648.000 Kilometer, 211 Länder, 51 Jahre auf dem Sattel: Mit Heinz Stücke verliert die Welt einen der außergewöhnlichsten Reisenden, die je gelebt haben. Seine Abenteuer kann man im Buch “Nur noch kurz die Welt sehen” nachlesen.
Er brauchte kein Flugzeug, kein Schiff und kein Auto. Nur zwei Räder, eine Kamera und eine grenzenlose Neugier auf die Menschen dieser Erde. Heinz Stücke, geboren und aufgewachsen im westfälischen Hövelhof, ist gestorben. Mit ihm geht eine Persönlichkeit, deren Lebensgeschichte sich in keine Schublade fügen lässt – und die sich auch künftig niemand wird wiederholen können.
Es war das Jahr 1962, als der junge Heinz Stücke Hövelhof verließ. Im Gepäck: ein einfaches Fahrrad, eine Kamera und die vage Absicht, ein bisschen von der Welt zu sehen. Aus wenigen geplanten Monaten wurden 51 Jahre. Ununterbrochen. Auf dem Fahrrad.
Was folgte, war keine Reise mehr im herkömmlichen Sinne. Es war ein Leben. Ein Leben, das ihn durch Wüsten und Gebirge führte, durch abgelegene Dörfer und brodelnde Metropolen, durch Zeiten des Kalten Krieges, des Wandels und der Globalisierung. Rund 648.000 Kilometer legte Heinz Stücke dabei zurück und besuchte 211 Länder und Territorien – eine Zahl, die selbst hartgesottene Vielreisende sprachlos macht.
Im Delius Klasing Verlag ist ein Buch über Heinz Stücke und seine jahrzehntelange Weltreise erschienen. Im Interview erklärt die Autorin Carina Wolfram, wie das Buch zusammen mit ihm entstanden ist.. Das Buch kann man hier direkt bestellen.
Die Guinness World Records würdigten seine außergewöhnliche Leistung mehrfach mit offiziellen Einträgen und Auszeichnungen. Doch wer Heinz Stücke auch nur flüchtig kannte, der wusste: Für ihn waren Rekorde Nebensache.
„Ich reise nicht, um Länder zu sammeln", sagte Heinz Stücke mehr als einmal. Sein eigentliches Ziel waren die Menschen. Die Frau, die ihm in einem kenianischen Dorf eine Schüssel Essen reichte. Der Fischer auf den Philippinen, der ihm sein Boot zeigte. Der Bauer in Südamerika, der ihm sein Bett überließ.
Für Heinz Stücke war eine Einladung in ein fremdes Zuhause mehr wert als jedes berühmte Bauwerk der Welt. Seine größte Sammlung war keine Sammlung von Ländern – es war eine Sammlung von Freundschaften, die sich über alle fünf Kontinente erstreckte.
Um diese Freundschaften zu pflegen und neue zu schließen, lernte Heinz Stücke Sprachen: Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch und Japanisch beherrschte er fließend. In vielen weiteren konnte er sich zumindest verständigen. Denn für ihn war Sprache kein Hindernis, sondern eine Brücke.
Die historische Einordnung seiner Lebensleistung fällt schwer – und dennoch ist sie notwendig. Marco Polo, dessen Reisen nach Asien bis heute als Inbegriff menschlicher Abenteuerlust gelten, war rund 24 Jahre von seiner Heimat entfernt. Heinz Stücke verbrachte mehr als doppelt so lange außerhalb eines festen Zuhauses. Nicht auf der Suche nach Handelswegen oder Reichtümern, sondern auf der Suche nach Verständigung, Verbindung und Menschlichkeit.
Seine Erlebnisse hielt er nicht nur in seinem Gedächtnis fest, sondern auch in Büchern, Dokumentarfilmen und Fotografien. Der niederländische Reiseautor Eric van den Berg widmete Heinz Stückes Leben 2015 eine umfassende Biografie: „Home Is Elsewhere – 50 Years Around the World by Bike". Das Werk versammelt zahlreiche Fotografien, die Stücke auf seiner jahrzehntelangen Reise selbst aufnahm.
Auch der spanische Filmemacher Albert Albacete erkannte in Heinz Stückes Leben eine Geschichte, die erzählt werden musste. 2020 produzierte er den Dokumentarfilm „The Man Who Wanted to See It All", der 2021 sein Publikum fand. In ihnen beschreibt er seine ganz eigene Definition von Heimat: Heimat ist kein Ort. Heimat ist überall dort, wo Menschen Gastfreundschaft, Vertrauen und Freundschaft schenken.
In den letzten Monaten seines Lebens fand Heinz Stücke, der sein ganzes Leben lang anderen Menschen begegnet war, selbst eine neue Familie. Eine spanische Familie nahm ihn auf, pflegte ihn und schenkte ihm Nähe und Würde bis zu seinem letzten Atemzug.
Für diese Familie war er nicht der legendäre Weltreisende mit dem Guinness-Rekord. Er war Heinz. Ein Freund. Ein Familienmitglied. Heinz Stücke selbst sprach in seinen letzten Monaten voller Wärme von „seiner spanischen Familie". Was als unerwartete Begegnung begann, wurde zu einem tiefen und beständigen Band – einem letzten Beweis für das, was er sein Leben lang gepredigt und gelebt hatte: dass echte menschliche Verbindung immer und überall möglich ist.
Seine Heimatgemeinde Hövelhof, von der aus er einst aufgebrochen war, trauert um ihren wohl bekanntesten Bürger. Heinz Stücke kehrte nach seiner langen Reise nur selten zurück – und doch blieb er der Stadt immer verbunden. Er war ihr Botschafter in der Welt, ein Beweis dafür, dass auch aus einem kleinen Ort in Ostwestfalen Großes erwachsen kann.
648.000 Kilometer. 211 Länder und Territorien. 51 Jahre Weltreise auf dem Fahrrad.
Zahlen, die sich der menschliche Verstand kaum vorstellen kann. Und doch sind sie nur die Hülle einer Geschichte, deren eigentlicher Kern aus Begegnungen, Gesprächen und Freundschaften besteht.
Heinz Stücke hat bewiesen, dass die Welt kein feindseliger Ort ist – sondern ein Planet voller Menschen, die bereit sind, ihre Türen zu öffnen, wenn jemand mit offenem Herzen anklopft.
Gute Reise, Heinz Stücke.

Chefredakteurin
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.