Tretlagerstandards am MountainbikeDas große Chaos im Überblick

Jan Timmermann

 · 27.06.2026

Tretlagerstandards am Mountainbike: Das große Chaos im ÜberblickFoto: Max Fuchs
Welcher Tretlagerstandard versteckt sich hier? BSA, Pressfit, BB30, PF30, T47 und DUB: In diesem Dschungel verlieren Mountainbiker leicht den Überblick. Wir geben eine Orientierungshilfe.
Der Tretlagerstandard am Mountainbike hat schon viele Schrauber zur Verzweiflung gebracht. BSA, Pressfit, BB30, PF30, T47 oder DUB - Wie passen Rahmen, Innenlager und Kurbel zusammen? Wir geben einen Überblick über die Eigenschaften sowie Vor- und Nachteile der verschiedenen Tretlagerstandards am MTB.

Themen in diesem Artikel

​Wer heute ein neues Mountainbike kauft oder einen Rahmen aufbauen möchte, stößt früher oder später auf ein Thema, das selbst erfahrene Schrauber regelmäßig ins Grübeln bringt: den Tretlagerstandard. Die Vielzahl an Bezeichnungen wirkt zunächst wie ein undurchdringlicher Dschungel. Dabei erfüllt jedes Tretlager dieselbe Aufgabe: Es verbindet die Kurbel mit dem Rahmen und ermöglicht die Rotation der Kurbelwelle möglichst reibungsarm und langlebig. Warum es dennoch so viele Standards gibt, welche Vor- und Nachteile sie bieten und worauf Mountainbiker achten sollten, klären wir in diesem Überblick.

Warum gibt es überhaupt verschiedene Tretlagerstandards?

In den 1990er-Jahren war die Welt noch einfach. Fast alle Mountainbikes nutzten geschraubte BSA-Tretlager mit Vierkant- oder später ISIS- beziehungsweise Octalink-Achsen. Mit dem Aufkommen von Aluminium- und Carbonrahmen suchten Hersteller nach Möglichkeiten, größere Lagerdurchmesser, breitere Rahmenbereiche und steifere Kurbeln zu realisieren. Das Ergebnis war eine Vielzahl neuer Standards, die mehr Steifigkeit bei geringerem Gewicht versprachen. Gleichzeitig sollten größere Lager die Haltbarkeit erhöhen und die Fertigung von Carbonrahmen vereinfachen. Nicht alle Konzepte erwiesen sich jedoch als dauerhaft erfolgreich.

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​Welcher Standard ist heute die beste Wahl?

Eine pauschale Antwort auf diese Frage gibt es nicht, dennoch haben sich in den vergangenen Jahren einige klare Favoriten herauskristallisiert. Für die meisten Mountainbiker bleibt BSA die sicherste Wahl. Der klassische Gewindestandard überzeugt durch seine hohe Zuverlässigkeit, eine unkomplizierte Wartung und die enorme Verfügbarkeit von Ersatzteilen. Zudem gilt BSA als vergleichsweise unempfindlich gegenüber Fertigungstoleranzen und ist deshalb deutlich weniger anfällig für Knack- und Knarzgeräusche als viele Pressfit-Lösungen.

Wer sich im High-End-Segment bewegt und einen modernen Carbon- oder Aluminiumrahmen aufbaut, sollte einen Blick auf T47 werfen. Der vergleichsweise junge Standard verbindet die Vorteile großer Lagerdurchmesser mit der Praxistauglichkeit eines Gewindesystems. Dadurch lassen sich steife Rahmenkonstruktionen und groß dimensionierte Kurbelachsen realisieren, ohne die typischen Nachteile klassischer Pressfit-Systeme in Kauf nehmen zu müssen. Viele Branchenexperten sehen T47 deshalb als eine der technisch ausgereiftesten Lösungen am Markt.

​Auch PF92 hat seinen Platz im Mountainbike-Sektor weiterhin behauptet. Der Standard ist insbesondere bei Trail-, Enduro- und Cross-Country-Bikes weit verbreitet und ermöglicht eine hohe Rahmensteifigkeit bei gleichzeitig geringem Gewicht. Voraussetzung für einen problemlosen Betrieb sind allerdings präzise gefertigte Rahmen und qualitativ hochwertige Lager. Stimmen diese Faktoren, funktioniert PF92 im Alltag meist ebenso zuverlässig wie ein geschraubtes System. Die Wahl des passenden Standards hängt daher letztlich vom jeweiligen Rahmen ab – denn das Tretlagergehäuse wird vom Rahmenhersteller vorgegeben und kann nicht frei gewählt werden.

​Welches Tretlager passt zu welcher Kurbel?

Besonders verwirrend wird das Thema Tretlager, wenn Kurbel- und Tretlagerstandards miteinander vermischt werden. Tatsächlich bestimmen zwei Faktoren die Kompatibilität: Zum einen das Tretlagergehäuse des Rahmens, zum anderen der Durchmesser der Kurbelachse. Moderne Kurbeln arbeiten hauptsächlich mit Achsdurchmessern von 24 Millimetern, 28,99 Millimetern (SRAM DUB) oder 30 Millimetern. Für jeden dieser Achsstandards gibt es passende Lagerlösungen für nahezu alle gängigen Tretlagergehäuse.

Eine Shimano-Kurbel mit 24-Millimeter-Achse kann beispielsweise sowohl in einem BSA-Rahmen als auch in einem PF92-, PF30- oder T47-Rahmen gefahren werden – vorausgesetzt, das jeweils passende Tretlager wird verwendet. Gleiches gilt für SRAM-DUB-Kurbeln, die dank spezieller Lager für nahezu alle aktuellen Tretlagerstandards erhältlich sind. Kurbeln mit 30-Millimeter-Achsen benötigen dagegen größere Lager und lassen sich nicht mit jedem Rahmenkonzept optimal kombinieren. Besonders bei schmalen Gehäusen stoßen die Lager aufgrund des begrenzten Bauraums an konstruktive Grenzen.

Tretlagerstandards im Überblick

BSA – Der Klassiker lebt

BSA (British Standard Cycle) ist bis heute der am weitesten verbreitete Tretlagerstandard im Mountainbike-Bereich. Viele Hersteller sind nach Experimenten mit Pressfit-Systemen wieder zu BSA zurückgekehrt. Der Grund: Die Zuverlässigkeit überzeugt nach wie vor.

Technische Daten

  • Gehäusedurchmesser: 34,8 mm
  • Gewinde im Rahmen
  • Gehäusebreite: meist 68 oder 73 mm
  • Lager werden eingeschraubt

Vorteile

  • Sehr wartungsfreundlich
  • Kaum Knackgeräusche
  • Einfache Montage
  • Hohe Kompatibilität

Nachteile

  • Etwas höheres Gewicht
  • Begrenzter Gehäusedurchmesser

Pressfit – Die Revolution mit Nebenwirkungen

Anfang der 2010er-Jahre galt Pressfit als Zukunft des Fahrradbaus. Statt Gewinde werden die Lagerschalen direkt in den Rahmen gepresst. Die Idee dahinter: größere Rohrdurchmesser, weniger Materialeinsatz und einfachere Carbonkonstruktionen. In der Praxis zeigte sich, dass bereits minimale Fertigungsabweichungen zu Spiel oder Geräuschen führen können. Dadurch geriet Pressfit zunehmend in die Kritik.

Vorteile

  • Geringeres Gewicht
  • Größere Rahmenquerschnitte möglich
  • Mehr Freiheiten bei der Konstruktion

Nachteile

  • Höhere Fertigungstoleranzen erforderlich
  • Anfällig für Knackgeräusche
  • Aufwendigere Montage und Demontage

BB30 – Der Vorreiter

BB30 wurde ursprünglich von Cannondale entwickelt und war eines der ersten Pressfit-Systeme. BB30 findet man heute hauptsächlich noch an älteren Mountainbikes.

Technische Daten

  • Gehäuseinnendurchmesser: 42 mm
  • Achsdurchmesser: 30 mm
  • Lager sitzen direkt im Rahmen

Vorteile

  • Geringes Gewicht
  • Große, steife Kurbelachsen möglich

Nachteile

  • Hohe Anforderungen an die Rahmenpräzision
  • Lagerwechsel vergleichsweise aufwendig
  • Geräuschempfindlich

PF30 – Die Weiterentwicklung

PF30 sollte die Schwächen von BB30 entschärfen und war besonders im Cross-Country- sowie Rennradbereich verbreitet, spielt heute im MTB-Segment jedoch eine geringere Rolle.

Technische Daten

  • Gehäusedurchmesser: 46 mm
  • Achsdurchmesser: 30 mm
  • Lager sitzen in Kunststoff- oder Aluschalen

Vorteile

  • Größere Auflagefläche als BB30
  • Einfachere Montage als BB30
  • Bessere Toleranzausgleichsmöglichkeiten als BB30

Nachteile

  • Kann ebenfalls knacken
  • Nicht vollständig kompatibel zu anderen Standards

BB92 / PF92 – Der MTB-Standard der 2010er

Viele Mountainbike-Hersteller setzten in der Vergangenheit auf BB92 beziehungsweise PF92. Gerade bei Trail-, Enduro- und Cross-Country-Bikes war PF92 über viele Jahre der dominierende Standard.

Technische Daten

  • Innendurchmesser: 41 mm
  • Gehäusebreite: 89,5 oder 92 mm
  • Pressfit-System

Vorteile

  • Breiter Tretlagerbereich
  • Hohe Rahmensteifigkeit
  • Gute Integration in Carbonrahmen

Nachteile

  • Pressfit-typische Geräuschprobleme möglich
  • Spezialwerkzeug erforderlich

T47 – Die moderne Lösung

T47 gilt heute als einer der technisch interessantesten Standards. Das System kombiniert die Vorteile großer Lagerdurchmesser mit den Vorzügen eines Gewindesystems. Insbesondere im High-End-Segment gewinnt T47 zunehmend an Bedeutung.

Technische Daten

  • Gehäusedurchmesser: 47 mm
  • Gewinde im Rahmen
  • Varianten für unterschiedliche Gehäusebreiten

Vorteile

  • Große Lagerdurchmesser möglich
  • Sehr hohe Steifigkeit
  • Kaum Knackgeräusche
  • Wartungsfreundlich

Nachteile

  • Höherer Fertigungsaufwand
  • Noch nicht flächendeckend verbreitet

Die Rolle von SRAM DUB

Oft wird DUB fälschlicherweise als Tretlagerstandard bezeichnet. Tatsächlich handelt es sich um einen Achsstandard von SRAM. Der Achsdurchmesser beträgt 28,99 Millimeter und soll die Vorteile von 24- und 30-mm-Systemen vereinen. DUB-Kurbeln gibt es für zahlreiche Tretlagerstandards – darunter BSA, PF92, PF30 und T47. DUB beschreibt also die Kurbelachse, nicht das Tretlagergehäuse des Rahmens.

Fazit

Im mehrdimensionalen System aus Tretlager- und Kurbelachsen-Standards blicken selbst Profis nicht immer durch. Da ich häufig Komponenten tausche nutze ich an meinen privaten Bikes ausschließlich die geschraubten Standards T47 oder BSA. Verpresste Lager mögen leichter sein, das Innenlager ist in meinen Augen aber nicht der beste Ort um Gewicht einzusparen. - Jan Timmermann, BIKE-Redakteur

Welchen Tretlagerstandard haltet ihr am Mountainbike für den besten? Schreibt uns eure Meinung in die Kommentare!

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Jan Timmermann

Redakteur

Jan Timmermann ist ein Mountainbiker aus echtem Schrot und Korn. Dabei deckt sein Interesse von Marathon- bis Trailbikes und von Street bis Gravel fast alles ab. Getreu dem Motto „das Leben ist zu kurz für langweilige Fahrräder“ hängt Herz des Technik-Redakteurs jedoch vor allem an Bikes mit Charisma. Nebenbei leitet Jan auch noch das Fitness-Resort unserer Radsport-Marken.

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