Weltweite-TourenMit dem Mountainbike durch das Atlas-Gebirge

Marius Schwager

 · 8/26/2015

Mit dem Mountainbike durch das Atlas-GebirgeFoto: Marius Schwager

Der Toubkal ist mit 4165 Metern der höchste Gipfel im Hohen Atlas. Mancher Wanderer besteigt ihn in Halbschuhen. Doch sein wahres Potenzial entdeckt man entweder mit Touren-Ski oder mit dem Bike.

Die Luft ist trüb vom aufgewirbelten Sandstaub. Vor uns auf einem Hügel liegt das Berberdorf Asni. Um seine roten Lehmhauswürfel sprießen Bäume und Büsche. Dahinter aber türmt sich eine mächtige Felswüste auf: der Hohe Atlas, unser eigentliches Ziel.

Meine beiden Kumpels aus Innsbruck und ich haben uns den König dieser Felsbastion vorgenommen, den 4167 Meter hohen Toubkal. Er ist der höchste Gipfel Nord­afrikas und wegen seines "Afrika-Firns" ein beliebtes Ziel für Ski-Touren-Geher. Nur gab es in den letzten Jahren kaum noch Schnee am Atlas. Daher leben die marokkanischen Guides derzeit vor allem von den durchschnittlich begabten Wanderern, die hier im Sommer raufmarschieren. Einmal Toubkal in zwei Tagen im All-inclusive-Paket und in Halbschuhen. Höhenakklimatisation hin oder her – Guides und Esel bringen die Leute da schon irgendwie rauf.

  Die Nächte sind klirrend kalt im Hohen Atlas, aber schon  wegen des Sternenhimmels muss das Hüttenbett noch warten.Foto: Marius Schwager
Die Nächte sind klirrend kalt im Hohen Atlas, aber schon wegen des Sternenhimmels muss das Hüttenbett noch warten.

Wir brauchen noch etwas Proviant für unsere Unternehmung und haben das Glück, dass in Asni heute Wochenmarkt ist. Alle 3000 Einwohner scheinen heute auf den Beinen zu sein. Die Menschenmengen schieben sich an den Ständen vorbei. Stehen bleiben ist in dem Strom kaum möglich. Es riecht nach Mensch, Tier, Gewürzen und frisch gebrühtem Minztee. Im Gedränge stoße ich mit dem Knie an einen Hocker. Reflexartig greife ich nach unten, um ihn festzuhalten. Schrecke aber zurück: Es liegen zwei noch blutende Ziegenköpfe darauf. Wir scheren an einer Bretterbude aus, an der es frisches Tajine gibt. Das marokkanische Nationalgericht brodelt in einem riesigen Tontopf auf einem Gaskocher und ist eine Art Eintopf aus Gemüse, Kartoffeln und Schafskäse. Sehr lecker. Wir bekommen unsere Portion in bunten Plastikschüsseln "Made in China" überreicht.

25 Kilometer weiter können wir in der Berbersiedlung Aroumd das letzte Mal Wasser tanken. Ein Pfad mit kniehohen Stufen führt durch Lehmhäuser, die noch aus dem Mittelalter stammen. Es ist die Hauptstraße des 500-Seelen-Dorfes. Wir folgen einer Schar aufgeschreckter Hühner und stehen bald vor einem Dorfladen. Es gibt Orangen, Äpfel und Coca Cola. Trinkwasser können wir aus einer Plastikflasche für 50 Cent abfüllen. Am Ortsrand finden wir auch ein Dach überm Kopf, die Übernachtung in dem Neubau kostet zwei Euro. Fließend Wasser gibt es manchmal, der Strom fließt regelmäßiger.

Gebirgswüste Der Wind bläst eisig um die Atlas-Gipfel und hat immer etwas Saharastaub dabei. Auf dem Trail: Eselkacke.Foto: Marius Schwager
Gebirgswüste Der Wind bläst eisig um die Atlas-Gipfel und hat immer etwas Saharastaub dabei. Auf dem Trail: Eselkacke.
Toubkal-Gipfel Extra später losgelaufen und dafür trittsicheren Firn beim letzten Anstieg gehabt.Foto: Marius Schwager
Toubkal-Gipfel Extra später losgelaufen und dafür trittsicheren Firn beim letzten Anstieg gehabt.
Afrika-Firn Der Schnee am Toubkal zieht ambitionierte Ski-Touren-Geher magisch an. Mit dem Bike ist das Weiß eher schwierig.Foto: Marius Schwager
Afrika-Firn Der Schnee am Toubkal zieht ambitionierte Ski-Touren-Geher magisch an. Mit dem Bike ist das Weiß eher schwierig.
Ein Tragemarsch von drei bis vier Stunden fehlt uns noch zum Gipfel.Foto: Marius Schwager
Ein Tragemarsch von drei bis vier Stunden fehlt uns noch zum Gipfel.
Impressionen – Befahrung des Toubkal im Hohen Atlas mit dem MountainbikeFoto: Marius Schwager
Impressionen – Befahrung des Toubkal im Hohen Atlas mit dem Mountainbike
Der Esel Ohne ihn geht nichts im Atlas. Bis zu 150 Kilo können die Maultiere durch die Berge schleppen.Foto: Marius Schwager
Der Esel Ohne ihn geht nichts im Atlas. Bis zu 150 Kilo können die Maultiere durch die Berge schleppen.
Impressionen – Befahrung des Toubkal im Hohen Atlas mit dem MountainbikeFoto: Marius Schwager
Impressionen – Befahrung des Toubkal im Hohen Atlas mit dem Mountainbike
Suq in Asni Im letzten größeren Ort können wir uns noch mal den Bauch vollschlagen. Foto: Marius Schwager
Suq in Asni Im letzten größeren Ort können wir uns noch mal den Bauch vollschlagen. 
Impressionen – Befahrung des Toubkal im Hohen Atlas mit dem MountainbikeFoto: Marius Schwager
Impressionen – Befahrung des Toubkal im Hohen Atlas mit dem Mountainbike
Impressionen – Befahrung des Toubkal im Hohen Atlas mit dem MountainbikeFoto: Marius Schwager
Impressionen – Befahrung des Toubkal im Hohen Atlas mit dem Mountainbike
Jede Bergtour macht richtig hungrig, besonders die Mountainbike-Befahrung des Toubkal im marokkanischen Atlas-Gebirge, wo Saharastaub und Schnee aneinandergrenzen.Foto: Marius Schwager
Jede Bergtour macht richtig hungrig, besonders die Mountainbike-Befahrung des Toubkal im marokkanischen Atlas-Gebirge, wo Saharastaub und Schnee aneinandergrenzen.
Köstliches Essen mit exotischen Gewürzen aus der Tajine, dem speziellen Kochtopf in Marokko.Foto: Marius Schwager
Köstliches Essen mit exotischen Gewürzen aus der Tajine, dem speziellen Kochtopf in Marokko.
Tajine Tontopf und Nationalgericht tragen den gleichen Namen. Der Eintopf ist ausgesprochen lecker.Foto: Marius Schwager
Tajine Tontopf und Nationalgericht tragen den gleichen Namen. Der Eintopf ist ausgesprochen lecker.
Impressionen – Befahrung des Toubkal im Hohen Atlas mit dem MountainbikeFoto: Marius Schwager
Impressionen – Befahrung des Toubkal im Hohen Atlas mit dem Mountainbike
Impressionen – Befahrung des Toubkal im Hohen Atlas mit dem MountainbikeFoto: Marius Schwager
Impressionen – Befahrung des Toubkal im Hohen Atlas mit dem Mountainbike
Abseits der Touristenpfade: Die Abfahrt ins Nachbartal ist zwar nicht so schön ausgetreten, dafür erlebt man in den Dörfern Marokko pur.Foto: Marius Schwager
Abseits der Touristenpfade: Die Abfahrt ins Nachbartal ist zwar nicht so schön ausgetreten, dafür erlebt man in den Dörfern Marokko pur.
Köstlichkeiten und gleichzeitig Energiespender: Trockenfrüchte aus den WüstenoasenFoto: Marius Schwager
Köstlichkeiten und gleichzeitig Energiespender: Trockenfrüchte aus den Wüstenoasen
Impressionen – Befahrung des Toubkal im Hohen Atlas mit dem MountainbikeFoto: Marius Schwager
Impressionen – Befahrung des Toubkal im Hohen Atlas mit dem Mountainbike
Die Nächte sind klirrend kalt im Hohen Atlas, aber schon
 wegen des Sternenhimmels muss das Hüttenbett noch warten.Foto: Marius Schwager
Die Nächte sind klirrend kalt im Hohen Atlas, aber schon wegen des Sternenhimmels muss das Hüttenbett noch warten.
Gebirgswüste Der Wind bläst eisig um die Atlas-Gipfel und hat immer etwas Saharastaub dabei. Auf dem Trail: Eselkacke.Foto: Marius Schwager
Gebirgswüste Der Wind bläst eisig um die Atlas-Gipfel und hat immer etwas Saharastaub dabei. Auf dem Trail: Eselkacke.
Toubkal-Gipfel Extra später losgelaufen und dafür trittsicheren Firn beim letzten Anstieg gehabt.Foto: Marius Schwager
Toubkal-Gipfel Extra später losgelaufen und dafür trittsicheren Firn beim letzten Anstieg gehabt.
Toubkal-Gipfel Extra später losgelaufen und dafür trittsicheren Firn beim letzten Anstieg gehabt.
Afrika-Firn Der Schnee am Toubkal zieht ambitionierte Ski-Touren-Geher magisch an. Mit dem Bike ist das Weiß eher schwierig.
Ein Tragemarsch von drei bis vier Stunden fehlt uns noch zum Gipfel.
Impressionen – Befahrung des Toubkal im Hohen Atlas mit dem Mountainbike
Der Esel Ohne ihn geht nichts im Atlas. Bis zu 150 Kilo können die Maultiere durch die Berge schleppen.
Impressionen – Befahrung des Toubkal im Hohen Atlas mit dem Mountainbike
Suq in Asni Im letzten größeren Ort können wir uns noch mal den Bauch vollschlagen. 
Impressionen – Befahrung des Toubkal im Hohen Atlas mit dem Mountainbike
Impressionen – Befahrung des Toubkal im Hohen Atlas mit dem Mountainbike
Jede Bergtour macht richtig hungrig, besonders die Mountainbike-Befahrung des Toubkal im marokkanischen Atlas-Gebirge, wo Saharastaub und Schnee aneinandergrenzen.
Köstliches Essen mit exotischen Gewürzen aus der Tajine, dem speziellen Kochtopf in Marokko.
Tajine Tontopf und Nationalgericht tragen den gleichen Namen. Der Eintopf ist ausgesprochen lecker.
Impressionen – Befahrung des Toubkal im Hohen Atlas mit dem Mountainbike
Impressionen – Befahrung des Toubkal im Hohen Atlas mit dem Mountainbike
Abseits der Touristenpfade: Die Abfahrt ins Nachbartal ist zwar nicht so schön ausgetreten, dafür erlebt man in den Dörfern Marokko pur.
Köstlichkeiten und gleichzeitig Energiespender: Trockenfrüchte aus den Wüstenoasen
Impressionen – Befahrung des Toubkal im Hohen Atlas mit dem Mountainbike
Die Nächte sind klirrend kalt im Hohen Atlas, aber schon
 wegen des Sternenhimmels muss das Hüttenbett noch warten.
Gebirgswüste Der Wind bläst eisig um die Atlas-Gipfel und hat immer etwas Saharastaub dabei. Auf dem Trail: Eselkacke.

Im Morgengrauen brechen wir auf, da der gesamte Anstieg der Sonne ausgesetzt ist. Der Bergwanderweg zieht sich zunächst entspannt bergauf. Stets an einem Bach entlang. Im Prinzip ist es ein Weg, so wie bei uns in den Alpen, nur mit mehr Eselkacke. Ab Sidi Chamharouch schlägt der Weg Serpentinen. Wir schultern die Bikes jetzt. Das erleichtert das Vorankommen auf dem leicht verblockten, aber steilen Pfad. Einheimische sitzen am Wegesrand und verkaufen Softdrinks und Süßigkeiten. Nach einem halben Tagesmarsch erreichen wir die Toubkal-Hütte auf 3200 Metern Höhe. Sie entspricht grob einer unmodernen Alpenvereinshütte bei uns und wird auch so betrieben. Das Essen wird selbst oder vom mitgebrachten Koch zubereitet. Unser Guide ist Maultiertreiber, Guide und Koch in einer Person. Seine Spezialität sind Nussvariationen in süß und salzig. Dazu gibt es Minztee.

Ein Tragemarsch von drei bis vier Stunden fehlt uns noch zum Gipfel. Wir entscheiden uns am nächsten Morgen für einen späten Aufstieg und schauen den Wanderergruppen entspannt beim Aufbruch zu. Es ist nicht immer der frühe Vogel, der den Wurm fängt. Kaum haben wir den Weg ins steile Seitental hinauf in Angriff genommen, kommt uns der erste deutsche Wanderer bereits wieder entgegen. Er warnt uns. Wir sollen die Bikes unten lassen, oben am Gipfel lägen 30 Zentimeter Neuschnee, und es sei brutal windig. Ihnen sei sogar ein Esel wegen des Sturms in den Abhang gestürzt. Wir stutzen kurz und blicken seinen Guide an. Der grinst. Okay, dann wird es schon nicht so dramatisch sein. Wir werfen die Bikes wieder über die Schulter, weiter geht’s. Jetzt über lockeres Geröll, der Weg ist aber dank unzähliger Maultiertritte gut zu erkennen. Das mal grobe, mal feine Gestein ist zu großen Teilen wieder fahrbar – nur die letzten 600 Höhenmeter stapfen wir durch etwa 40 Zentimeter hohen Schnee.

  Afrika-Firn Der Schnee am Toubkal zieht ambitionierte Ski-Touren-Geher magisch an. Mit dem Bike ist das Weiß eher schwierig.Foto: Marius Schwager
Afrika-Firn Der Schnee am Toubkal zieht ambitionierte Ski-Touren-Geher magisch an. Mit dem Bike ist das Weiß eher schwierig.

Am frühen Nachmittag erreichen wir den höchsten Punkt Nordafrikas. Wir blicken in die unendliche Weite der Sahara, aber ich meine auch eine Brise vom Atlantik in der Nase zu spüren. Der Schnee hat sich zur nordseitigen Abfahrt bereits von Afrika-Eis in Firn verwandelt. Unser Spätstartplan geht also auf. Eis nur im Aufstieg, Firn in der Abfahrt – und zur Sicherheit natürlich die Steigeisen dabei. Mal schieben wir ein paar Meter, mal surfen wir bergab. Manchmal ist es aber auch nur ein unschönes Stolper-Biken. Aufgrund der Schneelage müssen wir doch auf den technisch schwierigen, stark verblockten Weg ausweichen. Als Hobby-Trialer hat Nico hier seinen Spaß, wir anderen beiden schieben etwa 50 Prozent des Weges. Unser Plan ist es, nach dem Toubkal nicht den schnellsten Weg zurück zu nehmen. Wir haben uns in der Karte noch eine größere Schleife über das Nachbartal mit einer weiteren Hüttenübernachtung ausgetüftelt.

  Köstliches Essen mit exotischen GewürzenFoto: Marius Schwager
Köstliches Essen mit exotischen Gewürzen

In der Morgensonne erreichen wir den Einstieg in eine Schotterrinne. Ein wahrer Spitzkehren-Orgasmus fächert sich unter uns ins Tal auf. Rund 40 Grad steil, über 600 Höhenmeter tief. Der Pfad ist schmal, die Kehren sind extrem eng und steil. Der schottrig-rutschige Untergrund macht die Wendemanöver noch kniffliger. Dennoch haben wir am Ende nur blaue Flecken an den Oberschenkelinnenseiten – vom vielen Hinterradversetzen. Wie oft wir das Manöver allein auf diesem Abschnitt der Abfahrt fahren mussten, ist am Ende schwer zu schätzen. 150 Mal vielleicht? Bald kommen wir in ein kleines Bergdorf. Hühner und Hausfrauen sind über unser Erscheinen gleichsam überrascht. Die Kinder reagieren als erstes: Sie wollen auch mal auf dem Rad sitzen. Auf der insgesamt 3000 Höhenmeter langen Abfahrt müssen wir öfter mal absteigen und schieben, weil der Weg zu verblockt oder steil ist. Dafür begegnen wir kaum Wanderern. Nur ein paar Esel-Karawanen. Dann, kurz vor der Ortschaft Imlil, flachen die Berge wieder ab, die Trails entspannen sich, die Wanderergruppen haben uns wieder.


INFOS MAROKKO


Anreise Per Direktflug von Deutschland nach Marrakesch.


Beste Reisezeit Mit dem Bike am besten im Frühjahr oder Herbst. In den Sommermonaten sind viele Wanderer unterwegs, und im Winter kann es ab 1000 Meter Höhe schneien.


Touren-Guide Ein Guide ist nicht notwendig, wenn man Hochgebirgserfahrung mitbringt. Allerdings kostet der Guide plus Esel nur 40 Euro am Tag. Man erfährt viel über die marokkanische Kultur und bekommt ein anständiges Abendessen.


Geführte Tour: www.bergspechte.at


Karten Die beste Topo-Karte bekommt man Vorort in Imlil bei der lokalen Bergsteigervereinigung.

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