Die Sonne strahlt auf den Asphalt, als wir für unser Coast-to-Coast-Abenteuer zum ersten Mal in die Pedale treten. Zwei Wochen zuvor stehen Alex und ich noch daheim und schauen auf unsere Tickets Berlin – Frankfurt – Orlando. Die Idee dahinter? Eine Rundtour mit Campervan und Falträdern durch einen Bundesstaat, der für viele bei dem Vorhaben Radreise keine Rolle spielt. Attraktionen wie Disney World, die Everglades oder das Kennedy Space Center haben es allerdings nicht in die Routenplanung geschafft. Unser Fokus liegt woanders. Mit unseren Falträdern wollen wir die Trails in Zentralflorida erkunden, die großen Kiefernwälder bei Ocala durchqueren, an den glasklaren Süßwasserquellen in den State Parks Rast machen und die Mischung aus Sumpfgebieten und offener Landschaft genießen.
Am Terminal C des Orlando Airports übernehmen wir unseren Campervan, kurze Einweisung, dann geht alles schnell. Motor an, Navi eingestellt, Richtung Tampa Bay. Die Straße zieht sich durch flaches Land, vorbei an Palmen und breiten Highways und doch liegt unser Blick schon jetzt woanders: auf den Wegen daneben. Unser erster Stopp ist der Caladesi RV Campground bei Palm Harbor, direkt am Pinellas Trail. Kaum angekommen, sind die Räder ausgeklappt. Die erste „kurze Runde“ wird, wie so oft, deutlich länger. Der Pinellas Trail überrascht. Er verläuft auf einer stillgelegten Bahntrasse, wie die meisten Multi-Use-Wege, die in den USA als Trails bezeichnet werden. Oft befinden sie sich abseits des Straßenverkehrs. Der Pfad ist ein 75 Kilometer langer, autofreier Korridor zwischen St. Petersburg und Tarpon Springs. Glatter Asphalt, breite Wege und eine klare Beschilderung. Nichts hier fühlt sich improvisiert an, sondern alles sehr durchdacht. Der Pinellas Trail ist zudem Start oder Ziel eines der großen Zukunftsprojekte Floridas: dem Coast-to-Coast Connector Trail, kurz C2C-Trail. Ein Radweg, der einmal quer durch den Bundesstaat führen soll, vom Golf von Mexiko bis zum Atlantik. Viele Abschnitte existieren bereits und sind Teilstücke bestehender Trails, die wir in den kommenden zwei Wochen erkunden werden. Schon auf den ersten Kilometern wird deutlich, wie lebendig dieser Weg ist. Familien, Pendler, Sportler – alle bewegen sich in einem ruhigen, respektvollen Rhythmus. An Kreuzungen regeln Ampeln den Verkehr, Autos warten. Es ist ein System, das funktioniert. Die erste Ausfahrt führt uns nach Belleair. Auf dem Rückweg machen wir eine Pause in Dunedin. Am Pier sitzend genießen wir im Restaurant “Bon Appetit” frischen Fisch auf den Tellern und tanzende Delfine vor der Nase. Die Sonne versinkt langsam im Meer und für einen Moment scheint alles perfekt ausbalanciert: Bewegung, Natur, Ruhe. Die nächsten Tage bleiben wir auf dem Pinellas Trail, denn neben der speziellen Flora und Fauna, den Palmenhainen und sumpfartigen Abschnitten, laden uns immer wieder sehenswerte Ortschaften zum Verweilen ein. Tarpon Springs überrascht mit griechischem Flair, kleinen Häfen und dem Duft von Oregano. Clearwater bringt touristisches Leben, St. Petersburg moderne Architektur und weite Ausblicke aufs Wasser. Der Trail verbindet all diese Orte wie eine unsichtbare Linie.
Am vierten Tag wechseln wir die Szenerie. Unser Zwischenstopp auf dem Weg zum Withlacoochee State Trail heißt Crystal River, auch bekannt als „Manatee Capital of the World”. Und genau wegen der Manatees - Seekühe - sind wir hier. Nach einer kurzen Nacht radeln wir vom Campingplatz zum Headquater von Plantation Adventures. Noch vor Sonnenaufgang erhalten wir Neoprenanzüge, Schnorchel-Ausrüstung und eine Einweisung. Danach geht’s zur Three Sisters Springs, eine warme Quelle, in welcher die Seekühe über die Wintermonate Schutz suchen. Wir gleiten vom Boot ins Wasser und befinden uns plötzlich inmitten von Manatees. Die großen Tiere bewegen sich schwerelos, fast lautlos. Es ist ein stiller, intensiver Moment, der sich einprägt.
Dann geht es für uns auch schon weiter. Wir fahren für die kommenden zwei Tage ins 30 Minuten entfernte Iverness zum Cove Camping. Wildnis, Abgeschiedenheit und von hier aus in wenigen Minuten erreichbar der Einstieg auf den 74 Kilometer langen Withlacoochee State Trail. Auch hier erwarten uns bei den Ausfahrten breite Wege, kaum Steigung und jede Menge Natur. Wälder wechseln sich mit offenen Flächen ab, kleine Orte tauchen auf und verschwinden wieder. Das Radfahren wird gleichmäßig, fast meditativ. Ein kurzer Abstecher in den Fort Cooper State Park, der sich direkt am Trail befindet, holt uns trotz seiner spannenden Vergangenheit zurück ins hier und jetzt.
Die Zeit vergeht, wie im Flug und schon sind wir erneut mit dem Campervan “on the road”, diesmal mit Ziel Ocala. Hier erwartet uns eine neue Herausforderung: der Santos Trail. Mit einem klassischen Radweg hat das wenig zu tun. 130 Kilometer Singletrails ziehen sich durch ein riesiges Gelände. Sand, Kalkstein, Wurzeln – technisch, fordernd, intensiv. Aus dem entspannten Dahinrollen der vergangenen Tage wird plötzlich absolute Konzentration. Die Strecke verlangt Aufmerksamkeit, belohnt uns aber mit echtem Fahrgefühl. Mitten durch das Areal führt zusätzlich ein asphaltierter Radweg, der jederzeit einen Wechsel auf ebenes Terrain ermöglicht. Eine weitere Belohnung erwartet uns im Anschluss auf dem Weg zum Juniper Springs Erholungsgebiet. Wir machen Rast in der kleinen Brauerei „Flying Boat Tap Room!“. Hier trifft sich alles und jeder, der gern mit dem Fahrrad unterwegs ist. Keine Quelle für Manatees, sondern für hausgemachte Biere und leckere Limonaden. Danach Ankunft im Natur- und Erholungspark im Ocala National Forest. Neben einer Übernachtung haben wir hier eine Erholungspause für die Beine eingeplant. Jetzt sind die Arme dran. Frühmorgens starten wir auf eine dreistündige Kajaktour auf dem Juniper Run, einem anspruchsvollen Paddelpfad durch unberührte Landschaft. Das Wasser ist klar, die Vegetation dicht. Schildkröten tauchen auf, Vögel begleiten uns – und plötzlich auch ein Alligator, der lautlos unter dem Boot verschwindet. Für einen Moment halten wir den Atem an.
Am Nachmittag, als wir St. Augustine mit dem Campervan erreichen, ist alles wieder da: Atmung und Stimme. Die älteste Stadt der USA wirkt wie ein Kontrastprogramm auf uns. Natur und Abgeschiedenheit werden abgelöst von alten Mauern, engen Gassen und Geschichte an jeder Ecke. Doch auch hier bleibt das Fahrrad unser Zugang zu allem. Auf dem festen Sandstrand des Anastasia Beach fahren wir direkt am Atlantik entlang, begleitet vom Wind und dem gleichmäßigen Rauschen der Wellen. Ein weiterer Trail erwartet uns an Tag zwei. Wir fahren aus der Stadt aufs Land nach Hastings, Floridas Kartoffelhauptstadt. Unser Weg führt über den Palatka-to-St. Augustine Trail. Dieser wiederum ist Teil des St. Johns River-to-Sea Loop, welcher in den C2C-Trail einfließt. Diese Verknüpfung zeigt, wie eng die einzelnen Pfade inzwischen miteinander verschmolzen sind. Es entsteht ein Radwegeverbund, das mehr ist als die Summe seiner Teile.
Gefühlt ist die Zeit an all unseren Stationen viel zu kurz. Nach knapp 48 Stunden am Atlantik finden wir uns jetzt an der Einfahrt zu unserem letzten Stopp, dem Blue Spring State Park in West Volusia, wieder. Hier sagen wir nicht nur den „Floaty Potatoes“, wie die Einheimischen die Manatees liebevoll nennen und die sich in den warmen Quellen des Parks tummeln, von Land aus Good bye. Hier starten wir auch auf unsere letzte Ausfahrt auf dem Spring-to-Spring Trail, der ebenfalls ein wesentlicher Bestandteil des St.-Johns River-to-Sea Loop ist. Der Pfad geleitet uns durch Parks, kleine Orte und entlang stiller Wege bis zum DeLeon Springs State Park, mit dem Ziel „Old Sugar Mill“. Könnte eine Tour besser enden als mit leckerem Kaffee und den besten Pancakes Nordamerikas, frisch am Tisch gebacken? Wenn es am schönsten ist, soll man bekanntlich aufhören. So sitzen wir im Campervan, unterwegs Richtung Orlando Airport. Zwei Wochen, viele Kilometer und eine klare Erkenntnis im Gepäck: Florida ist schon nah dran! Mit beeindruckender Konsequenz entwickelt sich der Sunshine State zur Cycling Destination. Die Trails sind da, viele bereits verbunden, andere im Bau. Und genau das macht schon jetzt den Reiz aus: hier unterwegs zu sein, während um einen herum Großes entsteht.
Der Florida Coast-to-Coast Trail (C2C) ist ein rund 400 Kilometer langer Fernrad- und Mehrzweckweg, der den Bundesstaat Florida vom Golf von Mexiko bis zum Atlantik durchquert. Die Route führt von St. Petersburg / Clearwater an der Golfküste bis nach Titusville an der Atlantikküste. Der Trail gilt als eines der größten zusammenhängenden Radwegprojekte in den USA und wird stetig weiter ausgebaut, um eine durchgehend geschlossene Route zu gewährleisten.
Der St. Johns River to Sea Loop ist eine rund 420 Kilometer lange Rundstrecke für Radfahrer in Florida. Die Route verbindet den St. Johns River mit der Atlantikküste („Sea“) und führt durch abwechslungsreiche Landschaften wie Küstenabschnitte, Wälder, kleine Städte und Naturschutzgebiete. Sie kombiniert mehrere bestehende Radwege und wenig befahrene Straßen zu einer großen Schleife. Der Loop beginnt typischerweise in der Region DeLand und verläuft unter anderem über Daytona Beach und entlang des Flusses zurück ins Inland. Die Strecke ist überwiegend flach, ganzjährig befahrbar und richtet sich vor allem an Tourenradfahrer und Langstreckenfahrer.
Der Fred Marquis Pinellas Trail ist ein durchgehend asphaltierter, autofreier Mehrzweckweg an der Westküste des US-Bundesstaates Florida im Pinellas County. Er wurde auf einer ehemaligen Eisenbahntrasse angelegt und zählt heute zu den längsten innerstädtischen Rad- und Freizeitwegen in den Vereinigten Staaten. Die Strecke ist ein 120 Kilometer langer Rundkurs und verläuft von Tarpon Springs über Clearwater bis nach St. Petersburg und wieder zurück. Der Pinellas Trail ist vollständig vom Autoverkehr getrennt und verfügt über zahlreiche Zugangspunkte, Rastplätze und Serviceeinrichtungen entlang der Strecke.
Die GPS-Daten gibt es zum kostenpflichtigen Download im DK-Tourenportal:
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Es gibt Direktflüge von Deutschland nach Orlando, vor allem ab Frankfurt am Main z. B. mit Lufthansa (teils auch saisonal bzw. je nach Flugplan)
Die beste Reisezeit für Zentralflorida ist von November bis April, weil es dann angenehm warm, relativ trocken und deutlich weniger mückenreich ist.
Anastasia State Park: 1.600 Hektar Naturschutzgebiet, beliebt für seine unberührten Strände, Gezeiten-Salzwiesen und maritimen Wälder. Das Highlight ist eine Fahrradtour auf dem weißen, breiten Sandstrand. 30 Anastasia Park Rd St. Augustine, Fl
Plantation Adventure Center and Manatee Tours: Schwimmen mit Manatees, Kajaktouren durch die Kings Bay etc. 9301 W Fort Island Trail, Crystal River, Fl 34429, www.plantationadventurecenter.com
Clearwater Marine Aquarium: Forschungs-/Lehrzentrum für Meerestiere, geöffnet für Besucher, 249 Winward Passage Clearwater, FL 33767
Kajaktour auf dem Rainbow River: Kajaktour in durchsichtigen Booten mit Blick auf die Unterwasserwelt und die Quellen im Rainbow River, 9435 SW 190th Avenue Road, Dunnellon, FL 34432
St. Augustine Leuchtturm und Maritim Museum: Aufstieg auf den Leuchtturm mit seinen 219 Stufen. Fantastischer Blick über St. Augustine und die Küste. Besuch des alten Wohnhauses des Leuchtturmwärters, Ausstellung zur Geschichte/Entwicklung des Shrimpsgeschäfts und Maritim Ausstellung, 100 Red Cox Rd, St. Augustine, Fl
Castillo de San Marcos: Die Burganlage ist als National Monument ausgewiesen und gilt als eines der Wahrzeichen für die älteste Stadt Nordamerikas. Erbaut zwischen 1672 -1691 diente die Festung zum Schutz der Stadt vor den Piraten und der britischen Invasion, 1 Castillo Drive, St. Augustine, Fl
Juniper Run Kajaktour: Naturbelassene Paddelstrecke durch kristallklares Wasser und dichte subtropische Vegetation. Gilt als eine der Top 25 Kanu-/Kajakrouten der USA. Nicht für totale Anfänger geeignet, Juniper Springs Recreation Area 26701 FL-40, Silver Springs, FL 34488
Dunedin: Restaurant „Bon Appetit” Abendessen mit Sonnenuntergang über dem Golf von Mexiko im Restaurant: Angebot an Seafood, aber auch Fleischgerichte
Autoren-Tipp: Floral City: Pudgee‘s Eatery and Market Ausgezeichnete amerikanische Burger und Hot Dogs
Ocala: Flying Boat Tap Room Hausgemachtes Craftbeer sowie Limonaden und deftige Speisen
De Leon Springs: Old Sugar Mill Pancake House Die besten Pancakes in Nordamerika, frisch am Tisch gebacken.
Crystal River: Waterfront Social Blick über die Kings Bay, am Abend perfekt mit Sonnenuntergang, Auswahl an Fleisch- und Fischgerichten, Empfehlung: Grouper Sandwich
The Cove Resort: Cove Pub Typisch amerikanisches Flair (Sportsbar), Auswahl an Bier und deftigen Speisen
St. Augustine: Aunt Kate‘s am Wasser (direkt hinter dem North Beach Camp Resort) Bestes Seafood, auch mediterran zubereitet, wunderschöner Sonnenuntergang
St. Augustine Seafood & Co. Seafood schnell, einfach und lecker zubereitet, direkt in Downtown
„Unser zweiwöchiger Roadtrip mit Campervan und Faltrad durch Zentralflorida war ein echtes Aha-Erlebnis: Der Sunshine State ist so viel mehr als nur Disney World oder die Keys! Abseits der typischen Touristenpfade haben wir eine völlig neue Seite Floridas kennengelernt. Besonders begeistert haben uns die perfekt ausgebauten Radwege, die uns teils in die unberührte Wildnis führten und die wir so nicht erwartet hatten. Ein echtes Abenteuer, das Respekt verlangt. Einige Abschnitte durften wir aus Sicherheitsgründen, oder genauer gesagt der nicht ganz ungefährlichen Tierwelt mit Alligatoren und Schlangen, nur bei Tageslicht befahren. Die Kombi aus Campervan und Faltrad war perfekt für diese zweiwöchige Entdeckungsreise.“ Nadine Pahling und Alex Hüfner
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