Dimitri Lehner
· 13.07.2026
POC schickt mit dem Barocon Carbon einen Fullface-Helm ins Rennen, der als erster DH-Helm eine US-Motorrad-Zertifizierung trägt. Klingt beeindruckend. Was dahintersteckt – und ob das wirklich mehr Sicherheit bedeutet. Und vor allem: Was es kostet!
POC aus Schweden hat den Barocon Carbon mit einer Zertifizierung ausgestattet, die bisher kein anderer DH-Helm vorweisen kann: DOT FMVSS 218 – der US-amerikanische Motorrad-Standard. Dazu kommen die üblichen Fahrrad-Zertifizierungen ASTM F1952 für Downhill und ASTM F2032 für BMX. Klingt nach viel Sicherheit. Einen kleinen Haken gibt es trotzdem: Die europäische Motorrad-Norm ECE R22.06 erfüllt der Barocon Carbon nicht. Der Fox Rampage RS für 699 Dollar und der Leatt 8.0 Gravity für 429,95 Dollar bestehen die Kinnbügelprüfung nach ECE R22.06 – als Motorradhelme offiziell zertifiziert werden können sie allerdings trotzdem nicht. POC selbst betont außerdem ausdrücklich: Der Barocon Carbon ist ein Mountainbike-Helm, kein Motorradhelm. Wer damit zur Gegenverkehr-Runde aufbricht, ist selbst schuld.
Kleine Aufklärung: Bei FREERIDE testeten wir Downhill-Integral-Helme schon vor Jahren nach der europäischen Motorrad-Norm. Einfacher Grund: Die Geschwindigkeiten im Downhill wachsen stetig, das ist es nur konsequent nach EVE 22.06 zu testen. Auch Sicherheits-Ingenieure des Norm-Boards fordern die Verschärfung der Prüfung von Downhill-MTB-Helmen. Bei unseren Test damals hatten der Specialized Dissident 1 und der Troy Lee D2 die Norm-Prüfschläge für Motorradhelme verkraftet.
Die Außenschale besteht aus Carbon und ist nach Herstellerangaben mit dem mehrschichtigen EPS-Liner „verschmolzen" – nicht einfach verklebt. Was genau dieses Verfahren von einer guten Verklebung unterscheidet, verrät POC nicht. Man muss dem Hersteller also schlicht glauben, dass die strukturelle Integrität dadurch besser wird. Im Inneren arbeitet ein MIPS Evolve Core-Liner, der Rotationskräfte beim Aufprall reduzieren soll. Die Polsterung lässt sich in verschiedenen Stärken anpassen, für die Ohren gibt es separate Kammern, die laut POC das Gleichgewicht verbessern. Ob man das beim nächsten Sturzflug wirklich merkt, sei dahingestellt.
In Größe M bringt der Barocon Carbon 1.040 Gramm auf die Waage. Das ist solide, aber kein Leichtgewicht. Zum Vergleich: Der Fox Rampage RS wiegt 980 Gramm und kostet 699 Dollar. Der Lazer A-Line kommt sogar auf 880 Gramm bei 500 Dollar. Wer es günstiger mag: Der Abus HiDrop liegt bei 1.053 Gramm und 200 Dollar. Der POC Barocon Carbon kostet 880 Dollar – mehr als das Doppelte der günstigsten Alternative. Die Mehrkosten lassen sich mit Carbon-Konstruktion, MIPS Evolve und der DOT-Zertifizierung begründen. Ob sie sich für jeden Fahrer rechnen, ist eine andere Frage.
Hier lohnt ein nüchterner Blick. Historisch galt in der MTB-Szene die These, Motorrad-Standards seien für Bike-Helme überdimensioniert – weil die Aufprallenergie bei MTB-Stürzen schlicht geringer ist als auf der Autobahn. Was schlichtweg Quatsch ist, denn es werden bei der Motorradprüfnorm keine Autobahn-Geschwindigkeit simuliert (da wären eh alle tot weil kein Helm schützen kann). Es werden lediglich höhere Geschwindigkeiten simuliert, nämlich 27 km/h und 29,5 km/h statt 19,5 km/h wie bei der Fahrradnorm. Und der Grenzwert ist marginal höher: 275 g statt 250 g.
POC nutzte die ECE R22.06-Werte immerhin als interne Orientierung – und hat damit nach eigenen Angaben bewusst Sicherheitsreserven eingebaut. Das ist respektabel. Ob diese Reserven den Preisunterschied zu gut zertifizierten Konkurrenten rechtfertigen, muss jeder selbst entscheiden.
Praktisch: Das Magnet-Visier bricht bei einem Aufprall kontrolliert ab, ein D-Ring-Verschluss sichert den Helm. Belüftungskanäle sorgen für Luftzirkulation, die Größen S bis L decken Kopfumfänge von 54 bis 60 Zentimetern ab. Das Norco Adidas Race Division Team fährt den Barocon Carbon in der Saison 2026. Dazu lanciert POC die Zygon-Brille für 150 Dollar.

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