Carbon-MountainbikeSchäden erkennen und reparieren

Ludwig Döhl

, Stefan Loibl

, Stefan Frey

 · 21.03.2017

Carbon-Mountainbike: Schäden erkennen und reparierenFoto: Giant

Stürze sind der Feind jedes Carbon-Rahmens. Für Hobbyschrauber heißt es Finger weg: Carbon-Reparaturen sind ein Job für Fachleute.

Auch wenn es den Komplettbike-Herstellern oft zu aufwändig ist, einen beschädigten Rahmen zur Reparatur zum Produzenten zu schicken – der sitzt meist in Fernost – muss das teure Kohlefaserkleid nicht sofort in die Presse. Klar ist: Hobby-Schrauber sollten dringend die Finger von Carbon-Matten und Harz lassen. Carbon-Reparaturen sind ein Job für Experten. Solche professionellen Reparateure kommen meist aus dem Auto-Rennsport. Unternehmen, die zum Beispiel für höherklassigen Motorsport Carbon-Produkte herstellen, haben in der Regel das Knowhow. Diese Experten können Risse und sogar ganze Löcher in Carbon-Rahmen reparieren. Bei solchen Reparaturen kommt es auf das richtige Mischverhältnis von Harz und Härter und auf die ideale Verbindung mit dem Kohlefasergewebe an. Bei Beschädigungen hat man im Prinzip die Wahl zwischen zwei Reparaturmethoden: das Anlegen einfacher Bandagen – optisch nicht sehr schön und meist mit großen Steifigkeitsschwankungen verbunden. Für die zweite und technisch bessere Lösung müssen an der beschädigten Stelle zuerst die einzelnen Fasermatten abgeschliffen werden. Erst dann können neue Schichten eingesetzt werden. Nach dem Lackieren ist von der Reparatur schließlich kaum mehr etwas zu sehen. Worauf Sie bei der Handhabung von Carbon achten sollten, zeigen wir auf den folgenden Seiten.


SO ERKENNEN SIE SCHÄDEN BEI CARBON

In der Regel kündigen sich Brüche bei Carbon-Teilen an. Trotzdem sollten Carbon-Rahmen – besonders nach Stürzen – regelmäßig gecheckt werden.


1. Vorsorgeuntersuchung

Verschiedene Prüfinstitute oder Hersteller wie Canyon (Bild) bieten eine zerstörungsfreie Prüfung an. Mittels Computertomographie oder Radioskopie lassen sich Schwachstellen erkennen. Oft ist das Untersuchen mit einem elektronischen Mikros­kop oder das klassische Abklopfen aber die bessere Methode. Defektes Laminat klingt dumpfer als intaktes.

  Computertomographie in einem PrüfinstitutFoto: Dirk Zedler
Computertomographie in einem Prüfinstitut


2. Zu viel Drehmoment

Einer der häufigsten Schäden ist eine gequetschte Sattelstütze. Oft darf man die dünnwandigen Carbon-Stützen nur mit 4–5 Newtonmeter Drehmoment anziehen. Dafür braucht sogar der Profi einen Drehmomentschlüssel. Die Stützen brechen nicht sofort, sondern erst bei mehrmaligem Anziehen oder einer überharten Belastung.

  Quetschung an einer Carbon-SattelstützeFoto: Daniel Simon
Quetschung an einer Carbon-Sattelstütze


3. Sichere Zeichen

Nach jedem heftigeren Sturz sollten Sie Ihren Rahmen auf Risse untersuchen. Solche wie in unserem Bild können oberflächlich sein, aber auch auf eine beschädigte Carbon-Struktur hindeuten. Letztere kann später bei einer starken Belastung zu einem plötzlichen Bruch und schweren Unfällen führen. Spätestens jetzt sollten Sie sich mit Ihrem Rahmen an den Hersteller oder einen Carbon-Spezialisten wenden.

  Risse im Carbon nach einem SturzFoto: Daniel Simon
Risse im Carbon nach einem Sturz


DIE CARBON-REPARATUR

Selbst ein golfballgroßes Loch ist kein Todesurteil für Ihren Rahmen. Bevor Sie beim Hersteller ein Crash Replacement beantragen, lohnt sich eine Reparaturanfrage. Wie die Carbon-Reparatur funktioniert, zeigt Jochen Stecher vom Carbon-Spezialisten Jostec. Achtung: Die Carbon-Reparatur ist nur etwas für Experten!

(1) Ausschleifen  Um eine bessere Anbindung für die neuen Carbon-Lagen zu bekommen, werden die delaminierten Lagen zuerst fein ausgeschliffen.
Foto: Daniel Simon


REPARATUR-ADRESSEN FÜR CARBON*
* Listen ohne Anspruch auf Vollständigkeit; Sortierung jeweils alphabetisch


Reparaturen an einlaminierten Gewinden, Lagern oder Flaschenhalterösen (keine Rahmen-Rohre oder großen Risse):

  • Koehn GmbH (Reset Racing), Göttinger Chaussee 12-14, D-30453 Hannover, Tel. +49-(0)511-473204-40, www.reset-racing.de


Prüf- und Kontrollinstitute:

  • Carl Messtechnik, Thyssenstraße 183a, D-46535 Dinslaken, www.carbon-bike-check.com
  • Velotech.de, Gustav-Heusinger-Str. 21, D-97424 Schweinfurt, www.velotech.de
  • Zedler – Institut für Fahrradtechnik und -Sicherheit, Teinacher Straße 51, D-71634 Ludwigsburg, www.zedler.de


CARBON RICHTIG BEHANDELN

Carbon ist extrem robust und empfindlich zugleich. Einfach die Schrauben anknallen – das geht nicht. Hier die wichtigsten Tipps zum Umgang mit Carbon.

  Schraubgriffe am Carbon-LenkerFoto: Daniel Simon
Schraubgriffe am Carbon-Lenker


Schraubgriffe am Carbon-Lenker sollten Sie immer mit dem richtigen Drehmoment anziehen. Bei zwei Klemmringen drehen Sie den äußeren der beiden mit höherem Drehmoment fest als den inneren.

  Carbon-MontagepasteFoto: Daniel Simon
Carbon-Montagepaste


Carbon-Montagepaste gehört in die Klemmbereiche von Lenker, Vorbau und Sattelstütze. Sie verringert die Anzugsdrehmomente und erhöht die Reibung zwischen den einzelnen Bauteilen.

  Carbonrahmen sind empfindlich und müssen beim Transport geschützt werden.Foto: Daniel Simon
Carbonrahmen sind empfindlich und müssen beim Transport geschützt werden.


Transportieren Sie Carbon-Rahmen nur mit eingebauter Transportsicherung in den Ausfallenden. Das verhindert, dass die Ausfallenden zerkratzt werden und dass die Gabel oder der Hinterbau zusammengedrückt werden, falls diese versehentlich belastet werden. Legen Sie keinesfalls Sporttaschen oder Ähnliches auf ein liegend transportiertes Fahrrad. Transportieren Sie Ihr Carbon-Bike keinesfalls mit einem Träger, bei dem eine übliche Klaue das Unter-, Sitz- oder Oberrohr umklammert. Die für den sicheren Transport nötigten Klemmkräfte können das Rohr, mitunter von außen unsichtbar, beschädigen. Schützen Sie das Bike mit Schaumstoffrohren. Die gibt’s entweder beim Baumarkt (Rohrisolierungen) oder im Bikeshop (Abfall vom Transportmaterial). Transportieren Sie das Bike senkrecht im PKW und möglichst in einem professionellen Befestigungssystem.

  Das sollten Sie nicht tun mit dem Carbon-BikeFoto: Daniel Simon
Das sollten Sie nicht tun mit dem Carbon-Bike


Abstellen Lehnen Sie Ihr Fahrrad nie mit dem Oberrohr gegen ein Geländer, ein Straßenschild oder Ähnliches. Der Lenker kann einschlagen, das Rad rollt weg, das Oberrohr wird beschädigt. Lehnen Sie das Hinterrad gegen einen Baum (Pfosten). Die Reibung des Reifens verhindert, dass das Bike losrollt und kippt. Lehnen Sie Sattel und wenn möglich auch den Lenker an eine Wand oder eine breitere Säule. Auch hier bringt die Reibung in der Kontaktfläche einen soliden Stand. Oder legen Sie das Bike einfach hin, aber nicht auf die Schaltungsseite.

  So ist es okayFoto: Daniel Simon
So ist es okay


Werkzeug

Hantieren Sie nie mit einem Mini-Tool an Teilen aus Carbon. Die Verschraubungen lassen sich andrehen bis es knistert – dann hat der Werkstoff allerdings bereits versagt, und Sie müssen das Teil wahrscheinlich austauschen.
Ziehen Sie Schrauben bei Konstruktionen aus Carbon grundsätzlich mit einem Drehmomentschlüssel an.

  Werkzeug für Carbon-BikesFoto: Robert Niedring
Werkzeug für Carbon-Bikes


Paste statt fett: Kein Fett in Klemmbereichen, bei denen Carbon zumindest ein Partner ist. Dies gilt auch für die Klemmbereiche der Sattelstütze im Rahmen. Verwenden Sie stattdessen spezielle Carbon-Montagepaste.

  Montageständer mag Carbon nicht so gerneFoto: Daniel Simon
Montageständer mag Carbon nicht so gerne


Montage und Wartung: Spannen Sie den Rahmen nicht in einen Montageständer mit Klauenmechanismus. Dieser kann ein Rohr aufgrund der Hebelverhältnisse leicht zerdrücken. Besser sind Ständer mit Dreipunktaufnahme, oder Sie klemmen das Bike an einer metallenen Sattelstütze an. Brems- und Schaltgriffe montieren Sie im Gegensatz zu Stütze und Vorbau so, dass sich diese im Falle eines Sturzes noch verdrehen können. Drehen Sie die Schrauben immer nur schrittweise an.

  Acros BlocklockFoto: Daniel Simon
Acros Blocklock


Vorsorge: Schlägt der Bremshebel oder der Schaltgriff bei einem Sturz gegen das Oberrohr, kann das den Rahmen schädigen. Wann immer möglich, bauen Sie den Lenker so hoch an, dass es nicht zur Kollision kommen kann oder verwenden Sie einen Steuersatz mit Anschlagschutz (z. B. Acros Blocklock).


MYTHOS ODER WAHRHEIT

Was stimmt denn nun eigentlich? Schützt eine Folie am Unterrohr vor Steinschlägen oder nicht? Wir räumen auf mit den häufigsten Mythen über Carbon im Fahrradbau.

  Carbon-Rahmen erfordern einen höheren ArbeitsaufwandFoto: Daniel Simon
Carbon-Rahmen erfordern einen höheren Arbeitsaufwand


Schnell und Günstig: Im Vergleich zu Alu oder Stahl ist der Arbeitsaufwand bei Carbon-Rahmen höher. Bei der Herstellung ist viel mehr Handarbeit im Spiel. Bis zu zehn Mal so viel kostet deshalb ein Carbon-Rahmen im Vergleich zu Alu.

  Gebrochener Mountainbike-Lenker aus CarbonFoto: Daniel Simon
Gebrochener Mountainbike-Lenker aus Carbon


Gefährliche Risse: Nicht jeder Riss im Carbon bedeutet gleich das Todesurteil. Speziell bei weißer Lackierung treten diese Haarrisse meist nur an der Oberfläche auf. Bei anderen Farben zwar auch, allerdings sieht man sie mit dem bloßen Auge nicht. Risse im Lack sind für die Struktur unbedenklich. Der Lenker im Bild hat es allerdings hinter sich.


Kettenstreben-Massaker? Kettenschlagen stellt keine Gefahr für Carbon-Kettenstreben dar. Das hat Forscher Franz Höchtl von der TU München belegt. Ein Kettenstrebenschutz schadet trotzdem nicht, da der Lack und die Struktur bei tausenden Schlägen oberflächlich geschädigt werden.

  Carbon-SchraubenFoto: Daniel Simon
Carbon-Schrauben


Schraube locker? Carbon-Schrauben sind in Sachen Festigkeit allen anderen Schraubenwerkstoffen überlegen. Zudem leichter als Alu oder Titan. Aber: nicht an Lenker, Sattelstütze und Scheibenbremsen verwenden, da das dafür benötigte Drehmoment zu hoch ist.


Staub unbedenklich? Den feinen Staub, der beim Absägen von Carbon-Teilen entsteht (z. B. beim Lenkerkürzen), sollten Sie niemals einatmen. Denn er ist toxisch und schädlich für die Atemwege. Deshalb immer einen Mundschutz tragen.

  Schutzfolie für CarbonFoto: Daniel Simon
Schutzfolie für Carbon


Folie schützt? Die Schutzfolie am Unterrohr können Sie laut einer Studie der TU München getrost weglassen. Eine Folie schützt nur den Lack, nicht aber die Kohlefaserstruktur. Ohne Folie sieht man feine Risse zudem besser. Rosten unmöglich?


Rosten unmöglich? Carbon kann nicht rosten – stimmt! Aber an Steuerrohr, Flaschenhalterösen und Ausfallenden sind häufig Alu-Inserts montiert, die sehr wohl korrodieren können. Deshalb nach einer Regenausfahrt das Bike sauber und trocken lagern.

  Carbon ist extrem feuerbeständigFoto: Daniel Simon
Carbon ist extrem feuerbeständig


Brennt Carbon? Egal, ob mit Feuerzeug oder Bunsenbrenner: Carbon brennt nur sehr widerwillig. Leicht entzündbar sind Rahmen und Teile aus Kohlefaser also auf keinen Fall.


Interview mit Dirk Zedler, Sachverständiger für Fahrradtechnik und -Sicherheit.


Nach 20 Jahren Erfahrung mit Carbon-Schäden: Was geht am häufigsten kaputt?
Rahmen sind sehr häufig betroffen, aber die Ursache ist entscheidend. Zum einen gibt es Defekte aufgrund schwacher Konstruktion oder schlechter Verarbeitung. Die zweite Ursache sind Überlastfälle, zum Beispiel durch einen Sturz oder Vorschädigung aufgrund falscher Behandlung.


Wie schlägt sich Carbon gegenüber Alu und Stahl?
Stahl- und Alu-Rahmen sind meiner Erfahrung nach deutlich anfälliger für sogenannte Ermüdungsbrüche. Was die Lebensdauer unter Normalbedingungen angeht, bin ich bei hochwertigem Carbon völlig entspannt. Kritisch wird es, wenn das Fahrrad umfällt. Zwischenfälle, bei denen Aluminium- oder Stahlrohre nur eingedellt werden, führen bei Carbon zu einem Riss.


Was sind klassische Handhabungsfehler?
Viel zu oft wird Carbon kaputtgeschraubt. Die Montage verlangt nach Sorgfalt. Ein weiterer Klassiker: Carbon-Rahmen auf den Dachträger geklemmt. Auch die falsche Kombination von Teilen sorgt für Schäden. Die Zeiten, in denen man mit einem Multi-Tool das Fahrrad aufbauen konnte, sind mit Carbon-Teilen vorbei. Besonders Klemmungen erfordern fachmännischen Umgang und spezielles Werkzeug.

  Dirk Zedler, Fahrrad-Sachverständiger und BIKE-TechnikexperteFoto: Privatfoto
Dirk Zedler, Fahrrad-Sachverständiger und BIKE-Technikexperte

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