Luxus-Schmiermittel für die MTB-Kette

Die teuersten Schmiermittel der Welt

  • Stefan Loibl
 • Publiziert vor 9 Tagen

Mit Super-Schmiermitteln versprechen Hersteller wie AbsoluteBlack oder Ceramic Speed geringste Leistungsverluste. Doch für die Profi-Kettenöle muss man tief in die Tasche greifen. Lohnt sich das?

130 Euro für eine 140-ml-Fläschchen ruft AbsoluteBlack für sein „weltbestes Kettenschmiermittel“ auf. Damit ist das wachsbasierte Schmiermittel mit Graphene-Partikeln in etwa so teuer wie die teuersten Speiseöle der Welt. Dafür versprechen die Briten 3-10 Watt weniger Leistungsverlust im Vergleich zu anderen Schmiermitteln. Das Ganze gilt in trockenen Bedingungen für 900 Kilometer, ohne dass man die Kette nachschmieren muss. Beeindruckende Zahlen, die AbsoluteBlack einerseits mit eigenen Labormessungen, andererseits mit Eindrücken vom frisch gebackenen Tour de France-Sieger Tadej Pogacar untermauert. Doch nicht nur AbsoluteBlack versucht mit teuren High-End-Schmierstoffen die Rennsport-Klientel zu ködern, auch Muc-Off, Ceramic Speed oder Molten rufen für ihre reibungsmindernden Top-Produkte stolze Summen auf. Vorhang auf für die teuersten Schmiermittel der Welt:

130 Euro kostet vom Graphenlube die 140-ml-Flasche: Dafür verspricht AbsoluteBlack nach der Grundschmierung einen Leistungsverlust von weniger als fünf Watt bis zu 900 Kilometer. Genutzt wird das Schmiermittel von Tour de France-Sieger Tadej Pogacar und Team Jumbo Visma. 

70 Euro kostet die 180-ml-Flasche des UFO Drip von Ceramicspeed *. Die wachsbasierte Beschichtung soll laut dem dänischen Hersteller die Reibung deutlich verringern, in Summe 2-5 Watt einsparen und 200 Kilometer lang halten. 

60 Euro für die 50-ml-Flasche: So viel verlangt Muc-Off für sein Nanotube-Schmiermittel *. Dabei verwendet Muc-Off diesselben Inhaltsstoffe wie bei der Nanotube-Kette. Die Beschichtung soll 1-2 Watt einsparen, muss ebenfalls eingefahren werden und soll für jedes Wetter geeignet sein.

NTC steht laut Muc-Off für die schnellste Fahrradkette der Welt. Die Nanotube-Kette * der Briten (Preis: 130 Euro) wird per Ultraschall gereinigt und mit der speziellen Nanotube-Formel behandelt. Nach einer Einfahrzeit von vier Stunden bei 250 Watt soll sie auf lange Sicht zehn Watt weniger Leistungsverlust haben als die Ceramicspeed UFO-Kette. Egal bei welchen Bedingungen. Die Schmierung soll im Trockenen etwa 650 Kilometer halten.

Stolze 125 Euro ruft Ceramicspeed für seine UFO Chains * auf. Die 10fach,11fach oder 12fach-Ketten werden in einem speziellen Verfahren in Dänemark poliert, entfettet, geschmiert und mit Teflon-Puder bestäubt. Das soll für 2-5 Watt weniger Leistungsverlust am Antrieb sorgen. Die Beschichtung soll bei trockenen Bedingungen für 600 Kilometer halten.

Das Molten Speed Wax ist eine paraffinhaltige Wachsbeschichtung und kostet pro Beutel etwa 28 Euro. Damit kann man seine Kette etwa 20 Mal behandeln. Doch die Anwendung ist aufwändig. Erst muss man die Kette komplett entfetten und dann mit der Wachslösung präparieren. Dafür versprechen die Amerikaner eine durchgängig saubere Kette, geringe Reibungsverluste und weniger Verschleiß. 500 Kilometer soll die Kette bis zur nächsten Behandlung auskommen.

Lohnen sich die teuren Schmiermittel wirklich?

Dass im Profi-Rennsport nach jedem Watt geforscht wird, dass man einsparen kann, ist verständlich. Doch auch Hobby-Rennfahrer sind immer auf der Suche, ihr Material zu tunen. Deshalb wollten wir wissen, was dran ist an den vollmundigen Versprechungen der Hersteller. Kann eine Schmierung wirklich 900 Kilometer halten? Oder sind die eingesparten Watt wirklich realistisch? Dafür haben wir Alfons Urban aus dem Entwickler-Team von Tunap Sports gefragt. Er ist selbst Radsportler, arbeitet eng mit der Profi-Mannschaft Bora-Hansgrohe zusammen und hat auf dem hauseigenen Laborprüfstand bereits einige der Super-Schmiermittel unter Realbedingungen getestet.

Alfons Urban aus dem Entwicklungs-Team von Tunap Sports arbeitet unter anderem mit dem Profi-Team Bora-Hansgrohe zusammen.


BIKE: AbsoluteBlack und Ceramicspeed verlangen teils mehr als 100 Euro für ein Fläschchen Schmiermittel. Was hältst du davon?

Alfons Urban: Ein Schmiermittel zu diesen extrem hohen Preisen bringt nicht annähernd den Gegenwert, der versprochen wird. Hier sind Firmen auf dem Markt die "pseudowissenschaftlich" argumentieren und sehr gute Marketingbroschüren haben. Das müssen sie auch, damit man solche Preise rechtfertigen kann.


Ihr testet viel auf realitätsnahen Prüfständen und mit Profi-Teams wie Bora-Hansgrohe. Wie viel Watt Leistungsverlust hat ein schlecht und ein gut geschmierter Antrieb?

Ein bestens gewarteter Kettenantrieb hat einen Leistungsverlust von ca. 4-5 Watt. Wenn die Schmierung zum größten Teil weg ist und noch Schmutz dazukommt, kann es auch mal das Doppelte, also 10 Watt, sein. Das hängt aber immer davon ab, wie man das Ganze misst. Das heißt Übersetzung, Schräglauf, Leistung und Trittfrequenz spielen auch eine große Rolle und beeinflussen das System. Es gibt mit dem sogenannten Grundleistungsverlust auch einen Wert, der nie unterschritten werden kann. Denn Kettenblätter, Ritzel, Schaltrollen und Kette haben nun mal eine gewisse systembedingte Reibung.


AbsoluteBlack verspricht 900 Kilometer beste Schmierung und geringste Reibung – ohne Nachschmieren: Ist das überhaupt realistisch, dass ein Schmierstoff so lange hält?

Es ist technisch nicht möglich über 900 Kilometer eine Kette so zu schmieren, ohne dass der Wirkungsgrad abfällt bzw. der Leistungsverlust ansteigt.


Muc-Off und Ceramicspeed verkaufen speziell behandelte Ketten für über 100 Euro für den Rennbereich, um entscheidende Watt herauszuholen. Kann es für Profis/Rennfahrer Sinn machen, Ketten ausgiebig zu behandeln? Und wenn ja, macht ihr das auch und wie viel lässt sich damit herausholen?

Speziell präparierte Ketten machen im Leistungssport und bei ambitionierten Hobbysportlern durchaus Sinn. Wir präparieren selber Ketten für die Deutsche Bahnrad-Nationalmannschaft mit einer sehr speziellen Prozedur. Zu einer neuen Kette mit Originalschmierung holen wir schon einmal 3-4 Watt raus. Beispielsweise bei der 4000-Meter-Mannschaftsverfolgung spart die spezielle Behandlung im Vergleich zu Ketten mit Originalschmierung im Durchschnitt vier Watt. Das ergibt einen Zeitvorteil von 1,1 Sekunden.


Was macht man, wenn die Kette trocken ist und man kein Schmiermittel zur Hand hat: Trocken fahren oder lieber zum Olivenöl aus dem Supermarkt greifen?

Bevor eine Kette trocken gefahren wird, kann man ruhig Olivenöl aus dem Supermarkt verwenden. Wir haben selber Tests auf dem Prüfstand gefahren und waren erstaunt, wie gut die Schmierwirkung war.

Normale Schmiermittel kosten pro Flasche 5-10 Euro.

In BIKE 11/20 haben wir 20 dieser Schmiermittel aufwändig in Labor und Praxis getestet. Die Testergebnisse finden Sie als PDF unten im Download-Bereich. Der Test kostet 1,99.

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