GewissensbissePole streicht Carbon-Rahmen-Projekt

Sebastian Brust

 · 04.10.2017

Gewissensbisse: Pole streicht Carbon-Rahmen-ProjektFoto: Pole
Gewissensbisse: Pole streicht Carbon-Rahmen-Projekt
Pole-Gründer Leo Kokkonen konnte den Produktionsstart des Carbon-Rahmens seiner Firma kaum abwarten. Und dann kam doch alles anders. "Wegen der Kinder", sagt Kokkonen.

Das Carbon-Projekt sei zu 90 % fertig gewesen. Es sollte das große Ding von Pole Bicycles werden. Zwei Jahre tüftelten die Finnen, um einen Carbon-Rahmen zu entwerfen, der sich dem Ruf von Pole Bicycles als würdig erwiesen hätte: leicht, steif, robust, mit viel Style und voller technischer Finessen. Pole-Chef Leo Kokkonen flog extra nach China, um bei einem der größten und renommiertesten Hersteller von Carbon-Rahmen den Deal einzutüten. Eigentlich war alles ganz okay, die Fabrik wirkte sauber und die Arbeiter glücklich.

Und doch war Kokkonen geschockt. Von der Luftverschmutzung. Vom Müll. Davon, dass die Regierung in China den Herstellern angeblich empfiehlt, Produktionsreste einfach ins Meer zu schütten. Und dass Carbon-Recycling – wenn es überhaupt durchgeführt wird – viel zu oft darin besteht, das Harz mehr oder vielmehr weniger kontrolliert zu verbrennen und die Faserreste, die übrig bleiben, kleinzuhäckseln und bestenfalls als Füllstoff für faserverstärkte Spritzgussteile zu verwenden. Seine Gründe erläutert Kokkonen auf der Pole-Webseite

  Pole-Gründer Leo Kokkonen musste das Carbon-Projekt streichen. Aus Gewissensgründen.Foto: Pole Pole-Gründer Leo Kokkonen musste das Carbon-Projekt streichen. Aus Gewissensgründen.

Gut möglich, dass das Angebot, was man der kleinen finnische Marke machte, auch schlicht und ergreifend zu teuer war. Schließlich weiß man in China China auch, dass das Siegel "Made in China" längst nicht mehr der Muff billigster Ramschwaren umweht. Entsprechend ziehen die Preise an. Aus Kostengründen auf Fabriken in Ländern auszuweichen, die noch weniger auf ökologische und soziale Standards achten, kam für Pole aber natürlich nicht in Frage. Logische Konsequenz: Schluss mit Carbon. Endgültig. Oder zumindest, solange Kokkonen keinen Betrieb gefunden hat, der das Material ressourcen- und umweltschonend hergestellen und verarbeiten kann.

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Die Entscheidung, so plötzlich von dem Carbon-Rahmen abzurücken, ruft jedoch auch Skeptiker auf den Plan. Denn schließlich ist durchaus bekannt, dass Carbon-Teile keinen ökologischen Heiligenschein verdienen. Bei Pole hat man sich entschieden. Aus Sicht von Kokkonen besser spät, als nie. Denn er möchte seinen Kindern eine Welt hinterlassen, die so sauber wie irgend möglich ist.

Bei Pole Bicycles konzentriert man sich eigenen Angaben zufolge auf eine revolutionäre Verarbeitungsmethode für Aluminium, mit der auch in Zukunft die hohen Anforderungen an Style, ein geringes Gewicht, hohe Steifigkeit und Haltbarkeit erfüllt werden können. Und das bei einem Höchstmaß an Recycling-Fähigkeit. Man bräuchte also gar kein Carbon.

  Ein erster Blick auf eine Hälfte des Prototypen des nächsten Pole-Rahmens.Foto: Pole Ein erster Blick auf eine Hälfte des Prototypen des nächsten Pole-Rahmens.

Sebastian Brust ist Jahrgang 1979 und ursprünglich vom Klapprad der Oma sozialisiert, seit seinem fünften Geburtstag aber hauptsächlich auf Stollenreifen unterwegs. Liebt alle Arten Bikes – und das Verschmelzen mit der Natur. Findet, dass Scheibenbremsen heute viel sicherer sind als vor 15 Jahren und glaubt, mit seinen Bremsen- und Belagstests dabei geholfen zu haben. Dass sich die Fahrradindustrie an anderer Stelle ausgerechnet an für ihn falschen Idealen der Autobranche orientiert, bedauert der gelernte Ingenieur für Fahrzeugtechnologie allerdings sehr. Bei BIKE korrigiert, produziert und organisiert er digitalen Content auf der Webseite.

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