Keine Angst mehr vor der Steilabfahrt mit dem MTB

Laurin Lehner

 · 25.06.2018

Keine Angst mehr vor der Steilabfahrt mit dem MTBFoto: Robert Niedring
Keine Angst mehr vor der Steilabfahrt mit dem MTB

Viele Biker schrecken vor Steilabfahrten zurück. Dabei ist das Manöver eine der wenigen Fahrtechniken, bei der mehr Mut und Entschlossenheit gefragt ist als komplexe Technik. Stefan Herrmann zegt's.


"Entschlossenheit ist alles! Besonders bei der Steilabfahrt. Trotzdem: Etwas Technik ist notwendig. 1. Die Körperposition und 2. der dosierte Bremseinsatz. Ideal, um ein Gefühl für die beiden Punkte zu bekommen, sind Steilabfahrten ohne Stufen und Kanten. Oder gleichbleibende Unebenheiten wie beispielsweise auf Treppenabfahrten." (Stefan Herrmann, Fahrtechnikexperte)


Anfahrt

Bevor Du anfährst, solltest Du Dir bereits die ideale Linie ausgeguckt haben. Kannst Du bereits auf der Stelle balancieren, funktioniert das bei der Anfahrt. Steilabfahrtsnovizen rate ich dazu, die Abfahrt erst abzugehen. Um bei der Anfahrt Deine Linie zu finden, kannst Du Dir eine kleine Markierung an der Einfahrtstelle machen – so findest Du den Einstieg problemlos. Fahre im Schritttempo an. Die Kurbelstellung ist waagerecht.
FALSCH: Zu langsame Anfahrt – Folge: Balanceverlust
FALSCH: Angst – Folge: Abbruch

Verlagssonderveröffentlichung


Durchziehen

Jetzt gilt: ganz oder gar nicht. Dazwischen gibt’s nichts! Wichtig: Verzichte auf unnötige Lenkbewegungen. Sobald das Vorderrad die Kante überrollt, streckst Du Arme und Beine und schiebst so das Bike unter Dir durch. Der Schwerpunkt wandert hinter den Sattel. So extrem wie hier auf dem Foto sollte es jedoch nur temporär sein – sonst sind die Arme leicht gebeugt. Fahre in einem Strich auf den von Dir ausgeguckten Auslauf. Der Blick führt, bremse während der gesamten Aktion dosiert.
FALSCH: Undosierter Bremseinsatz – Folge: Kontrollverlust


Auslauf ansteuern
Die technische Passage ist geschafft. Der Blick visiert den Auslauf an. Der Schwerpunkt wandert nun wieder etwas zentraler – das verleiht Kontrolle, und Du kannst entschlossen aber trotzdem dosiert bremsen und so das Tempo geringhalten.
FALSCH: Körperschwerpunkt zu lange zu weit hinten – Folge: kein Druck auf dem Vorderrad – Kontrollverlust!
FALSCH: Blockieren der Räder – Folge: Kontrollverlust

  Von rechts nach links: Anfahren (1) – Durchziehen (2) – auslaufen lassen (3)Foto: Robert Niedring
Von rechts nach links: Anfahren (1) – Durchziehen (2) – auslaufen lassen (3)


Dosiert bremsen

Diese Fähigkeit sollte jeder Biker draufhaben. Das Gute: Mit einer gut dosierbaren Bremse ist das wirklich schnell erlernt. Das Ziel: Du willst die Räder nicht zum Blockieren bringen und trotzdem das Tempo deutlich verringern. Diese Übung ist ideal: Greife mit beiden Händen an den Lenker – Du selbst stehst neben dem Bike. Strecke die Arme und greife so sachte in die Vorderradbremse, dass das Hinterrad steigt und beim Rollen gleichbleibend auf einer Höhe bleibt. Ein ebener und griffiger Untergrund sind für die Übung von Vorteil.

  Dosiert bremsenFoto: Robert Niedring
Dosiert bremsen


Treppenabfahrt

Bei dieser Übung bekommst Du ein gutes Gefühl für die richtige Körperposition. Klar ist: Der Schwerpunkt muss während der Steilabfahrt entsprechend nach hinten – dafür wandert der Po hinter den Sattel. Achtung: Viele Steilabfahrtsnovizen übertreiben. Aus Angst gehen sie so weit nach hinten, dass die Arme komplett gestreckt sind und die Kontrolle vorne flöten geht. Die Treppenabfahrt ist gut, um genau hierfür ein Gefühl zu bekommen.

  TreppenabfahrtFoto: Robert Niedring
Treppenabfahrt


Finde deine Linie

Bei glatten oder gleichbleibenden Unebenheiten wie beispielsweise Treppen, ist die Linienwahl unwichtig. Im Gelände ist das anders. Hier lauern Stufen und Wurzeln. Daher lohnt es sich, die Steilabfahrt genauer anzuschauen.
Folgende Kriterien erfüllt Deine Linie im Idealfall.
Sie sollte: 1.) frei von Stufen und Felsnasen sein, die sich nicht überrollen lassen, 2.) frei von hohl liegenden Wurzeln sein, 3.) möglichst griffig sein, 4.) einen Auslauf haben, auf dem Du das Tempo abbauen kannst und
5. sich in einem Stück durchfahren lassen.
Tipp: Gehe Deine Abfahrt zuvor im Kopf durch – so bekommst Du ein Bewegungsbild für eine kontrollierte Abfahrt.

  Finde Deine LinieFoto: Robert Niedring
Finde Deine Linie


Interview mit Fahrtechnikexperte Stefan Herrmann: "Wenig technik – doch die muss sitzen!"


Du sagst, bei der Steilabfahrt brauche man mehr Mut als Technik. Das heißt: Ich muss mich nur überwinden?
Ganz so ist es nicht. Denn die wenige Technik, die Du dafür braucht, muss sitzen. Sonst tut es weh!


Worauf kommt es an?
Neben der Entschlossenheit kommt es 1.) auf das richtige Einschätzen des Geländes und 2.), auf dosiertes Bremsen und 3.) auf die richtige Position auf dem Bike an. Das war’s.


Klingt einfach. Warum trauen sich dennoch so wenige an das Manöver?
Aus Angst. Steilabfahrten können furchteinflößend aussehen. Zudem wissen viele nicht, wie sie und ihr Bike während der Abfahrt reagieren werden.


Wie bekomme ich ein Gefühl dafür?
Wie bei jeder Fahrtechnik: durch langsames Rantasten. Kein Skispringer hat Skispringen auf der Olympiaschanze gelernt, sondern hat sich in kleinen Schritten gesteigert. Bei der Steilabfahrt sollte man mit einfachen Abfahrten ohne Geländekanten beginnen – zu steil sollte sie anfangs auch nicht sein.


Was fasziniert Dich an Steilabfahrten?
Es ist unglaublich, welche Steilheitsgrade tatsächlich mit dem Bike möglich sind. Vorausgesetzt, man kann die Situation einschätzen – und dazu braucht es Erfahrung. Zudem erhält es den Fahrfluss beim Biken auf den Trails und schießt bei zornigen Abfahrten das Adrenalin ins Blut. Also: Die Fahrtechnik lohnt sich zu lernen, da bin ich mir sicher.

  Fahrtechnikexperte Stefan HerrmannFoto: Robert Niedring
Fahrtechnikexperte Stefan Herrmann


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