MTB-Abenteuer AndenDie unfassbaren Pulver-Trails von Ecuador

Auf der Ridgeline am Guagua Pichincha hoch über der Hauptstadt Quito.
Foto: Max Draeger
Durch Ecuador zieht sich die Avenida de los Vulcanes: eine Vulkankette mit einem Biketrail-Netz, für das man eine spezielle Fahrtechnik braucht. Für Fotograf Max Draeger und seine Crew absolutes Neuland.

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Text: Max Draeger

Als unser Shuttle-Fahrzeug in die Einfahrt rollt, sind wir verdutzt. Wir hatten mit einem großen Pickup gerechnet oder einem Offroad-Van, doch was da nun vor uns stoppt, ist ein kleiner, grauer Reisebus mit der Aufschrift „County Deluxe“. Fahrer Victor springt heraus und montiert unsere Bikes in einer eigens gebauten Konstruktion quer auf dem Dach. Wir nehmen auf den 16 Sitzen im Innenraum Platz. Knapp drei Stunden tuckern wir so durch die Andenwelt Ecuadors, von der Hauptstadt Quito ins 120 Kilometer nördlich gelegene Ibarra. Allerdings steuern wir hier keine Unterkunft in der Stadt an, sondern den See Laguna Yahuarcocha, an dessen Ufer eine Handvoll Tippis samt Jacuzzi auf uns wartet.

“County Deluxe”: Unser Gefährt, das uns zwei Wochen lang bis weit über die 4000-Meter-Marke transportieren wird.Foto: Max Draeger“County Deluxe”: Unser Gefährt, das uns zwei Wochen lang bis weit über die 4000-Meter-Marke transportieren wird.

Einrollen auf der Avenida de los Volcanes

Esteban und Cuevo platzen fast vor Vorfreude auf unsere gemeinsamen nächsten zwei Wochen. Die beiden sind zusammen in Ecuador aufgewachsen und seit Esteban 2020 nach Österreich ausgewandert ist, ist es ihr erstes Wiedersehen. „Wollt ihr bei meinem nächsten Heimatbesuch mitkommen und mal ganz andere Trails erleben?“ Damit hatte uns Esteban gelockt und dieses Anden-Abenteuer mit seinem Kumpel zusammen geplant. Doch selbst für ihn sollte es auf diesem Trip so manche Überraschung geben, denn auch in Ecuador standen die Trail-Schaufeln in den letzten vier Jahren nicht still. Einige dieser passionierten Locals werden wir auf unserem Trip treffen, denn unsere Route wird sich entlang der „Avenida de los Volcanes“ hangeln, also über den Andenstreifen, der sich von Nord nach Süd durchs ganze Land zieht.

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Ecuadors Hauptstadt Quito liegt bereits auf 2850 Meter Höhe.Foto: Max DraegerEcuadors Hauptstadt Quito liegt bereits auf 2850 Meter Höhe.

Höhepunkt der Reise soll eigentlich erst in ein paar Tagen der 6263 Meter hohe Chimborazo sein, doch für Markus, Fabi und mich beginnt die Challenge bereits am Morgen der ersten Trail-Abfahrt: „Watch out, it’s loose and has some pretty deep ruts!“, meint Este noch bevor er beherzt über eine breite Ridgeline rollt – und sofort von seiner eigenen Staubwolke verschluckt wird. Gleiches Schauspiel passiert mit Cuevo. Wir dagegen tasten uns erst mal vorsichtig ins neue Terrain vor und haben gleich Mühe, die Füße auf den Pedalen zu halten. Schon, weil man im aufgewirbelten Staub des Vordermanns so gut wie blind unterwegs ist. Aber auch, weil der ganze Hang von „ruts“, also Rinnen und Furchen, in die man nicht einfädeln will, durchzogen ist.

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Es dauert ein bis zwei Abfahrten, bis man sich an das schwammige Fahrgefühl im Pulversand gewöhnt hat.Foto: Max DraegerEs dauert ein bis zwei Abfahrten, bis man sich an das schwammige Fahrgefühl im Pulversand gewöhnt hat.

Mit jeder Menge mehligem Sand in den Klamotten und zwischen den Zähnen treffen wir irgendwann wieder auf unsere beiden Guides. Die grinsen: „Be scared or be loco!“ Ein Satz, den wir in den nächsten Tagen noch häufiger hören werden.

Okay, wir entscheiden uns für “loco”

Am nächsten Morgen treffen wir Trail-Bauer Daniel in Pimampiro. Sein Revier thront 1000 Meter über der Kleinstadt. Ein Berg an dem er und seine Crew sich in allen Himmelsrichtungen austoben dürfen. Und es sind richtig gute Enduro-Trails mit Berms, kleinen Sprüngen, Stufen und engen Kurven – fast wie daheim in Österreich. Doch gerade, als wir uns wieder ein bisschen in der Komfortzone wägen, stoppt Daniel an der nächsten Mutprobe: „If you go straight, you enter a very steep and exposed ridge with little grip and no room for error. Have a look first!“ Ok, wirklich steil. So steil, dass das Ende dieser Falllinie nicht mal zu sehen ist. Das Ganze mitten im Nirgendwo. Aber gut, wir kratzen sämtliches, gerade erst wieder gewonnenes Selbstvertrauen zusammen und entscheiden uns für: „loco!“. Diesmal stößt sich Este als Letzter ab. Wieder ist er ganz schön schnell unterwegs, als er plötzlich in einer absoluten No-Fall-Zone über den Lenker geht. Sein Bike wirbelt durch die Luft und auch Este überschlägt sich mehrfach – bleibt dann aber an einem Miniabsatz hängen. Unverletzt. Das war knapp.

Nach ein paar Tagen sind unsere beiden Guides sicher, dass unsere Erfahrung nun für die beiden Vulkan-Ikonen des Landes ausreichen: Wir packen unsere Bikes wieder auf den Bus und es geht gen Süden Richtung Cotopaxi und Chimborazo!

18 der 55 Vulkane von Ecuador sind noch immer aktiv. Darunter der 5897 Meter hohe Cotopaxi. Doch es ist nicht mal ein Grummeln zu hören, als wir auf 4600 Meter Höhe in seiner staubigen Flanke aus dem Bus steigen. Höher geht's auch mit dem Bike nicht, denn der Krater des Berges steckt unter einer dicken Gletscherhaube. Also surfen wir durch einen riesigen Schotterhang bergab und tauchen einige Hundert Tiefenmeter später in die Wolkendecke ein. Ein Nebel, der Gras aus dem Boden sprießen lässt und darin hat es sich ein Trail namens „Holy Ridge“ gemütlich gemacht. Unvermutet flowig, kurvig und nicht enden wollend spielt er mit dem Abhang. Auch nachmittags reißt der Flow nicht ab, denn am Cotopaxi gibt es inzwischen einen Bikepark, den selbst Este noch nicht kennt: Schnelle Trails mit perfekten Kurvenradien und funktionierenden Sprüngen in jeder Größe. Nur Bremswellen suchen wir vergeblich.

Ecuadors Höchster: Der 6263 Meter hohe Chimborazo. Sein Gipfel markiert den Punkt der Erde, der der Sonne am nächsten ist.Foto: Max DraegerEcuadors Höchster: Der 6263 Meter hohe Chimborazo. Sein Gipfel markiert den Punkt der Erde, der der Sonne am nächsten ist.

Einer, der auf einem Trip entlang der „Avenida de los Volcanes“ natürlich nicht fehlen darf, ist der Chimborazo. Mit seinen 6263 Metern markiert er den höchsten Punkt des Landes und thront wie ein Koloss in der Landschaft. Durch seine Nähe zum Äquator liegt sein Gipfel sogar 2000 Meter weiter vom Erdmittelpunkt entfernt als der Mount Everest.

Este hat für die Befahrung des „Chimbo“ zwei Tage eingeplant. Erstens, weil uns die Höhe hier deutlich mehr zu schaffen machen wird und zweitens, weil er seinen Kumpel besuchen möchte. Rodrigo, ein 68-jähriger Bergsteiger betreibt in der Ostflanke des Berges, auf 4100 Metern Höhe, eine kleine Hütte. Hier werden wir heute übernachten.

Für Este und Fabi wird es die härteste Nacht

Das Essen ist einfach, doch zum selbstgebrannten Canelazo-Schnaps gibt's Rodrigos Geschichten. Und es ist einiges passiert in den 36 Jahren, die er nun hier oben lebt. Für Este und Fabi folgt danach die härteste Nacht unseres Trips, denn die Luft hier oben ist spürbar dünner. Flach atmend liegen sie mit hohem Puls und Kopfschmerzen hellwach im Bett. So gehen sie am nächsten Morgen wenig erholt in die spektakuläre Abfahrt: Rodrigo hat für uns geklärt, dass wir auf der anderen Seite des Berges den Wanderweg vom Refugio Carrel abfahren dürfen. Ranger sollten uns unterwegs trotzdem nicht erwischen, gibt er uns noch mit auf den Weg. Daher sind wir froh, als wir den Einstieg zum „Cascarilla“ erreichen. Ein Trail, der vor allem für Enduro- und Downhill-Rennen gepflegt wird. Er mündet nach satten zwölf Kilometern in ein kleines Bergdorf, wo Cuevo an einer kleinen Hütte stoppt und ein paar Dollar für unsere Befahrung bezahlt.

Kurze Schrecksekunde: Mit Gegenverkehr haben wir auf den so einsamen Backcountry-Trails nicht gerechnet.Foto: Max DraegerKurze Schrecksekunde: Mit Gegenverkehr haben wir auf den so einsamen Backcountry-Trails nicht gerechnet.

Es ist später Nachmittag, als wir am Einstieg des letzten Trails stehen. Noch mal 18 Kilometer bis zu unserer nächsten Unterkunft in Guaranda. Jetzt aber mit einigen knackigen Gegenanstiegen und einer immer schwerer zu atmenden, schwül-heißen Luft, die nur noch den bald flankierenden Bananenstauden gefallen dürfte. „Gewöhnt euch besser dran“, meint Este. „Nächste Woche wird es noch heißer.“ Tatsächlich werden über unserem südlichsten Spot bei Cuenca 40 Grad flimmern, was zur „Vuelta del Diablo“, der Teufelsrunde mit ihren ausgesetzten Spitzkehren, aber gut passt. Und, klar: 'todo loco' gilt natürlich auch hier.

Infos Ecuador

Unsere Hüttenunterkunft an der Ostflanke des Chimborazo.Foto: Max DraegerUnsere Hüttenunterkunft an der Ostflanke des Chimborazo.

Das MTB-Revier

Ecuador liegt im Nordwesten Südamerikas und – wie der Name schon vermuten lässt – verläuft der Äquator quer durchs Land (20 km nördlich der Hauptstadt Quito). Von Nord nach Süd ziehen sich dagegen die Anden mit einer Kette von 55 Vulkanen, die zum Teil noch aktiv sind. Höchster Gipfel: der 6263 Meter hohe Chimborazo. Als Mountainbiker bewegt man sich ständig in Höhen zwischen 2000 und 4000, max. 4600 Metern, was für Europäer durchaus gewöhnungsbedürftig ist. Vor allem der Untergrund aus feinstem, mehlartigen Aschesand macht anfangs zu schaffen. Doch hat man den Dreh erstmal raus, kann man es auf diesen Trails wunderbar fliegen lassen. Zeitverschiebung zur europäischen Winterzeit: 6 Stunden. Währung: US-Dollar.

So kommt man hin

Die schnellste Flugverbindung von Deutschland nach Quito dauert inkl. einem Stopp knapp 15 Stunden. Für die Einreise nach Ecuador braucht man kein Visum, nur einen Reisepass, der noch mindestens sechs Monate gültig ist.

Beste Reisezeit

Von Mai/Juni bis September gibt es in Ecuador die wenigsten Niederschläge in den Bergen. Auch die Temperaturen in den Bergen ist dann am angenehmsten. In tieferen Lagen kann es in den Sommermonaten aber auch sehr heiß sein. Wir hatten rund um das südliche Cuenca mit 40 Grad zu kämpfen.

Südamerikanische Farbexplosion in Guaranda: ein Highlight im Süden des Landes.Foto: Max DraegerSüdamerikanische Farbexplosion in Guaranda: ein Highlight im Süden des Landes.

Geführte Tour

Ecuador gehört zu den sichersten Reiseländern Südamerikas. Dennoch gibt es Regionen, die man, laut Auswärtiges Amt, wegen hoher Kriminalitätsrate besser nicht besucht. Da man aber als Biker ohnehin ein Shuttle-Fahrzeug braucht, bucht man den Trip am besten beim Veranstalter, der die Route zu den aktuell besten Trails zusammen mit den Locals austüftelt und die optimalen Unterkünfte bereits reserviert. Zum Beispiel mit dem Innsbrucker Veranstalter Flat Sucks, der unsere Tour geplant und ausgekundschaftet hat. Infos zu Preisen und Terminen für 2025: flatsucks.at

Meine Highlights

Essen: Die Küche in Ecuadors Bergen ist oft einfach und lecker. Unbedingt probieren: Ceviche, eine kalte Suppe mit Fisch, Garnelen und dazu die typischen Kochbananenchips.

Trails: Beim ersten Kontakt fühlen sich die tiefstaubigen Trails ziemlich schwammig an. Gerade auf den langen Backcountry-Trails am Chimborazo und Cotopaxi. Die Abfahrten in den Bikeparks kommen unseren europäischen Trails dagegen schon recht nah. Mein absoluter Favorit: der „La Paz“-Trail bei Cuenca und die Trails am Guagua Pichincha, dem Hausberg von Quito.

Der vielleicht beste Trail Ecuadors: Der nicht enden wollende “La Paz”, ein Enduro-Racetrail im Süden des Landes.Foto: Max DraegerDer vielleicht beste Trail Ecuadors: Der nicht enden wollende “La Paz”, ein Enduro-Racetrail im Süden des Landes.

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