Fahrtechnik

So meistern Sie die 5 Knackpunkte am Berg

Stefan Schlie

 · 23.11.2018

So meistern Sie die 5 Knackpunkte am BergFoto: Markus Greber
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Wie man steiles Gelände am besten bewältigt, zeigt EMTB-Fahrtechnikexperte Stefan Schlie. Fiese Rampen, enge Kehren, verblockte Trails – Schlie zeigt die wichtigsten Knackpunkte und wie man sie löst.

Steile Rampen, enge Kehren, verblockte Trails – das meistern schwieriger Uphill-Situationen gibt dem e-Mountainbiken die Würze. Hier unsere Tipps:


KNACKPUNKT 1: VORDERRAD STEIGT –
Gewicht vor, bremsbereit bleiben

Ein steigendes Vorderrad leistet keine Führung mehr, und man verliert die Kontrolle.

Foto: Markus Greber


Trick Nummer eins heißt hier: Bringen Sie Ihr Gewicht nach vorne, indem Sie den Oberkörper beugen und die Arme anwinkeln. Wenn das nicht mehr reicht, rutschen Sie mit dem Hintern auf die Sattelnase. Das ist zwar nicht gerade die komfortabelste Position für den Allerwertesten, aber Sie werden sich über das Steigverhalten Ihres Bikes wundern (Bild oben). Erst, wenn es allzu steil wird, lupfen Sie den Hintern aus dem Sattel und pedalieren im Stehen weiter.

Foto: Markus Greber


Trick zwei: Halten Sie stets die Hinterbremse mit dem Finger bremsbereit. So können Sie blitzschnell gegenwirken, wenn das Vorderrad steigt.


KNACKPUNKT 2: PEDALAUFSETZER – Tippeltechnik

Pedalaufsetzer bringen einen nicht nur aus dem Takt, sie sind auch noch gefährlich. Der ungewollte Bodenkontakt ist bergauf Sturzursache Nummer eins. Vermeiden Sie Pedalaufsetzer durch bewusstes Pedal-Management. Eine wirkungsvolle Maßnahme ist das Tippeln. Schätzen Sie einen Felsbrocken, eine Wurzel oder Grasnarbe als zu hoch ein, dann stoppen Sie das Pedalieren, drehen das Pedal mehrmals eine Viertelumdrehung zurück und tippeln so – mit weitgehend parallelen Kurbeln – über das Hindernis. Da der Motor während des Tippelns nur kurz Schub liefert, schalten Sie unmittelbar vor der kritischen Stelle auf die höchste Unterstützungsstufe.

Foto: Markus Greber


Mit Schwung über größere Hindernisse

Eleganter und dynamischer als mit der Tippel­­technik "überfliegt" man eine kritische Passage mit ordentlich Schwung. Was beim Downhill selbstverständlich ist, schafft man bergauf mit Motorunterstützung. Elementar ist hierfür das Auge und die richtige Einschätzung der Situation. Fahren Sie vorausschauend, und scannen Sie stets die vor Ihnen liegende Passage. Wenn Sie das Gefühl haben, die Felsen oder der Wurzelteppich vor Ihnen ist nicht ohne Pedalaufsetzer passierbar, dann kommt der "Boost" zum Einsatz. Wählen Sie die höchste Unterstützungsstufe und einen nicht zu kleinen Gang. Treten Sie ordentlich zwei, drei Mal in die Pedale. Stoppen Sie das Pedalieren kurz vor dem Hindernis und stellen Sie die Kurbeln parallel zum Boden. Wichtig ist auch der gleichzeitige Körpereinsatz. Beugen Sie während der Anfahrt die Arme und nehmen Spannung auf. Strecken Sie die Arme und Beine kurz vor dem Hindernis. Das entlastet das Bike und hilft, den Schwung zu erhalten.

Foto: Markus Greber
Foto: Markus Greber
Foto: Markus Greber


KNACKPUNKT 3: HINTERRAD DREHT DURCH

Halten sie die Motor-Power im Zaum und bringen sie durch Gewichtsverlagerung Druck aufs Hinterrad.

Der Motor liefert ein gewaltiges zusätzliches Drehmoment. Steilste Rampen gelingen fast mühelos. Doch das Lachen kann einem schnell vergehen, sobald der Boden rutschig wird und das Hinterrad an Traktion verliert. Ein durchdrehendes Hinterrad kostet immens Kraft und zwingt meist zum Absteigen. Dem kann man wirkungsvoll entgegenwirken, indem man versucht, ähnlich wie beim Wheelie, möglichst viel Gewicht aufs Hinterrad zu bringen. Doch keine Angst, Sie müssen nicht zum Wheelie-Künstler werden, um steile Rampen zu erklettern.

Foto: Markus Greber

Kurz bevor das Vorderrad abhebt, entsteht schon ein enormer Druck aufs Hinterrad. Nehmen Sie aufrecht und gemütlich im Sattel Platz. Die Arme sind gestreckt, der Blick fixiert einen Punkt weit vor dem Vorderrad. Lassen Sie es zu, dass das Vorderrad leicht wird und sogar manchmal vom Boden abhebt. Genau in diesem Moment beißt sich der Hinterreifen fest. Da das Vorderrad in dem Moment nicht mehr die volle Führungsarbeit erledigen kann, müssen Sie sich mit dem Körper ausbalancieren. Halten Sie dabei immer einen Finger an der hinteren Bremse und nutzen Sie diese, um die Kraft zu modulieren.

Wichtig ist die Beinarbeit. Durch Auswinkeln der Knie stabilisieren Sie sich und Ihr Bike (Bilder unten). Erst wenn’s sehr steil wird, winkeln Sie die Arme an, um den Körperschwerpunkt nach vorne zu bringen.

Foto: Markus Greber
Foto: Markus Greber


KNACKPUNKT 4: TRAIL-KURVE KLAPPT NICHT

Exaktes Bergaufsteuern durch knifflige Trail-Kurven gehört bereits zur hohen Schule der E-MTB-Technik.

Bergauf kann man mit dem E-MTB Steigungen schaffen, bei denen konventionelle Biker längst absteigen. Das gilt natürlich auch für Kurven. Aber Kurve ist nicht gleich Kurve: Enge Kurven, weite Kurven, Spitzkehren, Schotterkurven, Kurven mit Wurzeln und Absätzen – mit den verschiedenen Kurventechniken werden schon beim normalen Mountainbiken ganze Fahrtechnik­bücher gefüllt. Und mit dem E-MTB kommen nun auch noch die Bergaufvarianten dazu. Allen Techniken gleich ist: Will man den Fahrfluss aufrechterhalten, müssen die Bewegungsabläufe automatisiert werden.

Foto: Markus Greber

In der oben gezeigten Sequenz geht es um eine einfache Trail-Kurve, bei der man keine komplizierten Umsetztechniken braucht. Diese einfache Technik lässt sich jedoch genauso auf klassische Schotterkurven anwenden. Damit Sie Ihren Schiebe-Modus erst gar nicht benutzen müssen, sollten Sie folgende Tipps befolgen:


1) Weite Radien: Zu hastiges Einlenken ist die häufigste Fehlerquelle. Da das meiste Gewicht auf dem Hinterrad lastet, droht das Vorderrad, die Traktion zu verlieren. Ergebnis: Der Pilot verliert die Balance. Tipp: Wenn man die kurvenäußere Linie wählt, wird das Vorderrad nicht so stark eingelenkt und lässt sich dadurch besser kontrollieren.


2) Bleiben Sie im Sattel sitzen: Die Arme sind leicht angewinkelt. Halten Sie Ihren Körperschwerpunkt
zentral über dem Bike, damit sowohl das Hinterrad genügend Traktion hat und gleichzeitig das Vorderrad am Boden bleibt. Wählen Sie lieber eine etwas höhere Unterstützungsstufe, dabei aber einen nie­d­rigen Gang und halten Sie die Motor-Power mit der Hinterbremse im Zaum.


3) Blick Richtung Kurvenausgang: Scannen Sie schon früh mit Ihrem Blick den Kurvenverlauf in Richtung Kurvenausgang. Lenken Sie dabei vorsichtig und ruhig ein. Halten Sie dabei mit rundem Tritt die Kette auf Zug. Das ist besonders wichtig, um die gleichmäßige Traktion aufrechtzuerhalten. Zirkeln Sie nun, immer auf der Außenlinie bleibend, durch die Kurve.


TUNING-TIPPS


Reifendruck
So wenig wie möglich, so viel wie nötig. Weniger Luftdruck verbessert die Traktion der Reifen dramatisch und erleichtert alle Up- und Downhill-Moves. Für den Luftdruck gibt es keine genaue Empfehlung, er hängt zu sehr vom Reifenmodell ab.


Sattelposition
Kostenloses Tuning für deutlich bessere Bergauf-Performance. Die meisten Sattel/Stützen-Kombinationen bieten einen Verstellbereich von mehreren Zentimetern. Verbessern Sie die Klettereigenschaften Ihres Bikes, indem Sie den Sattel ganz oder fast ganz nach vorne schieben. Neigen Sie zudem die Sattelnase ein Stück weit nach unten. Damit passen Sie die Sitzposition an steile Rampen an.


Kurze Kurbeln
Eine Investition, die sich lohnt. Die meisten E-MTBs werden immer noch mit 175-Millimeter-Standardkurbeln ausgestattet. Dank Motorunterstützung braucht man diesen großen Hebel nicht wirklich. Kurze Kurbeln zwischen 150 und 170 Millimetern sorgen für weniger Pedalaufsetzer.


KNACKPUNKT 5: FEHLSTART AM BERG


Fussposition
Positionieren Sie sich richtig. Vermeiden Sie die Falllinie, sondern stellen Sie das Bike im 45-Grad-Winkel zum Hang. Wichtig ist die Pedalstellung des Talfußes. Die Kurbel sollte nach vorne oben zeigen.

Foto: Markus Greber


Anfahren
Fahren Sie erst an, wenn der Bergfuß sicher auf dem Pedal steht. Kontrollieren Sie das Anfahren mit der Bremse!

Foto: Markus Greber


Durchstarten im Steilhang
Die Unterstützungsstufe wählen Sie abhängig von der Steigung. Gut eignen sich die neuen, progressiven Modi E-MTB (Bosch) und Trail (Shimano). Der Talfuß steht also auf dem Pedal (Pedalstellung nach vorne oben), der Bergfuß stützt sich am Boden ab. Die Bremsen sind gezogen – ein Finger reicht dafür.

Stellen Sie den Bergfuß aufs Pedal. Erst jetzt fangen Sie an zu treten, und das Bike nimmt Fahrt auf. Jetzt ist es besonders wichtig, die Traktion zu behalten. Streicheln Sie das Pedal und geben Sie nur so viel Power, wie es der Schlupf am Hinterrad verträgt. Helfen Sie mit der Hinterradbremse, die Kraft zu kontrollieren. Lenken Sie jetzt sanft in die Falllinie ein und gehen Sie zur klassischen Fahrtechnik an steilen Rampen über.

Foto: Markus Greber
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