SteighilfeSo schaffen Sie jede Steigung!

Markus Greber

, Stefan Schlie

 · 09.07.2020

Steighilfe: So schaffen Sie jede Steigung!Foto: Markus Greber
Steighilfe: So schaffen Sie jede Steigung!
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Steile Schotterrampen erklettern, Singletrails flüssig bergauf fahren: Mit den richtigen Setup- und Fahrtechnik-Tipps werden Sie zum Uphill-Künstler. E-Mountainbike-Experte Stefan Schlie zeigt, wie.

Die Grundlagen seiner Karriere legte Trial-Vizeweltmeister Stefan Schlie vor dem Fernseher. "Du darfst so lange Derrick schauen, bis Du einen Fuß vom Pedal nimmst", so spornte ihn sein Vater damals im elterlichen Wohnzimmer an. Zwei Jahre später finanzierte Stefan mit Trialshows sein Studentenleben, später wurde er zum Vollprofi. Vor sechs Jahren setzte sich Stefan aufs E-MTB und fing sofort Feuer. Er fing an zu experimentieren, ließ seine Tricks und Moves aus dem Trial-Sport einfließen und entwickelte das, was man heute Uphill-Flow nennt. Anstiege, die man mit dem klassischen Bike konsequent ignorieren würde, werden mit dem E-MTB zur Herausforderung. Singletrails, enge Kurven und sogar hohe Stufen lassen sich mit einer Dynamik bewältigen, die es vorher nur in der Abfahrt gegeben hat. Bike-Reviere, die berüchtigt für steile, fordernde Auffahrten sind, werden plötzlich zugänglich für ein breiteres Publikum. Eine ganz neue Fahrtechnik entwickelt sich, ein neuer Bike-Stil entsteht.

Verlagssonderveröffentlichung

Auf dem Weg zum Uphill-Künstler werden auch eingefleischte Mountainbiker mit neuen Erkenntnissen konfrontiert. Zum Beispiel, dass die Bremse bergauf die Funktion einer Kupplung übernimmt und einen wichtigen Beitrag für die Traktion leistet. Oder dass man sich in kniffligen Passagen mit abgesenktem Sattel leichter tut.

Warum wir Ihnen die Anekdote von Schlies Fernsehübungen erzählen? Weil besondere Zeiten besondere Lösungen erfordern. Für die besten Übungen für Ihre Uphill-Skills brauchen Sie nicht zwingend Berge, noch nicht einmal ihren Haus-Trail. Die kleine Stufe hoch zur Terrasse eignet sich perfekt, um das Entlasten des Bikes bei Bergauf Hindernissen zu üben. Und im Wohnzimmer könnte jetzt der Balance-Contest stattfinden. Bleiben Sie gesund!

TIPP 1

Technische Uphills erfordern völlig andere Einstellungen als Trails in der Ebene oder bergab. Daher macht es Sinn, das Setup vor einem langen Anstieg zu verändern. Vergessen Sie also nicht, die Dämpfer­pumpe mitzunehmen.

  Dämpferpumpe von Syncros (zum Beispiel)Foto: Tobias Brehler
Dämpferpumpe von Syncros (zum Beispiel)

TIPP 2

Fahren Sie bei kniffligen Uphills immer mit einem Finger an der Hinterradbremse. Mit Schleifbremsen lässt sich die Motorkraft sehr feinfühlig dosieren.

  Das CockpitFoto: Markus Greber
Das Cockpit


Auf den folgenden Seiten erklären wir die wichtigsten Einstellungen. Viel Spaß beim Üben.

Sitzposition verändern

Ein steiler Sitzwinkel bringt den Körperschwerpunkt nach vorne und verbessert die Kletterfähigkeit dramatisch. Den vorgegebenen Sitzwinkel kann man um die entscheidende Gradzahl variieren, indem man den Sattel so weit es geht nach vorne schiebt. Unterstützen kann man den Effekt, indem man den Sattel nach vorne/unten kippt. So bleibt man in steilen Anstiegen fester im Sattel. Außerdem kommt man bei sehr steilen Rampen mit dem Hintern gut auf die Sattelspitze.

Foto: Markus Greber
Foto: Markus Greber

Cockpit optimieren

Die Position des Lenkers und sämtlicher Bedien­elemente hängt von individuellen Vorlieben ab. Für die meisten passt jedoch ein nicht zu steil nach unten stehender Bremshebel. Seitliche Position: so, dass man das Griffende mit dem Zeigefinger bequem erreicht. Ergonomisch ideal ist es, wenn der Schalter für die Unterstützungsstufen gleichzeitig mit dem Daumen erreicht werden kann.

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Reifendruck

Je weniger Luftdruck im Reifen, desto besser die Traktion. Das gilt für jede Art von Untergrund. Je nach Breite der Felge, Reifenmodell und Körpergewicht kann man den Druck bis auf etwa 1,4 Bar absenken. Darunter wird das Fahrverhalten schwammig, und die Gefahr einer Reifenpanne steigt. Als Obergrenze sollte man zwei Bar nicht überschreiten.

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Fahrwerk einstellen

Ein strafferer Hinterbau lässt das Heck nicht so stark eintauchen und hilft, den Körperschwerpunkt vorne zu halten. Für besseres Kletterverhalten kann man also ruhig etwas weniger SAG (Negativ-Federweg) fahren. Etwa 15 Prozent des Gesamtfederwegs sollten jedoch nicht unter-schritten werden, sonst leidet wiederum die Traktion. Bei der Gabel funktioniert das übrigens umgekehrt: Etwas weniger Luft ist günstiger.

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Sicher durch den Schotter

Das A und O in tiefem Schotter ist die richtige Linie. Diese erfordert eine besonders vorausschauende Fahrweise. So sollte der Blick niemals direkt vors Vorderrad zielen, sondern möglichst weit nach vorne. So scannen Sie die richtige Fahrspur und können rechtzeitig reagieren.

Die effektivste Fahrtechnik auf Schotter heißt Uphill-Wheelie. Damit ist nicht gemeint, dass Sie auf dem Hinterrad den Berg hinaufbalancieren, sondern lediglich, dass das ganze Körpergewicht beherzt aufs Hinterrad verlagert wird – natürlich ohne dass Sie das Gleichgewicht nach hinten verlieren. Diese Technik garantiert maximale Traktion. Wird der Schotter so tief, dass er allzu stark bremst, sparen Sie nicht mit den Unterstützungsstufen.

Im Turbo-Modus wühlt man sich am einfachsten durch haarige Passagen. Je schneller man unterwegs ist, desto besser, stabiler und sicherer werden Sie sich fühlen. Erst in Kurven, bei denen man auf die Führungsarbeit des Vorderrades angewiesen ist, sollte man das Körpergewicht wieder nach vorne verlagern.

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Hindernis voraus

Dank Motor-Power können wir mit unseren E-MTBs auch bergauf Hindernisse bewältigen, wie sie mit einem klassischen Bike nicht möglich wären. Das heißt nicht: sitzen bleiben und mit Volldampf gegen eine Stufe donnern. Sondern: die Komfortzone verlassen und raus aus dem Sattel. Wichtig ist jetzt das Timing.

Beugen Sie kurz vor dem Hindernis die Arme und gehen tief über den Lenker. Strecken Sie jetzt die Arme schnell und kräftig – damit lupfen Sie das Vorderrad über das Hindernis. Jetzt muss das Hinterrad folgen. Strecken Sie die Beine und bringen Sie die Hüfte und damit den Körperschwerpunkt nach vorne – dadurch entlasten Sie das Heck. Je höher die Stufe, desto mehr Schwung brauchen Sie.

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Steile Rampe

Steile Rampen erfordern viel Gefühl, eine gute Fahrtechnik und mitunter etwas Erfahrung. Je nach Untergrund ist dabei ein Mix aus unterschiedlichen Techniken gefragt.


Ist der Untergrund griffig, hat man eher mit einer steigenden Front als mit Traktionsproblemen zu kämpfen. Gegenmittel: Man rutscht ganz nach vorne auf die Sattelspitze, beugt den Oberkörper tief über den Lenker und versucht, den Schwerpunkt möglichst weit nach vorne/unten zu bringen. Gleichmäßiges Treten dabei nicht vergessen!


Ist der Untergrund rutschig, dann wird es komplizierter. Jetzt geht es darum, so weit nach vorne zu gehen, dass das Hinterrad gerade nicht durchdreht, die Front aber auch gerade nicht steigt. Je nach Untergrund und Steigung hat man mal mehr, mal weniger Traktion. Deswegen muss man die Position des Körperschwerpunktes immer wieder anpassen.

Also auch mal raus aus dem Sattel, Körperspannung behalten und treten, was das Zeug hält.

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Anfahren am Berg

Der Start im Steilen ist tricky. Stellen Sie sich zunächst quer zum Hang. Der Bergfuß steht am Boden, der Talfuß auf dem Pedal, etwa in 11- (linke Pedalseite) bzw. 2-Uhr-Stellung (rechte Pedalseite). Die Bremsen sind gezogen. Oft eignet sich die zweithöchste Unterstützungsstufe und ein nicht zu kleiner Gang am besten.


Jetzt das Wichtigste: Stellen Sie, bevor Sie zum Start die Bremse lösen, den Bergfuß aufs Pedal. Erst dann geht’s Volldampf voraus. Dosieren Sie den Vortrieb mit schleifender Bremse und variieren Sie je nach Steigung und Traktion Ihren Körperschwerpunkt. Lenken Sie sanft in die Falllinie ein.

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Die Spitzkehre bergauf

Die Spitzkehre bergauf ist die Königsdisziplin auf dem E-MTB. Bei großen Kurvenradien, die es gerade noch erlauben, die Kehre ohne Versetzen des Vorderrades zu durchfahren, kommt die sogenannte Zufallskurve zum Einsatz. Hier geht es darum, den vorgegebenen Spielraum so effizient wie möglich zu nutzen.

Man fährt im leichtesten Gang an, dabei bleibt man im Sattel. Die Linie: so weit außen wie möglich. Dabei visiert man immer den Kurvenausgang an. Arbeiten Sie unbedingt mit schleifender Hinterradbremse, um die Motor-Power besser zu dosieren.

Es bietet sich an, diese Kurve in der größtmöglichen Unterstützungsstufe zu nehmen, um notfalls noch genügend Reserven zu behalten. Treten Sie also durch die komplette Kurve möglichst konstant und kräftig, die Feindosierung passiert über die Bremse. Erweist sich der Kurvenradius als zu eng, kann man durch Versetzen des Vorderrades nachjustieren.

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Interview mit Stefan Schlie


EMTB: Stefan, Du kommst aus der Trial-Ecke. Welche Skills und Tricks helfen Dir bei Uphills mit dem E-MTB besonders?


STEFAN Schlie: Erstens die Brems-Skills. Durch kontrolliertes Schleifbremsen lässt sich jeder noch so ruppige Motor besänftigen und die Kraft wie durch eine Kupplung auf den Boden bringen. Zweitens: Pedal-Management. Die richtige Pedalstellung ist in Rollsituationen das A und O.


Du fährst immer mit Flatpedals. Würdest Du das Einsteigern ebenfalls empfehlen?

Es gibt nur einen einzigen Grund, am E-Mountainbike Klickpedale zu fahren. Das ist eine Rennsituation, wo man ohne Motorunterstützung Zeit rausfahren will. Ansonsten ist das E-MTB prädestiniert für Plattformpedale. Man hat mehr Freiheit und Sicherheit in kniffligen Situationen. Außerdem werden die Bewegungsabläufe nicht durch Reißen oder Zerren versaut.


Durch die aktuelle Situation kommen die meisten von uns kaum zum Biken. Gibt es eine Trockenübung, die man besonders gut im Garten oder sogar im Wohnzimmer machen kann?

Ganz klar: Gleichgewicht halten. Das hab ich mit meinen Trialbikes auch so gelernt. Irgendwann meinten meine Eltern, ich dürfe so lange Derrick gucken, bis ich einen Fuß vom Pedal nehme. Das war ein enormer Anreiz. Aber es muss ja nicht gleich ein ganzer Krimi sein, man kann ja fürs Erste auch mit dem Wetterbericht anfangen.


Extra-Tipp von Stefan Schlie: Sattel runter, wenigstens ein paar Zentimeter – das gibt mehr Bewegungsfreiheit und ist besonders in kniffligen Passagen unerlässlich.

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