wiegt das einstige Fliegengewicht – in Größe L zugegebenermaßen. Den ausführlichen Test findet ihr unter diesem Link.

Mehr Gewicht gleich besserer Schutz?

Und, fragt man sich berechtigterweise, ist der Ambush 3 dann wenigstens auch sicherer als das leichte Ur-Modell? Erfreulicherweise: JA. Sieht man sich die Daten des international anerkannten Testlabors Virginia Tech an, ist eine klare Tendenz ersichtlich:

  • Der Specialized Ambush 1, der in unserem Test 2016 noch mit sehr guten Werten im Labor abgeschnitten hatte, landet im Bicycle Helmet Rating mit einem Scor von 15.66 nur auf Platz 225.
  • Der etwas schwere Ambush mit MIPS erhielt einen Score von 13.96 Punkte und schaffte es auf Platz 190.
  • Mit einem Score von 9.88 schnitt der Ambush 2 noch mal wesentlich besser ab, Platz 45.
  • Der aktuelle Ambush 3 schafft es mit einem Score von 9.11 sogar auf Platz 29 der Rangliste.

Mehr Gewicht bedeutet in vielen Fällen also gleichzeitig auch mehr Sicherheit – auch wenn sich diese Aussage natürlich nicht verallgemeinern lässt, denn es gibt durchaus leichte Helme, die ebenfalls sehr guten Schutz bieten. Doch wie kommt es eigentlich, dass MTB-Helme heute oft deutlich schwerer sind, als ihre Pendants aus vergangenen Tagen?


Größere Kopfabdeckung drückt auf die Waage

Wer einen modernen Trail- oder Enduro-Helm neben ein Modell aus den frühen 2010er-Jahren legt, erkennt den Unterschied sofort: Die Helmschale reicht heute deutlich weiter über Hinterkopf, Schläfen und seitliche Kopfpartien.

Diese zusätzliche Schutzabdeckung kommt nicht von ungefähr. Unfallanalysen haben gezeigt, dass bei Mountainbike-Stürzen insbesondere der Hinterkopf und die seitlichen Bereiche gefährdet sind. Entsprechend reagieren die Hersteller mit größeren Schalen und mehr absorbierendem Material.

Der Nachteil liegt auf der Hand: Mehr Material bedeutet nahezu zwangsläufig mehr Gewicht. Während ein ambitionierter XC-Helm früher oft unter 250 Gramm blieb, liegen moderne Trail- und Enduro-Modelle häufig zwischen 330 und 450.


Sicherheits-Systeme: MIPS, KinetiCore, Turbine 360 & Koroyd

Einer der wichtigsten Gründe für den Gewichtszuwachs steckt im Inneren moderner Helme. Die Hersteller investieren zunehmend in Technologien, die nicht nur direkte Schläge absorbieren, sondern auch Rotationskräfte reduzieren sollen.

MIPS: Der Branchenstandard

Das schwedische System MIPS (Multi-directional Impact Protection System) gilt mittlerweile als Quasi-Standard im Fahrradbereich.

Zwischen Helmschale und Kopf befindet sich eine bewegliche Gleitschicht. Kommt es zu einem schrägen Aufprall, kann sich der Helm einige Millimeter relativ zum Kopf bewegen. Dadurch sollen Rotationskräfte reduziert werden, die als eine der Hauptursachen von Gehirnerschütterungen gelten.

Je nach Ausführung bringt MIPS lediglich wenige Gramm zusätzlich auf die Waage. In Summe trägt das System jedoch zum höheren Gesamtgewicht moderner Helme bei.

360° Turbine Technology

Die südafrikanische Marke Leatt setzt auf die sogenannte 360° Turbine Technology. Im Helm sitzen kleine, turbinenförmige Dämpfungselemente aus speziellem Polymermaterial. Diese sollen sowohl lineare als auch rotierende Aufprallkräfte reduzieren.

Der Vorteil: Die Elemente benötigen keine separate Gleitschicht wie MIPS. Allerdings erhöhen auch sie Materialeinsatz und Konstruktionsaufwand.

Lazer KinetiCore

Lazer verfolgt mit KinetiCore einen anderen Ansatz. Die Rotationsschutz-Technologie ist direkt in die EPS-Schaumstruktur integriert.

Statt zusätzlicher Einbauteile entstehen definierte Knautschzonen innerhalb des Helms. Das spart teilweise Gewicht gegenüber klassischen MIPS-Lösungen und erlaubt eine bessere Belüftung. KinetiCore zeigt, dass mehr Sicherheit nicht zwangsläufig immer mehr Gewicht bedeuten muss.

Koroyd

Das markante grünliche Wabenmaterial von Smith findet sich inzwischen bei vielen Premium-Modellen. Koroyd besteht aus tausenden verschweißten Röhrchen, die bei einem Aufprall kontrolliert kollabieren und so Energie aufnehmen sollen.

Die Technologie ermöglicht teilweise eine höhere Schutzwirkung bei vergleichsweise geringem Materialeinsatz. Dennoch erhöht die zusätzliche Struktur häufig das Gesamtgewicht gegenüber einer reinen EPS-Konstruktion.


Neue Normen – mehr Sicherheit, mehr Gewicht

Neben den Sicherheitssystemen treiben vor allem strengere Zertifizierungen die Entwicklung voran.

EN 1078 – Die klassische Fahrradhelm-Norm

Die europäische Norm EN 1078 bildet seit Jahren die Basis für Fahrradhelme. Sie definiert grundlegende Anforderungen an Stoßdämpfung, Haltegurte und Sichtfeld.

Für moderne Trail- und Enduro-Einsätze ist vielen Herstellern diese Norm jedoch längst nicht mehr ausreichend. Daher besitzen viele aktuelle Helmmodelle zusätzliche Zertifizierungen:

CPSC – die wichtigste US-Helmnorm

CPSC steht für Consumer Product Safety Commission und ist die in den USA gesetzlich vorgeschriebene Sicherheitsnorm für Fahrradhelme. Seit 1999 müssen alle Fahrradhelme, die auf dem US-Markt verkauft werden, die Anforderungen der CPSC 16 CFR Part 1203 erfüllen.

Die CPSC-Norm testet Helme mit höheren Aufprallenergien bzw. größeren Fallhöhen als EN 1078. Dadurch müssen Helme stärkere Einschläge absorbieren können. Zudem umfasst die CPSC-Prüfung zusätzliche Anvil-Formen (Aufprallkörper), darunter auch einen halbkugelförmigen Prüfkörper (Hemi-Anvil), der bei EN 1078 nicht vorgeschrieben ist.

Außerdem fordert CPSC tendenziell eine größere Abdeckung des Hinterkopfes, weshalb Helme oft etwas voluminöser ausfallen.

NTA 8776 – Die E-Bike-Norm

Der größte Gewichtstreiber der vergangenen Jahre heißt NTA 8776. Diese ursprünglich für S-Pedelecs mit bis zu 45 km/h entwickelte Norm verlangt eine höhere Aufprallenergieaufnahme sowie einen erweiterten Schutzbereich am Hinterkopf.

Immer mehr Trail- und All-Mountain-Helme tragen mittlerweile zusätzlich das NTA-Siegel. Für die Hersteller bedeutet das oftmals dickere EPS-Schäume, größere Schalen und verstärkte Konstruktionen. Die Folge: Helme mit NTA-Zertifizierung wiegen häufig 30 bis 100 Gramm mehr als vergleichbare Modelle ohne diese Freigabe.


Der Enduro- und Bikepark-Boom verändert die Anforderungen

Mountainbiken hat sich in den vergangenen zehn Jahren grundlegend verändert. Wo früher Marathon- und Cross-Country-Rennen dominierten, stehen heute Enduro-Rennen, Flowtrails, Bikeparks und technische Abfahrten im Mittelpunkt. Moderne Mountainbikes ermöglichen höhere Geschwindigkeiten und anspruchsvolleres Gelände als je zuvor.

Auch die Anforderungen an Helme ändern sich dadurch. Fahrer akzeptieren heute deutlich eher ein paar zusätzliche Gramm, wenn sie dafür im Ernstfall besser geschützt sind. Viele Hersteller verfolgen inzwischen ganz bewusst die Philosophie „Safety first“. Das erklärt, warum Gewicht heute oft nicht mehr die oberste Entwicklungspriorität darstellt.


Komfort und Zusatzfunktionen kosten ebenfalls Gewicht

Nicht zuletzt wächst auch der Funktionsumfang moderner Helme stetig. Zu den mittlerweile üblichen Ausstattungsmerkmalen gehören:

  • große, mehrfach verstellbare Visiere
  • Sonnenbrillen-Garagen
  • Actioncam-Halterungen
  • Fidlock-Magnetverschlüsse
  • aufwendige Verstellsysteme
  • integrierte Brillen- oder Goggle-Lösungen
  • zusätzliche Belüftungskanäle und Verstärkungsstrukturen

Jede einzelne Funktion bringt nur wenige Gramm mit sich. In Summe entsteht daraus jedoch ein spürbarer Gewichtsunterschied gegenüber älteren Modellen.


Fazit: Die zusätzlichen Gramm sind meist gut investiert

Ja, Mountainbike-Helme werden tendenziell schwerer. Der Grund liegt jedoch nicht in mangelnder Entwicklungsarbeit, sondern in deutlich gestiegenen Sicherheitsanforderungen.

Mehr Schutzabdeckung, Rotationsschutzsysteme wie MIPS, KinetiCore, Turbine oder Koroyd, strengere Normen wie NTA 8776 sowie die Anforderungen moderner Enduro- und Bikepark-Abfahrten sorgen dafür, dass heutige Helme mehr leisten müssen als je zuvor.

Die gute Nachricht: Dank moderner Materialien und intelligenter Konstruktionen steigt das Gewicht deutlich langsamer als das Schutzniveau. Oder anders gesagt: Die zusätzlichen 50 bis 100 Gramm auf dem Kopf können im Ernstfall einen entscheidenden Unterschied machen.


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Stefan Frey

Stefan Frey

Redakteur

Stefan Frey ist Niederbayer, er liebt die moosig-lehmigen Trails des Bayerischen Waldes ebenso wie den schroffen Fels der Dolomiten. Für technische Abfahrten nimmt er nahezu jeden Anstieg in Kauf – gerne aus eigener Kraft. Als Zubehör-Spezialist ist er die erste Anlaufstelle bei Fragen zu Ausrüstung und Anbauteilen, während er als Textchef die Sprachkrümel von den Seiten der BIKE-Print-Ausgaben fegt.

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