​Mit dem MTB durch Afghanistan„Gezwungen, Menschen zu treffen“

Dimitri Lehner

 · 13.10.2026

Alleine unterwegs in Afghanistan: Cedric Tassan – für die meisten ein Alptraum.
Foto: Cedric Tassan
Der Franzose Cédric Tassan reist allein mit dem Fahrrad durch Afghanistan – dorthin, wo kaum jemand freiwillig hinfährt. Zwischen Taliban-Checkpoints, Landminen und 4000 Meter hohen Pässen sucht der Franzose nicht den Nervenkitzel. Sondern das Unbekannte. Ein Gespräch über Angst, Freiheit und die erstaunliche Freundlichkeit der Menschen.

Themen in diesem Artikel

Allein ist alles anders

BIKE: Du bist viel gereist. Wo warst du bisher mit dem Bike unterwegs?

Cédric Tassan: Ich bin schon früher viel gereist – in die USA, nach Peru, Indien, Kenia. Oft mit Freunden. Außerdem habe ich als Filmer mit Hans Rey an Dokumentationen gearbeitet. 2021 begann ich, allein mit dem Fahrrad loszuziehen.

Warum allein?

Eigentlich wollte ich gar nicht allein reisen. Aber 2021, kurz nach Corona, wollte ich im Sommer noch irgendwo hin zum Biken. Ich fragte Freunde, doch für August war es allen zu kurzfristig. Also dachte ich: Gut, dann fahre ich eben allein.

Mein erstes Solo-Ziel war Kirgisistan. Ich war noch nie in Asien – und sofort begeistert. Diese Landschaften! Du schaust zehn, 20 Kilometer weit, weil es kaum Bäume gibt. Und die Menschen waren unglaublich freundlich. Ich wurde in jedem Dorf willkommen geheißen.

Danach kamen Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan – und schließlich zweimal Afghanistan.

Was ist der größte Unterschied zwischen einer Reise mit Freunden und einer allein?

Allein musst du alle Sinne auf Empfang stellen. Wo schlafe ich? Welchem Trail folge ich? In welches Dorf gehe ich? Wen frage ich? Jede Entscheidung liegt bei dir.

Meistgelesen

1

2

3

4

5

Und du bist gezwungen, Menschen zu treffen. Wenn du niemanden dabeihast, mit dem du reden kannst, suchst du automatisch Kontakt zu den Einheimischen. Das kann anstrengend sein – aber genau darin liegt die Belohnung.

Du erklärst, wer du bist, probierst ihr Essen, sitzt mit ihnen zusammen. Bist du mit einem Freund unterwegs, kann einer reden, während der andere sich ausruht. Allein musst du alles stemmen. Das kostet Energie, dafür trittst du voll in Verbindung mit den Menschen.

Afghanistan: wild, wunderschön, kompliziert

Welches Land war bisher das schwierigste?

Afghanistan.

Das wildeste?

Afghanistan.

Das schönste?

Auch Afghanistan.

Damit hätte ich nicht gerechnet. Warum ausgerechnet dieses Land?

Weil Afghanistan eines der letzten Länder ist, in denen echte Entdeckung noch möglich ist. Du kannst Orte erreichen, die kaum jemand kennt. Dörfer, Täler, Berge. Du bist nicht einfach Tourist auf einer vorgegebenen Route. Du erkundest wirklich.

Aber Vorbereitung ist dort alles, oder?

Absolut. Du musst wissen, wo du hin kannst – und wo du besser nicht hingehst.

Bei einem normalen Abenteuer ist etwas gefährlich, weil es abgelegen, hoch oder steil ist. In Afghanistan kommt eine weitere Dimension hinzu: politische und ethnische Konflikte. Es gibt Gegenden, über die niemand Informationen hat.

Du kannst einen Tag durch ein völlig unproblematisches Tal fahren und plötzlich in einer Zone sein, über die niemand etwas weiß. Wer lebt dort? Welche Gruppe hat die Kontrolle ? Gibt es einen Trail, der fahrbar ist? Niemand weiß es.

Und dann gibt es die Taliban.

Ja. In den großen Tälern gibt es überall Checkpoints. Du musst erklären, wer du bist, wohin du willst und was du dort machst. Manchmal sind die Taliban freundlich, manchmal versuchen sie, dich einzuschüchtern. Dann musst du ruhig bleiben und darfst nicht zeigen, dass du Angst hast.

Als Ausländer auf einem Fahrrad bist du ohnehin eine merkwürdige Erscheinung. Manche fragen sich: Ist das ein Spion? Warum hat der ein GPS? Will er Positionen für Drohnen aufzeichnen?

Du bist also nie völlig frei?

Das dachte ich anfangs andersherum. 2024 dachte ich: In den großen Tälern mit Dörfern wird es kompliziert, aber sobald ich in die Berge komme, bin ich frei.

Es war genau umgekehrt.

In den Tälern konnte ich Rad fahren, Dörfer besuchen und Menschen treffen. In den Bergen begannen die eigentlichen Probleme.

Landminen statt Lagerfeuer

Was passiert dort?

Ich wollte in eine Region der Hazara. Die Hazara sind Schiiten und gelten als sehr gastfreundlich. Im Dorf wurde ich tatsächlich wunderbar aufgenommen.

Aber sobald du das Dorf verlässt, triffst du auf nomadische Gruppen, die Kuchi. In den Bergen können solche Begegnungen sehr unangenehm werden. Sie wollen wissen, wer du bist, nehmen dir unter Umständen den Pass ab – und manche sind bewaffnet.

Das Problem ist: Dort draußen gibt es niemanden. Wenn etwas passiert, findet dich keiner.

Dazu kommen Landminen.

Genau. Und das verändert dein Verhalten komplett.

In einem Tal sagt dir jemand: Auf der rechten Seite liegen Minen, links ist es sicher. Im nächsten Dorf hörst du genau das Gegenteil.

Du bewegst dich plötzlich wie ein paranoider Spaziergänger.

Sogar beim Toilettengang?

Gerade dann! (lacht)

Wenn du mitten auf einem Trail musst, kannst du dich nicht einfach 50 Meter ins Gelände schlagen. Du weißt ja nicht, ob dort eine Mine liegt.

Also gehst du Schritt für Schritt, schaust genau hin und hoffst, dass alles gutgeht. Ich bin schließlich kein Minenräumer.

Hast du jemals eine gesehen?

Nein. Und wenn du eine siehst, ist es vermutlich ohnehin zu spät.

„Bleib ruhig“

Du hast eine Familie. Was sagt deine Partnerin zu solchen Reisen?

Sie verfolgt meine Expeditionen. Ich versuche, aus jedem Abenteuer etwas zu lernen und mich auf das nächste besser vorzubereiten.

Für sie ist es vor allem eine Frage des Vertrauens. Wenn sie zu Hause in Panik wäre, könnte ich nicht entspannt unterwegs sein. Ich muss wissen, dass sie mir vertraut und dass ich alles dafür tue, sicher zurückzukommen.

Du hast viel mit Taliban gesprochen. Wie haben sie über den Westen gesprochen?

Sehr offen. Ich war manchmal bei ihnen eingeladen, einmal fast einen ganzen Tag und eine Nacht in einem abgelegenen Gebiet.

Wir haben mit dem Handy übersetzt. Sie verstehen sich als Widerstandskämpfer. Ihre Haltung ist ungefähr: Kommt ihr mit Waffen in unser Land – bringen wir euch um. Das ist unser Land, wir entscheiden selbst, wie wir leben. Aber: Kommt ihr mit einem Fahrrad und friedlichen Absichten, dann ist es gibt kein Problem, dann seid ihr willkommen.

Kannst du diese Haltung nachvollziehen?

Ja. Wenn ein fremdes Land mit Waffen in dein Land kommt und dir vorschreibt, wie du zu leben hast, ist es schwer, den Widerstand dagegen nicht zu verstehen.

Die Geschichte Afghanistans hat das oft genug gezeigt.

Der Moment, in dem Afghanistan verschwindet

Wie lange warst du insgesamt dort?

Fast zwei Monate.

Und was bleibt dir am stärksten in Erinnerung?

Die Momente, in denen ich vergessen habe, dass ich überhaupt in Afghanistan bin.

Das klingt vielleicht seltsam. Aber wenn du in einem Dorf sitzt, mit Menschen redest, gemeinsam isst und plötzlich nur noch diese Begegnung zählt – dann verschwindet das ganze Bild dieses „verrückten Landes“, das fast niemand besuchen möchte.

Du bist einfach dort. Mit diesen Menschen. Und genau das sind die Momente, die bleiben.

Also nicht die Gefahr?

Nein. Die Menschen.

Und vielleicht ist das die größte Überraschung dieser Reise: Je weiter ich gefahren bin, desto weniger ging es um Afghanistan als gefährliches Land. Und desto mehr um Afghanistan als Ort, an dem Menschen leben, lachen, essen, arbeiten und neugierig auf einen verrückten Franzosen mit Fahrrad sind.

Artikel teilen:
Kommentare

Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.

Dimitri Lehner ist diplomierter Sportwissenschaftler. Er studierte an der Deutschen Sporthochschule Köln. Ihn fasziniert fast jede Disziplin des Funsports – neben Biken ganz vorne: Windsurfen, Skifahren und Fallschirmspringen. Seine neueste Leidenschaft: das Gravelbike. Damit fuhr er kürzlich von München an die Ostsee – und fand es herrlich. Und anstrengend. Herrlich anstrengend!

Meistgelesen in der Rubrik Touren

Shorts