5 Erkenntnisse aus 15 Monaten Fahrrad-Pendeln34.000 Höhenmeter auf dem Radweg

Jan Timmermann

 · 22.10.2026

5 Erkenntnisse aus 15 Monaten Fahrrad-Pendeln: 34.000 Höhenmeter auf dem RadwegFoto: Georg Grieshaber
Mit dem Fahrrad zur Arbeit: Unser Redakteur berichtet aus dem Leben als schneller Fahrrad-Pendler.
BIKE-Redakteur Jan Timmermann ist die letzten 15 Monate mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren. Hier teilt er seine Erfahrungen aus 315 Stunden im Berufsverkehr. Aus tausenden Kilometern lassen sich fünf interessante Erkenntnisse ableiten.

Themen in diesem Artikel

Seit 1,5 Jahren fahre ich auf meiner aktuellen Strecke mit dem Fahrrad zur Arbeit. Drei bis vier Mal die Woche, rund 31 Kilometer einfache Distanz. Als mein Job nach dem Abebben der Corona-Folgen wieder mehr Anwesenheit verlangte, entschied ich mich gegen den Stau und gegen die chronische Unzuverlässigkeit der Bahn. Im Vergleich zum Fahrrad würde ich auf der einzelnen Strecke auch nur zehn bis 20 Minuten Zeit gewinnen. Abhängigkeit von Baumaßnahmen, anderen Verkehrsteilnehmern oder Willkür liegt mir ohnehin nicht. Freiheit und sportliche Beharrlichkeit dagegen schon. Nach 15 Monaten auf demselben Arbeitsweg, ändert sich nun mein Wohnort. Zeit Bilanz zu ziehen. Diese stütze ich auf eine Fallzahl von 270 Fahrten auf ein und demselben Weg.

Fazit

In der Dimension, in der ich es betreibe, ist Fahrrad-Pendeln monoton, anstrengend und gefährlich. Trotzdem ist es für mich der bevorzugte Weg zur Arbeit. Die letzten 1,5 Jahre haben mir vieles beigebracht. Körper und Mindset haben sich über die Zeit verändert. Belohnt wurde ich mit Unabhängigkeit und Grundlagenausdauer. Auch nach meinem Umzug werde ich deshalb weiter mit dem Fahrrad pendeln. - Jan Timmermann, BIKE-Redakteur

1. Die Menge macht das Gift

Eigentlich fahre ich schon seit 22 Jahren mit dem Fahrrad zur Schule, zur Uni, zur Arbeit. Noch nie musste ich aber so oft so weit pendeln wie in den letzten eineinhalb Jahren. Der Arbeitsweg ist stets eine individuelle Entscheidung: Ich persönlich hadere mit den hohen Mieten und den Menschenmassen in München. Ohne Vor-Ort-Verpflichtungen würde ich wohl irgendwo auf dem Land und direkt am Trail wohnen. 62 Kilometer sind das Maximum, das ich täglich mit dem Fahrrad pendeln möchte. Mehr geht nicht. Das liegt vor allem daran, dass sich die sportliche Leistung schnell aufaddiert.

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In 15 Monaten bin ich an 135 Tagen zur Arbeit und zurück geradelt - 270 mal dieselbe Strecke. Dabei kamen knapp 8400 Kilometer zusammen. Meine Route ist dankbar, hat pro Arbeitstag nur etwa 250 Höhenmeter und verläuft viel im Grünen. Durch die schiere Häufigkeit des Pendels summierten sich in dieser Zeit allerdings auch knapp 33.800 Höhenmeter. Insgesamt bin ich also etwa drei komplette Transalps nur auf dem Radweg und parallel zum Vollzeit-Job gefahren. Die Menge macht das Gift! Man könnte auch sagen: Steter Tropfen höhlt den Stein. Am Ende jeder Woche macht sich die Fahrleistung in körperlicher Erschöpfung bemerkbar.

2. Das Fahrrad macht einen kleinen Unterschied

In den 315 Stunden, die ich auf meiner Route verbracht habe, konnte ich verschiedenste Fahrrad-Konzepte ausprobieren. Meine häufigste Wahl fällt auf das Cross-Country-Mountainbike. Für die 31 Kilometer brauche ich damit zwischen 65 und 75 Minuten. Etwa fünf Minuten schneller bin ich mit einem durchschnittlichen Gravelbike. Besonders im Winter habe ich diese Fahrrad-Gattung oft genutzt, um mich mit Schutzblechen und integrierter Lichtanlage vor Nässe und anderen Verkehrsteilnehmern zu schützen. Nochmal circa fünf Minuten schneller macht mich auf der Großteils flachen Strecke ein aerodynamisch optimiertes Race-Gravelbike. Meine Bestzeiten fuhr ich allesamt auf windschnittigen Race-Gravelbike-Konzepten mit mindestens 53 Millimetern Reifenbreite ein.

Wer übrigens denkt, dass Fahrrad-Pendeln das Weltklima retten kann, dem sei gesagt: Durchs Fahrrad-Pendeln habe ich im Vergleich zum Auto in den 1,5 Jahren rund 1,5 Tonnen CO₂ eingespart. Gleichzeitig erfordert mein Job auch Fernreisen und ein einziger Flug in die USA bläst über 3,5 Tonnen CO₂ in die Atmosphäre. Selbst bei meiner Fahrleistung macht das Fahrrad also leider nur einen kleinen Unterschied. Rad-Pendeln ist ein wichtiger Beitrag zur Verkehrswende, darf aber auch nicht romantisiert werden.

​3. Schnell ist nicht immer besser

Passend zu Punkt Nummer Eins sollten Vielfahrer mit ihren Kräften haushalten. Ich will mein Biker-Leben nicht auf dem Radweg verschwenden sondern viel lieber raus in die Berge und Trails unter die Stollen nehmen. Damit mir am Wochenende noch körperliche und mentale Energie dafür bleibt, darf ich mich beim Fahrrad-Pendeln nicht aufs Letzte verausgaben. Viel zu oft lasse ich mich auf Duelle mit beinrasierten Rennradfahrern ein, die blöd aus der Wäsche schauen, wenn ich mit Rucksack bepackt auf meinem vier Kilo schwereren Bike an ihnen vorbeiziehe. Vor allem Rücken- und Beinmuskulatur danken es dem Pendler auf Dauer, wenn er lieber einen Gang runterschaltet.

Um mich zu schonen, versuchte ich es auch mal mit dem E-Gravelbike. Es blieb bei einem Versuch. Aufgrund der Motor-Abschaltung bei 25 Kilometern pro Stunde bringt mir der E-Antrieb keinen Vorteil. Auf meinem flachen Arbeitsweg ist diese Geschwindigkeit bereits erreicht, sobald ich die Beine nur locker fallen lasse. Das E-Bike ist für meinen persönlichen Fall zu langsam und zu ineffizient. Besser taugt mir da ein Starrgabel-Hardtail mit Singlespeed-Antrieb. Durch den festgelegten Gang kann ich nicht die gesamte Strecke lang mittreten, spare Energie und bin trotzdem schneller als mit dem E-Gravelbike. Ganz nebenbei geht der Singlespeeder - anders als das Motor-Bike - dank Verschleißarmut kaum in die Kosten und bietet dank Breitreifen mehr Komfort.

4. Wenn Wahnsinn Normalität wird

Wenn ich Bekannten von meiner Pendel-Routine erzähle, fallen die meisten fast vom Stuhl. Nur die wenigsten Menschen können sich vorstellen bei einem vollen Arbeitstag, Wind und Wetter auch noch über 60 Kilometer Rad zu fahren. Anfangs ging es mir genauso. Die Erschöpfung war eklig, die Motivation hatte Höhen und Tiefen. Inzwischen aber denke ich über den Arbeitsweg überhaupt nicht mehr nach, schalte früh morgens meine Kopfhörer ein und steige in den Sattel. Tagsüber fülle ich mit Unmengen an Essen mein Kalorien-Defizit aus und in der Waschmaschine drehen sich die Bike-Klamotten in Dauerschleife. Die tägliche Belastung ist zur Normalität geworden und das Fitness-Level hat sich angepasst. Kehrseite der Medaille: Die Belastung ist ziemlich einseitig. Auf regelmäßige Besuche im Gym und beim Physiotherapeuten müssen sich Vielfahrer zusätzlich einstellen.

5. Das größte Risiko liegt (nicht nur) auf der Straße

Meine Erfahrung: Nirgendwo ist Radfahren gefährlicher als im Straßenverkehr. Obwohl ich 90 Prozent meiner Strecke auf von der Fahrbahn getrennten Radwegen zurücklegen kann, habe ich in den 1,5 Jahren so einige brenzlige Situationen erlebt. In dieser Zeit sah ich einen anderen Radfahrer in einer Blutlache auf dem Radweg liegen und hatte selbst unzählige Beinahe-Unfälle. Meiner Gesundheit zuliebe zwinge ich mich defensiv zu fahren. In diesen zweieinhalb Stunden pro Tag bin ich hochfokussiert und habe meinen Blick überall. Besonders gefährlich sind oft Wohngebiete, wo Autofahrer unvorbereitet auf schnelle Biker planlos auf die Straße fahren. Hunde und schnelle Radfahrer vertragen sich auch eher schlecht. Erst Recht wenn ihre Besitzer nur Augen für ihr Smartphone haben. Inzwischen kenne ich deshalb die Spots der Gassi-Geher ganz genau.

Auch ätzend: Die E-Scooter-Jugend und überambitionierte Freizeitsportler. Ein zunehmendes Phänomen sind außerdem E-Bike-Fahrer der Altersklasse 60 aufwärts - oft ohne Helm und mit Kopfhörern im Ohr. Wie oft bin ich schon vorsichtig an ihnen vorbeigefahren und habe ein böses Kopfschütteln geerntet? Meine Rufe verhallen ungehört, der Kopf kann sich nur noch langsam drehen. Bitte nicht falsch verstehen: Ich finde es super, wenn Menschen Radfahren! Mich nervt allerdings der Glaube, mit 25 Sachen sei man der König des Radwegs. Für Deutschland sehe ich persönlich nicht nur ein Problem in der Fahrrad-Infrastruktur, sondern auch in der Wahrnehmung von Radfahrern allgemein. Auch wenn er größte Vorsicht walten lässt und sich an alle Verkehrsregeln hält, überrascht ein schneller Radler die meisten Verkehrsteilnehmer als hätten sie einen Geist gesehen. Da hilft nur Geduld.

Wie seht ihr das: Fahrt ihr auch regelmäßig mit dem Fahrrad zur Arbeit? Was sind eure wichtigsten Tipps für Rad-Pendler? Schreibt es uns in die Kommentare!

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Redakteur

Jan Timmermann ist ein Mountainbiker aus echtem Schrot und Korn. Dabei deckt sein Interesse von Marathon- bis Trailbikes und von Street bis Gravel fast alles ab. Getreu dem Motto „das Leben ist zu kurz für langweilige Fahrräder“ hängt Herz des Technik-Redakteurs jedoch vor allem an Bikes mit Charisma. Nebenbei leitet Jan auch noch das Fitness-Resort unserer Radsport-Marken.

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