Jürgen Haase ist eigentlich ein ziemlich entspannter Typ. Doch heute Morgen ist er ein bisschen aufgeregt. „Ich hab’ nicht gut geschlafen“, gibt er unumwunden zu. Und das liegt nicht an der äußerst barocken Ausstattung seines Hotelzimmers. Auch nicht an dem direkt unter den Zimmerfenstern vorbei donnernden Berufsverkehr im Zentrum von Garmisch-Partenkirchen. Sondern daran, dass heute sein großer Tag bevorsteht – mit einer Herausforderung, die für ihn vor gar nicht allzu langer Zeit noch völlig utopisch gewesen wäre. Jürgen lebt seit sieben Jahren mit einer künstlichen Herzklappe und ist wegen Komplikationen nach seiner OP dem Tod gerade noch mal von der Schippe gesprungen. Und jetzt will er 3000 Höhenmeter an einem Tag schaffen.
„So lange saß ich noch nie im Sattel“, sagt er – und ergänzt mit einem Augenzwinkern: „Falls ich einen Notarzt brauche, sag’ dem bitte, dass ich Blutverdünner einnehme. Ansonsten bin ich aber kerngesund.“ Jürgen hat sich gewissenhaft auf diesen Tag vorbereitet, mit gezieltem Training, professionellem Bike-Fitting, einem Fahrtechnikkurs und vor allem im ständigen Austausch mit seinem Kardiologen. Der hat von Beginn an grünes Licht gegeben, allerdings mit einer Vorgabe: Jürgen solle darauf achten, dass sein Puls nicht über 125 steigt. Ansonsten sei sein Kardiologe sehr zufrieden mit ihm, sagt Jürgen. Sieht man von einem kleinen Laster ab: dem Zigarrenrauchen. „Das ist meine Leidenschaft und mein Beruf “, sagt er, der am Nürnberger Hauptmarkt einen großen Zigarrenladen betreibt. Seine zweite Leidenschaft ist noch frisch: Das E-Mountainbiken haben der 56-jährige Ingolstädter und seine Frau erst vor einem Jahr im Urlaub für sich entdeckt. Stolze 30 Kilo habe er seitdem abgespeckt, erzählt Jürgen. Was den Kardiologen ganz besonders freue.
Es regnet in Garmisch als Jürgen seinen Bike-Computer montiert. „Zum Glück ist die Hitze vorbei“, sagt er, der die Kühle liebt. Dann steigt er freudestrahlend auf sein Bulls-E-Bike. 1500 Höhenmeter, mehr hat er noch nie an einem Tag geschafft. Um die 3000 Höhenmeter zu packen, braucht er deshalb einen guten Plan. Weil ihn die Tour von Garmisch aus um den Wank führt und danach auf zwei steile und lange Anstiege auf Schachen und Alpspitze, hat Jürgen am Vortag sein Auto auf dem Wanderparkplatz in Elmau abgestellt – als Depot für Proviant und einen Ersatz-Akku. Und trotzdem plagt ihn schon auf den ersten Metern die Sorge, dass es knapp werden könnte: Reichen die Akkus? Reicht seine Kondition? Hält das Wetter? Er weiß, dass er einen langen Tag vor sich hat und dabei den Spagat schaffen muss zwischen akku- und pulsschonender Fahrweise.
Beim ersten Anstieg rund um den Wank gelingt ihm das noch gut. Jürgen fühlt sich frisch, die Anstiege gestalten sich bis auf ein paar steile Stiche moderat. „Alles läuft nach Plan“, sagt er zufrieden, weiß aber auch, dass er noch zwei Monster-Uphills bezwingen muss. Kurz vor dem 900-Höhenmeter-Anstieg auf den Schachen kommt Jürgen dann ins Grübeln: „Ich hab’ noch 36 Prozent Akku“, überlegt er, als er in Elmau an seinem Auto eine kurze Rast einlegt, um seine Trinkflasche zu füllen. Zu viel, um jetzt schon den Akku zu tauschen. Zu wenig, um damit bis hoch zum Schachenhaus zu kommen. Jürgen fackelt nicht lange und packt den Ersatz-Akku in seinen Rucksack. Das Problem: Mit zusätzlichen viereinhalb Kilo ist der nun viel zu schwer. „Das ist das kleinere Übel“, sagt Jürgen trocken und radelt voller Tatendrang weiter.
Als er eine halbe Stunde später am Wegesrand steht, ist er glücklich über seine Entscheidung. Nach exakt 1577 Höhenmetern macht der erste Akku schlapp. In Jürgen wächst die Zuversicht, dass er es schaffen wird. „Mehr als die Hälfte“, stellt er zufrieden fest, weiß aber auch, dass es am Ende eine knappe Sache werden kann. Ergo: In Sachen Eigenleistung darf Jürgen nicht nachlassen. Dann nimmt er die steile und grobe Schotterpiste hinauf zum Schachenhaus auf 1876 Metern in Angriff.
Jürgen lehnt sich zurück, genießt eine ordentliche Portion Käsespätzle mit einem alkoholfreien Weißbier und freut sich über den spektakulären Ausblick auf das imposante Bergmassiv. Beim Blick auf sein Smartphone kommt er aber ins Grübeln: Die Wetter-App kündigt heftige Unwetter an. Ab 15 Uhr soll es auf der Alpspitze gewittern – und genau dorthin wird Jürgens finaler Aufstieg führen. Unten in Garmisch angekommen beginnt es tatsächlich schon zu tröpfeln. Jürgen aber ist fokussiert auf sein Ziel. Doch diese letzte Etappe hat es in sich. Die Anstiege werden bald so steil, dass er absteigen und schieben muss. Das Problem ist: Beim Schieben steigt der Puls auf fast 140 – 15 Schläge höher als der Kardiologe riet. Finstere Gewitterwolken ziehen nun heran. Jürgen kämpft. Mal fährt er, mal quält er sich schiebend die Rampen hinauf. Und immer wieder muss er ausruhen. Die Restleistung seines Akku nimmt bedenklich ab, in der Ferne zucken erste Blitze durch die dunklen Wolken.
„Ich dreh’ nicht um, bevor diese verdammten 3000 Höhenmeter auf dem Tacho stehen“, sagt Jürgen energisch. In der Ferne erspäht er nun das Kreuzeckhaus. Das liegt auf 1651 Metern, und spätestens dort müsste er es geschafft haben. Jürgen kämpft sich Meter für Meter nach oben. Wieder muss er absteigen, schieben, in Ruhe einen Schluck trinken und den Puls wieder nach unten drücken. Der Regen wird stärker. 100 Meter vor dem Kreuzeckhaus ist es so weit: Triumphierend ballt Jürgen die Faust, die Anstrengung in seinem Gesicht weicht einem glücklichen Lächeln. Jürgen hält seinen Bike-Computer in die Höhe: fast sieben Stunden Fahrtzeit und exakt 3000 gefahrene Höhenmeter zeigt das Display an. „Geschafft“, ruft Jürgen erleichtert in den dunklen Nachmittagshimmel.
Die Gewitterfront hängt nun drohend über ihm. Jürgen müht sich in den Sattel und macht sich an die Abfahrt ins Tal. Plötzlich ist das Hinterrad platt, und während er den Schlauch wechselt, beginnt es wie aus Kübeln zu schütten. Als Jürgen völlig durchnässt im Tal ankommt, schaltet sich auf den letzten Metern zum Hotel der Motor ab. Akku leer. „Punktlandung“, sagt Jürgen erleichtert, als er von seinem E-Bike absteigt. Dann lässt er sich im Garten des Hotels in einen Sessel plumpsen und zündet sich eine Zigarre an. „Darauf hab’ ich mich den ganzen Tag gefreut“, sagt er und fügt hinzu: „Mein Kardiologe wird’s mit verzeihen.“
Für die EMTB Challenge 3000 hatten wir unseren Leser Jürgen Haase mit der Unterstützung von renommierten Experten professionell vorbereitet.
Drei Berge, zwei Akkus: Ein paar Höhenmeter unter dem Kreuzeckhaus zeigte der Bike-Computer exakt 3000 Höhenmeter an. Gerade rechtzeitig, denn nach der Abfahrt, auf den letzten Metern zum Hotel in Garmisch, war der Akku leer. Kräftig daran gesaugt hatte vor allem der letzte Anstieg: der sehr steile Uphill Richtung Alpspitze. Hier musste Jürgen immer wieder absteigen und schieben.