Everesting mauserte sich zu Corona-Zeiten zur Trend-Challenge. Unabhängig von Rennterminen verspricht das Format den ultimativen Ausdauer-Kick vor der eigenen Haustüre. Im Prinzip basiert Everesting auf drei simplen aber knallharten Regeln.
Erstens: 8848 Höhenmeter müssen in einer einzigen Fahrt dokumentiert werden. Zweitens: Pausen sind erlaubt, Schlaf ist tabu. Drittens: Die Leistung muss an einem einzigen Anstieg absolviert werden. Dazu muss eine Steigung so oft wiederholt werden, bis die Höhenmeter des Mount Everest erreicht sind. Nach der Abfahrt in einen zweiten, abweichenden Uphill zu rollen ist verboten. Immer wieder rauf und runter - Everesting ist die Königsdisziplin der körperlichen und geistigen Zermürbung.
Unfassbar aber wahr: Die Geschichte des Everestings ist quasi auserzählt. Ein normales Everesting juckt die Langdistanz-Szene kaum noch. Verrückte Masochisten drücken sich Dreifach-, Vierfach-, Fünffach-Everestings in die Beine oder machen gar noch absurdere Sachen. Die Everesting Hall Of Fame registriert weltweit über 12.300 “einfache” Everestings mit dem Fahrrad.
Schätzungsweise 90 Prozent davon werden jedoch auf der Straße mit dem Rennrad absolviert. Um Mountainbike-Freaks zu finden, die für eine solche Aktion wahnsinnig genug sind, muss man schon tief in einschlägige Foren abtauchen. Auf einem 32-Zoll-Mountainbike ist bislang kein erfolgreiches Everesting bekannt. Unser Reporter dachte sich, es sei an der Zeit, das zu ändern.
5:30, 0 hm: Das, was ich heute vorhabe ist großer Quatsch. Schon jetzt ist der Wald bei 22 Grad die reinste Waschküche. Angesichts der extremen Wettervorhersage hallt mir die besorgte Frage meiner Frau durch den Kopf: “Woran erkennst du eigentlich, wenn du nicht mehr kannst?” Es erstaunt mich selbst, aber eine Antwort darauf habe ich bislang nicht gefunden. Ich klicke in die Pedale und starte die Aufzeichnung.
7:30 Uhr, 1000 hm: Während sich Kollegen den ersten Kaffee aus der Maschine lassen, schieße ich auf einem selbst gebauten Fahrrad mit 70 Kilometern pro Stunde bergab. Die großen Laufräder rollen wie Hölle! Ich versuche meinen Rücken zu entspannen, denn die hohe Front meines 32ers fordert den Oberkörper beim Klettern. Mein Berg hat nur 180 Höhenmeter. 49 mal will ich ihn heute erklimmen. Der Vorteil: Ich komme häufiger in die Erholung und in den Genuss von Fahrtwind. Wobei das am heutigen Tag eher den Effekt eines Umluft-Ofens hat.
Everesting Routenwahl ist das reinste Mathematik-Puzzle. “49 mal? Das eklige Ding? Du bist verrückt!” Bei meinen Plänen konnten ortskundige Bike-Kumpels nur entrüstet lachen. 11 Prozent im Schnitt und doppelt so viel in der Spitze hat die Schotterrampe am Rande des Odenwalds. Prinzipiell lässt sich der Höhenmeter-Irrsinn an jedem Hügel bestreiten. Biker wollen dabei aber nicht nur auf den höchsten Gipfel der Erde, sondern auch wieder runter. Der Uphill muss steil sein, sonst kommen zu viele Kilometer zusammen. Rund 160 werden es bei mir sein. Ich rechne mit einer Gesamtzeit von 16 Stunden - wie naiv ich doch war!
11:00 Uhr, 3000 hm: Spätestens hier endet bei einer Wochenend-Runde der Spaß. Leichte Kopfschmerzen und ein Hungergefühl kündigen die Unterversorgung an. Immerhin liegt die Rampe nur 200 Meter von meinem Elternhaus entfernt, was die Logistik vereinfacht. Die erste größere Pause am geparkten Auto hält gesalzenen Reis, Bananen und Gummibärchen bereit. Ich werde heute rund 20 Liter Flüssigkeit durch meinen Körper jagen und knapp 17.000 Kalorien verbrennen.
“Echte” Lebensmittel können da kaum mithalten. In Kühlboxen steht leistungsoptimierte Spezialnahrung in flüssiger Form bereit. Alle beteiligten Organe arbeiten auf Hochtouren, alle zwei Runden brauche ich Nachschub. Der Kessel meines Körper-Kraftwerks brennt wie niemals zuvor. Mit fahrfertig 88 Kilo bin ich beileibe kein Bergfloh. Auch mein Stahl-Hardtail wiegt fast fünf Kilo mehr als die Everesting-Geräte aus der Rennrad-Blase.
15:30 Uhr, 4500 hm: Halbzeit! Ich verlasse bekannte Sphären, denn so viele Höhenmeter bin ich noch nie gefahren. Mir ist flau im Magen und die Mengen, die ich essen und trinken kann, werden immer kleiner. Die Zunge ist pelzig, der Mundraum betäubt vom vielen Zuckerwasser.
Die Luft steht, und im Schatten ist das Thermometer auf 36 Grad geklettert. Dort, wo die Sonne auf den Schotter brennt, fühle ich mich wie eine Ameise unter der Lupe. Während der zwei Stunden Fotoshooting habe ich kaum Meter gemacht. Die ersten großen Zweifel nagen an mir. Der Hitze-Dom hat Europa fest im Griff und dennoch fröstelt es mich.
Zusammen mit der Gänsehaut breitet sich eine eklige Vorahnung aus. Andere würden sich womöglich in Bewegung halten, um den Körper zu wärmen. Ich aber weiß von früheren Grenzerfahrungen, dass das äußerst gefährlich werden kann. Mit den ersten Symptomen der Hitzeerschöpfung liege ich auf dem schattigen Parkplatz im Kofferraum und schließe die Augen.
Ich habe Angst: Das könnte nicht nur mein Everesting beenden, sondern auch die Gesundheit kosten. Fast 60 Minuten dauert es, bis die Körpertemperatur wieder in verantwortbare Gefilde absinkt. Ein theatralisches Zitat von Evil Knievel kommt mir in den Sinn: “Pain is temporary, glory stays forever!” Also noch einmal Wasser über den Kopf, dann weiter.
17:30 Uhr, 5000 hm: Erst begleitet mich ein alter Schulfreund für eine Runde, dann ist meine Mutter zu Besuch: “Du lebst ja noch”, strahlt sie und fällt mir erleichtert um den Hals. Ich fühle mich ziemlich benebelt, langsam finde ich aber meinen Rhythmus wieder: zwei Runden locker fahren, dann zehn Minuten die Temperatur absinken lassen und verpflegen. Psyche und Beine machen noch erstaunlich gut mit aber die gnadenlose Hitze knipst mir fast die Lichter aus.
20:30 Uhr, 6000 hm: Während vernünftige Menschen nach einem guten Essen auf der Couch liegen, muss ich noch auf die Zugspitze rauf. Der Parkplatz ist verlassen, ich liege wieder mit dem Rücken auf der harten Ladefläche. Die relative Kühle des Abends, die Ruhe in der Dunkelheit, die trockenen Wechselklamotten: All das fühlt sich gerade himmlisch an. Eine tiefe Müdigkeit dringt in jede Ritze meines Körpers vor, legt sich auf mein Gemüt, wie ein Schatten. Zum zweiten Mal an diesem Tag wälze ich den Gedanken ans Aufgeben in meinem Kopf hin und her, spiele Ping-Pong mit meiner Motivation. Eigentlich will ich nur nach Hause.
Da geschieht ein kleines Wunder. Überall um mich herum schwirren plötzlich kleine Lichter durch die tropische Luft. Verzaubert beobachte ich, wie mehr und mehr Glühwürmchen den Wald erhellen. Ich raffe mich auf, schwinge mich stöhnend in den Sattel und trete in die Pedale. Keine Geräusche, keine Beleuchtung, nur hunderte winzige Lichtpunkte in der Finsternis. Es ist wie ein Fiebertraum.
23:00 Uhr, 6961 hm: Als das Licht der Glühwürmchen erlischt, erlischt auch meine Lust endgültig. Lange stehe ich am Gipfel und starre benommen in die Nacht. Es fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Das Gefühl für Zeit und Raum habe ich längst verloren. Wären hier die 7000 Höhenmeter bereits voll gewesen - ich hätte sofort abgebrochen und wäre schnurstracks unter die Dusche gerollt. So aber wende ich nach der Abfahrt abermals und steuere wieder in die Steigung. Nochmal Musik auf die Ohren, Deep Purple orgeln mich den Berg hinauf.
00:30 Uhr, 7500 hm: Zum 41. Mal stehe ich am höchsten Punkt der Runde. Die Dunkelheit umhüllt mich und ich fühle in mir nur noch Leere - null Emotionen, null Fantasie. Seit 19 Stunden bin ich unterwegs. Die Frage, die schon so viele Marathon-Fahrer an ihre Grenzen gebracht hat, bricht auch meinen Willen: Warum tue ich mir das an?
Zum ersten Mal in meinem Leben will ich kein Rad mehr fahren. Ich will eine schöne Zeit mit meiner Familie verbringen, will heim zu meiner Frau und kann die Vorstellungskraft nicht mehr aufbringen, mich nochmal drei Stunden zu quälen.
In wenigen Stunden beginnen die ersten Termine des heutigen Arbeitstages. Im Kopf ist jeder Sinn fort und durch bleiernes Nichts ersetzt worden. Nun weiß ich, woran ich mein Limit erkenne: Wenn die Vision fehlt, ist die Grenze erreicht. Die Weltpremiere darf jemand anderes feiern, in diesem dunklen Moment ist mir das vollkommen egal.
Wie ist das bei euch: Was waren die meisten Höhenmeter, die ihr in einer einzigen Fahrt absolviert habt? Schreibt es uns in die Kommentare!

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