MTB-Abenteuer EcuadorBiken am Chimborazo, dem höchsten Berg der Welt

Richard Bord

 · 21.01.2023

Von Hochgebirgshängen zu tropischen Regenwäldern - so vielfältig wie die Landschaft sind auch die Trails des Anden-Staates.
Foto: Richard Bord

Der Chimborazo in den ecuadorianischen Anden ist zwar „nur“ 6263 Meter hoch, aber der vom Erdmittelpunkt am weitesten entfernte Punkt der Welt. Mountainbike-Fotograf Richard Bord hat den Vulkan und seine faszinierende Umgebung erobert.

„Und, wo isser jetzt, der Trail?“ Ich bin mir nicht sicher, ob Fred meine Frage gegen den Wind überhaupt gehört hat. Jedenfalls reagiert er nicht und starrt weiter auf sein GPS-Gerät am Lenker. Aber ihm ist offensichtlich auch kalt. „15 Grad“, hieß es eben noch an der Bergstation der Pichincha-Seilbahn. Aber mit diesen Böen, die uns hier auf fast 4000 Metern um die Ohren blasen, fühlt es sich wie fünf Grad an. Hätten wir uns eigentlich denken können, dass es hier oben frisch wird. Dann hätten wir auch an eine warme Jacke gedacht und uns gefühlt, wie die Gruppe Lamas in ihren wuscheligen Pelzen, die ein paar Hundert Meter hangabwärts neugierig zu uns heraufsehen. Aber es sollte ja nur eine kurze Einroll-Tour über der Stadt werden. Schnell mit dem „TelefériQo“ auf Quitos 4784 Meter hohen Hausvulkan und den ersten ecuadorianischen Trail austesten. Zum Eingrooven auf das, was noch auf uns zukommt im Land der 100 Vulkane.

Der Vulkankegel des Chimborazo erhebt sich nahe des Äquators. Bis auf 4300 Meter Höhe führt eine Asphaltstraße, den Rest erkämpft man sich selbst. Danach: 40 Kilometer Trail-Abfahrt.Foto: Richard Bord
Der Vulkankegel des Chimborazo erhebt sich nahe des Äquators. Bis auf 4300 Meter Höhe führt eine Asphaltstraße, den Rest erkämpft man sich selbst. Danach: 40 Kilometer Trail-Abfahrt.

„Okay, so grob müsste es hier runtergehen.“ Fred rollt jetzt einfach los, ohne sein GPS-Gerät dabei aus den Augen zu lassen. „Schaut nach den Markierungen und lasst es ruhig angehen!“ Na super. Eine Wegspur ist anfangs zwar nicht zu erkennen, aber ab und zu blitzt im Lavageröll tatsächlich ein Farbklecks auf – das scheint der Rest einer Markierung zu sein. Und dann ist da noch eine Art Plastikfolie unter den Steinen zu erkennen. Vielleicht will man sich dadurch die Wegpflege ersparen? Auf jeden Fall ist ein entspanntes Fahren nahezu unmöglich, weil uns tiefe Spurrinnen immer wieder aus dem Rhythmus holen. Erst gegen Ende der Abfahrt kommt so was wie Fahrspaß auf, aber da haben wir die steilen Gassen von Quitos Altstadt fast schon erreicht. Na, das kann die nächsten Tage ja heiter werden.

Auf der Suche nach Ecuadors Bike-Trails

Wir haben uns viel vorgenommen in Ecuador. Denn kaum ein anderes Land der Welt ist landschaftlich so vielseitig wie dieser Staat an der Nordwestküste Südamerikas. Von der Fläche her gerade mal so groß wie Großbritannien, schiebt sich quer der Äquator durchs Land und längs die Sierra – eine gigantische Vulkankette, die im 6263 Meter hohen und sagenumwobenen Chimborazo gipfelt. Allerdings gehören Fred und ich nicht gerade zu den detailversessenen Touren-Planern. Wir stecken im Vorfeld meist nur grobe Ziele fest, damit genügend Raum für Begegnungen und Improvisation bleibt. Das verleiht dem ganzen Abenteuer noch mal eine ganz spezielle Würze. So wussten wir fast nichts von Ecuadors Biketrails, als wir gestern, Ende Juli, in Quito landeten. Alles, was wir kurz nach der Landung sicher hatten, war ein Taxifahrer, der uns vom Flughafen in die Stadt brachte. Er hatte zwar das kleinste Auto in der Taxischlange, aber er schaffte es dennoch, uns, alle Taschen und die sperrigen Bike-Kartons einzuladen. Unterkunft? Klar wusste er auch das passende Hostel für uns! Und tatsächlich fühlten wir uns im Secret Garden mitten in der Altstadt so wohl, dass wir gleich mehrere Nächte einplanten, denn die Wirte hatten die Schubladen voller Touren-Tipps und kannten auch die Adressen, die für unseren weiteren Trip nützlich sein würden. Bingo! Unser Null-vorab-Planungskonzept schien wie erwartet aufzugehen. Doch diesmal sollte es anders kommen.

Unser erster Nationalpark-Trip soll zum Vulkangipfel Pasochoa hinaufgehen. Doch er endet nach nur wenigen Metern an zwei Rangern: biken verboten!

Schon tags darauf folgt auf den verwitterten Trail am Pichincha gleich der nächste Flop. Genajo, ein Freund unseres Hostel-Wirts fährt uns morgens mit seinem Auto zum 40 Minuten entfernten Pasochoa-Vulkan. Am Parkplatz vor dem Nationalpark setzt er uns aus und deutet auf die Wegweiser: „Einfach den Bike-Schildern bis zum Gipfel folgen!“, dann braust er davon und lässt uns in der aufgewirbelten Staubwolke zurück. Hochmotiviert pedalieren wir los, werden aber nur wenige Hundert Meter später von zwei Wächtern in Uniform gestoppt: Nationalpark, biken verboten. Da wir aber nun bis zum Abend Zeit haben, bis Genajo uns wieder abholt, erkunden wir die umliegenden Dörfer und lernen: Ecuadorianer lieben Hähnchen mit unzähligen Soßen und spielen in jeder freien Ecke Volleyball. Nur Mountainbiker entdecken wir keine. Das löst nun doch ein wenig Panik in uns aus. Was, wenn man hier in keinem Nationalpark biken darf? Es hilft nichts, wir brauchen einen Guide, der selbst Mountainbiker ist und die Trails wirklich kennt. Abends im Hostel telefoniert Fred seine halbe Bekanntenliste ab und setzt sich schließlich breit grinsend zu uns zum Essen: „So, jetzt habe ich den Schlüssel für unser Ecuador-Abenteuer gefunden!“

Ohne Mateo hätten wir nicht nur die Super-Vulkane Chimborazo und Cotopaxi verpasst, sondern auch solche Landes-Ikonen wie Marcelo, den Western-Ranch-Besitzer.

Mountainbiken an den Flanken des Chimborazo

Mateo Cuesta lebt in der Nähe von Quito und führt hier seit vielen Jahren eine Mountainbike-Reiseagentur. Erst vorgestern hat ihm eine Gruppe Amerikaner abgesagt, deshalb war er hocherfreut über Freds Anruf und steht am nächsten Morgen samt Pickup und fertig ausgearbeitetem Touren-Plan vor der Tür. Es geht zum Chimborazo. Oder wie man in Ecuador stolz sagt: zum höchsten Berg der Welt. Einer französisch-ecuadorianischen Studie nach ist der Chimborazo aufgrund seiner Nähe zum Äquator tatsächlich der am weitesten vom Erdmittelpunkt entfernte Gipfel. Demnach sogar 1800 Meter höher als der Mount Everest. Seine Gletscher versorgen im Tal tausende Bewohner mit Trinkwasser. Doch der Klimawandel macht natürlich auch vor den hohen Anden-Gletschern nicht Halt. Zu Füßen des Chimborazo hat uns Mateo eine Art Scheune als Unterkunft gemietet. Sehr einfach, aber dafür haben wir hier genug Platz, um unsere Rucksäcke für die Expedition neu zu sortieren. Zum Schlafen bleibt ohnehin nicht viel Zeit, denn der Wecker wird am nächsten Morgen schon um 4:30 Uhr klingeln.

Ecuadors Vielfalt: Die Abfahrt vom hochalpinen Chimborazo endet in Bananenplantagen.Foto: Richard Bord
Ecuadors Vielfalt: Die Abfahrt vom hochalpinen Chimborazo endet in Bananenplantagen.

Es ist nass, kalt und dunkel, als wir im Pickup die Straße zum Chimborazo-Nationalpark hinaufkurven. Dabei tasten sich die Scheinwerfer durch dichten Nebel bis auf 4300 Meter Höhe, wo die Asphaltstraße endet. Hier heißt es aussteigen. Mit schwerem Rucksack und Stirnlampe kurbeln wir auf einer Sandpiste los. Zu hören ist bald nur noch unser Keuchen. Nach 500 Höhenmetern erreichen wir die Hermanos-Hütte, wo sich der Nebel schlagartig lichtet. Und da leuchtet er bereits im noch dunkelblauen Himmel: der Chimborazo samt tief verschneiter Gletscherkuppe. Zu diesem Anblick hätte man jetzt gern einen heißen Kaffee, aber auch in Ecuador sorgt das Corona-Virus leider für geschlossene Hütten.

Dafür haben wir diesen magischen Moment, in dem die ersten Sonnenstrahlen das Vulkangelände langsam ausleuchten, für uns allein. Ein Trail führt nun weiter zur Whymper-Hütte hinauf, allerdings ist der steil und stufig, und die Luft wird immer dünner. Wir müssen die Bikes bald schultern und tragen. Kurze Verschnaufpause, dann noch mal 100, 200, 300 Höhenmeter, bis die Schneegrenze erreicht ist. 5100 Meter Höhe – näher können wir dem höchsten Berg der Welt nicht auf den Pelz rücken. Wobei ich froh darüber bin, denn mein Herz pocht mittlerweile beim kleinsten Schritt bis zum Anschlag. Jetzt allerdings auch, weil ich weiß, dass da nun eine 40 Kilometer lange Abfahrt auf uns wartet.

In weiten Schwüngen auf dem butterweichen Asche-Trail die Cotopaxi-Bergflanken hinunter.Foto: Richard Bord
In weiten Schwüngen auf dem butterweichen Asche-Trail die Cotopaxi-Bergflanken hinunter.

Erst ziehen wir Riesenschwünge durch weglose Aschefelder, dann geht’s kurz auf einer Sandpiste bis zum Einstieg des markierten Hieleros-Trails. Der windet sich als butterweiche Aschesandspur durch eine gigantische Mondlandschaft und später durch kniehohes Pampasgras. Bald mischen sich scharfkantige Vulkanfelsen, Schmelzwasserfurchen und Geröll in die Schmalspur. So gibt es jede Menge zu tun, bis wir nach insgesamt 2300 Tiefenmetern wieder im Dorf Cochas aufschlagen, wo wir heute Morgen vor neun Stunden gestartet sind. Mateo ist zufrieden mit uns. Vor allem, weil wir uns fahrtechnisch recht gut geschlagen haben. „Dann seid Ihr jetzt perfekt vorbereitet für die Vulkanascheflanken am Cotopaxi.“ Eine weitere Erfahrung, die wir nie wieder vergessen werden. So wie die, dass eine gewisse Vorbereitung doch gar nicht so schlecht ist.

Ich plane meine Trips so wenig wie möglich vor, um viel Platz für spontane Abenteuer zu lassen. In Ecuador war das ein Fehler. - Fred Horny, Freerider
Fred Horny, FreeriderFoto: Richard Bord
Fred Horny, Freerider
Tiefen Respekt vor den Locals, die diese Trails in Schuss halten. Das ist nicht leicht bei 40 Kilometern Abfahrtslänge und losem Vulkanascheuntergrund. - Richard Bord, Abenteuer-Fotograf
Richard Bord, Abenteuer-Fotograf | raf
Richard Bord, Abenteuer-Fotograf | raf

Mountainbike-Infos zu Ecuador

Das Bike-Revier

Für südamerikanische Verhältnisse ist Ecuador eher ein kleines Land. Von der Fläche her etwa so groß wie Großbritannien, von seinen Gipfeln her aber 1,5 Mal so hoch wie die Schweiz. Höchster Gipfel: der Chimborazo (6268 m). Selbst die Hauptstadt Quito liegt bereits auf 2850 Metern Höhe und zählt mit ihrer Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe. Landschaftlich ist Ecuador durch seine Lage an den Anden und am Äquator extrem vielfältig. Tropische Regionen an der Pazifikküste, Amazonas-Regenwald an der Ostgrenze und mittendurch zieht sich von Nord nach Süd die zum Teil noch aktive Vulkankette der Anden, die in Ecuador Sierra genannt wird.

Für Biker sind vor allem diese beiden parallel verlaufenden und durch eine Hochebene getrennten Gebirgsstränge interessant. Hier haben Locals auch in den Nationalparks die Erlaubnis für das Ausweisen und Pflegen spezieller Biketrails erhalten. Touren-Guides dürfen ihre Gäste auch mit Shuttle-Fahrzeugen zu diesen Trail-Anstiegen befördern. Die Trails von den Vulkanen starten meist in sauerstoffarmen Höhen ab 4000 Meter, eine entsprechende Akklimatisation ist daher sinnvoll. Ratsam ist auch eine gute Kondition, da die Abfahrten mit bis zu 40 Kilometern sehr lang und zum Teil felsig und anspruchsvoll sind. Die passende Fahrtechnik wird man sich dagegen vor Ort aneignen müssen, außer man hat einen Vulkan mit tiefem, staubfeinem Aschesand zu Hause, an dem man das Heckwedeln mit beherzter Geschwindigkeit schon mal üben könnte ...

Ecuador liegt an der Nordwest-Seite von SüdamerikaFoto: fotolia
Ecuador liegt an der Nordwest-Seite von Südamerika

Die besten Mountainbike-Touren

Zwei Wochen waren wir mit unserem Guide Mateo in Ecuador unterwegs und haben nicht nur diverse Vulkan-und Nationalpark-Touren mit und ohne Shuttle-Fahrzeug erlebt, sondern auch Land und Leute kennen gelernt. Zum Beispiel haben wir zwei Tage auf der Western-Ranch von Marcelo gewohnt und ihm bei der Pflege des Inka-Trails geholfen. Unsere beeindruckendsten Touren:

Quilotoa: zweitägige Akklimatisations-Tour in der Cordillera Occidental, 160 km südwestlich von Quito. Mit Camp-Ausrüstung von Angamarca bis zum 3914 Meter hohen, türkisfarbenen Kratersee hinauf, dort mit Wildpferden unter freiem Himmel übernachten und am nächsten Tag durch Bergplantagen wieder zurück.

Den Trail rund um den Kratersee des Quilotoa erleben wir auf einem Zweittages-Trip, den uns Mateo als GPS-Route zusammengestellt hat.Foto: Richard Bord
Den Trail rund um den Kratersee des Quilotoa erleben wir auf einem Zweittages-Trip, den uns Mateo als GPS-Route zusammengestellt hat.

Chimborazo: auf den höchsten Berg Ecuadors und eigentlich der ganzen Welt. Sehr früh morgens mit dem Shuttle bis auf 4300 Meter Höhe, dann mit Bike und Stirnlampe auf die Hochebene mit der Hermanos-Hütte (4800 m) und dem Vulkangipfel beim Erwachen zusehen. Dann an der Whymper-Hütte (5000 m) vorbei einen Trail hochtragen, bis zur Schneegrenze (bei uns 5100 m). Anschließend 40 Kilometer nur bergab (Hieleros-Trail).

Cotopaxi: Es ist Ecuadors höchster noch aktiver Vulkan (5897 m). Letzter Ausbruch: 2016. Mit dem Shuttle-Fahrzeug geht es bis auf 4580 Meter Höhe, wo man direkt in die Abfahrt über weite Vulkanaschefelder startet. Ein 30 Kilometer langes, sehr spezielles Fahrtechnikerlebnis.

Bikeguides in Ecuador

Ride Ecuador: Die Agentur von Mateo Cuesta organisiert nicht nur Tages-Touren und mehrtägige Rund-Trips inklusive Shuttle und Unterkünften, sondern kümmert sich auch um den Trail-Bau im Land. Sprich: Niemand weiß besser, welche Nationalparks für Mountainbiker erlaubt und welche Abfahrten aktuell gut in Schuss sind. Infos: Ride Ecuador

Beste Reisezeit für Biker

Hauptreisemonate in Ecuador: Januar, Februar, Juli und August. Das Bergland der Sierra erlebt man dagegen am schönsten in der niederschlagsärmsten Zeit von Juni bis September (wärmster Monat). Die Temperaturen im Bergland dann 0 –18 Grad.

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