E-MTB-FahrtechnikSo nehmen Sie den Steilhang locker

Stefan Schlie

 · 12.04.2017

E-MTB-Fahrtechnik: So nehmen Sie den Steilhang lockerFoto: Markus Greber
E-MTB-Fahrtechnik: So nehmen Sie den Steilhang locker
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Uphill ist das neue Downhill – je steiler die rampen, desto heller leuchten die augen der neuen E-MTB-Generation. E-MTB-Fahrtechnik- Experte Stefan Schlie zeigt hier seine besten Tricks im Steilhang.

Steile Hänge, die sich scheinbar senkrecht gen Himmel recken, verblockte Rampen, durchsetzt mit Wurzeln und Felsstufen – diese Bergaufextreme brachten uns klassische Mountainbiker früher zur Verzweiflung. Wenn es nicht am nötigen Druck in den Beinen und an der Kondition scheiterte, dann irgendwann sicher an der technischen Machbarkeit.

Doch genau diese fiesen Rampen sind es, die uns E-Mountainbiker jetzt regelrecht herausfordern. So wie es früher eine richtige Sucht war, noch schneller durch technische Downhills zu fliegen und Trial-Passagen zu meistern, ohne dabei den Fuß vom Pedal zu nehmen.

Verlagssonderveröffentlichung

Es ist die neue Lust am Uphill. Und keiner zelebriert das so gut wie E-MTB-Fahrtechnikexperte Stefan Schlie. Im ersten Teil der Fahrtechnik-Trilogie geht es nur um verschiedene Bergauftechniken mitsamt dem dazugehörigen Grundwissen. Dazu zählen natürlich auch Schiebe- und Tragetechniken, wenn es unerwarteterweise doch nicht mehr fahrend vorwärtsgeht. Und versprochen: Obwohl wir EMTB-Redakteure dachten, wir wüssten schon alles, konnte uns Stefan bei seinen Fahrtechnik­demonstrationen auf La Palma nicht nur einmal in ungläubiges Staunen versetzen.
Doch um sich die nötige Balance und Routine anzueignen, gilt auch hier: möglichst viel üben. Das dürfte aber bei all dem Spaß an diesem neuen Sport nicht allzu schwer fallen.

  Stefan Schlie: Trial-Urgestein und erster E-MTB-Profi. Er gilt als Pionier der E-MTB-Fahrtechnik. Für Bosch konzipierte Schlie die Filmserie "Uphill Flow", für die dreiteilige Fahrtechnikserie in EMTB verrät Schlie seine besten Tricks.Foto: Markus Greber
Stefan Schlie: Trial-Urgestein und erster E-MTB-Profi. Er gilt als Pionier der E-MTB-Fahrtechnik. Für Bosch konzipierte Schlie die Filmserie "Uphill Flow", für die dreiteilige Fahrtechnikserie in EMTB verrät Schlie seine besten Tricks.


Inhalt von Teil 1: Uphill Tricks


1. BASICS:

  • Cockpit
  • Reifendruck
  • Sattelposition
  • Der konstanter Schwerpunkt
  • Unterstützungsstufen und Gangwahl
  • Brake-Move-Control
  • Anfahren am Berg


2. UPHILL-TECHNIKEN

  • Uphill-Wheelie
  • Extreme Steilhänge
  • Schiebehilfe
  • Bike tragen


1. BASICS


1.1. Das Cockpit: Ordnen sie die Bedienelemente so an, dass alle hebel gut erreichbar sind.

Neben den klassischen Mountainbike-Bedienelementen wie Brems-/Schalthebel und Vario-Stütze muss am E-MTB-Cockpit noch der Schalter für die Unterstützungsstufen Platz finden. Am wichtigsten ist die Position der Bremse. Stellen Sie die Hebel relativ flach, und rutschen Sie sie so weit nach innen, dass der Zeigefinger den Hebel ganz außen zu fassen kriegt. Der Unterstützungsstufenschalter sitzt meist auf der linken Seite, weil die vorderen Schaltarmaturen entfallen. Stellen Sie ihn so ein, dass Sie ihn bequem mit dem Daumen erreichen können, ohne die Hand vom Griff zu nehmen. Je nach Fahrstil benutzt man ihn ähnlich oft wie die Schalthebel.

Jetzt noch der Schalter für die Vario-Stütze. Ob links oder rechts ist Geschmackssache. Wichtig ist auch hier eine gute Erreichbarkeit während der Fahrt. Oft kollidieren Stützenhebel und Unterstützungsstufenschalter. Probieren Sie verschiedene Positionen aus. Vertrauen Sie nicht auf die Serien-Cockpit-Einstellung des Herstellers. Oft erweist sich diese als ergonomisch völlig falsch.

  Das CockpitFoto: Markus Greber
Das Cockpit


1.2. Reifendruck – weniger ist meist mehr: Mit weniger Druck machen sie ihr E-MTB zum Kletterkünstler.

Je weniger Luftdruck, desto besser ist die Traktion. Auch klar: Die Pannenanfälligkeit steigt. Aber: Dickere Reifen vertragen weniger Druck. Wer perfekte Traktion und Steigfähigkeit will und den einen oder anderen Platten in Kauf nimmt, kann bei dicken (2,8er) Plus-Reifen bis zu einem bar runtergehen. Bei klassischen 2,2–2,4er-Pneus sollte die Grenze bei 1,5 bar liegen. Diese Werte sind natürlich abhängig vom Körpergewicht.

  ReifendruckFoto: Markus Greber
Reifendruck


1.3. Sattelposition: Die richtige Stellung des Sattels bringt ein paar Prozent mehr Steigfähigkeit.

Neigen Sie den Sattel ruhig ein paar Grad nach vorne – damit sitzt es sich bei steilen Auffahrten einfach besser. Wenn Sie den Sitz jetzt noch möglichst weit nach vorne schieben, dann halten Sie das Vorderrad auf steilen Rampen besser am Boden. Stellen Sie die maximale Sattelhöhe ruhig etwas tiefer ein (ca. einen Zentimeter) als auf dem klassischen Mountainbike. Das sorgt für bessere Bewegungsfreiheit in kniffligen Steilpassagen.

  SattelpositionFoto: Markus Greber
Sattelposition


1.4. Der konstante Schwerpunkt: Das wichtigste Grundprinzip beim E-MTB genauso wie beim klassischen Biken und vielen anderen Sportarten. wer diese Tipps verinnerlicht hat, sitzt um Klassen besser auf dem Bike.

Sicherheit und Kontrolle in jeder Fahrsituation. Ziel ist es, das Bike unter und neben dem Körper agieren zu lassen, der Körper selbst bleibt dabei ruhig. Wie bei einer Helmkamera: Solange das Bild ruhig und ruckelfrei bleibt, kann man davon ausgehen, dass der Fahrer eine souveräne Fahrtechnik hat. Das Fahrwerk des Bikes tut hier ohnehin schon gute Dienste, aber erst das körpereigene Fahrwerk, sprich Arme und Beine, machen das Gesamtsystem perfekt. Bild 1 beschreibt die Grundposition: Stehen Sie mittig über dem Bike, Arme und Beine gestreckt. Der gesamte Körperfederweg ist jetzt verfügbar.
Foto: Markus Greber


1.5. Unterstützungsstufen und Gangwahl: Dosieren sie die enorme Kraft des Motors – nur so läßt sich dessen Power effizient auf den Boden übertragen.

Die Kombination aus Turbomodus und einem kleinen Gang ist nicht immer erste Wahl, wenn’s steil wird. Die Kraft ist so enorm, dass das Hinterrad auf losem Untergrund leicht durchdreht. Das sollte man unbedingt vermeiden – aus fahr­ökonomischen wie auch aus ökologischen Gründen. Fahren Sie vorausschauend, und schalten Sie vor einer steilen Rampe mit losem Untergrund lieber ein oder zwei Unterstützungsstufen runter. Selbiges gilt für die Gangwahl. Der kleinste Gang ist im Steilhang nicht immer der günstigste. Je kleiner der Gang, desto unrunder tritt man und desto leichter kommt man aus dem Takt. Aber Vorsicht: je niedriger die Trittfrequenz, desto höher wird der Stromverbrauch!

  Unterstützungsstufen und GangwahlFoto: Markus Greber
Unterstützungsstufen und Gangwahl


1.6. Brake-Move-Control – Bremsen bergauf: Klingt komisch, macht aber Sinn. Die Bremsen be­kommen beim E-MTB eine ganz neue Bedeutung.

Einer der wichtigsten Tricks, um technisch schwierige Bergaufpassagen zu meistern: Lassen Sie die Bremse immer etwas schleifen. Auch der beste E-MTB-Motor ist im niedrigen Drehmomentbereich nicht wirklich gut dosierbar. Das An/Ausverhalten des Aggregats führt zu Traktionsverlust in kniffligen Passagen. Diesen Effekt kann man mit den Bremsen eliminieren. Mit mehr oder weniger schleifender Bremse und gleichzeitig konstantem Treten halten Sie den Motor ständig auf Zug. Auf diese Weise können Sie die Kraftentfaltung selbst im starken Turbomodus extrem feinfühlig dosieren. Auch beim Uphill-Wheelie (Punkt 2.1 - weiter unten) spielt Brake-Move-Control eine wichtige Rolle.

  Brake-Move-ControlFoto: Markus Greber
Brake-Move-Control


TIPP:
Mit dem E-MTB sind Steigungen möglich, von denen man mit klassischen Bikes nur träumen kann. Formatieren Sie Ihr Gehirn, werfen Sie Gewohntes über Bord, und verzweifeln Sie nicht vor scheinbar viel zu steilen Hängen. Oft bezwingt man eine Steigung mit links, die man vorher nie für möglich gehalten hätte. Und wenn’s doch mal nicht klappt: Gefährliche Stürze riskiert mal bergauf kaum.


1.7. Anfahren am Berg: Wer ein paar einfache Tricks beim Anfahren in steilem Gelände beherrscht, fährt oft noch da, wo andere schon mühsam schieben müssen.

Das Allerwichtigste: Fahren Sie erst los, wenn beide Füße auf den Pedalen stehen. Das wird immer wieder falsch gemacht. Diese Technik gilt übrigens nicht nur fürs Anfahren am Berg, sondern auch fürs Wiederaufsteigen im Downhill! Bild 1: Um am Berg anzufahren, stellen Sie das Bike zunächst leicht quer zum Hang. Der "Talfuß" steht auf dem Pedal, der "Bergfuß" auf dem Boden. Die Talkurbel sollte im 45-Grad-Winkel nach oben stehen. Wählen Sie die Unterstützungsstufe nicht zu hoch, bei Bosch-Motoren passt "Tour" meist ganz gut. Die Bremsen sind gezogen. Der Gang ist abhängig von der Traktion in den seltensten Fällen der kleinste.
Foto: Markus Greber


2. UPHILL-TECHNIKEN


2.1. Uphill-Wheelie: Wenn es um maximale Steigfähigkeit in steilem Gelände mit schlechter Traktion geht, ist der Uphill-Wheelie das Mittel der Wahl.

Der Weg wird immer steiler, und im losen Geröll droht das Hinterrad an Traktion zu verlieren – eine Situation, die im Gelände nur allzu oft vorkommt. Mit dem klassischen Bike wäre man mangels Kraft in den Beinen schon längst abgestiegen. Mit dem E-MTB geht der Spaß jetzt erst so richtig los. Die Kunst ist es, so viel Druck wie möglich aufs Hinterrad zu bringen, damit dieses nicht durchdreht. Und hier bedient man sich der Wheelie-Technik aus dem Trial Sport. Am meisten Druck auf dem Hinterrad hätte man, wenn man nur auf dem Hinterrad rollen würde. Aber das Vorderrad braucht man ja noch zum Lenken. Also versucht man, mit einem "Fast"-Wheelie einen Zustand zu erlangen, bei dem das Vorderrad kurz vor dem Abheben ist.

Für diese hohe Schule braucht man eine gute Portion Balance. Strecken Sie die Arme, und lehnen Sie sich beherzt nach hinten. Schauen Sie nicht direkt vors Vorderrad, sondern visieren Sie einen weiter entfernten Punkt an, zum Beispiel die nächste Kehre. Pedalieren Sie gleichmäßig in einer hohen Unterstützungsstufe. Der Finger an der Bremse hält das Ganze unter Kontrolle. Wenn das Vorderrad droht, zu hoch zu steigen, ziehen Sie gefühlvoll und nicht zu ruckartig die Hinterbremse. Das Körpergewicht lastet nun zum Großteil auf dem Hinterrad – so erzielen Sie Traktion ohne Ende.

  Uphill-WheelieFoto: Markus Greber
Uphill-Wheelie


2.2. Extreme Steilhänge: Wenn das Hinterrad greift, aber man schlichtweg nach hinten überkippt, dann gibt es nur noch eins: Gewicht nach vorne, und treten, was das Zeug hält.

Es ist ein wahrer Eiertanz, aber mit ein bisschen Übung werden auch Steilrampen dieser Kategorie zur Routine. Wenn das Vorderrad steigt, hilft nur Gewichtsverlage-rung: Hintern auf die Sattelspitze, Oberkörper nach vorne über den Lenker beugen, Arme anwinkeln und möglichst rund treten. Als Traktionskontrolle kommt auch hier natürlich die Brake-Move-Control-Technik ins Spiel. Oft sind solche Steilanstiege auch noch mit mehr oder weniger hohen Hindernissen in Form von Stufen oder Felsabsätzen gespickt. Dann hilft nur noch, kurz aus dem Sattel zu gehen und erst das Vorderrad und dann das Hinterrad über die Stufe zu lupfen.

  Extreme Steilhänge überwindenFoto: Markus Greber
Extreme Steilhänge überwinden


2.3. Schiebehilfe: Wenn mit Fahrtechnik nichts mehr geht, dann heißt der nächste Schritt Schiebehilfe. Auf Knopfdruck hilft der Motor mit, das schwere Gerät hochzuwuchten. Auch hier gibt es nützliche Tipps.

Besitzer der neuen Bosch-Purion-Schaltung oder eines Shimano-Motors können sich freuen: Die modernen Schiebehilfen sind mittlerweile wesentlich ergonomischer als die letzte Generation. Und mit ein paar Tricks schieben sich E-MTBs mittlerweile fast leichter als die klassischen Pendants. Doch ein paar Dinge wollen beachtet werden. Erstens: je höher der Gang, desto spürbarer wirkt die Schiebehilfe. In den kleinen Gängen hat der Motor zwar Kraft, das Rad dreht sich aber extrem langsam. Zweitens: Man kann schalten, während man schiebt. Das typische Szenario spielt sich ab wie folgt: Man steigt ab, weil man fahrend nicht weiterkommt. Man aktiviert die Schiebehilfe, schiebt los und schaltet auf einen großen Gang. Nach der Schiebepassage das gleiche Spiel in umgekehrter Reihenfolge. Also: ein paar Meter weiterschieben, gleichzeitig runterschalten, aufsitzen und anfahren am Berg im passenden kleinen Gang.

  Schiebehilfe - klassische ArtFoto: Markus Greber
Schiebehilfe - klassische Art

Es gibt zwei Arten des Schiebens: Bei der klassischen Art (linkes Bild) schiebt man das Bike einfach neben sich her. Durch Druck auf den Sattel erhöht man die Traktion bei Bedarf. Wenn es das Gelände zulässt, tut man sich oft leichter, das Bike auf dem Hinterrad zu schieben (Bild rechts).

  Schiebehilfe - Variante HinterradFoto: Markus Greber
Schiebehilfe - Variante Hinterrad


2.4. Tragen – irgendwann trifft es jeden mal: Doch mit der richtigen Technik und einem guten Rucksack sind selbst gut 20 Kilo erträglich.

Damit das E-MTB bequemer auf dem Rücken sitzt, stellen Sie die Gurte des Rucksacks so eng ein, dass dieser möglichst nah an den Schultern sitzt. Die Kurbel mit Pedal zeigt nach unten. Greifen Sie jetzt das Bike am Gabelholm und irgendwo im Bereich der Mitte des Sitzrohrs (Bild 1). Gehen Sie tief in die Hocke, heben Sie das Bike über den Kopf und platzieren Sie es auf Ihren Schultern (Bild 2). Richten Sie sich durch Strecken der Beine auf. Idealerweise liegt das Bike jetzt mit dem Tretlagerbereich auf Ihrem Rucksack auf (Bild 3). Durchklettern Sie jetzt mit kleinen Schritten die Tragepassage (Bild 4). Das Bike sollte so ausbalanciert sein, dass die Arme kaum Haltearbeit leisten müssen. Wichtig beim Abladen nach dem Tragestück: Gehen Sie ganz tief in die Hocke (Bild 5). Das schont die Bandscheiben.

Damit das E-MTB bequemer auf dem Rücken sitzt, stellen Sie die Gurte des Rucksacks so eng ein, dass dieser möglichst nah an den Schultern sitzt. Die Kurbel mit Pedal zeigt nach unten. Greifen Sie jetzt das Bike am Gabelholm und irgendwo im Bereich der Mitte des Sitzrohrs (Bild 1).
Foto: Markus Greber
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