Touren-Tipps

So planen Sie eine Transalp mit dem E-Mountainbike

Uli Stanciu

 · 29.03.2018

So planen Sie eine Transalp mit dem E-MountainbikeFoto: Maria Knoll
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Mit zwei Akkus über die Alpen, durch Schotterfelder, über sturmumtoste Pässe und sonnige Almwiesen – immer auf der Jagd nach dem schönsten Trail und der nächsten Steckdose. Sie brauchen einen Plan.

Eigentlich wäre das E-MTB das ideale Gerät für die große Transalp-Tour: Bei harten Tages­etappen mit schwerem Rucksack hilft der Motor, vor allem gegen Ende, wenn die Beine müde sind. Man kann steilere und längere Anstiege einplanen und trotzdem die Landschaft genießen. Man ist schneller bergauf und kann die Tour eventuell um einen oder sogar zwei Tage verkürzen, weil längere Etappen möglich sind. Aber eben nur eigentlich! Gegen all diese Vorteile spricht die mangelnde Reichhöhe der Batterien. Mit maximal 1500 Höhenmetern im Tank kommt man meist weniger weit als ein normal trainierter Mountainbiker ohne Motor. Der theoretische Vorteil verpufft wegen zu geringer Batteriekapazität.

Was kann man also tun? Zuerst einmal ein E-MTB mit möglichst großer Batterie wählen. Bosch bietet normalerweise 500 Wattstunden. Das reicht nicht. Bulls mit Brose kommt immerhin auf 650 Wattstunden. Das reicht für etwa 1800 Höhenmeter bei ökonomischer Fahrweise. Schon besser, aber nicht gut genug. Mit Motorunterstützung wären vom Kraftaufwand locker 2500 Höhenmeter drin.


Lösung: die Ersatzbatterie. Bloß, wo bringt man sie unter? Hier bieten sich sechs – mehr oder weniger geeignete Optionen an.

Mit dem E-MTB wäre eine Alpenüberquerung physisch auch für weniger trainierte Biker zu schaffen. In der Praxis wird das aber von begrenzten Akku-Reichweiten verhindert. Transalp-Experte Uli Stanciu weiß, wie man sich behelfen kann.

  Uli Stanciu, Transalp-ExperteFoto: Markus Greber
Uli Stanciu, Transalp-Experte


Mit Gepäckträger
Optisch wie auch funktionell ist die Lösung fragwürdig. Viele Bikes haben keine Anlötsockel für den Träger über dem Hinterrad, und die Träger, die an der Sattelstütze montiert werden, sind meist nicht stabil genug für das Gewicht einer Batterie. Vor allem in Kurven drehen sich die Träger zur Seite, und hydraulische Sattelstützen lassen sich aufgrund der Klemmung nur eingeschränkt im Sattelrohr versenken.

  Macht ein Gepäckträger Sinn?Foto: Markus Greber
Macht ein Gepäckträger Sinn?


Ersatz-Akku am Rahmen
Manch findiger E-Transalp-Pilot steckt sich für jede Etappe sechs kräftige, 50 Zentimeter lange Kabelbinder in den Rucksack. Die Ersatzbatterie wird mit drei Kabelbindern unterm Unterrohr festgemacht, dann die normale Batterie in die Halterung geklickt. Bei jedem Batteriewechsel muss man die Kabelbinder zerschneiden und die leere Batterie festzurren. Da sich der Abstand zwischen Akku und Vorderrad verringert, funktioniert die Eigenkonstruktion nur bei bestimmten Rahmenformen.

  Ersatz-Akku am RahmenFoto: Markus Greber
Ersatz-Akku am Rahmen


Packing-Systeme
Bike-Packing meint: Mit dem Bike Abenteuer erleben, draußen übernachten, die Natur genießen. Auch wenn man auf einer Transalp nicht im Freien übernachtet – die Produkte, die im Zuge des Trends entwickelt wurden, eignen sich mitunter auch für eine Alpenüberquerung. Die speziellen Taschen, die an Lenker, Sattelstütze und auch am Rahmen angebracht werden, gibt es von Ortlieb, Topeak, Blackburn und anderen Anbietern. Selbst, wenn der Ersatz-Akku dann doch in den Rucksack wandert – je mehr Gepäck am Bike verstaut wird, desto besser geht’s dem Rücken.

  Bike-PackingFoto: Markus Greber
Bike-Packing


Mit Rucksack
Theoretisch kann man den Ersatz-Akku auch im Rucksack befördern. Es gibt sogar spezielle Modelle mit Akku-Fach, allerdings reicht deren Packvolumen nicht für eine Transalp. Infrage kommt also nur ein großer Rucksack mit mindestens 30 Litern. Da müssen dann die Siebensachen für die große Tour rein: Wechselklamotten, Hose, T-Shirt und Pulli für den Abend, Waschbeutel. Fünf Kilo sind das Minimum für einen Transalp-Rucksack, mit Zusatz-Akku wären es acht Kilo. So einen Klotz laden sich nur Biker mit breitem Kreuz und starken Schultern auf den Rücken. Und dem Manövrieren auf kniffeligen Trails ist das hohe Gewicht am Rücken auch nicht zuträglich.


Begleitfahrzeug
Sicher, ökologisch muss man da schon ein Auge zudrücken, aber bei geführten Alpenüberquerungen ist ein Begleitfahrzeug nicht unüblich, bei Etappenrennen wie der BIKE-Transalp ohnehin Usus. Wieso also nicht auch bei einer privat organisierten Alpenüberquerung? Zumindest für eine größere Gruppe lohnt sich der logistische und der Kostenaufwand. Dann muss man nur noch den Fahrer zu einer geschickten Stelle auf der Etappe lotsen und den leeren gegen den gefüllten Akku tauschen.


Bike mit Doppel-Batterie
Seit diesem Jahr bietet Bosch ein Doppelbatteriesystem an: 1000 Wattstunden reichen damit für bis zu 3000 Höhenmeter. Die Batterien entladen sich bei der Fahrt gleichzeitig, und am Abend kann man sie mit einem Ladegerät zusammen wieder aufladen. Das ist derzeit bei Weitem die beste Lösung. Ab Seite 110 gibt es dazu den Test des Riese & Müller Delite Mountain. Auch das Focus Jam2 Plus Pro – der Testsieger aus EMTB 1/2017 – schafft mit zwei je 378 Wh starken Akkus mehr als übliche Ein-Akku-Bikes. Nach rund 2000 Höhenmetern ist hier aber Schluss.


TRANSALP-GEFAHREN


Eine Transalp muss auch mit dem E-Mountainbike gut organisiert sein. Und für unvorhersehbare Ereignisse braucht man zusätzlich einen Plan B.

Wie war das noch mal bei Gewitter? Soll man die Buchen nun suchen, oder die Weiden meiden? Und wie ging das noch mal mit der stabilen Seitenlage, damals im Erste-Hilfe-Kurs vor fünf Jahren? Eine Transalp ist ein Abenteuer, und Abenteuer meint: Nicht alles ist planbar, nicht alles ist vorhersehbar. Natürlich sucht man sich für eine Alpenüberquerung einen Sonne-Monat heraus – aber auch im Juli und August kann das Wetter tückisch sein. Und natürlich versucht man, die Wahl der Strecke an der Leistungsfähigkeit der Gruppe auszurichten – doch verfahren hat man sich in den Alpen schnell, dann können Extra-Kilo- und Höhenmeter zu Überforderung und Erschöpfung führen. Und ein Sturz ist im alpinen Terrain niemals ausgeschlossen – schon gar nicht mit schwerem Gepäck auf dem Rücken. Das heißt: Wer eine Alpenüberquerung plant, braucht nicht nur einen guten Masterplan, man braucht auch einen guten Plan B für den Fall der Fälle – da macht das E-Mountainbike keinen Unterschied. Zwar fallen Leistungsunterschiede beim E-Mountainbike generell nicht so schwer ins Gewicht wie beim konventionellen Mountainbike. Aber auch hier heißt es: Die Gruppe muss möglichst homogen und die Wahl der Route auf die Leistungsfähigkeit des schwächsten Gliedes zugeschnitten sein. Denn ein schwacher Fahrer wird seinen Akku gieriger leersaugen als ein konditionell starker Pilot. Und wenn das letzte Akku-Lämpchen blinkt, heißt es in den Alpen oft: schieben oder tragen – das wäre gerade beim E-MTB kein guter Plan B.


Gruppendynamik
Drei bis sechs Personen gelten auf einer Alpenüberquerung als ideale Gruppenstärke. Wieso mindestens drei? Im alpinen Gelände hat man oft keinen Handyempfang. In einer Notsituation kann so ein Teilnehmer beim Verletzten bleiben, während ein anderer Hilfe holt. Wieso möglichst nicht mehr als sechs? Je mehr Teilnehmer, desto größer die Pannenwahrscheinlichkeit. Auch Verpflegungspausen, Klamottenwechsel oder Foto-Sessions können sich bei einer zu großen Gruppe extrem in die Länge ziehen und den Zeitplan gefährden.


Routen-Planung
Derjenige, der die Route plant, ist automatisch der Guide. Trotzdem müssen alle Mitglieder über den Routen-Verlauf im Bilde sein. Die Länge der Etappen muss sich an der Leis­tungsfähigkeit des schwächsten Teilnehmers orientieren. Die Etappen so kalkulieren, dass man nicht auf der letzten Rille ins Ziel rollt. Und wenn absehbar ist, dass die Akku-Kapazitäten knapp werden könnten, muss es auf der Route Exit-Strecken geben – Abfahrten zu nahe gelegenen Orten oder Hütten. Und die sollten natürlich geöffnet haben.


Die Grenzen erkennen
Zumindest zu Anfang sollte ein Teilnehmer vorausfahren, der viel Erfahrung in Sachen Reichweite auf alpinen Touren mitbringt. Denn schweres Gepäck und steile Anstiege ziehen die Energie schneller aus Batterie und Beinen als auf moderaten Touren. Ein erfahrener Guide wird das Tempo besonders zu Anfang drosseln. Auch dürfen die Erschöpfungsgrade nie so weit gehen, dass die Konzentrationsfähigkeit darunter erheblich leidet – in den Alpen warten oft technisch anspruchsvolle Abfahrten. Dazu muss der Zeitplan jeder einzelnen Etappe regelmäßige Pausen vorsehen. Abends sollte man sich dehnen, kohlenhydratreich essen und reichlich trinken – kein Alkohol. Wenn ein Teilnehmer nach einer anstrengenden Etappe keinen Hunger oder schlecht geschlafen hat, kann das ein Anzeichen für Überanstrengung sein. Ideal wären dann: ein Tag Pause oder eine leichte Alternativetappe in Begleitung.

  Grenzen erkennen – Crash vermeidenFoto: John Gibson
Grenzen erkennen – Crash vermeiden


Die Launen der Natur
Checken Sie die regionalen Wettervorhersagen regelmäßig. Bei starkem, andauerndem Regen, dichtem Nebel, Gewitter oder Wintereinbruch brechen Sie die Etappe rechtzeitig ab. Ihre Ausrüstung muss für alle Witterungsverhältnisse gewappnet sein, auch eine lichtschutzstarke Sonnencreme darf nicht fehlen – im Gebirge sticht der Planet besonders intensiv. Besondere Gefahr droht von Gewittern in exponiertem Gelände. Dann heißt es: runter vom Gipfel, weg von einzelnen Bäumen, Abstand von Wasserläufen, Leitungen und Weidezäunen. Alle elektrischen Geräte ausschalten, das Bike min. 50 Meter entfernt ablegen, eine Mulde suchen und auf den Rucksack kauern. Die Füße zusammenhalten – denn Gefahr geht nicht nur vom direkten Blitzeinschlag, sondern auch vom Strom im Boden aus.

  Wetter-Launen treten plötzlich auf...Foto: Jörg Reuther
Wetter-Launen treten plötzlich auf...


In der Not
Ist ein Mitfahrer verletzt oder entkräftet, so, dass er nicht mehr aus eigener Kraft ins Tal abfahren kann, müssen Sie Erste Hilfe leisten und die Bergrettung rufen. Entweder mit der zentralen europäischen

Notrufnummer 112 oder besser mit den direkten Notrufnummern der Länder:
Österreich 140, Schweiz 144, Italien 118, Frankreich 15, Slowenien 112, Deutschland 112

Keine Panik, wenn Sie in einem Funkloch stecken: Schalten Sie das Handy aus und wieder ein, geben Sie dann anstatt des Pins die zentrale europäische Notrufnummer 112 ein. Das Handy sucht sich dann – unabhängig von Ihrem Provider – das stärkste verfügbare Netz. Auch über spezielle Smartphone-Apps können Sie Hilfe anfordern. Einzige Voraussetzung für das Prozedere: Der Akku muss geladen sein. Funktioniert wirklich kein Netz, müssen Sie Hilfe holen: mindestens einer bleibt beim Verletzten, mindestens einer macht sich auf den Weg. Markieren Sie Ihre Position auf der Karte oder mittels GPS-Gerät. Vergewissern Sie sich, ob die nächste Hilfe auch wirklich erst im Tal wartet – oder vielleicht doch auf einer nahen Hütte.

  Notfall-Set von EvocFoto: Georg Grieshaber
Notfall-Set von Evoc
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