Andrew hängt mir am Hinterrad. Zunächst jagt er mich auf dem Trail durch hohes, trockenes Gras. Es folgen ein paar schnelle Kurven und kleinere Jumps. Dann wird der Trail technischer, es rappeln Steine unterm Reifen. An einem Absatz bleiben wir stehen. Die Landschaft erscheint mir wie eine Fototapete: In der Ferne riesige Berge, unter uns der Lake Wanaka mit seinen smaragdgrünen Buchten und vor uns ein Singletrail, der in weiten Schwüngen völlig frei durch die Bergflanken hüpft und kurvt. Ein Ende dieser Erdspur ist nicht in Sicht.
Karen und Bri schließen auf. Ihre Gesichter strahlen noch von der Fahrt. Gefühlt gehören Andrew und Bri bereits zu unserem engeren Freundeskreis auf der Insel, dabei haben wir die beiden Locals heute Morgen auf dem Parkplatz erst kennengelernt. Beide Mitte Zwanzig, Vollblutbiker. Ob sie uns ihre Hometrails im Glendhu-Trailpark zeigen sollen? Alle 25 Lines werden wir zwar heute nicht schaffen, aber Andrew und Bri führen uns später noch in die Infrastruktur des Spots ein. Zum Trailpark gehört noch ein Bikeshop mit Verleih und eine coole Bar. Hier trifft man sich zu einem guten Kaffee, mittags auf einen Snack und nach dem Ride auf ein kaltes Pint und ein paar Nachos.
Auffällig wenig zu tun hat dagegen das Trail-Taxi vor der Tür. Man pedaliert hier lieber selbst. 400 Höhenmeter sind ja auch machbar, zumal sich der Abfahrtsspaß deutlich länger anfühlt. Da haben die Trailbuilder wirklich jeden Geländewinkel ideal ausgenutzt. Überhaupt scheint es hier niemand eilig zu haben. Nach den Rides wird beim Bier noch lang diskutiert und gelacht. Über neue Trails und darüber, wer beinahe wo über den Lenker gegangen wäre. Dann fällt wieder dieser Spruch: „No worries“. Den werden wir auf unserer Reise noch oft zu hören bekommen. Sehr oft. Und irgendwann merken wir, dass der Spruch hier viel mehr bedeutet als einfach nur „kein Problem“.
Ein Trip nach Neuseeland, ans andere Ende der Welt – das lohnt sich nur, wenn man wirklich viel Zeit mitbringt, dachten wir immer. Also praktisch nie. Doch wie es das Schicksal so will, qualifiziert sich der eigene Sohn plötzlich zum Worldcup-Downhiller und möchte für ein paar Schulmonate ins Ausland. Am liebsten dort, wo er sich über den Winter optimal auf die Rennsaison vorbereiten kann…
Schließlich saß Ende Januar die ganze Familie im Flugzeug nach Neuseeland. Die Frage war nur: wohin genau? Die Tipps erfahrener Neuseeland-Biker reichten von: Queenstown! Nee, besser Wanaka oder Nelson. Was ist mit Alexandra? Quatsch, Rotorua auf der Nordinsel ist der beste Trailspot! Wir entschieden uns für Wanaka als Base. Für Lois gibt’s hier die optimale Schule und der Bikepark von Queenstown liegt für Wochenend-Trips auch in erreichbarere Nähe.
Es dauert ein paar Tage, bis wir mit den neuseeländischen Alpen rund um Wanaka einigermaßen vertraut sind. Es sind gewaltige Berge und Gletscher inmitten riesiger Landschaften. Dazwischen Schafe. Sehr viele Schafe. In Neuseeland leben ungefähr 23 Millionen Schafe. Damit kommen auf jeden Einwohner also rund vier oder fünf Schafe.
Eingepflanzt in diese völlig neue Umgebung orientieren wir uns auf der Karte erstmal an den Seen, Flüssen und endlos langen Straßen. Eine davon führt uns bald in den 40 Autominuten entfernten Bikepark von Cardrona. Hier warten zwei Lifte, die in hochalpines Gelände auf rund 1860 Meter Höhe helfen, und eine Mischung aus flowigen und technischen Strecken. Die berühmte Peak-to-Pub-Abfahrt ist rund zehn Kilometer lang und endet am historischen Cardrona-Hotel, wo man sich im besagten Pub mit schönem Biergarten auf einen Burger niederlassen kann.
Eine Bikerin mittleren Alters nimmt neben mir im Sessellift Platz. Wir plaudern bereits eine Weile über die Trails, die da gerade unter unseren Füßen durchwischen, da stellt sich heraus: Sie ist die Direktorin von Lois‘ neuer Schule. Wir erfahren vom Schulrennen, das sie selbst kommendes Wochenende in diesem Park organisiert. Ein Downhill-Race, an dem Schulen aus der gesamten Region teilnehmen werden. Die besten Fahrer des Rennens qualifizieren sich anschließend fürs Landesfinale. Wenn Lois möchte, dürfe er da gerne mitfahren. Außerdem suche das Orga-Team auch noch freiwillige Helfer…?
So stehe ich ein paar Tage später als Streckenposten am Berg, und Lois rollt zur Startbox. Während die Rennfahrer einzeln an mir vorbeischießen und auch die Zuschauer alles geben, muss ich an die Diskussionen in Europa denken: Wie man den Mountainbike-Nachwuchs stärker fördern könnte? Eine Frage, die sich hier gar nicht zu stellen scheint. Mountainbiken ist einfach da und gehört zum Leben dazu. Für Lois wird dieser Tag zum perfekten Einstieg in seine neuseeländische Schullaufbahn: Er gewinnt das Rennen.
Queenstown, der Verwaltungssitz des Districts, liegt nur eine Autostunde von Wanaka entfernt und überrascht uns mit einer völlig anderen Welt: ein Melting Pot aus Abenteuertouristen und Outdoor-Süchtigen. Unzählige Anbieter von Adventure-Trips säumen die Straßen. Jetboat, Bungee-Jumping, Klettern, Heli-Flüge, Skifahren, Freeriden – und natürlich Mountainbiken. Die wuselige Stadt und ihre Angebote können einen regelrecht erschlagen. Deshalb gibt es für uns nur eine Regel: nicht zu lange bleiben.
Das Zentrum des Bike-Geschehens ist der Skyline Bike Park mit seinen 30 Downhill-Strecken. Dazu kommen die Trails rund um den Ort und das Gelände etwas außerhalb am Coronet Peak. Im Winter Skigebiet, im Sommer Bike-Spielplatz. Die schwarzen Strecken werden auch von World-Cup-Fahrern zum Training genutzt. Schnell, technisch und kompromisslos. Tatsächlich treffen wir Goldstone, Pierron, Hoffmann und viele andere mehr, denn einige Weltcup-Teams schlagen hier in den Wintermonaten ihre Zelte zum Testen der neuen Bikes auf.
Wieder ganz anders gibt sich die Stadt Alexandra, eine Autostunde südöstlich von Wanaka: Kein internationaler Trubel. Keine Adventure-Industrie an jeder Ecke. Dafür umgeben von trockener Landschaft, riesigen Lavendelfeldern, es gibt ein gutes Pub und ein gutes Café – dazwischen wieder jede Menge Schafe. Hier erleben wir eine ganz andere Form von Mountainbike-Kultur. Auf der Matangi-Station gehört unser Sport zum Alltag eines echten High-Country-Farmers. Sein Grund ist riesig: 11.585 Hektar mit mehr als 8000 Schafen.
Seit vier Generationen beschäftigt sich hier die Familie Sanders mit Merino-Wolle und seit geräumer Zeit auch mit Mountainbike-Trails. Brett Sanders ist einer der Köpfe hinter der „Matangi Station MTB“, deren Großteil sich über sein, aber auch über das Privatland anderer Farmer zieht. Der Zugang zu solchen Flächen ist in Neuseeland nicht selbstverständlich. Doch hier war das Biken jahrelang erlaubt – bis mit wachsender Nutzung die Konflikte zwischen Landwirtschaft und Freizeitnutzung zunahmen.
Ein komplettes Bikeverbot stand sogar im Raum. Warum? Brett erzählt: „Der illegale Bau von Trails nahm überhand und niemand wollte die Haftung übernehmen.“ Also setzte sich die Familie mit dem Verein „Mountain Bikers of Alexandra“ zusammen, um ein offizielles Nutzungsmodell zu entwickeln. Heute gibt es auf Matangi einen regulierten Mountainbikepark: Ein Teil des Landes ist frei zugänglich, für andere Bereiche muss man Eintritt zahlen.
Beliebt ist Matangi, weil sich das Gelände von den anderen Bikespots unterscheidet. Die Trails sind hier trocken, felsig und steil. Regelmäßig trifft sich hier auch ein kleiner Kreis von Farmern zu gemeinsamen Ausritten, sagt Brett. Dafür habe er sich selbst gerade erst ein neues E-MTB angeschafft. Und klar, danach geht's noch rüber in den Pub, um sich über Bikes und Schafe auszutauschen.
Satte 13 Stunden fahren wir, um in dieses sagenhafte Nelson an der Nordküste der Südinsel zu gelangen. Ein Enduro-Hotspot, wie es ihn auf der Welt kein zweites Mal gibt, wartet im Bikepark Wairoa Gorge. Die Geschichte dahinter klingt fast erfunden: Der amerikanische Milliardär Keneth Dart kauft das Land und lässt sich darauf einen privaten Mountainbikepark mit mehr als 70 Kilometern Trails schaufeln. Als es zu einem schweren Sturz kommt, verbietet ihm sein Arzt das Biken – da war Ken 70 Jahre alt.
Seitdem betreibt der Nelson Mountain Bike Club den Park auf Basis eines Pachtvertrags. Und diese Waldstrecken haben es in sich. Schon die rot markierten Lines sorgen bei uns für Puls. 1000 Wurzel-Tiefenmeter am Stück und die Hände schmerzen. Am nächsten Morgen treffen wir Alistair. Auch so einer, der das Hobby zu seinem Leben gemacht hat und mit „Gravity Nelson“ einen Bike-Shop mit Trail-Taxi und Guiding betreibt.
Er shuttelt uns zum „Fringed Hill“-Spot hinauf. Hier sehen wir vom höchsten Punkt die weite tasmanische See türkis glitzern, bevor wir Alis Top-Kombi in Angriff nehmen: erst den „Black Diamond“, dann „Sunrise Ridge“ und am Ende „Whaimana“. Eine Enduro-Abfahrt, auf der wir mit dem sagenumwobenen „Nelson Turn“ Bekanntschaft machen. Kurven, die es nur hier gibt und die Karen zur Verzweiflung bringen: Steiles Gelände und statt Spitzkehren, warten hier Falllinien. Man muss beherzt reinfahren und darauf vertrauen, dass ein kleiner Anlieger unten wieder auffängt. Also Mut und Entschlossenheit sind gefragt, frei nach Neuseelands Lebensphilosophie: No Worries!
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