MTB-Spot RuandaMountainbiken im zentralen Afrika – Reise-Reportage

Dan Milner

 · 01.01.2023

Das kleine zentralafrikanische  Land Ruanda hat seine finstere Vergangenheit  hinter sich gelassen und sieht  eine leuchtende Zukunft im Radsport.  Der britische Abenteuerfotograf Dan Milner hat  die Virunga-Vulkane erkundet und  ist dabei auf die wohl  größte Trail-Bau-Crew der Welt getroffen.
Foto: Dan Milner

Das kleine zentralafrikanische Land Ruanda hat seine finstere Vergangenheit hinter sich gelassen und sieht eine leuchtende Zukunft im Radsport. Der britische Abenteuerfotograf Dan Milner hat die Virunga-Vulkane erkundet und ist dabei auf die wohl größte Trail-Bau-Crew der Welt getroffen.

3 Tonnen Vorbehalte gegen Mountainbiker

Etwa dreitausend Kilo Lebendgewicht schreiten da gerade sehr energisch auf uns zu. Es sieht auch nicht so aus, als würde sich die Elefantenkuh noch irgendwie umstimmen lassen. Sie will, dass wir umdrehen – jetzt. Leider ist die staubige Piste zu schmal für den Wendekreis unseres Jeeps, der Rückwärtsgang kracht, wir müssen noch mal zurücksetzen.

”Das muss schneller gehen!”, schießt mir Jeff Goldblums Klassikersatz aus „ Jurassic Park“ durch den Kopf. Allerdings taucht in der Spielberg-Neuverfilmung ein Aufkleber auf: ”Objekte erscheinen im Spiegel näher und größer als sie sind.” Diese Entwarnung haben wir nicht – und es wird wirklich knapp.

Die Elefantenkuh rät uns nachdrücklich zur Umkehr.  Foto: Dan Milner
Die Elefantenkuh rät uns nachdrücklich zur Umkehr.

Die Kinder haben Spaß mit den komischen Mzungus

Fünf Tage später, als wir auf unseren Bikes eine kurvige Schotterstraße hinaufpedalieren, habe ich den Goldblum-Satz schon wieder im Sinn: Diesmal versuche ich, einer großen Schar Kinder zu entkommen, die mich seit dem Talboden umringen und begleiten. Sie rennen locker neben mir her, lachen und feuern mich an. Aber allein die Hitze saugt mir sämtliche Kraft aus den Beinen – keine Chance, diesen lärmenden Energiebündeln zu entkommen.

Erst später werde ich verstehen, dass diese Kinder zum Erlebnis Ruanda einfach dazugehören. Ich wünschte nur, ich hätte ihre Ausdauer. Die beiden anderen ”Mzungus” – so werden wir Weißen in den Bantu-Sprachen genannt – also meine Begleiter Ludo May und Fred Horny, werden einige Kehren über mir ebenfalls von einer Meute umringt. Aber aus den Augenwinkeln kann ich erkennen, dass sie für die Kinder sogar Wheelies machen, was jedes Mal für Extra-Begeisterungsstürme sorgt. Clowns sind scheinbar überall auf der Welt beliebt.

Anfeuernde Kinder gehören in Ruanda einfach dazu. Ludo May bedankt sich dafür mit ein paar Extra-Stunts. Foto: Dan Milner
Anfeuernde Kinder gehören in Ruanda einfach dazu. Ludo May bedankt sich dafür mit ein paar Extra-Stunts.

Dort, wo ein Pfad von der Schotterpiste abzweigt, warten Fred und Ludo auf mich. Wir blicken ein Band aus leuchtend roter Erde hinunter. Wie rostiges Wasser fließt es elegant um smaragdgrüne Felder herum. Innerhalb von Sekunden haben wir unsere Verfolger abgeschüttelt, der kühlende Fahrtwind trocknet den Schweiß, und die griffigen Kurven des Trails machen jede Menge Spaß.

Der Regen macht aus Trails reifenverklebende Schlammrutschen

Auf einmal mischt sich allerdings ein fernes Donnergrollen in die Stille. Hinter uns türmen sich rabenschwarze Wolken am Himmel – es sind die Vorboten des typischen Nachmittagsgewitters. Das bedeutet, wir müssen uns mal wieder beeilen, denn Regengüsse verwandeln diese staubig-griffigen Erdbahnen sehr schnell in reifenverklebende Schlammrutschen, wie wir schon leidvoll erfahren mussten. Ruanda gönnt einem wirklich keine Minute Ruhe.

Die Nachmittagsgewitter sollte man meiden, denn Regen macht aus den Trails klebrige Schlammrutschen.
  Foto: Dan Milner
Die Nachmittagsgewitter sollte man meiden, denn Regen macht aus den Trails klebrige Schlammrutschen.

Google-Suche für “Bike” & “Ruanda” liefert

Rund um die Uhr werden wir hier mit Trubel bombardiert: von jubelnden Menschenmengen, die uns auf den Pisten begegnen, aber auch vom Chaos auf den Straßen, wo sich rußende Lastwagen mit Safari-Jeeps um die Vorfahrt duellieren, und dazwischen suchen haushoch mit Bananen, Türen oder Nähmaschinen beladene Lastenfahrräder ihre Lücken.

Das hätte ich so nicht erwartet, aber ehrlich gesagt, war im Vorfeld auch nicht rauszukriegen, was in diesem kleinen zentralafrikanischen Land überhaupt auf Mountainbiker zukommt. Google spuckt für die Suche nach Bike und Ruanda lediglich den Congo-Nile-Trail aus, der aus einer Mischung aus Schotterstraße und Singletrail besteht. Oder man stößt auf Tom Ritcheys Coffee-Cargobike-Charity-Aktion aus der Mitte der 2000er-Jahre – ein Projekt, aus dem die heutige Straßenrad-Nationalmannschaft Ruandas hervorging.

 „Mzungus“ auf ihren Bergpfaden hatten diese Dorfbewohner bisher noch nicht gesehen. Foto: Dan Milner
„Mzungus“ auf ihren Bergpfaden hatten diese Dorfbewohner bisher noch nicht gesehen.

Die grausame Vergangenheit Ruandas ist vorbei

Googelt man dagegen nur Ruanda, dann öffnen sich hunderte von Seiten über eines der dunkelsten Kapitel der Weltgeschichte: der Genozid von 1994. Ein grausamer Völkermord, der eine ganze Generation ausgelöscht hat. Bis heute liegt das Durchschnittsalter in Ruanda bei gerade einmal 19 Jahren.

Doch 26 Jahre später scheinen die Wunden langsam zu heilen: Das Land gilt als sicheres Reiseziel und lockt inzwischen wieder 1,5 Millionen Touristen im Jahr an. Die meisten Besucher kommen wegen der Löwen- und Elefanten-Safaris im östlichen Agakera-Nationalpark. Oder wegen der Gorillas in den Virunga-Bergen, einer über 4500 Meter hohen Vulkankette, die das Land im Norden von Uganda und vom unruhengebeutelten Kongo abgrenzt.

“Einmal im Monat werden in ganz Ruanda die Wege gepflegt und Müll aufgesammelt. Ich habe noch kein saubereres Land gesehen.” Fred Horny, MTB-Abenteurer aus Frankreich
Fred Horny, MTB-Abenteurer aus Frankreich Foto: Dan Milner
Fred Horny, MTB-Abenteurer aus Frankreich

Singletrail-Suche in den Virunga-Bergen

Frisch geduscht und mit einem Bier in der Hand beobachten wir die Blitze, die jetzt über den Gipfeln der Virunga-Berge herunterzucken. Olivier ist eingetroffen. Der ruandische Bikeguide kommt aus Musanze, einer wuseligen Stadt mit gläsernen Hotels, Espresso-Cafés und Kunstgalerien, nur eine Stunde südlich von hier.

Es ist der Ausgangspunkt für die Gorilla-Touristen, aber auch der Sitz des Africa Rising Cycling Centers, dem Hauptquartier des nationalen Radsport-Teams. Dort wird alles organisiert, was mit Fahrradsport zu tun hat. So auch unsere Bike-Tour. Bisher seien nur Touren auf Schotterstraßen gefragt gewesen, gesteht uns Olivier gleich zu Beginn. Doch für uns habe er sich die letzten Wochen erstmalig auf Singletrail-Suche begeben – und nach einer kurzen Pause fügt der 30-Jährige mit leuchtenden Augen hinzu: “Mister Dan, jetzt möchte ich nur noch Trails fahren. Keinen Schotter mehr!”

“Bisher hatten wir nur Touristen, die Schotterstraßen fahren wollten. Singletrails sind für mich einfacher, davon haben wir genug!” Tyisenge Pilote Olivier, Bikeguide
Tyisenge Pilote Olivier, Bikeguide Foto: Dan Milner
Tyisenge Pilote Olivier, Bikeguide

Ein Ziel, das ihm leichtfallen dürfte, denn wenn es in Ruanda eines im Überfluss gibt, dann sind das Singletrails. Allerdings werden sie hier nicht als Spielplatz für bikende Touristen angelegt. Es sind vielmehr die täglich genutzten Lebensadern zwischen den Bergdörfern, und deshalb werden sie auch sorgfältig gepflegt. Wie sehr, erleben wir auf der Abfahrt vom Mount Kabuye, wo wir im 2640 Meter hoch gelegenen Trekkingcamp der Gorilla-Touristen übernachtet haben.

Am Mount Kabuye leben die Berggorillas, wegen denen die meisten Touristen kommen. Wir genießen dagegen den Trail.
 Foto: Dan Milner
Am Mount Kabuye leben die Berggorillas, wegen denen die meisten Touristen kommen. Wir genießen dagegen den Trail.

Ruanda hat vermutlich die meisten Trail-Bauer weltweit

Wir rappeln über moosbewachsenes, grobes Geröll zum Dorf Mushube hinunter. Als wir die ockerfarbenen Häuserwürfel zwischen den Eukalyptusbäumen schon ausmachen können, stoßen wir auf ein Team von etwa 30 Männern. Mit Spitzhacken und Schaufeln reparieren sie gerade den Hauptzugangsweg zu ihrem Dorf. Viele von ihnen sind barfuß. Als wir uns nähern, blicken sie auf und halten inne. Große Erheiterung über die drei Mzungus, die sich mit Fahrrädern und Helmen auf dem Kopf den noch nicht reparierten Wegabschnitt hinuntermühen.

„Das ist Umuganda“, erklärt Olivier, als wir bei den Arbeitern stoppen. „Eine landesweite Gemeinschaftsarbeit, die immer am letzten Samstag eines Monats stattfindet. Das hilft uns, nach dem Genozid wieder ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln.“ Dann schnappt sich Olivier eine Schaufel und hilft beim Graben. Auch wir legen die Bikes weg und schaufeln mit. Bald stimmen die Männer ein Lied an. Ein melodischer Gesang in der Sprache Kinyarwanda, begleitet von eifrigen Schippgeräuschen.

Wenn man sich die terrassierten Berghänge Ruandas ansieht, entdeckt man unzählige von Umuganda angelegte Trails. Sie schlängeln sich von Bergdorf zu Bergdorf, klettern Nebelwälder hinauf und kurven ins nächste Tal hinunter. Es gibt hier so viele Pfade, dass man ohne Ortskenntnis kaum weiß, wo man anfangen soll. Damit dürfte Ruanda wohl unwissentlich das Land mit den meisten Trail-Bauern der Welt sein.

”Umuganda”: Im ganzen Land werden einmal im Monat die Trails repariert. Auch wir legen die Bikes weg und schaufeln mit.
 Foto: Dan Milner
”Umuganda”: Im ganzen Land werden einmal im Monat die Trails repariert. Auch wir legen die Bikes weg und schaufeln mit.

Burera überrascht mit Singletrails vom Feinsten

Unsere letzten vier Tage verbringen wir in Burera, einem abgelegenen Gebiet im Norden des Landes, wo selbst Olivier noch nicht war. Hier gibt es nur eine Touristenunterkunft und zwar auf der Insel Cyuza mitten im Burera-See. Wir schlafen in Safarizelten unter Strohdächern und steigen morgens mit den Bikes in ein Boot, das uns ans Festland zu unseren Touren-Spots bringt. 20 Minuten Ruhe, bevor am Ufer wieder das hektische Anfeuerungstreiben zwischen Kaffeesträuchern, Bohnenfeldern und Bergdörfern beginnt.

Als wir in der Grenzstadt Butare zum Mittagessen in einem farbenfrohen Café am Busbahnhof sitzen, beobachten wir einen vorbeifahrenden Polizei-Mannschaftswagen. Mitten im Gewusel der Stadt kontrollieren sie Passanten auf Waraji, einem illegal gebrannten Bananenschnaps, der gern aus Uganda eingeschmuggelt wird.

Das wenig bekannte Burera entpuppt sich für uns als Singletrail-Goldgrube. Lange, kurvenreiche Abfahrten, auf denen wir fast mühelos die terrassierten Hänge hinuntergleiten. Nur plötzlich auftauchende, meterbreite Bachfurten quer über den Weg erfordern manchmal Notbremsungen und erinnern uns daran, dass dies kein Bikepark ist.

Später frage ich Olivier, was die Männer eigentlich gesungen haben, als wir ihnen bei der Umuganda geholfen haben. „Wir werden es wieder aufbauen, wir, die Kinder dieses Landes. Wir machen es zum schönsten Paradies, auf der ganzen Welt“, sagt er und lächelt stolz.

In der Region Burera gibt es nur eine Unterkunft – auf einer Insel mitten im See.
 Foto: Dan Milner
In der Region Burera gibt es nur eine Unterkunft – auf einer Insel mitten im See.

Infos Ruanda

Das Revier

Der kleine Staat liegt mitten im afrikanischen Kontinent und ist von seiner Fläche her etwa halb so groß wie die Schweiz. Mit einer Durchschnittshöhe von 1500 Metern liegt es aber 150 Meter höher als das Alpenland. Nur Schnee fällt hier in Äquatornähe natürlich nicht. Die mittlere Tagestemperatur pendelt sich im „Land der 1000 Hügel“ übers ganze Jahr gesehen bei mild-feuchten 18 Grad ein. Mit Regen und Nachmittagsgewittern muss man täglich rechnen, vor allem in der Zeit von März bis Mai. Landschaftlich erlebt man 4500 Meter hohes Vulkangebirge, große Seen, Agrarlandschaft und viel Bergregenwald. Das Wegenetz aus Erdpisten und Trails ist im Bergland gigantisch verzweigt und wird durch die vom (autoritär geführten) Staat verordnete, monatliche Team-Arbeit bestens in Schuss gehalten. Nach dem fürchterlichen Genozid im Jahr 1994, bei dem etwa 800 000 Menschen getötet wurden, gilt Ruanda inzwischen wieder als sicheres Reiseland.

Das kleine Ruanda liegt eingerahmt zwischen Tansania, Kongo, Uganda und Burundi Foto: BIKE Magazin
Das kleine Ruanda liegt eingerahmt zwischen Tansania, Kongo, Uganda und Burundi

Radsport in Ruanda

Wie stark das Land mittlerweile auf Radsport-Tourismus setzt, sieht man schon an den verschiedenen Organisationen wie Rwanda Alternative Riding Events (RAR Events) und das Africa Rising Cycling Center in Musanze am Virunga-Gebirge. Im Jahr 2025 findet sogar erstmalig die UCI-Straßen-WM in Ruanda statt! Individuell geführte MTB-Touren-Wünsche realisiert unser Guide Olivier von Ntakibazo-Tours via Facebook.

MTB-Etappenrennen Rwandan Epic

Nach dem Auftakt im März 2022 und der Fortsetzung im November findet das nächste Rwandan Epic vom 31. Oktober bis 4. November 2023 statt. Fünf Etappen mit insgesamt 300 Kilometern und 5000 Höhenmetern sind für die Zweier-Teams (max. 70 Teams) angesetzt. Startgebühr inkl. Hotelunterkünfte, Vollverpflegung und Gepäcktransport: ab 1500 Euro. Infos und Anmeldung unter www.rwandanepic.com

Interview mit Marathon-Profi Karl Platt

Der deutsche Marathon-Profi Karl Platt gewann das 1. Rwandan Epic im März 2022.  Foto: Naomi Cousins
Der deutsche Marathon-Profi Karl Platt gewann das 1. Rwandan Epic im März 2022.

BIKE: Karl, Du hast auch das erste Rwandan Epic gewonnen. Ist das Rennen leichter als das Cape Epic?

Karl Platt: Rein von der Streckenlänge her schon. Aber man kann die beiden Rennen nicht miteinander vergleichen. In Südafrika fährst du den ganzen Tag in einer dicken Staubwolke. In Ruanda geht’s rauf und runter, und wir hatten mit viel Regen zu kämpfen. Das hat die Trails extrem rutschig gemacht und die Reifen bleischwer zugekleistert. Da war ich froh um meinen ruandischen Teampartner Habimana Jean Eric. Er kannte ein paar Tricks, wie man sich die Reifen wieder freifährt.

Das nächste Rwandan Epic fand bereits im November 2022 statt. Warum?

Es war etwas unglücklich, das Rennen in den Beginn der Regenzeit zu legen. Der November ist wettermäßig deutlich stabiler. Um mit der zweiten Ausgabe nicht eineinhalb Jahre warten zu müssen, gab es dieses Jahr schon das nächste Rennen. Jetzt mit einer Etappe mehr.

Was hat Dir am Rwandan Epic am meisten gefallen?

Die Begeisterung der Zuschauer. Diese ruandische Lebensfreude muss man echt mal erlebt haben!

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