True TransalpAlpenüberquerung mit dem E-MTB

Jutta Mlnarschik

 · 07.12.2015

True Transalp: Alpenüberquerung mit dem E-MTBFoto: Markus Greber
True Transalp: Alpenüberquerung mit dem E-MTB
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Ist eine Transalp per E-Mountainbike eine „echte“ ­Alpenüberquerung? Geht das überhaupt und macht es „trotzdem“ Spaß? Ein Abenteuer mit E – und ­einigen Erkenntnissen.

Heeh ... Warmduscher!“ Wie bitte? Wir? Nach fünf Tagen Transalp sind wir gerade am Gardasee angekommen. Wir sind – statt wie alle anderen am Strand ins Wasser zu rennen oder mit den Bikes direkt hineinzufahren (geht ja nicht, wegen des Elektro-Antriebs) – auf die Poller am Bootsanlegesteg von Torbole geklettert und ins kalte Wasser gesprungen. Jetzt pedalieren wir tropfnass die Hafenpromenade entlang und müssen uns beschimpfen lassen?
Zugegeben: Vor fünf Tagen, beim Start in Garmisch, waren wir selbst noch skeptisch. Ob eine Transalp mit ­E-Mountainbikes Spaß macht – oder eine fade Tour auf sanften Forstwegen wird? Ob die Motoren lange Anstiege ohne Überhitzung durchhalten? Wie sich die schweren Bikes auf Trails ­fahren? Und ob die Akkus eine ganze Tages­etappe durchhalten? Wir wollten es ausprobieren und haben eine bunt gemischte Gruppe zusammengestellt. Meine Begleiter: Michaela und Holger, Bike-Guides beim Radreiseveranstalter ULPtours – um die 30 und super fit. Franzi, die Touristikerin des Ladens. Uli, der Chef – Mitte 40, Typ Genussmensch. Constanze, seine Tochter, kurz vorm Abi – gechillt, aber mit Freeride-Talent. Und Markus, früher Testleiter bei BIKE, heute Sport-Fotograf.

Verlagssonderveröffentlichung


Erkenntnis 1

Foto: Markus Greber

Machen wir uns nichts vor: E-Bikes ­polarisieren. Immer noch und immer wieder. Egal, ob es Touristen am Lago sind, neugierige Normalbiker am Lichtenbergtrail oberhalb von Glurns – "Geht das echt mit den Dingern?" – und deren Ehefrauen – "Wo bleibst denn? ... Hey, de fahr’n fei E-Bike!" – oder Skepsis in den eigenen Reihen. "Also, für mich wär’ das nix", erklärt Michaela gleich am ersten Tag. E-Bike-Touren führen? Dürfen auch gern die anderen. Constanzes zurückhaltendes Schweigen lässt Raum für Interpreta­tionen. Aber ihr stilles Grinsen sagt: gar nicht soo schlecht. Und Uli, Familien­vater und im Hauptjob Ingenieur in einem Industriekonzern, sagt offen: "Ich sehe hier ganz klar die Zielgruppe der Genussradler. Weniger ­Höhenmeter, mehr Pausen auf der Hütte, Kuchen und Kultur." Ob da der Wunsch Vater des Gedankens ist? Sei’s drum.


Erkenntnis 2

  Eine E-Transalp ist keine Herausforderung? Quatsch! Unterstützungsstufen sind frei wählbar, das Leiden ist somit einstellbar.Foto: Markus Greber
Eine E-Transalp ist keine Herausforderung? Quatsch! Unterstützungsstufen sind frei wählbar, das Leiden ist somit einstellbar.

"Ganz ehrlich? Ich find’s geil!" Markus wagt sich als Erster aus der Deckung. Während die anderen noch mit ihren eigenen Vorurteilen ringen, grinst er von einem Ohr zum anderen, die Augen glitzern und er hat einfach Spaß – trotz des schweren Foto-Rucksacks auf dem ­Buckel. Am Anstieg zum Plamort oberhalb des Reschenpass kommentiert er nach ein paar Hundert Höhenmetern belustigt: "Hey, ich schwitz’ schon – des wollt’ ich eigentlich gar nicht." Franzi freut sich besonders an steilen Rampen über den Extra-Schub aus dem ­Motor. Denn mehr Speed bedeutet meist mehr Fun – auch wenn es nur ein paar km/h sind: Bergauf entscheiden sie mitunter darüber, ob man ein Steilstück souverän meistert oder mangels Kraft und Geschwindigkeit an irgendeinem aus dem Boden herausragenden Steinbrocken hängenbleibt. Und selbst Michaela kann am zweiten Morgen ihre gute Laune nicht verbergen: ­"Ruhig, Brauner",­ besänftigt sie grinsend ihr E-Bike, das beim Warten am Parkplatz vorm Hotel, nach leichtem, unbewusstem Druck aufs Pedal, gleich den Motor aktiviert und losspurten möchte.



Erkenntnis 3

  Ob mit oder ohne E: Eine Transalp bietet Höhen, Tiefen und zahlreichen Sinneseindrücke. Die Panzersperre aus dem 2. Weltkrieg am Plamort hoch über NaudersFoto: Markus Greber
Ob mit oder ohne E: Eine Transalp bietet Höhen, Tiefen und zahlreichen Sinneseindrücke. Die Panzersperre aus dem 2. Weltkrieg am Plamort hoch über Nauders

Eines ist auch schnell klar: E-Bikes verschieben nicht nur Leistungsgrenzen, sondern auch Perspektiven. Auf einer E-Bike-Transalp ist nicht derjenige "das Tier", der stets als Erster die Passhöhe erreicht. Sondern einer, der abends am meisten Saft im Akku hat, weil er tagsüber mit niedriger ­Unterstützungsstufe und hohem Krafteinsatz gefahren ist. Wie Constanze. Sie schielt ständig auf die im Display angezeigte Rest-Reichweite und kurbelt lieber tapfer im Eco-Modus, als am Nachmittag ganz ohne Unterstützung dazustehen. Die Furcht ist freilich unbegründet, denn die Reichweitenprognose orientiert sich natürlich – wie beim Auto auch – am aktuellen Fahrstil. Und kein Anstieg dauert ewig. Auch Michaela verdient den Titel "Miss Eco" – aber sie tritt eher aus Stolz in die Pedale denn aus Angst. Uli dagegen knüppelt sein Bike immer ­wieder mal im Turbo-Modus bergauf – und trotzdem zieht es ihn klaglos und ohne Überhitzungs-Erscheinungen jeden Anstieg hoch. Doch auch bergab eröffnen sich neue Welten. Franzi ist begeistert: "Ich fahr’ hier Sachen, die hätte ich mich vorher nie getraut. Das Bike fühlt sich irgendwie sicher an." Markus präzisiert das "irgendwie" aus technischer Sicht, aber nicht weniger begeistert: "Durch den tiefen Schwerpunkt mit dem ­Motor unterm Tretlager und das hohe Gewicht liegt das so satt auf dem Boden, dass es Wurzeln und so einfach wegbügelt. Das bringt echt nix aus der Ruhe!" Entsprechend entspannt turnt er selbst den Waldpfad bergab, der vom Monte Gazza in engen Kehren nach unten führt – für ihn "DER Trail der Saison". Franzi hat’s versucht – und dann doch lieber geschoben. Schließlich verschieben sich Grenzen nicht gleich ins Unendliche. Und wer realistisch ist, überlässt die haarigen Downhills auch dann den Profis, wenn er bergauf 250 Watt Unterstützung hat.


Erkenntnis 4

  Tragstrecke oberhalb des Molveno-SeesFoto: Markus Greber
Tragstrecke oberhalb des Molveno-Sees

Apropos Schieben: Zugegeben, ein 22-Kilo-Bike auf einem schmalen Pfad steil durch den Wald zu bugsieren, ist kein wahres Vergnügen. Weder bergab, noch bergauf. Und das Ding erst einmal auf die Schulter zu wuchten, um ein paar Stufen zu überwinden ... nun ja. Aber: Beides geht – wir haben’s ausprobiert. Vom Molveno-See aus wollten wir noch mal nach oben. Die Aussicht vom Monte Gazza auf den Gardasee und die Brenta in uns aufsaugen. Einen weiteren Downhill genießen. Eine neue Strecke ausprobieren. Dabei haben wir entweder die Beschreibung unseres Hoteliers nicht richtig verstanden, die Karte nicht gewissenhaft gelesen oder einen Wegweiser über­sehen. Egal. So was passiert eben. Die italienischen Schulkinder auf ­Wandertag fanden’s jedenfalls toll. Zuerst, weil wir mit den Bikes – "die sind aber mit Motor, oder?" – zwar schnaufend, aber doch souverän die steilen, betonierten Rampen ­hinauf schnurrten. Dann, weil sie wieder an uns vorbeistiefeln konnten, als wir uns etwas mehr schnaufend und etwas weniger souverän durch die Latschen­kiefern kämpften. Doch nach jeder Plackerei kommt ein Gipfel – und meistens ist er lohnend. Uns jedenfalls belohnte er mit beeindruckenden Ausblicken nach Norden in die Brenta und nach Süden bis zum Gardasee – und Constanze, Holger und Markus obendrein mit besagtem Zickzack-Trail bergab.


Erkenntnis 5

  Von wegen Warmduscher: Das Abenteuer E-Transalp war ein geglückter Sprung ins kalte Wasser.Foto: Markus Greber
Von wegen Warmduscher: Das Abenteuer E-Transalp war ein geglückter Sprung ins kalte Wasser.

Nun, was bleibt? Die Erinnerung an eine wunderschöne Transalp mit 365 Kilometern und 5.650 Höhenmetern. Mit vielen Wattstunden Strom – und mit extrem viel Spaß. Mit Erfolgs­erlebnissen auf den Trails und Begeisterung für diese Bikes. Mit viel Lust auf mehr solcher ­E-Erlebnisse – und ganz ohne das Gefühl, keine "richtige" Transalp gefahren zu sein. Genau deshalb sind die "Warmduscher"-Rufe in Torbole an uns auch abgeperlt wie das Kondens­wasser am eiskalten – und wie wir ­finden wohlverdienten – Glas Bier zum Abschluss in Mecki’s Bar.

"E-BIKES GEBEN DIR MEHR FREIHEIT"

ULI STANCIU, BIKE-HERAUSGEBER

  Ein Mann, eine Idee: Uli Stanciu ist der Begründer der Transalp. Auch die Idee, die Transalp nicht als Etappen- sondern als Nonstop-Rennen zu fahren, stammt von ihm.  Foto: Veranstalter
Ein Mann, eine Idee: Uli Stanciu ist der Begründer der Transalp. Auch die Idee, die Transalp nicht als Etappen- sondern als Nonstop-Rennen zu fahren, stammt von ihm.  


Uli, Du als Mountainbike-Pionier traust Dich jetzt aufs E-Mountainbike?
Ach, ich bin in meinem Leben schon so viele Transalps mit dem Normal-Bike gefahren, da darf ich mir das schon erlauben. Dass ich jetzt aufs E-Bike steige, hat sicher auch mit dem Alter zu tun. Aber der Hauptgrund ist: Es macht mehr Spaß.
Was ist die Faszination am E-MTB?
Als damals die ersten Mountainbikes aufkamen, hatten wir plötzlich ein Gerät, das unsere Freiheit erhöhte. Wir konnten von der Straße weg, auf Feld- und Waldwege. Aber auch mit dem MTB gibt es Limits: supersteile Anstiege, lange Strecken. Das E-Bike gibt uns jetzt noch mehr Freiheit. An einem langen, steilen Anstieg hast du mit einem Normal-Bike Puls 180 und weißt: Entweder ich verausgabe mich jetzt total – oder ich steig’ ab und schiebe. Mit dem E-MTB schaltest du einfach eine Unterstützungsstufe hoch. Oder: Wenn du auf einem Trail eine Rampe mit Wurzeln und Steinen vor dir siehst, fragst du dich als Normalbiker oft: Schaffe ich das? Mit dem E-Bike probierst du es. Du stellst auf "High", trittst voll an – und kommst hoch. Das macht mehr Spaß. Mehr Freiheit heißt aber auch: größerer Aktionsradius. Ich hätte es auf meiner Westalpen-Tour nie geschafft, 14 Etappen mit täglich fast 3.000 Höhenmetern zu fahren. Mit einem E-Bike aber geht das.
Aber nicht mit nur einem Akku ...
Stimmt. Ich habe bei großen Touren immer einen Ersatzakku im Rucksack. Die Reichweite ist ein Knackpunkt. Jeder Transalp-Fahrer fährt permanent mit der Sorge im Kopf: Wie lange reicht es heute noch? Das nervt. Das sollten die Hersteller unbedingt kapieren: Fürs MTB müssen größere Akku-Packs her.
Hattest Du auf Deinen vielen Touren schon einmal technische Defekte?
Bisher nicht einen einzigen.
Was ist bei der Routenwahl zu beachten?
Schiebe- und Tragestrecken sollte man minimieren. Aber ein versierter, trainierter Mountainbiker kann mit dem E-Bike alles fahren, was er mit dem normalen Bike fahren kann.

TIPPS ZUR E-BIKE-TRANSALP

Foto: Markus Greber


Routenwahl Im Grunde gelten für E-Transalps dieselben Prinzipien wie bei einer normalen Transalp: Passen Sie die Route Ihrer Fahrtechnik an. Längere Schiebe- und vor allem Tragestrecken sollten Sie vermeiden, das ist mit den schweren Bikes sehr mühsam. Manche Mountainbikes sind mit einer Schiebehilfe ausgestattet, die per Hebel am Lenker bedient wird und bis 6 km/h auch ohne Treten unterstützt. Das hilft zumindest über kurze Rampen hinweg.


Reichweite Faustregel: Mit einem aktuellen Standard-­Akku und normalem Fahrverhalten – also gewisser Eigenarbeit am Berg – sind am Tag etwa 1.200 Höhenmeter und 50 bis 80 Kilometer realistisch. Wer nur im Eco-Modus fährt und die Unterstützung auf flachen Strecken auch mal ausschaltet, kann mit bis zu 1.700 Höhenmetern rechnen. Für Tages­etappen mit mehr Höhenmetern: Ladegerät mitnehmen und mittags im Gasthaus bzw. auf der Hütte nachladen oder Ersatzakku in den Rucksack packen.


Gemischte Gruppen Eine verlockende Möglichkeit, wenn Fahrer mit unterschiedlichem Leistungsniveau und Trainingszustand gemeinsam auf Tour gehen möchten. Die einen fahren E-Bike, die anderen ohne Unterstützung. Sie sollten sich aber bewusst sein, dass es für Normal-Biker frustrierend werden kann, wenn die E-Biker locker pedalierend und plappernd davonfahren, während man sich ohne Antrieb deutlich mehr anstrengen muss. Unter Freunden kann das gut funktionieren. Aber: Wer an einer organisierten MTB-Tour mit einem E-MTB teilnehmen möchte, sollte unbedingt beim Veranstalter anfragen, ob das okay ist.


Geführte Touren ULPtours bietet die Transalp Garmisch–Gardasee unter dem Motto "Genießertouren" als reine E-Mountainbike-Reise an. 7 Tage, 5 Etappen, 364 Kilometer, 5.850 Höhenmeter. 6 Übernachtungen und 5 x Halbpension, Guide, Gepäcktransport, Begleitfahrzeug und Rückshuttle nach Garmisch: ab 899 Euro. Info und Buchung: www.ulptours.de


Buch-Tipps Uli Preukert, Anke Hoffmann, Marianne Steinmeyer: "Garmisch–Gardasee. Alpencross mit dem Mountainbike." Tourbuch mit Roadbooks und Höhenprofilen, Kompass-Kartenschnitten, Sehenswürdigkeiten und nützlichen Adressen. Plus GPS-Daten zum Download. ULPbike Verlag, 19,99 Euro.
Uli Stanciu: "Abenteuer Westalpen." Eine Reportage in 13 Etappen. Mit vielen Fotos, Höhenprofilen und Übernachtungsadressen. 21,90 Euro. Buchbestellung, Digitale Karten und GPS-Daten: www.bike-gps.com

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